Dunmore, Helen – Im Sog des Meeres (Indigo 1)

_Deep blue sea_

Die beiden Geschwister Sapphire und Conor leben in Cornwall nahe am Meer. Nachdem ihr Vater Mathew Trewhalla möglicherweise spurlos in Indigo, wie die Unterwasserwelt poetisch in einem seiner Lieder heißt, verschwunden ist, fühlt sich Sapphy mehr und mehr in seinem Bann. Mit einem der Mer, die in Indigo leben, erkundet sie diese Welt, doch der Frieden täuscht. Unschuldige Menschen geraten in Gefahr. Sapphy muss sich entscheiden, zu welcher Welt sie gehören will: zu den Mer oder zu ihrem eigenen Luftvolk.

_Die Autorin_

Helen Dunmore ist im englischen Yorkshire geboren und lehrte in Finnland Englisch, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. Sie hat zahlreiche belletristische Romane, Kinder- und Jugendbücher sowie Gedichtbände veröffentlicht. „Indigo – Im Sog des Meeres“ ist der erste Band einer Reihe über den Kontakt mit dem Mervolk im Reich Indigo. Der nächste Band trägt den Titel „Indigo – Im Bann der Gezeiten“ und erschien im März 2007 ebenfalls bei |cbj|.

_Handlung_

|“Ach, wäre ich doch in Indigo
Und teilte die salzige See
In den tiefsten Fluten,
wo weder Liebe noch Leid
mich bedrücken …
Sag mir den Grund,
warum du mich verschmähst …“|

Bevor ihr Vater Mathew spurlos verschwand, hörte die neunjährige Sapphire, die Ich-Erzählerin, ihn immer dieses wehmutsvolle Lied singen. Und sie fragte sich, wo dieses Indigo liegen mochte. Bestimmt hat es etwas mit dem Meer zu tun, das nicht weit von Sapphys Zuhause an die Küste von Cornwall brandet. Das Rauschen ist immer zu hören. Hier lebt Sapphy mit ihrem drei Jahre älteren Bruder Conor und ihrer Mutter Jennie. Ihre Mutter kann das Meer nicht ausstehen, und deshalb kommt es immer wieder zu Streit mit ihrem Mann, der das Meer liebt und immer zum Angeln hinausfährt. Bis er nach einem besonders heftigen Streit gar nichts mehr zurückkommt.

Ein Jahr später haben sich die verbliebenen Familienmitglieder an die fiesen Gerüchte gewöhnt, wonach Mathew es wie sein gleichnamigen Vorfahr gemacht habe und mit einer anderen Frau durchgebrannt sei. Nur dass damals die Frau in dem Lied eine Meerjungfrau war. Während Jennie als Kellnerin arbeitet, schwänzen Sapphire und Conor so oft wie möglich die Schule. Sie gehen lieber in ihre abgelegene Lieblingsbucht und erkunden die Wasserwelt.

Bis Sapphire ihren Bruder mit einem anderen Mädchen in ihrer Bucht sieht. Doch als sie näherkommt, verschwindet das Mächen. Conor leugnet, dass da jemand war, und sie will ihn nicht des Lügens zeihen. Schon bald hat sie nämlich selbst Gesellschaft auf einem Uferfelsen. Es ist ein Junge, dessen Füße in einem Robbenschwanz enden. Er nennt sich Faro und sagt, er gehöre zum Volk der Mer, die in Indigo, der Welt unter Wasser, leben. Und das Mädchen, mit dem Conor gesprochen habe, sei Elvira, seine Schwester. Also doch!, freut sich Sapphire.

Die Mer sind magische Wesen, wie Sapphy bald feststellen kann, denn als Faro sie mit auf eine Exkursion nimmt, versetzt er sie in die Lage, unter Wasser zu atmen wie ein Fisch. Conor kann dieses Kunststück längst nicht so gut wie sie, meint Faro, denn Sapphy habe mehr Eigenschaften von ihrem Vater geerbt als von ihrer wasserscheuen Mutter. Unter Wasser erschließt sich Sapphy eine faszinierende Welt voll unbekannter Lebewesen. Aber Faro wettert auch gegen das Luftvolk, die Menschen, die immer weiter in die Buchten und Lebensräume des Mervolks vordringen und sie verschmutzen.

