Dury, Tom – Traumjäger, Die

_Moderner amerikanischer Klassiker erstmals auf Deutsch_

Der Klempner Charles Darling – der sich gerade nichts sehnlicher wünscht als das Gewehr seines Stiefvaters zurückzuerhalten, welches dieser vor Jahren gegen ein Pfand verliehen hatte – lebt mit seiner kleinen Familie auf einer recht abgewrackten Farm in der Nähe einer Kleinstadt in New Hampshire. Mit diesem Hof weiß er im Grunde nicht viel anzufangen. Er betreibt keinen Gartenbau und die Scheune ist in ihrer Baufälligkeit für Viehhaltung ungeeignet. Mit ihm leben dort seine scheinbar bodenständige Frau Joan, ihr gemeinsamer Sohn Micah und seit einiger Zeit auch Lyris, die Tochter von Joan, welche 16 Jahre in verschiedenen Pflegefamilien verbracht hat und von einem Verein für Familienzusammenführungen zu ihr zurückgebracht wurde. Der Leser begleitet das Leben dieses zusammengewürfelten Haufens für ein verlängertes Wochenende (Freitag bis Montag), an dem die Weichen für die weitere Existenz der Familie gestellt werden.

Der Journalist und Autor Tom Drury hat mit den Darlings eine moderne Patchworkfamilie geschaffen, in der die traditionellen Rollenmodelle nicht länger funktionieren, sondern nach dem Auftauchen von Lyris jedes Mitglied erst wieder seinen Platz im Familiensystem und einen neuen Lebensentwurf finden muss. Eine besonders tragende Rolle kommt dabei der ehrenamtlich im Tierschutz tätigen Joan zu, die für ein Wochenende in die Stadt zu einem Kongress fahren muss. Die ehemalige Schauspielerin hatte spätestens mit ihrer Hochzeit und dem Umzug in diese verlassene Gegend ihre Träume von einer Schauspielkarriere aufgegeben. Ähnlich der weiblichen Hauptperson in Tschechows „Die Möwe“, die sie einmal in einer Aufführung gespielt hat, langweilt sie sich jedoch in ihrem Landleben. Ihren Traum von der Schauspielerei hält sie für gescheitert, aber mit der Rolle einer unglücklichen Ehefrau wie in Lord Tennysons Poem „Locksley Hall“, aus dem der Doktor zitiert, mit dem sie in der Stadt eine Nacht verbringt, kann sie sich ebenso wenig anfreunden. Sein Vergleich mit dem Poem hinkt dann auch insofern als sowohl Charles als auch Joan nicht nur in ihren Träumen jagen bzw. ihren Träumen hinterherjagen, sondern ihr Leben an diesem Wochenende unabhängig voneinander zu verändern beginnen.

Vor allem Micah zuliebe, der als siebenjähriger Junge auf der Suche nach einer Aufgabe im Leben ist, kauft Charles eine Ziege. Dann beginnt er mit der Reparatur der Scheune und – nachdem ihm seine Frau telefonisch mitgeteilt hat, dass sie für sehr lange Zeit nicht zur ihm zurückkehren wird – auch damit, aktiv Verantwortung für die Kinder zu übernehmen sowie sich mit deren Problemen zu beschäftigen. Lyris zeigt große Stärke beim neuerlichen Verlassenwerden, da sie nicht nach einer Mutter, sondern nach einer Heimat und nach Sicherheit gesucht hat, die ihr die Familie Darling noch immer bieten kann. Sie beherrscht die Situation, denn sie profitiert von ihren Erfahrungen und kann somit für ihren Bruder da sein, wo die Erfahrungen des Vaters an Grenzen stoßen. Im Gegensatz zu scheinbar nebensächlichen Gegenständen wie einem Schweizer Taschenmesser beschreibt der Autor seine Helden kaum. Die Charaktere bleiben äußerlich blass, können aber aufgrund ihrer Handlungsweisen psychologisch gut ausgedeutet werden.

