Douglas, Tania – Tanz der Wasserläufer

_Story:_

Die 15-jährige englische Adlige Julie Dearsley wird mit dem zwanzig Jahre älteren Frederik Glenstair, dem Earl of Eastington, verheiratet. Das Mädchen ist noch zu unerfahren, um die Lieblosigkeit ihres Ehemannes erklären zu können, doch ihr wird schnell deutlich gemacht, dass Frederik nur eines von ihr will: einen Sohn, um seinen Bruder John als Erben von Eastington abzusetzen. Kurz darauf melden sich John und seine Frau Henriett zu Besuch an, und Julie erfährt von „seltsamen“ Neigungen ihres Mannes. Neugierig sucht sie die Aussprache mit Frederik, doch diese endet in einer Nacht der Vergewaltigung.

Julie flieht in den nahe gelegenen Wald, um sich im Weiher von der Demütigung rein zu waschen. Erschöpft schläft sie kurz darauf am Ufer ein, um von einem Fremden verführerisch geweckt zu werden. Sie vergisst die zuvor erlebte Grausamkeit und ihre Leidenschaft erwacht unter den Händen des Franzosen, ebenso bekommt ihr unbändiger Lebenswille neue Nahrung. Sie verlässt den Unbekannten am Morgen und beschließt, mit Frederik einen Neuanfang zu wagen. Kurz darauf weiß sie um ihre Schwangerschaft. Als sie ihrem Mann die freudige Nachricht überbringen will, erwischt sie diesen in leidenschaftlicher Umarmung mit seinem Leibdiener. Frederik zieht nach London um und stirbt noch vor der Geburt des Sohnes an der Pest.

Julie ist nun die Herrin von Eastington und ihr Sohn Thibault ihr einziger Lebensinhalt. Doch John lässt sich das Erbe nicht so leicht wegnehmen, er empfiehlt seine junge Schwägerin dem ersten Minister Englands, dem Herzog of Buckingham. Dieser stiehlt ihr das Kind und erpresst sie damit. Sie muss die Hochadlige Marie de Chevreuse als Spionin nach Frankreich begleiten. Nur wenn sie dem Minister Informationen über die politische Gesinnung Frankreichs bringt, wird sie ihr Kind wiederbekommen.

In Frankreich angekommen, trifft sie ihren Verführer wieder: Francois de Tallevende, der Comte de Fontes-Villaray, ist ausgerechnet der Liebhaber und Vertraute von Marie de Chevreuse, ihrer Erpresserin. Julie hatte alle Hoffnungen in den wirklichen Vater ihres Sohnes gelegt, doch nun muss sie mit ansehen, wie dieser gegen sie arbeitet. Zu allem Übel begehrt sie den jungen Adligen auch noch und verliebt sich sogar in ihn. Ohne zu ahnen, dass Francois ein Spitzel des französischen Ministers, des Herzogs de Richelieu, ist, beginnt sie, um ihn zu kämpfen. Doch skrupellose Politiker beider Länder machen den beiden das Leben zur Hölle. Und Francois will sowieso alles andere als eine feste Bindung …

_Meine Meinung:_

Dieser Roman hat 722 Seiten und lässt sich dennoch in wenigen Tagen auslesen: Eine verflucht spannende Geschichte!

Doch von vorne:

Julie heiratet Frederik. Der Leser ahnt von Beginn an, dass mit Frederik etwas nicht stimmt. Der Mann ist kalt wie ein Eisblock, hegt unheilbaren Hass auf seinen Bruder, reitet wie der schwarze Teufel durch die Wälder und „besteigt“ Julie wie ein Pferd, eine Ware. Kein Gefühl, keine Liebe.

Julie trifft Francois. Hier allerdings weiß der Leser sofort, dass der junge Waldverführer eine tragende Rolle im Leben unserer Heldin innehaben wird. Er ist sanft, liebevoll. Er gibt Julie durch eine Liebesnacht neuen Mut. Er ist in dieser Situation ihr Retter, ihr Prinz, ihr unbekannter Liebhaber.

Julie bekommt Thibault. Ja, ihr Sohn taucht zwar nur am Anfang und am Ende des Romans auf, spielt für die Charakterentwicklung Julies aber eine wichtige Rolle. Sie wird zur verbissenen Kämpferin, wenn es um den Kleinen geht. Sie steht die gefährliche Zeit in Frankreich durch, sie gibt Francois nicht auf – alles für ihren Kleinen, oder? Nein, nicht ganz. Francois will sie für sich und für ihren Sohn.

Julie ist in Frankreich. Und trifft Francois wieder – doch der entpuppt sich als Feind. Er arbeitet mit ihren Erpressern Hand in Hand – wo ist der Verführer? Ihr Prinz? Ihr Held? Unser Held? Er bleibt es, denn Liebe lässt sich rational nicht erklären. Und siehe da, Francois steht in Wahrheit auf einer ganz anderen, aber deshalb nicht ungefährlicheren Seite: auf der des Kardinals Richelieu, des mächtigsten Mannes von Frankreich. Und auch Richelieu hat es in sich, nachdem er erstmal auf Julie aufmerksam geworden ist. Der Kardinal schafft es, Julie und Francois auseinanderzutreiben, als sie sich endlich gefunden haben. Dass Robert, Julies Page, seinen Anteil dazu beitrug, sei einmal beiseite geschoben. Der Kardinal hat die Macht inne, und er nutzt sie nicht nur für sein Land, sondern auch für sich selbst. Besonders, nachdem des Königs Bruder Gaston Interesse an der englischen Lady bekundet, weiß Richelieu, was gut für sich, den König, Francois und Julie ist.