Als Sapphy nach Hause zurückkehrt, wird sie von Conor gegenüber den Vorwürfen ihrer Mutter in Schutz genommen. Doch Sapphy muss erschrocken feststellen, dass die Zeit in Indigo anders verläuft als an Land. Was sie für nur wenige Minuten hielt, waren hier in Wahrheit fast ein halber Tag! Und wenn sie noch länger unten geblieben wäre? Wären dann an Land Wochen und Monate vergangen?

Ihre Mutter hat im Restaurant, in dem sie kellnert, einen australischen Taucher namens Roger kennen gelernt. Nachdem Conor und Sapphy ihre Vorbehalte gegen diesen Eindringling in ihre Familie niedergekämpft haben, müssen sie allerdings erfahren, dass Roger und sein Freund Gray vorhaben, nach einem Wrack zu tauchen, das an einer Stelle liegt, die dem Mervolk heilig ist. Sie müssen Faro warnen!

In einem dramatischen Wettlauf um Zeit versuchen Conor und Sapphy, das Leben der beiden Taucher zu retten und zugleich Faro klarzumachen, dass die Taucher nicht sterben dürfen. Fast zu spät erkennen sie, welche Rolle die Robben in diesem Drama spielen …

_Mein Eindruck_

Ich habe diesen schönen und fantasiereichen Jugendroman an nur einem Nachmittag mit Interesse und Vergnügen gelesen. Es gibt keinerlei Verständnisprobleme, denn das Buch sollte auch für zehnjährige Kinder leicht zu lesen sein. Die erfahrene Autorin versteht es, sich glaubwürdig und genau in die Erlebniswelt der Kinder hineinzuversetzen und die Interaktionen in der Kleinfamilie der Trewhallas lebendig darzustellen. Dabei ist die Erlebniswelt ziemlich gut im Hier und Jetzt verankert, wenn auch die Vergangenheit in Cornwall immer sehr lebendig ist.

Insbesondere die junge Sapphy ist ein fantasiebegabtes Kind, das schnell Verantwortungsbewusstsein entwickeln muss. Ihre Verantwortung gilt nicht nur ihrer Mutter, sondern auch ihrem Bruder und dem Mervolk. Aber sie kann sich auch nicht gegen Eindringlinge wie den Taucher Roger stellen, nur weil dieser besonders neugierig auf Schiffswracks ist und obendrein ihre Mutter mag. Sapphy muss wählen, ob sie Roger beschützen oder sich auf die Seite Faros stellen soll. Es ist nicht einfach, die richtige Seite zu wählen, wenn man keinen Vater mehr hat, der einem sagt, was richtig ist.

Dieser schon nach sechzig Seiten verschwundene Vater ist eine fast mythische Gestalt. Das Buch beginnt und endet mit ihm. Er ist ein Wiedergänger jenes Balladenvorfahren, der angeblich einer Meerjungfrau in die Tiefen Indigos folgte. Und allmählich findet Sapphy in Detektivarbeit heraus, dass Mathew tatsächlich der Nachfahre seines Namensvetters war und sie selbst somit eine halb Meerjungfrau. Es gibt nur eine Figur in dieser Geschichte, die über ein solches Wissen verfügt.

Granny Crane ist eine alte Frau, ist aber von wesentlich mehr Lebensmut erfüllt als so manche Zwanzigjährige. Die Einsiedlerin erscheint der kleinen Sapphy erst wie eine Hexe aus dem Märchen, doch die Granny ist wesentlich mehr: ein Erdgeist aus uralter Zeit, der um das Gleichgewicht zwischen den Mächten von Land und Meer bemüht ist. Daher auch das weit zurückreichende Gedächtnis an den ersten Mathew Trewhalla. Und die Granny ist selbstredend ein Freund der Tiere, ihrer dienstbaren Geister: Bienen und Eulen beispielsweise.

Ein wichtiger Aspekt der Geschichte ist stets die Verständigung. So wie Granny die Bienensprache versteht, muss auch Sapphy eine neue Sprache lernen: die des Mervolks. Sie sieht geschrieben wie altes Keltisch aus, denn bis vor etwa hundert Jahren sprachen die Menschen in Cornwall ihr eigenes Gälisch, genau wie die Iren, Schotten und Waliser. Diese Sprache hat sich die Autorin also nicht neu einfallen lassen, aber der Einsatz des alten Gälisch ist eine sehr willkommene Bereicherung bei den Kontakten zwischen Sapphy und Faro. Und die Sprache spielt eine wichtige Rolle im dramatischen Finale, als Sapphy und Conor die Taucher vor dem Mervolk retten müssen.

