Estleman, Loren D. – Büffeljäger, Der

Citadel ist ein gottverlassenes Nest irgendwo im US-Staat Oregon. In diesem Frühling des Jahres 1898 steht Jeff Curry, gerade 18 geworden, an einem Wendepunkt seines jungen Lebens. Er ist ohne Familie und hat vom gerade verstorbenen Vater ein wenig Geld geerbt. Während er noch rätselt, was er nun anfangen soll, lernt er einen mysteriöser Mann kennen: Jack Butterworth ist ein unsteter Abenteurer, der im Bürgerkrieg gekämpft hat und anschließend kreuz und quer durch die USA gezogen ist. Gutes Geld hat er als Büffeljäger verdient, doch diese Zeiten sind längst vorbei. Seinen letzten Bison hat Butterworth vor sechs Jahren geschossen. Seither ist etwas in ihm zerbrochen. Mit dem Büffel ging der alte Westen dahin, den Butterworth liebte und der den rauen Männern seines Schlages eine Heimat bot. Die Gegenwart ist „zivilisiert“, die Gefährten sind alt und müde geworden oder längst tot. Deshalb brach Butterworth zum letzten Abenteuer seines Lebens auf. Ein Büffel hat das jahrelange Gemetzel offenbar überlebt. Der scheue Einzelgänger bewegt sich über die uralten Wanderwege seiner ausgerotteten Artgenossen. Ihm ist Butterworth seit Monaten auf der Spur. Fanatisch folgt er dem Tier, das sein Lebensinhalt geworden ist.

Fasziniert von einem Leben, das so viel farbiger ist als seines, schließt sich Jeff dem alten Mann an. Aus dem ersehnten Abenteuer wird freilich ein Kampf auf Leben und Tod, als der Indianer Logan den Weg der beiden Reisenden kreuzt. Er ist aus einem Reservat ausgebrochen und wird von zwei korrupten Indianerpolizisten verfolgt, die ihn um jeden Preis aus dem Weg räumen wollen. Butterworth muss einen von ihnen erschießen, und aus den Jägern werden Gejagte, denn jetzt ist ihnen auch das Gesetz auf den Fersen. Mit schlechtem Wetter, reißenden Flüssen, sogar mit einem tollwütigen Hund werden sie konfrontiert, doch nichts kann Jack Butterworth davon abhalten „seinen“ Büffel zu jagen …

Der Wandel zwischen zwei Epochen ist ein dankbares Thema für den Historienroman. Konfrontation oder Anpassung, Untergang oder Überleben – dies ist der Stoff, aus dem Geschichten gewoben werden. Der „Wilde Westen“ Nordamerikas, jene relativ kurze Phase, die mit dem Ende der Indianerkriege und dem Abschluss der Kolonisation etwa 1890 ausklang, gilt als „Sturm-und-Drang-Phase“ der USA-Gesellschaft. Sie konnte so lange dauern, wie Gesetz und Ordnung mit dem Sturm der Siedler, Eisenbahnbauer oder Goldgräber auf den Mittelwesten des Riesenkontinents nicht Schritt zu halten vermochten. Nicht selten mussten sich die Menschen ihre eigenen Regeln vor Ort schaffen und für ihre Aufrechterhaltung selbst Sorge tragen.

Das Ende dieses Schwebezustands zwischen „Anarchie“ und „Zivilisation“ wurde von denen, die diese Freiheit zu schätzen wussten, als Verlust empfunden, doch zunächst setzte sich die Haltung der Mehrheit durch, die froh war, die „Barbarei“ überwunden und geordnete Verhältnisse geschaffen zu haben. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts sorgten die aktuellen politischen Umbrüche unter einer Regierung, die sich autoritär, restriktiv, großkonzernhörig und sogar kriminell verhielt, eine zunehmend kritische Sicht auf die eigene jüngere Geschichte. Auch der Western als Filmgenre veränderte sich: Der „Spätwestern“ legte bloß, wie tief die Wurzeln dessen lagen, was schiefgelaufen war in der Entwicklung der USA.

Die Kritik kam vor allem aus den Reihen der jungen Generation. Loren D. Estleman ist Jahrgang 1952 und war gerade 26 Jahre alt, als „Der Büffeljäger“ 1978 veröffentlicht wurde. So ist es kaum verwunderlich, dass er viel „spätwesternliche“ Stimmung in seinen Roman einfließen ließ. Er schwelgt förmlich in einer bittersüßen Stimmung des Abschieds von einer Zeit, die – der Verfasser unterschlägt es nie – so golden nicht gewesen ist: Historische Realität wird gefiltert durch die Erinnerung.

Die Gegenwart (des Jahres 1898) ist hingegen eine Welt der zunehmend gesichtslosen Moderne. Estleman spricht den amerikanisch-spanischen Krieg von 1898 an, der nichts mehr mit den „gerechten“ Mann-gegen-Mann-Kämpfen der Vergangenheit zu tun hat, sondern mit Kanonen und Schnellfeuerwaffen entschieden wird. Bankräuber sind keine Helden, sondern brutal-ungeschickte Strauchdiebe, die chancenlos noch am Ort ihres Verbrechens wie die Hasen abgeknallt werden. Das Gesetz ist korrupt und nutzt seine Befugnisse zur Verfolgung Unschuldiger. Politische Missstände werden ignoriert.

In dieser Düsternis spielt sich die Geschichte vom alten Büffeljäger ab, der von einem Traum nicht ablassen kann. Estleman erzählt sie mit viel Verständnis für den Außenseiter, aber niemals larmoyant, sondern spannend, mit leisem Humor und Geschick für überraschende Episoden, wobei er nicht einmal davor zurückschreckt, einen tollwütigen Wahnsinnigen als |deus ex machina| auftreten zu lassen.