In „Die Traumjäger“ geht es nicht um Liebe. Die einzige Romanze findet zwischen Charles‘ Bruder Jerry und der wesentlich jüngeren Schülerin Octavia statt. Sie ist geprägt von der romantischen ersten Liebe, die bedingungslos gegen alle Regeln verstößt, und der Unsicherheit eines Mannes, der den Schritt mit einer wesentlich jüngeren Frau wagt, obwohl er ahnt, dass die Liebe der jungen Frau keinen Bestand haben wird: |“‚Wie wird das, wenn sie mal vierzig ist und du bist dann so ein Tattergreis, den sie im Rollstuhl herumschieben muss?‘ ‚Darüber habe ich auch schon nachgedacht‘, sagte Jerry. ‚Aber vielleicht geht das Ganze ja nur ein paar Jahre lang. Wir singen zusammen im Sonnenschein, und dann kriegt sie sich wieder ein und geht aufs College. Ich würde mich nicht beklagen …'“| Momentane Erfüllung wird so zum zentralen Thema in Drurys komplexer Erzählung. Das Eheversprechen erscheint wie die Pfarrerswitwe in dem kleinen Ort als Relikt aus einer vergangenen Zeit. Auch die Bibel, die von den Protagonisten vielfach zitiert wird, bietet wie ihre Kirchenvertreter keinen Halt mehr. Stattdessen muss man sich des steten Wandels und Umbruchs bewusst werden, dem die niedergehende Region einen traurigen Rahmen bietet.

Eindrucksvoll beschreibt Tom Drury die gewöhnlichen Dinge des amerikanischen Alltags, welche diesen jedoch durch ironische Wendungen plötzlich absurd und weniger alltäglich erscheinen lassen. Da sind Teenager, die sich schlau dünken und nachts mit einem Fass Bier eine Party in einem abgelegenen Wäldchen feiern wollen. Sie werden ihrerseits von Charles und Jerry übertölpelt, die ihnen das Fass wieder abnehmen. Da ist der Penner am Straßenrand, der zur einzigen Person wird, mit der Joan über ihre Situation reden kann. Da sind die Nachbarn, die alles von ihren Mitmenschen zu wissen glauben und damit beinahe eine Katastrophe auslösen, die durch ihre absurde Verhinderung schon wieder lächerlich gemacht wird. Unvermeidlich für das amerikanische Leben, spielt auch der Waffenbesitz eine Rolle. Waffen und Gewalt sind allgegenwärtig – angefangen vom Gewehr des Stiefvaters über die nachts herumziehenden Jäger bis zur Beinahe-Vergewaltigung von Lyris, Charles Selbstjustiz und Follards Racheversuch.

Die Menschen dieses Romans sind wenig sensibel. Doch können sie einander scheinbar nicht verletzen oder in ein Gefühlschaos stürzen. Ohne Reflektion werden Ereignisse hingenommen und so ausgelegt, dass sie das gewohnte Leben nicht durcheinanderbringen. In einer ländlichen Kleinstadtumgebung jagt man nicht seinen Träumen nach, sondern nimmt Geschehnisse hin. Auch damit tut man einen Schritt, der unvermeidlich einen weiteren Schritt nach sich zieht; so wie auf den Freitag der Samstag folgt und auf den Samstag der Sonntag. Große Gefühle – Glück, Liebe, Hass – von außen betrachtet sind sie weniger dramatisch denn banal und wie bei Tom Drury in ihrer Einfachheit fast schon wieder komisch.

Tom Drury gilt als moderner Klassiker der amerikanischen Literatur. Mit „Die Traumjäger“ macht es |Klett-Cotta| den deutschen Lesern acht Jahre nach Erscheinen des Romans jetzt möglich, in das Werk dieses bemerkenswerten Schriftstellers einzusteigen. Diese Chance sollte man nutzen, denn seine Romane „The End of Vandalism“ (1994), „The Black Brook“ (1998) und „The Driftless Area“ (2006) sind bisher nicht auf Deutsch erschienen.

|Originaltitel: Hunts in Dreams (2000)
Aus dem Amerikanischen von Gerhard Falkner und Nora Matocza
250 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN-13: 978-3-608-93607-0|
http://www.klett-cotta.de

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