Der Humor in der Geschichte ist von sehr feiner Ironie. Diese wird am deutlichsten in jenen für Sapphy peinlichen Situationen, wenn sie ihre Eigenart als halbe Meerjungfrau verbergen muss. Vor ihrer wasserscheuen und stets von wirtschaftlichen Sorgen erfüllten Mutter kann sie das gut verstecken, doch nicht vor dem aufmerksamen Roger, der anscheinend eine feine Antenne für Sapphys Eigenart hat. Durch diese Gegenüberstellungen wird Sapphy indirekt charakterisiert.

Auch das Nachspiel der Rettungsaktion für die Taucher verlangt Sapphy und Conor einiges an Einfallsreichtum ab, und sie lügen, dass sich die Balken biegen. Wie konnten sie bloß so schnell zum Boot der Taucher hinausschwimmen? Wow, das ist ja olympiareif! Und wie ist es ihnen bloß gelungen, jeweils einen ausgewachsenen Mann mitsamt Taucherausrüstung über den Bootsrand zu hieven? Roger betrachtet Sapphy und ihren Bruder mit neuen Augen. Aber Sapphy würde nicht wollen, dass ich ihre Geheimnisse verrate.

_Unterm Strich_

Für zehnjährige Leserinnen ist das Buch eine ideale Einführung in eine im Grunde knifflige Umstellungs- und Entscheidungssituation. Da hat die jugendliche Heldin, der man noch deutlich das kindliche Verhalten anmerkt, Erstkontakt mit einer neuen Erlebniswelt, eben Indigo, und muss sie doch verbergen und geheimhalten. Niemand würde ihr glauben und ihre Mutter würde vor Sorgen schier umkommen. Doch die Schwierigkeiten, die sich aus diesem Konflikt für Sapphy ergeben, können nicht ausbleiben, und so muss sie immer größere Verantwortung übernehmen, bis es schließlich um das Leben des neuen Freundes ihrer Mutter geht.

Diese Entwicklung ist weder langweilig noch oberlehrerhaft dargestellt, sondern im Gegenteil lustig und unterhaltsam. Wer Delphine als wunderbare Tiere ansieht, der kommt hier voll auf seine Kosten. Und wer immer schon mal wissen wollte, ob er oder sie von einer Meerjungfrau abstammt, ist bei Granny Crane genau an der richtigen Adresse. Diese Welt im kleinen Cornwall mag idyllisch erscheinen, und für manchen Zeitgenossen mögen die Figuren naiv wirken, aber dennoch wird hier ein großer Konflikt glaubwürdig ausgetragen: Der Angriff des Menschen auf das Meer hat längst katastrophale Ausmaße angenommen – was, wenn sich das Meer, repräsentiert durch Faro & Co., wehrt? (Man muss nicht [Schätzing]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=731 heißen, um sich die Folgen ausmalen zu können.)

Und wie kann man überhaupt mit einer fremden Kultur zurechtkommen und eine völkerverbindende Freundschaft schließen? In Zeiten, da ein „Kampf der Kulturen“ mit immer schärferen Formen ausgetragen wird, ist auch diese Frage von wachsender Bedeutung. Die Autorin ist um Antworten nicht verlegen, hat sie doch in Finnland ihre eigene Sprache gelehrt und somit auch ihre eigene Kultur. Sprache und kulturelle Werte sind eins, und um sie vermitteln zu können, sind Unvoreingenommenheit und Interesse für das Andere Voraussetzung für den Erfolg des Kontakts. Das lernt die jugendliche Heldin Sapphy ebenfalls sehr schnell. „Sapphire“ heißt ein blauer Edelstein, und das deutet darauf hin, dass Sapphy die optimale Vermittlerin zwischen der blauen Welt Indigo (ein dunkelblauer Farbstoff) und jener der Menschen ist.

Fazit: volle Punktwertung. Ich freue mich auf die im März 2007 bei |cbj| veröffentlichte Fortsetzung „Indigo – Im Bann der Gezeiten“, in der Sapphy hoffentlich ihren Vater wiederfindet.

|Originaltitel: Ingo, 2005
320 Seiten, aus dem Englischen von Knut Krüger
Ab 12 Jahren empfohlen|
http://www.cbj-verlag.de

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