Der alte Westen trifft auf die neue Zeit: Das Ergebnis ist keine Konfrontation, sondern eine schleichende Niederlage des Westens, dessen Repräsentanten schlicht alt und schwach werden. Jack Butterworth ist das Relikt einer Zeit, die gar nicht lang zurückliegt. Männer wie er oder Constable Fowler oder Deputy Ledbetter waren es, die den Westen Nordamerikas einerseits „wild“ werden ließen, während sie ihn andererseits zähmten – und sich selbst ihrer Existenzgrundlage beraubten. Butterworth sucht die Grenzenlosigkeit eines Landes, dessen Ressourcen nicht nur ihm einst unerschöpflich schienen. Den konkreten Maßstab für diese Feststellung bildete der Bison, ein Wildrind, das noch Mitte des 19. Jahrhunderts in womöglich dreistelliger Millionenzahl die Prärien des nordamerikanischen Kontinents bevölkerte. In einer wahren Schlachtorgie wurden diese Tiere binnen weniger Jahre mit modernen Waffen fast vollständig ausgerottet.

Männer wie Butterworth waren hauptverantwortlich für diese traurige „Leistung“. Mit ihren kaliberstarken Gewehren konnten sie 50 bis 100 Bisons pro Tag schießen, denen sie die Felle abzogen und deren Fleisch sie verrotten ließen. Keine Säugetierart dieser Welt kann einen solchen Aderlass überstehen. Die Büffeljäger erkannten selbst, was sie anrichteten. Konsequent verdoppelten sie ihre Anstrengungen, um unter denen zu sein, die die letzten Bisons erwischten.

In den 1880er Jahren war der Blutrausch verflogen. Auch Jack Butterworth wachte auf – und fand sich verloren in einer Welt, die ihn und seinesgleichen nicht mehr benötigte. Zum Farmer oder Kaufmann eignete er sich nicht, ein Gesetzeshüter mochte er nicht werden. So zog er dem Büffel oder besser dem Geist des Büffels hinterher und wurde alt und wunderlich darüber. Der Büffel ist sein Gral geworden, den er sucht, ohne ihn wirklich töten zu wollen, denn was er dann mit sich und seinem Leben anstellen sollte, übersteigt seine Vorstellungskraft.

Jeff Curry ist ein Repräsentant des „neuen“ Westens. Büffel kennt er nur aus Büchern. Er stammt aus einer zerrütteten Familie; der Vater hat sich totgetrunken, die Mutter die marode Farm schon lange verlassen. Jeff sucht nach einem Lebensziel. Butterworth zu begleiten ist es nicht, was der junge Mann durchaus begreift und letztlich die notwendige Konsequenz ziehen wird, doch zu diesem Zeitpunkt seines Lebens ist es für ihn das Beste, etwas ganz Neues, ruhig Verrücktes zu versuchen.

Dass es Opfer zu bringen gilt, wenn man in die weite Welt zieht, ist eine Erfahrung, die Jeff ebenfalls nicht erspart bleibt: „Der Büffeljäger“ ist auch ein „coming-of-age“-Roman, der das Erwachsenwerden eines jungen Menschen als Thema gewählt hat. Jeff spielt gleichzeitig die „Dr. Watson-Rolle“, d. h. er stellt die Fragen, die auch dem Leser auf der Zunge liegen, der sich naturgemäß in der Welt eines Büffeljägers nicht auskennt.

Ganz im Hier und Jetzt lebt auch Logan, der sich auf seine Art als Verlierer fühlen muss. Zwar ist die Zeit der Indianerkriege vorüber, doch die Diskriminierung ist nur subtiler geworden: Eingepfercht in kargen Reservaten dort, wohin es den weißen Mann nicht zieht, weil es weder Bodenschätze noch fruchtbaren Boden gibt, fristen sie als Mündel eines bestenfalls gleichgültigen Staats ein unwürdiges Leben. Logans Vater starb im Gefängnis, er selbst musste fliehen, nachdem er einer Intrige seiner eigenen Leute fast zum Opfer fiel: Kein Wunder, dass Logan zu sarkastischen Äußerungen neigt. Aber er gehört auch zur ersten Generation der nordamerikanischen Ureinwohner, die sich zu integrieren beginnen; Logan wird schließlich „Hollywood-Indianer“ – eine ironische Coda zu einem Roman, der trotz aller Herbststimmung wunderbare Unterhaltung bietet und den Ruf des „Westerns“ als eindimensionale Revolveroper nachhaltig Lügen straft.

Loren D. Estleman (geb. 1952) studierte an der Eastern Michigan University, die er 1974 mit dem Grad eines |Bachelor of Arts| in Englischer Literatur und Journalismus verließ. Zwei Jahre später erschien sein erstes Buch, dem bisher mehr als 60 folgten. Hinzu kommen einige hundert Kurzgeschichten, Artikel, Rezensionen usw. Seit 1980 ist er hauptberuflicher Autor.

Estleman gehört zu den Unterhaltungsschriftstellern, die in mehr als einem Genre erfolgreich sind. Er schreibt – übrigens auch heute noch ausschließlich mit einer mechanischen Schreibmaschine – Krimis und hat mit seiner lang laufenden Serie um den Privatdetektiv Amos Walker einen modernen Klassiker geschaffen. Estlemans zweites Betätigungsfeld ist der historische Mittelwesten; auch hier hat er eine lange Reihe einschlägiger Literaturpreise gewonnen.

Heute lebt Estleman, der mit der Verfasserin Deborah Morgan verheiratet ist, im US-Staat Michigan. Über sein Werk informiert ausführlich die Website http://www.lorenestleman.com.

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