Andreas Eschbach – Die Wiederentdeckung

Eine kleine Lektion für Praktikanten

Auf dem Planeten Eswerlund gibt es einen Schrottplatz für Raumschiffe, und genau dort werden in einem ausgedienten Gleiter Karten der verschollenen Galaxie Gheera wiederentdeckt. Diese bislang unveröffentlichte Erzählung spielt im gleichen Universum wie „Die Haarteppichknüpfer“, dem Romandebüt des Autors Eschbach.

Der Autor

Andreas Eschbach, Jahrgang 1959, studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik, bevor er als Software-Entwickler und Berater arbeitete. Schon als Junge schrieb er seine eigenen Perry-Rhodan-Storys, bevor er mit „Die Haarteppichknüpfer“ 1984 seine erste Zeitschriftenveröffentlichung landen konnte.

Danach dauerte es noch elf Jahre bis zur Romanfassung von „Die Haarteppichknüpfer“, danach folgten der Actionthriller „Solarstation“ und der Megaseller „Das Jesus-Video“, der mit dem renommierten Kurd-Laßwitz-Preis für den besten deutschsprachigen Science-Fiction-Roman des Jahres 1998 ausgezeichnet und fürs Fernsehen verfilmt wurde.

Seitdem sind die Romane „Eine Billion Dollar“, „Perfect Copy“, „Exponentialdrift“, „Die seltene Gabe“, „Das Marsprojekt 1-3“ sowie „Der Letzte seiner Art“ und „Der Nobelpreis“ erschienen, einige davon zudem als Hörbuch. Auch das Sachbuch „Das Buch der Zukunft“ gehört zu seinen Publikationen. Eschbach hat mehrere Anthologien, darunter „Eine Trillion Euro“, herausgegeben und eine Reihe von literarischen Auszeichnungen erhalten. Heute lebt er mit seiner Familie als freier Schriftsteller in der Bretagne.

 

Der Sprecher

Simon Jäger, geboren 1972 in Berlin. Seit 1982 arbeitet er als Synchronsprecher bei Film und TV. Er lieh u. a. Josh Hartnett, James Duvall, Balthazar Getty oder River Phoenix seine Stimme, aber auch „Grisu dem kleinen Drache“, und war auch in TV-Serien wie „Waltons“ und „Emergency Room“ zu hören. Seit 1998 arbeitet er zudem als Autor und Dialogregisseur. (Homepage-Info)

Handlung

Der junge Jowesh arbeitet noch nicht lange auf dem Schiffsfriedhof von Eswerlund. Sein älterer Kollege Pugwat muss ihm noch zeigen, wo es langgeht und wie man damit zufrieden ist, was man bekommt. Und was man als Wächter des Schiffsfriedhofs bekommt, ist wahrlich nicht viel. Immerhin gibt es fast jeden Tag etwas Neues.

Heute beispielsweise bringen die Revolutionstruppen zwei erbeutete Schmugglerschiffe auf den Friedhof. Ein fescher Karrierehengst von Offizier lässt sich den Erhalt von Schiffen und Schlüsseln quittieren und verduftet in die Stadt. Der Raumflughafen ist in der Ferne gerade noch zu erkennen. Jowesh kommt sich vor wie am Darmausgang des Universums. Dafür hat er nicht jahrelang Technik studiert. Er verdient etwas Besseres. Aber wie soll er es bekommen, wenn sein Kollege mit dem Wenigen zufrieden ist, das er hat und sich die Birne mit der Drillipdroge zuknallt?

Wie so oft schaut auch heute der Techniker und Schrotthändler Trelpaum vorbei. Nein, die neuen Schiffe sind noch nicht zur Verwertung freigegeben worden, denn das Gericht der Revolutionsgarden hat die Schmuggler noch nicht verurteilt. Seitdem der Sternenkaiser tot ist, muss alles seine bürokratische Ordnung haben. Na gut, aber könne er dann wenigstens einen Gravitronenneutralisator haben, fragt Trelpaum. Ein Büschel Drillip würde auch dabei herausspringen. Aber Jowesh hat eine bessere Idee: Er leiht sich von Trelpaum dessen Dekoderapparat und öffnet die Tür, von der Pugwat behauptet, sie führe nur in eine Abstellkammer …

