Flannary, Tim – Dschungelpfade. Abenteuerliche Reise durch Papua-Neuguinea

Neuguinea-Pidgin ist eine merkwürdige Kombination aus Englisch und diversen Sprachen der einheimischen Inselbewohner. Aber die Verständigung funktioniert, was ratsam ist in einer Welt, die sich bis vor wenigen Jahren praktisch in jedem isolierten Bergtal neu definierte. „Throwim way leg“ bedeutet: „sich auf eine Reise begeben“. Genau das beherzigte der australische Zoologe Tim Flannery, den in den 1980er Jahren das Fernweh packte. Ihn zog es auf die nach Grönland größte Insel dieses Planeten, wobei über den Eisblock im Norden viel mehr bekannt ist als über die Tropenwelt im Süden. Weiterhin sind große Teile der Insel völlig unentdeckt. Wo gibt es das sonst noch auf diesem Erdball? Ein verlockendes Betätigungsfeld für einen wagemutigen Forscher und Reisenden also. Flannerys launig beschriebenen sieben Reisen führten ihn deshalb direkt auf die Spuren der großen Entdeckungsreisenden der Vergangenheit. Nicht umsonst nennt man ihn den „australischen David Livingston“ (wenn wir dem Klappentext Glauben schenken möchten).

Neuguinea – das wusste Flannery schon – ist zwar geologisch die „Bugwelle“, die der Zwergkontinent Australien auf seiner Drift über das Lavameer unterhalb der Erdschollen aufgeworfen hat, weist aber in seiner Tier- und Pflanzenwelt bemerkenswert wenige Parallelen auf. So leben auf Neuguinea z. B. die Kängurus prinzipiell auf Bäumen – mit Ausnahme der eigentlichen Baumkängurus, denn die leben hartnäckig auf dem festen Boden und unterstreichen eindrucksvoll Flannerys These, dass in diesem seltsamen Winkel alles etwas anders läuft. (Kängurus spielen eine wichtige Rolle in diesem Buch, denn Tim Flannery hat sich auf ihre Biologie spezialisiert; Fledermäuse kann er aber auch gut …)

Seit 45.000 Jahren leben Menschen auf Neuguinea, aber noch in den 1930er Jahren hatten die meisten noch niemals einen weißen Mann gesehen. Das war kein Verlust, wie sich zahlreiche Massaker später herausstellte, aber es hatte gewisse Nachwirkungen, die noch heute Forschungsreisen in abgelegene Regionen nicht ungefährlich macht, zumal Kannibalismus und Kopfjagd auf Neuguinea nicht nur wehmütig erinnerte, sondern durchaus weiterhin praktizierte Gebräuche sind: Die einheimische Bevölkerung kann oft nicht schreiben, aber ihr Gedächtnis ist ausgezeichnet und unendliche Duldsamkeit der kolonialistischen Obrigkeit gegenüber ihr Ding nicht.

Die Entbehrungen, die er auf sich nehmen musste, lesen sich in Flannerys Erinnerung vergnüglich, weil er sich offenbar mit einer Art Crocodile-Dundee-Mentalität ins absolute Abenteuer stürzt. Bei näherer Betrachtung schreckt der couchkartoffelige Durchschnittsleser aber doch schaudernd zurück. Neuguinea wartet nicht nur mit einem meist mörderisch heißen und feuchten Schimmel-Klima, sondern auch mit einer Furcht erregenden Tierwelt auf. Parasiten und giftiges Getümmel gedeiht prächtig hier und schätzt den Menschen gar sehr als Wirt. Was das für Folgen hat, wird von Flannery in drastischen Worten beschrieben. Einige Fotos des Bildteils belegen, dass er nicht untertreibt. (Lerne selbst, was „grile“ ist, liebe/r Leser/in – aber bitte auf eigenes Risiko! Und der Bandwürmer verspeisende Willok gilt selbst unter seinen strapazierfähigen Mitbürgern als Außenseiter.)

Flannery hungert, stinkt und steckt sich mit Krankheiten an, von denen man nicht einmal lesen möchte. Aber er kehrt immer wieder zurück, und man versteht ihn. Neuguinea ist eine fremde und unbarmherzige, aber faszinierende Welt. Inzwischen hat Flannery reichen Lohn empfangen. Er konnte bemerkenswerte Bekanntschaften knüpfen, hat Erfahrungen gemacht, um die man ihn beneiden kann. Aber auch als Wissenschaftler ist ihm Erstaunliches gelungen: Tim Flannery gehört zu denen, die immer wieder völlig unbekannte Tierarten entdecken! Das ist auf Neuguinea noch im 21. Jahrhundert möglich – und wir sprechen hier nicht von Insekten, sondern von ziemlich großen Säugetieren.

