Dragt, Tonke – Geheimnis des siebten Weges, Das

Bei meiner Recherche zu diesem Titel habe ich erfahren, dass es seinerzeit bereits eine TV-Serie namens „Das Geheimnis des siebten Weges“ gegeben haben muss. Keine Stunde später erzählte mir mein Bruder, dass er die Serie damals im Ersten Deutschen Fernsehen gesehen hat und recht begeistert war. Für all diejenigen, die das damals verpasst haben, trotzdem aber interessiert sind, gibt es nun zwei Möglichkeiten. Entweder man schreibt sich im Internet auf der TV-Wunschliste für diese Serie ein und wartet oder man wählt die schnellere Variante und greift nun das gleichnamige Hörbuch ab, in dem die Geschichte um den beliebten Lehrer Franz van der Steeg neu belebt wird.

_Story_

Franz van der Steeg ist Grundschullehrer in einem kleinen Dorf in den Niederlanden und wird von seinen Schülern abgöttisch verehrt. Der Grund: Jeden Abend kurz vor Schulschluss erzählt Franz spannende Geschichten von finsteren Schlössern, Kämpfern mit Krummsäbeln, Schiffbrüchigen und anderen Abenteuern. Als ihm eines Tages keine weitere Geschichte mehr einfällt, gibt er vor, dass er auf einen Brief warte und erst nach seiner Ankunft von neuen Abenteuern berichten kann. Obwohl Franz aus der Not heraus geschummelt hat, kommt noch am selben Abend ein Brief ins Haus geflogen, unterschrieben von einem gewissen Gr Gr. Und tatsächlich steht am nächsten Abend eine Kutsche vor der Tür und holt Franz ab.

Die Sache wird dem Lehrer immer unheimlicher, und so steigt er während der Fahrt in einer entlegenen Kneipe ab, wo er auf einen fremden Magier trifft. Inmitten der gruseligen Atmosphäre erzählt ihm dieser von einem geheimen Schatz. Auch über den Absender des geheimnisvollen Briefes kann Franz immer mehr in Erfahrung bringen. Ein kleiner Junge, der bereits den Titel Graf Griesenstein tragen darf, braucht dringend Hilfe bei der Suche nach einem großen Schatz, der sich im Treppenhaus des Anwesens der Griesensteins verbergen soll. Jedoch will der Onkel des Grafen dem jungen Gerd-Jan zuvorkommen und nimmt seinen Neffen gefangen, damit dieser ihm nicht mehr in die Quere kommen kann.

Dann jedoch tritt Franz auf den Plan und lernt Gerd-Jan kennen. Er wird als Privatlehrer des jungen Grafen engagiert, hilft ihm, aus der Gefangenschaft seines Onkels zu entkommen, und forscht gemeinsam mit seinen Schülern nach dem Geheimnis des Lieds vom Siebensprung, das unmittelbar mit den gesuchten Reichtümern(?) in Verbindung steht …

_Meine Meinung_

In einem Zeitalter, in dem Träumer mit einer ausgesprochen großen Phantasie nur noch einer Randgruppe ausmachen, gewinnt eine Geschichte wie „Das Geheimnis des siebten Weges“ enorm an Wert. Es sind die vielen Kinderträume, die Franz van der Steeg anfangs mit seinen Erzählungen weckt und die uns dann auch wieder an die eigene Kindheit erinnern, in der man auch mal davon geträumt hat, finstere Schlösser zu erforschen, als Pirat über die Weltmeere zu segeln oder als Ritter um die Gunst der Burgdame zu kämpfen. So einfach und heute doch so weit entfernt sind die Gedanken, die in dieser wunderschönen Erzählung aufgefrischt werden und in uns das Bewusstsein wecken, dass man sich damals riesig über eine solche Geschichte oder aber über die Verfilmung des sehr schön aufgebauten Plots gefreut hätte. Das wirklich Schöne an „Das Geheimnis des siebten Weges“ ist nämlich seine Schlichtheit. Muss ein Abenteuer sofort mit Action verknüpft sein? Oder kann es auch spannend sein, wenn die eigene Vorstellungskraft sich mit ganz elementaren Kindeswünschen auseinander setzt und den Leser selber noch mal träumen lässt? Es ist doch ein schönes Gefühl, wenn eine Geschichte so viele Dinge gleichzeitig ermöglicht, ohne dass man sich dafür als Erwachsener schämen müsste. Oder muss man das heute tatsächlich, wenn man die mutigen Jungenträume nach 20 Jahren und mehr erneut zitiert?

Was ich mit diesen Fragen eigentlich nur ins Gedächtnis rufen möchte, ist, dass die schönen Abenteuermärchen im 21. Jahrhundert kaum noch existieren. An ihre Stelle sind reißerische, billige Bubblegum-Storys aus Amerika und Fernost getreten, bei denen bewaffnete Bösewichte und ein ziemlich ärmlicher Wortschatz zum guten Ton gehören, pädagogische Werte indes völlig außen vor stehen.

Was hat dies alles mit diesem Hörbuch zu tun? Nun, ich empfinde „Das Geheimnis des siebten Weges“ als eines der schönsten, fast schon Bilderbuch-artigen Märchen, die mir je vorgestellt wurden. Die ganz große Spannung bleibt zwar weitgehend aus, denn die Überraschungen halten sich im Laufe der Handlung stark in Grenzen, aber darauf kommt es letztendlich gar nicht an. Einen Mann wie Franz van der Steeg, selber durch und durch Kind geblieben, auf der Reise zum jungen Grafen Grisenstein zu begleiten, ist einfach nur ein tolles Erlebnis, das einem auf Anhieb sympathisch ist und niemals langweilig wird. Auf diesem Trip in eine erträumte Welt trifft man ebenfalls auf viele bekannte Elemente, so wie beispielsweise den verborgenen Schatz, den bekannten bösen und gierigen Familienangehörigen, den rätselhaften Magier usw., aber alles wird hier liebevoll dargestellt und treffend inszeniert. Dazu muss man allerdings auch sagen, dass der Sprecher ganze Arbeit leistet und die einzelnen Charaktere wirklich sehr schön beschreibt; den bösen Kutscher, den unglücklichen kleinen Grafen, die wissbegierigen Schüler und natürlich den stets ideenreichen Lehrer Franz van der Steeg – es ist ein echter Hörgenuss von der ersten bis zur letzten Minute.

Natürlich könnte man die Handlung und ihren wahren Hintergrund jetzt komplett analytisch zerpflücken. Was ist in „Das Geheimnis des siebten Weges“ Traum, und was tatsächlich Realität? Inwieweit darf man von diesem mittlerweile schon betagten Märchen von einer Geschichte aus dem Bereich der phantastischen Literatur sprechen? Und warum ist diese Geschichte jetzt so viel besser als vergleichbare, modernere Erzählungen? Nun, hört es euch einfach an und bringt es selber in Erfahrung, denn „Das Geheimnis des siebten Weges“ soll die Vorstellungskraft eines jeden Einzelnen von euch in Gang setzen. Dass dabei naturgemäß das jüngere Publikum direkter angesprochen wird, ist klar, heißt aber nicht, dass das Ganze nur für einen begrenzten Altersrahmen empfohlen werden kann. Denn wie bereits eingangs erwähnt: Träumer gibt es viel zu wenige, und da spielt das Alter nur eine unwesentliche Rolle – gerade dann, wenn die Unterhaltung so toll gelungen ist wie bei der Hörbuchfassung dieses heimlichen Klassikers!

http://www.beltz.de/html/frm__kinder.htm

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