Nachdem der Schrotthändler mit dem Grav verschwunden ist, weckt Jowesh seinen Kumpel und zeigt ihm, was hinter der Tür liegt. Pugwat staunt nicht schlecht, als dahinter ein Gang und eine zweite Tür zum Vorschein kommen und dahinter ein großer Raum, der ein Wunder birgt …

Als die Nachricht von der Verurteilung der Schmuggler eintrifft, lässt auch Trelpaum nicht lange auf sich warten. Pugwat merkt, dass der Schrotthändler heute ganz besonders nervös ist, als er die Kartentanks der zwei Schiffe erbittet. Er bietet sogar zwei Drillipbüschel dafür. Doch Pugwat muss ihn leider enttäuschen, denn es gibt ein kleines Problem. Über den zwei Schiffen der „Bruderschaft der dunklen Pfade“ wölbt sich ein gefechtsbereiter Schutzschild. Wieso das denn?! Und als wäre das nicht genug, senkt sich wenige Stunden später ein Schlachtschiff der Revolutionsregierung über den Friedhof und entsendet schwer bewaffnete Landetruppen.

Alles nur, weil Jowesh, angespornt von dem Fund hinter der Tür, ein wenig in den Sternenkarten der Schmuggler gestöbert hat und auf ein weiteres Wunder gestoßen ist: eine unbekannte Galaxie …

Mein Eindruck

Das Universum der Haarteppichknüpfer (HTK) ist aufgrund seiner Struktur immer für eine Erweiterung gut. (Und wer weiß: Wenn Eschbach im hohen Alter mal klamm sein sollte, könnte er es ins Perry-Rhodan-Universum eingemeinden. Dass es jemals dazu kommt, halte ich für relativ unwahrscheinlich.) Auch „Die Wiederentdeckung“ ist so eine Erweiterung. Sie mag nach nicht viel aussehen, aber das trifft für alle HTK-Erzählungen zu. Es geht darum, mit einer kleinen Story eine allgemeingültige Wahrheit zu vermitteln.

Diese Wahrheit lässt sich recht knapp formulieren: „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Doch die Umsetzung dieser Binsenweisheit wird für Jowesh dadurch erschwert, dass er sich nach dem Technikstudium auf einem abgelegenen Schrottplatz wiederfindet, mit absolut null Chancen, die Karriereleiter zu erklimmen. Allein schon diese missliche Lage, in der sich die Hauptfigur Jowesh befindet, verrät die humorvolle und optimistische Grundstimmung der Erzählung. Von hier aus kann es nur nach oben gehen.

Während sich sein älterer Kumpel Pugwat mit Drogen über die Tristesse seines Jobs tröstet, bemüht Jowesh seine grauen Zellen und stößt dadurch auf zwei Geheimnisse, die seine Lage entscheidend verbessern. Endlich kommt er von diesem Sackgassenschrottplatz runter. Man braucht sich also nur selbst mal auf die Socken zu machen, um weiterzukommen. Das könnte man jedem Praktikanten ins Stammbuch schreiben.

Bis es so weit ist, gibt der Autor seiner Figur viel Gelegenheit, sich über den Wandel der Zeiten und das Für und Wider von Revolutionen auszulassen. Früher, also noch in der ersten der HTK-Erzählungen, gab es ja den Sternenkaiser. Doch dann kam die Revolution, die noch nicht näher beschrieben wurde. Jetzt, sollte man meinen, ist alles besser geworden. Dass die neue Demokratie gar nicht so fantastisch aussieht, wenn man am Darmausgang des Universums arbeitet, ist eine der Erkenntnisse, die so nebenbei vermittelt werden. Die Demokratie ist nämlich gesichts- und sinnlos, wenn es keine Medien gibt, die die Botschaften der meist unbekannten Politiker zum Wahlvolk bringen. Demgegenüber lieferte der Sternenkaiser eine mythisch überhöhte Identifikationsfigur, auf die man sich beziehen konnte und die innere Sicherheit verlieh: ein Gottesersatz. Und der brauchte als Medien allenfalls Prediger und Statthalter.

