Edwards, Martin – Kein einsames Grab

Die Lösung von so genannten „cold cases“, also Fällen, die nie aufgeklärt wurden, aber als abgeschlossen gelten, hat in den letzten Jahren an Popularität gewonnen. Fernsehserien haben sich etabliert, die sich mit diesem Thema beschäftigen, und auch in der Literatur wirbt man mittlerweile mit dem Begriff „cold case“. „Kein einsames Grab“ von Martin Edwards ist ein solcher Kriminalroman.

Dem übereifrigen Engagement eines Journalisten ist es zu verdanken, dass am zehnten Jahrestag nach dem Verschwinden von Emma Bestwick ihr ungeklärter Fall wieder aufgenommen wird. Es konnte nie geklärt werden, ob sie aus eigenen Motiven verschwunden ist oder entführt wurde. Hannah Scarlett ist Leiterin der Cold-Case-Abteilung der Polizei von Cumbria und aufgrund des öffentlichen Drucks nimmt sie sich des Falls an.

Das ist keine einfache Arbeit. Sie und ihre zwei Kollegen müssen sämtliche Zeugen von damals noch einmal befragen, in der Hoffnung, dass sie sich nun an Dinge erinnern, die ihnen vor zehn Jahren nicht eingefallen sind. Ein aussichtsloses Unterfangen – bis der Journalist Toni Di Venuto behauptet, ein anonymer Anrufer hätte ihm den Fundort von Emmas Leiche gesteckt. Es soll das Arsen-Labyrinth in den Bergen von Cumbria sein. Als die Polizei hinabsteigt, um zwischen den Trümmern der ehemaligen Mine nach Emma zu suchen, findet sie nicht nur eine Leiche, sondern zwei. Hängen die beiden Fälle zusammen? Und wer ist der anonyme Anrufer? Plötzlich gewinnt der Fall deutlich an Brisanz …

Das Aufarbeiten alter, ungelöster Fälle – das klingt eher nach trockener Büroarbeit als nach einem spannenden, rasanten Krimi. Tatsächlich ist dies das größte Problem von „Kein einsames Grab“. Die Befragungen der Zeugen gestalten sich trocken und ergebnislos, nehmen aber einen Großteil des Buches ein. Die eigentlich spannenden Ereignisse werden recht knapp abgehandelt und zudem unterbrochen von diversen anderen Perspektiven in der Geschichte, die mit der eigentlichen Handlung nur wenig zu tun haben. Zum einen ist da der Handlungsstrang des Täters, der sich aber eher weniger mit der damaligen Tat auseinandersetzt. Vielmehr wird seine durchtriebene Persönlichkeit beleuchtet, was nicht unbedingt ein Zugewinn für die Geschichte ist. Zum anderen hätten wir da Daniel Kind, den Sohn von Hannahs ehemaligem Chef, der als Historiker in Cumbria arbeitet. Er kommt vor allem dann ins Spiel, wenn es darum geht, die Geschichte des Arsen-Labyrinths aufzudröseln. Ob dafür unbedingt eine eigene Perspektive von ihm notwendig war, ist fraglich. Viele Sichtweisen auf eine Handlung können sehr aufschlussreich sein, doch in diesem Fall ist Edwards‘ Vorgehen eher verwirrend. Es fällt dem Leser schwer, der zerklüfteten Handlung zu folgen und zu erkennen, was wichtig für den Fall ist und was nur schmückendes Beiwerk.

Aufgrund der Masse der erzählenden Personen gehen auch deren Persönlichkeiten ein wenig unter. Die einzigen Figuren sind zwar anständig ausgearbeitet und besitzen Tiefgang, doch wirklich interessant sind sie nicht. Hannah ist meistens dann am besten, wenn sie gerade mal wieder Zweifel bezüglich ihrer Ehe hat. Ansonsten wirkt sie wie ein Katalysator für die Ermittlungen. Sie besitzt weder einen besonderen Humor noch deutliche Schwächen. Das Gegenteil dazu ist Guy Koenig, der sich unter falschem Namen in einer Pension in Cumbria einnistet und die Hauswirtin um seinen Finger wickelt – mit dem Ziel, ihr das Geld aus der Tasche zu ziehen. Er hat definitiv eigene Züge, da er sich häufig eine neue Identität zulegt und sehr geübt im Lügen und Täuschen ist. Allerdings wird sein Charakter einseitig beschrieben. Er scheint Reuegefühle und ähnliches nicht zu kennen. Dadurch wird er unglaubwürdig.

Der Schreibstil ist, ähnlich wie die Figuren, gut, aber nicht herausragend. Edwards schreibt flüssig und lebendig, aber er setzt sich kaum von anderen Autoren ab. Er verzichtet weitgehend auf rhetorische Stilmittel und auch seine Dialoge sind häufig etwas langweilig.

In der Summe ist „Kein einsames Grab“ kein schlechtes Buch, aber eben auch kein richtig gutes. Dazu fehlt es ihm an Eigenständigkeit und auf weiten Strecken auch an Spannung und interessanten Ereignissen.

|Originaltitel: The Arsenic Labyrinth
Aus dem Englischen von Ulrike Werner
ISBN-13: 978-3-404-16264-2
412 Seiten, Taschenbuch|
http://www.bastei-luebbe.de

Martin Edwards

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