Ellis, Bret Easton – Glamorama

An Bret Easton Ellis scheiden sich gemeinhin die Geister. Für die einen ist er ein brillanter Satiriker, der ungeschönt und auf seine berühmt-berüchtigte knallharte Art die heutige Gesellschaft karikiert, während andere sein Werk abstoßend finden und die explizite Darstellung von Gewalt und Sex rügen. [„American Psycho“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=764 von vielen als Kultroman verehrt, stellt den unumstößlichen bisherigen Höhepunkt im Schaffen des Bret Easton Ellis dar. An diesem Werk wird alles gemessen, was Ellis davor und danach zu Papier brachte – und kann dem Vergleich meist nicht ganz standhalten.

„American Psycho“ ist in jeder Hinsicht ein außergewöhnliches Buch, das seinesgleichen sucht. Hat Ellis es erst einmal geschafft, den Leser mit seiner Erzählart in den Bann seiner höchst eigenwilligen Figuren zu ziehen, reißt er ihn mit, auf eine geradezu halsbrecherische Achterbahnfahrt, die man so schnell nicht wieder vergisst. Eine Leseerfahrung der besonderen Art, die man nicht so oft macht. Ganz besonders ans Herz gelegt sei dem potenziell interessierten Leser an dieser Stelle auch ausdrücklich die hervorragende Hörbuchfassung mit Moritz Bleibtreu. Aber genug von „American Psycho“. Das ist eine andere Geschichte.

„Glamorama“ ist Ellis‘ 1998er Werk, das das schwere Erbe von „American Psycho“ (erschienen 1991) anzutreten versucht. Im Zentrum von „Glamorama“ steht Victor Ward, „semi-prominentes Model, Nightlife-Profi und angehender Nachtclub-Besitzer“ in New York. Victor lebt mitten in der mode(über)bewussten, selbstverliebten und prominenzbesessenen Szene Manhattans und begründet seine eigene Prominenz und mediale Existenz eher darauf, dass er mit dem bekannten Supermodel Chloe Byrnes zusammenlebt.

Victor führt ein Leben wie jeder andere C-Prominente auch: Er kämpft jeden Tag um Geld und Aufmerksamkeit, versucht sich möglichst gut selbst zu inszenieren. Victor versucht, so gut es geht, mit der Hochglanzwelt Manhattans zu verschmelzen. Er mischt sich unter reale Celebrities (von denen es im Buch an jeder Ecke nur so wimmelt), verstrickt sich in Lügengeschichten und Affären und lebt ein Leben zwischen Gras und Xanax, zwischen Armani und Ralph Lauren.

Als sich mit dem Abend von Victors glamouröser Cluberöffnung die Ereignisse zu überschlagen beginnen, gibt es für ihn nur noch eine Chance: Er nimmt einen mysteriösen Auftrag an, der ihn nach London führt. Ehe Victor sich versieht, steckt er auch schon mittendrin in einem düsteren Sumpf aus Verbrechen und Gewalt – Victor scheint an eine Terrorgruppe geraten zu sein, deren Mitglieder unter dem Deckmantel ihrer Modeltätigkeit ihre Terrorakte verüben. Hotels werden gesprengt, Cafés fliegen in die Luft und schon bald muss Victor erkennen, dass er in der Falle sitzt und um sein eigenes Leben fürchten muss …

Mit „Glamorama“ dürfte Bret Easton Ellis, wie schon mit seinen vorangegangen Romanen, wieder seinen Ruf als Enfant terrible der amerikanischen Literaturszene bestätigen. „Glamorama“ ist ein Werk der krassen Gegensätze. Die hochglanzpolierte Welt Manhattans, die Oberflächlichkeit der Menschen und ihr Hang zur Selbstinszenierung bilden den krassen Gegenpol zu der terroristischen Gewalt, mit welcher der Leser vor allem im zweiten Buchteil konfrontiert wird.

Ellis‘ Roman macht eine krasse Kehrtwende. Präsentiert sich der Roman anfangs noch als Gesellschaftssatire, in der das realitätsfremde Leben der High Society aufs Korn genommen wird, so entwickelt sich der Roman mit Victors Übersetzen nach Europa im zweiten Buchteil zu einem knallharten Thriller. Als Leser muss man offen bleiben, darf sich Ellis‘ drastischen atmosphärischen Wechseln nicht verschließen, um nicht auf der Strecke zu bleiben.

Die Gegensätzlichkeit der beiden unterschiedlichen Welten, durch die Victor Ward wandelt, ist dabei im Grunde nur ein scheinbarer Bruch. Ellis spielt mit literarischen Bildern und Puzzlestückchen, die sich durch den ganzen Roman ziehen und das Gefüge der unterschiedlichen Genreschichten zusammenhalten. Bestimmte Motive und Situationen ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman.

Doch einen gewissen Bruch kann Ellis trotz dieser kleinen literarischen Spielereien dennoch nicht verschleiern. Der spielt sich allerdings auf einer etwas anderen Ebene ab. Ist der erste Teil des Romans im Grunde eine Geschichte ohne vorangetriebene Handlung, so weist der zweite Teil doch einen deutlich wahrnehmbaren Plot auf. Die erste Romanhälfte ist mehr eine Schilderung des Lebens des Ich-Erzählers Victor Ward, die in ihrer detailgetreuen Wiedergabe sämtlicher Details seines Tagesablaufs einen gewissen tagebuchartigen Charakter aufweist. Genau in diesem Stil hat Ellis schon mit „American Psycho“ brilliert. Dem zweiten Teil des Romans stülpt Ellis dann aber einen deutlich vernehmbaren Plot über. Er entwickelt eine komplexe Thrillerhandlung, die für den Leser eine echte Herausforderung ist.