Ach, ich könnte hier noch so viel dazu schreiben, doch soll die Neugier auf diesen zauberhaften Roman erhalten bleiben. Deshalb wende ich mich nun den stilistischen Elementen des Buches zu: Die Kapitel sind recht lang gehalten, auf 722 Seiten gibt es nur 19 davon. Diese sind aber wiederum durch Absätze unterbrochen, die in der Regel auch einen Szenenwechsel mit sich bringen. Das hält die Spannung aufrecht. Natürlich hat das Buch nicht 722 actiongeladene Seiten, aber die Spannung zieht sich tatsächlich von der ersten bis zur letzten Seite durch. Zwischendurch darf der Leser mal Luft oder Kaffee holen, um das Zubettgehen noch lange zugunsten des Buches hinauszuzögern. Die Autorin schreibt in jeder Zeile lebendig, klar und mitreißend. Selbst Beschreibungen über Städte, Kleidung, Personen standen mir lebendig vor Augen. Eine perfekte Mischung aus Beschreibungen (Stillstand der Handlung) und Dialogen (Vorantreiben der Handlung) bietet Lesevergnügen ohne Ende. Der dicke Wälzer liest sich federleicht; ich war zu jeder Sekunde tief in der Geschichte gefangen.

Tania Douglas muss viel recherchiert haben. Der Hochadel Frankreichs ersteht hier neu auf, die Dekadenz, die Ignoranz, die Intrigen, die Liebeleien – alles ist da, was ein Hof braucht, um unterzugehen. Kein Wunder, dass wir heute keinen königlichen Hof mehr haben. Auch der Krieg zwischen Frankreich und England, zwischen Richelieu und Buckingham, besticht durch Detailbeschreibungen und gute Information der damaligen Auseinandersetzung. Die Autorin zeigt uns drei Jahre Geschichte in fesselnder Art und Weise auf und baut darin eine herzergreifende Liebesgeschichte ein, anhand derer jegliche politische Gesinnung scheitern muss.

Die Charaktere sind natürlich ebenso fesselnd. Julie ist bestens geeignet, um sich als Leserin mit ihr in jeder Lage identifizieren zu können: Sie macht alle Gefühle in den drei Jahren durch, die Liebe und Grausamkeit mit sich bringen. Und sie ist nicht immer stark. Sie bricht vollends zusammen, als ihre Liebe sie ablehnt. Sie ist natürlich auf eine eigene Art schön, zweifelt jedoch an sich selbst oft genug. Sie gibt viel Liebe, starke Liebe, aber sie kann sie auch annehmen. Sie ist Mutter, kämpft um ihr Kind wie eine Löwin, erkennt aber auch Unmögliches. Sie ist Adlige, weiß am Hof zu bestehen, ohne tatsächlich dazuzugehören. Julie ist ein Mädchen, alles erweckt ihre Neugierde, sie ist naiv, neugierig und besitzt über eine Unbedarftheit, die oftmals verwundert.

Ihr Auserwählter ist Francois – ebenfalls adlig, ebenfalls nicht wirklich an den Hof gehörend. Ein Weiberheld, ein Abenteurer, ein unbeständiger Geist, der sich nur schwer festhalten lässt. Er liebt seine Freiheit und dafür kämpft er. Und ausgerechnet er steht im Dienste des mächtigen Kardinals und übermittelt ihm Informationen sowohl aus England als auch aus dem eigenen Reihen. Man (und Frau erst recht) kann Julies Faszination zu diesem Mann verstehen.

Es gibt natürlich Sexszenen. Doch halten diese sich auf ein normales Maß zurück, soll heißen, es gibt keine ausgedehnten Verführungsszenen, keine pornographischen Ausschweifungen. Der Begriff ‚Liebe machen‘ passt hier gut. Sex findet nur zwischen Julie und Francois per Buchstaben statt – und meistens ist es liebevoll und berührend beschrieben. Es gehört halt dazu und erfüllt hier seinen Sinn: Julie und Francois sollen zueinander finden. Ob sie das auch schaffen, das müsst ihr schon selbst herausfinden. Vieles spricht dagegen …

_Die Autorin:_

Tania Douglas wurde 1969 bei Koblenz geboren. Als sie fünf Jahre alt war, zog sie mit ihrer Mutter und ihrem neuen Stiefvater nach Frankreich. Sie machte dort ihr Abitur und studierte Touristik. 1990 kehrte sie nach Deutschland zurück und arbeitete als Flugbegleiterin. Nach ihrer Hochzeit gab sie ihren Beruf auf und begann mit dem Schreiben. „Tanz der Wasserläufer“ ist ihr erster Roman.

Homepage der Autorin: http://www.taniadouglas.com

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