Jowesh interessiert sich für die „Bruderschaft der dunklen Pfade“. Das klingt nach Geheimnis und Abenteuer. Eines ist wichtigsten Geheimnisse lüftet er selbst in den Sternenkarten. Und dass damit ein Abenteuer beginnt, macht spätestens die Ankunft des Schlachtschiffes über seinem Kopf klar. Denn selbstverständlich gibt es nun eine ganz neue Galaxis zu finden und zu erkunden.

Tja, wenn es auf der guten alten Erde nur auch so eine neue Frontier gäbe, aber auf der Landkarte ist sie nur sehr schwer zu finden. Und bis Menschen zu den Sternen fliegen, dürfte es noch eine Weile dauern. Aber es dürfte wohl auch in der Wirtschaft, der Kultur und im Internet eine Chance für den Praktikanten in uns geben. Der Selfmademan Eschbach ist selbst das beste Beispiel dafür.

Der Sprecher

Simon Jäger, die deutsche Stimme von Heath Ledger und Josh Hartnett, ist im Allgemeinen ein recht fähiger Sprecher. Er lässt sich viel Zeit für das Vortragen, spricht deutlich und kitzelt so die unterschwelligen Bedeutungen des Textes hervor. Diese verborgene Ebene ist in Eschbachs Story allerdings nicht so ausgeprägt, denn Vieldeutigkeit ist Eschbachs Sache nicht.

Wichtiger ist da schon die Unterscheidbarkeit der Figuren durch eine stimmliche Charakterisierung. Das ist bei den beiden Hauptfiguren, dem jungen Jowesh und dem älteren Pugwat, nicht ganz gelungen. Der Hörer ist auf die Regie des Erzählers im Text angewiesen, um festzustellen, wer nun gerade spricht. Besser gelöst ist dies bei Trelpaum, dem kurzatmigen, mitunter keuchenden Schrotthändler, und vor allem bei der Hure Fiudara. Sie zeichnet sich durch eine melodiösere, natürlich auch verführerische Ausdrucksweise aus.

Ich schrieb den Autor an, um die korrekte Schreibweise der Namen zu erfahren. Dabei stellte sich heraus, dass der Sprecher den Namen von Pugwat so undeutlich aussprach, dass ich stattdessen „Pupwert“ hörte. Na ja, aber das war auch das einzige Problem. Bei den Namen Jowesh, Fiudara und Trelpaum kann man nicht viel falsch machen.

Musik

Das Hörbuch hat ein Intro und ein Outro, aber das fand ich so wenig bemerkenswert, dass ich mir nichts dazu notiert habe. Es ist wohl nicht einfach, Musik zu SF zu schreiben, die wie Fantasy daherkommt.

Unterm Strich

Dies ist angeblich eine Erzählung über Glück. So heißt es am Anfang und am Schluss. Aber zugleich wird das natürlich in Frage gestellt. Denn was Pugwat als „Glück“ bezeichnet, beruht auf wesentlich mehr: auf Neugierde, auf Initiative und eigenständigem Denken. Und daher ist jeder seines Glückes Schmied. Jowesh demonstriert, warum diese alte Binsenwahrheit zutrifft.

Wie viele der Geschichten, die Eschbach erzählt hat – in „Der Nobelpreis“, „Das Jesus-Video“ oder auch „Eine Billion Dollar“ – liegt auch der „Wiederentdeckung“ eine optimistische Weltanschauung zugrunde, die mich seine Geschichten gerne lesen lässt. Und da geht es offenbar vielen Lesern ebenso. Es wäre schön, wenn er sein Haarteppichknüpfer-Universum noch ausbauen würden.

Der Sprecher Simon Jäger erledigt seinen Job recht gut, doch seine Aussprache der Namen hätte ein wenig deutlicher sein können. Immerhin gelingt es ihm, den ironischen Grundton der Geschichte herauszuarbeiten und die meisten Figuren individuell zu charakterisieren. Nur bei der Unterscheidung zwischen Jowesh und Pugwat hatte ich gelegentlich Schwierigkeiten.

Freunde von Action und Spannung kommen woanders auf ihre Kosten, aber Liebhaber von humorvollen Geschichten, die Optimismus vermitteln, sind hier genau richtig.

45 Minuten auf 1 CD
Originalbuchausgabe © 2000 by Eschbach
www.luebbe-audio.de