Die gesamte zweite Romanhälfte entwickelt sich zunehmend sonderbarer und obskurer. Ellis treibt ein perfides Spiel mit dem Leser um Schein und Realität. Er bringt Elemente in die Handlung ein, die immer wieder die Sichtweise in Frage stellen. Was ist Realität, was ist Inszenierung? – Diese Frage durchzieht den zweiten Romanteil auf jeder Seite und auch zum Ende hin werden nicht alle sich ergebenden Fragen wirklich zufrieden stellend geklärt. Vor diesem Hintergrund wirkt die eingearbeitete Thrillerhandlung irgendwie sonderbar konstruiert und sie will sich nicht so ganz stimmig in das Gesamtbild einfügen.

Auch das Ende der Geschichte bleibt merkwürdig diffus. Es kommt einerseits unerwartet und bleibt dabei gleichermaßen rätselhaft. Rein intuitiv schlägt man glatt noch mal eine Seite weiter, um festzustellen, ob die Geschichte nicht vielleicht doch noch weitergeht, nur um dann mit einem Fragezeichen auf der Stirn festzustellen, das die Geschichte nicht so recht zu Ende geht, sondern mehr oder weniger einfach aufhört. Das ist nach über 800 Seiten dann doch etwas unbefriedigend.

Doch trotz dieser Schwächen kann auch „Glamorama“ wieder zeigen, womit Ellis am meisten glänzt: Es sind die Beschreibungen der illustren Welt der New Yorker High Society. Ellis würzt seine Detailtreue in den Schilderungen des Alltags der Promis und Semi-Promis mit einer großen Portion Ironie, die die Leere hinter den schicken Fassaden der Reichen und Schönen entlarvt. Ellis rechnet auf diese Weise mit den Auswüchsen der modernen Gesellschaft ab, hinterfragt ihr Streben nach Geld, Macht und Ruhm und ist dabei schonungslos direkt und ehrlich.

Der Leser hat in dieser Konsequenz einiges zu schlucken. Ellis‘ Schilderungen sind drastisch und teils durchaus schwerverdaulich. Sex und Gewalt werden bis ins letzte winzige Detail dargestellt, ohne etwas zu beschönigen, auszulassen oder zu verstellen. Jede neue Bombenexplosion lässt Ellis den Leser genauso in Zeitlupe mitverfolgen wie das Sterben der Opfer, und das erfordert mitunter schon mal starke Nerven und einen unempfindlichem Magen. Ellis ist eben nichts für allzu zart besaitete Gemüter.

Schon bei „American Psycho“ hat Ellis sich weitestgehend auf seine Hauptfigur konzentriert. Alles, was passiert, steht in direktem Bezug zu Pat Bateman, bei ihm läuft alles zusammen und von ihm geht alles aus. „Glamorama“ weist eine ähnliche Konzentration auf die Hauptfigur auf, dennoch hat man diesmal das Gefühl, dass andere Figuren etwas zu oberflächlich und diffus skizziert bleiben. Dadurch, dass Ellis die Handlungsebene im zweiten Romanteil ausbaut, müssten eigentlich gleichzeitig auch die übrigen agierenden Figuren etwas mehr Tiefe und Profil bekommen, aber genau diese Profilierung fehlt am Ende irgendwie.

Erstaunlich lieblos wirkt übrigens die 2006er Taschenbuchausgabe des |Heyne|-Verlags. Besonders im ersten Romandrittel stolpert man dermaßen oft über Satz- und Schreibfehler, dass die persönliche Fehlertoleranz auf eine harte Probe gestellt wird. Doch fast, als wäre der Lektor zwischendurch zum Optiker gegangen, bessert sich dies im Laufe des Buches. Zum Optiker gehen sollte vielleicht auch mal der Grafiker, der das Coverartwork entworfen hat, denn das sieht mit seiner quietschigen 3D-Schrift so aus, also hätte sich der Praktikant in der Kaffeepause heimlich am PC seines Chefs zu schaffen gemacht. Aber genug gelästert für heute …

Bleibt abschließend festzuhalten, dass „Glamorama“ nicht an die Wucht und Größe eines Romans wie „American Psycho“ heranreicht. Ellis‘ Skandalwerk bleibt eben immer noch unerreicht. „Glamorama“ ist vielschichtig, wirkt aber dennoch teilweise nicht ganz ausgewogen. Die Auflösung der Geschichte ist in gewissen Teilen unbefriedigend und der Roman bleibt somit am Ende auch ein Stück weit rätselhaft und undurchdringlich.

Fazit: „Glamorama“ kann Ellis‘ Ruf als erstklassigem Satiriker nichts anhaben, aber es ist dennoch absolut kein Meisterwerk und wird wohl niemals so richtig aus dem Schatten von „American Psycho“ heraustreten können. Es bleibt die Erinnerung an ein Werk, das mit der Bürde eines vorangegangenen „Kultromans“ deutlich spürbar zu kämpfen hat.

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