Feth, Monika – Scherbensammler, Der

Der Name Monika Feth steht für Kinder- und Jugendbücher, in denen nicht alles heile Welt ist. Die Autorin beschäftigt sich oft mit Themen, die tief gehen. Wie auch in diesem Fall. „Der Scherbensammler“ erzählt von einem jungen Mädchen, das an einer dissoziativen Identitätsstörung, im Volksmund auch multiple Persönlichkeitsstörung genannt, leidet.

Den Rahmen der Geschichte bilden erneut Jette Weingärtner und ihre Freundin und Mitbewohnerin Merle. Die beiden standen bereits in Feths Jugendthrillern „Der Erdbeerpflücker“ und „Der Mädchensammler“ im Mittelpunkt und nach diesen Erlebnissen hatten sie eigentlich beschlossen, nicht sofort wieder in gefährliche Situationen zu rutschen. Jette, die gerade ihr Abitur gemacht hat, arbeitet deshalb für ein Jahr im Altersheim, während Merle eine Stelle in einem Tierheim angenommen hat.

Die Tierliebe der beiden Mädchen wird ihnen schließlich zum Verhängnis. Als Jette von ihrer Mutter gebeten wird, ihre beiden Katzen ins Haus zu lassen, findet ihre Tochter im Gebüsch ein verschrecktes Mädchen, das über und über mit Blut besudelt ist. Mina, so der Name, kann sich zuerst an nichts erinnern, doch Jette und Merle, die das Mädchen erstmal bei sich aufnehmen, wird schnell klar, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Minas Stimmungsschwankungen machen das Zusammenleben mit ihr schwer, und als sie eines Tages behauptet, ihren eigenen Vater umgebracht zu haben, spitzt sich die Situation zu.

Es stellt sich heraus, dass Mina eine Patientin des Freundes von Jettes Mutter, einem Psychologen, ist und an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidet. Obwohl sie sich des Risikos bewusst sind, wollen die beiden Freundinnen Mina als Mitbewohnerin behalten und sie nicht der Polizei übergeben, die Mina wegen des Mordes an ihrem Vater, dem Vorsitzenden einer mysteriösen religiösen Gemeinschaft, sucht. Doch als ein zweiter Mord geschieht, steigt auch der Druck auf die drei Mädchen, und sie beschließen, sich zu verstecken. Allerdings haben sie nicht mit dem wirklichen Mörder gerechnet …

Da in dem Buch das Thema „Multiple Persönlichkeit“ im Vordergrund steht, sollte das natürlich dementsprechend aufbereitet werden. Feth gelingt das sehr gut. Man merkt, dass sie sauber recherchiert hat, und sie schafft es, das Wissen gebündelt und ansprechend herüberzubringen. Sie stellt Mina weder als Monster noch als Heilige dar und versucht auch keinen reißerischen Profit aus der Situation zu ziehen. Stattdessen stellt sie das junge Mädchen und seine Persönlichkeiten sehr vielschichtig, authentisch und vor allem so dar, dass der Leser sich in es hineinversetzen kann.

Hineinversetzen kann sich der Leser auch gut in die anderen Personen. Feth beschränkt sich auf einige, teilweise sehr unterschiedliche Perspektiven. Neben den jungen Mädchen Merle, Jette und Mina gehören dazu auch der Psychologe Tilo und der ermittelnde Kommissar Bert. So bekommt der Leser einen sehr umfassenden Blick auf das Geschehen. Neben Jette und Merle, die Mina erst kennen lernen müssen, erfährt er von Tilo die Seite des Therapeuten, und Bert sorgt dafür, dass die Kriminalhandlung nicht in den Hintergrund gerät.

Die einzelnen Personen und ihre Perspektiven sind sehr tiefgründig und dicht gestaltet. Feth konzentriert sich neben den realen Ereignissen stark auf die Gedanken, Gefühle und Konflikte einer jeden Person, was eine sehr introvertierte und farbige Sicht auf das Leben der Charaktere ermöglicht. Nimmt man alle Protagonisten zusammen, ergibt sich ein sehr pralles, aber dennoch übersichtliches Buch, das psychologischen Tiefgang vorweisen kann.

Obwohl der Fokus auf den Personen liegt, vernachlässigt die Autorin die Spannung nicht. Die Handlung ist zwar nicht perfekt durchkomponiert, erfüllt aber ihren Zweck. Feth treibt ihr kleines Versteckspiel mit dem Leser, indem zwar alles auf Mina als Täterin deutet, der Leser es aber nicht glauben will, weil er sie von ihrer schwachen Seite kennen lernt. Minas andere Persönlichkeiten offenbaren sich erst im Laufe des Buches, was einiges an Spannung ausmacht. Auch wenn Mina als Mina nicht dazu fähig wirkt, jemanden umzubringen, werfen die Kämpferin Cleo und der aggressive Marius ein ganz anderes Licht auf die Angelegenheit.

Dementsprechend bleibt lange unklar, wer als Mörder in Frage kommt. Gibt es da vielleicht noch einen unbekannten Dritten, der bis jetzt noch nicht in Erscheinung getreten ist? Feth beherrscht dieses kleine Spielchen perfekt. Selten hat ein Jugendbuch das Etikett „Thriller“ so sehr verdient wie „Der Scherbensammler“.

Einzig am Schreibstil merkt man ab und an, dass Feth sich nicht an Erwachsene, sondern Jugendliche wendet. Einfach, teilweise ein bisschen kuschelig schreibt sie und schlägt dabei keine großartigen rhetorischen Kapriolen. Manchmal schimmert eine gewisse idealistische Naivität bei Jette und Merle durch. Vor allem ihr sozialer Zeigefinger in Bezug auf Tierhaltung und Altersheim nerven an einigen Stellen und erinnern eher an eine Propagandaschrift als an einen Roman. Glücklicherweise hält Feth sich damit aber zurück, so dass es außer ein wenig Schluckauf an erwähnten Stellen keine Unebenheiten im flüssigen Schreibstil gibt.

In der Summe ist Feth ein Jugendbuch gelungen, das sicherlich auch dem einen oder anderen Erwachsenen gefällt. Sie schreibt sehr dicht und mit psychologischer Sorgfalt und bedient sich zudem eines interessanten Themas. Gerade in Verbindung mit dem Mord erhält die Diagnose Dissoziative Identitätsstörung natürlich besondere Brisanz und ist ein geschickter Schachzug in dem fesselnden Verwirrspiel, das „Der Scherbensammler“ bietet.

http://www.cbj-verlag.de

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