Farmer, Philip José – Liebenden, Die

_Früher Tabubruch_

Mit der Novelle „The Lovers“ erwarb sich der junge P.J. Farmer den Ruf eines Rebellen, stieß er doch mit dem Thema der Novelle – Sex mit einem Alien – eine Menge Leute vor den Kopf, v. a. Lektoren und Herausgeber. In der Romanfassung kommt dieser Zündstoff erst ganz am Schluss zum Tragen. Zudem wird die Wahrheit in einem langen Monolog eines der Wogs so reizlos präsentiert, dass sich der Abschnitt so aufregend wie ein Universitätsvortrag liest. Wer also „die Stellen“ sucht, sollte sich gleich auf die letzten zehn Seiten konzentrieren. Der Sex im restlichen Buch ist langweiliger als die Lektüre des „Playboy“.

_Der Autor_

Farmer ist ein Autor, der schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Schreiben anfing, aber nicht viel Glück hatte mit seinen Verlegern. Erst ab Ende der sechziger Jahre war ihm guter Erfolg beschieden – vor allem mit der bekannten „Flusswelt“-Serie. In die SF-Welt brach er jedoch bereits 1952 mit diesem Roman ein: „The Lovers“.

Farmer schrieb unter dem Titel „Timestop“ eine Fortsetzung seines Klassikers „The Lovers“, der in keinem Lexikon des Genres fehlt. Ende der 60er Jahre forderte er die Zensoren erneut heraus, mit freizügig erotischen Romanen wie „The Image of the Beast“, „Blown“ und „Flesh“, die 1989 gesammelt bei |Heyne| unter dem Titel [„Fleisch“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1038 veröffentlicht wurden.

http://www.pjfarmer.com/

_Handlung_

Der irdische Sprachforscher Hal Yarrow (engl. yarrow = eine Heilpflanze) ist Untertan eines Staatsgebildes, das sich – tausend Jahre nach einem apokalyptischen Krieg, der nur wenige Menschen übrig ließ – „die Haijac-Union“ nennt, an einem Überbevölkerungsproblem leidet und von der autoritären Staatskirche beherrscht wird. Die Herrschenden nennen sich Urieliten und tragen als Abzeichen ein goldenes hebräisches L (Lamech).

Beruflich und sexuell frustriert, ist Yarrow seit einer Weile auf dem absteigenden Ast; seine Frau Mary, eine linientreue Gläubige, meldet jeden seiner „unwirklichen“ Ausrutscher dem Blockwart, einem „Sept“ namens Pronsen. Der gehört der theokratischen Staatspolizei an. Als einer der Urieliten Yarrow die Chance bietet, an einer Eroberungsexpedition zum Planeten Ozagen teilzunehmen, dessen – wie sich später herausstellt – insektoide, aber intelligente Bevölkerung ausgerottet werden soll, damit irdische Kolonisten Platz haben, verlässt Yarrow ohne Widerspruch die Erde.

Auf Ozagen verliebt sich der Unterdrückte und ständig Überwachte in das hübsche und unbefangen agierende Mädchen Jeannette Rastignac, das von französischen Kolonisten, die auf Ozagen gestrandet waren, abstammen will. Doch am Schluss erfährt Yarrow – und ebenso der Leser – dass sie eine „Lalitha“ ist, die sterben muss, sobald sie gebärt und die, um nicht zu empfangen, alkoholische Getränke zu sich nimmt, um einen fiktiven „photokinetischen“ (evtl. auch „photogenitalen“ – die Quellen weichen hier voneinander ab) Reflex lahmzulegen.

Da Yarrow jedoch glaubt, dass seine versteckt gehaltene Geliebte eine heimliche Alkoholikerin ist, verdünnt er den für sie empfängnisverhütenden Alkohol mit einer neutralen Flüssigkeit (die aber auch süchtig macht) und glaubt, sie dadurch langsam vom Trinken abbringen zu können. Was er jedoch nicht weiß, ist, dass die Lalitha keineswegs eine eigenständige humanoide Rasse des ansonsten von Insektoiden, den Wogs, bevölkerten Planeten darstellen, sondern nur eine andere Form des insektoiden Lebens auf Ozagen, das aber in Symbiose mit männlichen Vertretern anderer Arten lebt – jede Lalitha ist potentiell unsterblich.

|VORSICHT, SPOILER!|

Jeannette wird ohne ihr Wissen schwanger, Yarrow unwissentlich zu ihrem Mörder und gleichzeitig Vater von kleinen Insektenlarven. – Die Wogs durchschauen schließlich die üblen Absichten der irdischen Staatskirche, töten die restlichen Crewmitglieder der Expedition und retten Hal Yarrow vor dem Zorn seiner einstigen Herren. Yarrow jedoch, der Jeannette wirklich geliebt hatte, ist am Boden zerstört.

_Unterm Strich_

Sehr schön herausgearbeitet hat Farmer die theokratische Struktur der neuen Post-Holocaust-Gesellschaft und vor allem die Struktur ihrer Legitimation. „Der Vorbote“ ist der Prophet, der alle Gesetze vorgegeben hat – die „der Nachbote“ auf teuflische Weise zu untergraben versucht. Alles, was gemäß den Vorbotengesetzen ist, ist „wirklich“, alles andere „unwirklich“. Die Wogs, intelligente Insektoiden, wiederlegen die Argumente des Vorboten schon mit wenigen logischen Schlüssen. So erkennt Yarrow, dass seine ganze Welt aus lauter Lügen aufgebaut ist – genau wie seine Liebe zu Jeannette.

|Originaltitel: The Lovers, (Story 1952) 1961
Aus dem US-Englischen von Jürgen Inhoff|

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