Freilich sterben sie oft aus, noch bevor sie richtig entdeckt werden. Trotz seines von angelsächsischem (und robustem) Humor geprägten Schreibstils verschweigt Flannery die eher traurigen Seiten des Urwelt-Lebens auf Neuguinea nie. Sie sind – wen wundert’s – primär von Menschen gemacht. Die Insel ist heute ein zweigeteiltes Land. Der Westen – Irian Jaya – gehört zur Militärdiktatur Indonesien. Papua-Neuguinea im Osten ist selbstständig, aber das bedeutet längst nicht, dass die Ureinwohner über ihre Heimat bestimmen dürfen. In vielen deprimierenden Kapiteln beschreibt Flannery, wie die eigentlichen Bürger der Insel um ihre Rechte betrogen wurden und werden. Gesetzlosigkeit, Krankheit, Hunger, Unterdrückung, Ausbeutung: Neuguinea ist in diesen Punkten ein sehr modernes Land.

Flannery verschweigt noch unangenehmere Wahrheiten nicht. Die bedrängten Ureinwohner sind beileibe keine Engel. Ihr unglaubliches hartes Leben hat sie in Jahrzehntausenden zu einem hoch spezialisierten Menschenschlag werden lassen, dessen Sozialstruktur uns angeblich „zivilisierten“ Erdmenschen äußerst exotisch, ja, grausam anmutet. Aber selbst unter Berücksichtigung der alten Weisheit „Andere Länder, andere Sitten“ und unter großzügig politisch korrekter Auslegung des Selbstbestimmungsrechtes der im Einklang mit Mutter Natur existierenden Ureinwohner lässt sich beim besten Willen nicht leugnen, dass auch diese vor allem – Menschen sind. Flannery entdeckt daher unerfreuliche Wesenszüge auch bei den notorisch über den Tisch gezogenen Inselbewohnern. Sie betrügen einander, sind sich spinnefeind; statt greenpeacige Einigkeit ihren neokolonialistischen Feinden gegenüber zu demonstrieren, lassen sich von alten Naturgöttern keine klügeren Weisheiten vermitteln als von garstig besserwisserischen Missionaren.

Neuguinea ist ganz sicher nicht das verlorene Paradies auf Erden. Auch der eifrige und offene Forscher Flannery muss dies auf die harte Tour lernen – ein schmerzlicher Prozess, der ihm während einer Reise durch den indonesischen Westen ein echtes Trauma bescherte, als er Zeuge wurde, wie die Bediensteten eines Konzerns, der seine aktuelle Expedition finanzierte, rassistisch einen „Wilden“ umbrachten und er sich plötzlich fragen musste, ob er sich mitschuldig an dieser Tat gemacht hatte. Flannery unterschlägt dieses Ereignis und seine womöglich wenig schmeichelhafte Rolle darin nicht. Es hat seiner Liebe zur Insel Neuguinea einen nachhaltigen Dämpfer versetzt.

Flannerys Ehrlichkeit und die lange Kette definitiv berichtenswerter Abenteuer machen „Dschungelpfade“ zum Lektüre-Erlebnis. Rührselig-epiphanisches „Groß ist Mutter Gäa!“-Gestammel bleibt dem Leser erspart. Die eindrucksvollen Farbbilder komplettieren den durchweg positiven Eindruck, den dieses Buch hinterlässt. Dass die Faszination Neuguineas trotzdem aus jeder Zeile spricht – und das überzeugend -, ist die bemerkenswerte Leistung eines klugen Mannes, der sein Wissen teilt statt zu predigen und auf diese Weise einen um so nachhaltigeren Eindruck hinterlässt.

Tim Flannery, geboren 1956 in Canberra, der Hauptstadt Australiens, ist nicht nur Entdeckungsreisender und Feldforscher, sondern „hauptberuflich“ der Direktor des „South Australian Museum“ in Adelaide. Darüber hinaus lehrt er als Professor an der örtlichen Universität. Immer wieder unternimmt er ausgedehnte Forschungsreisen durch die ozeanische Welt. Flannery gilt als bester Kenner der heimischen Säugetierwelt, widmet sich aber auch komplexen ökologischen Studien und macht sich stark für die Tier- und Pflanzenwelt dieser Region, die wie die einheimische Bevölkerung bedroht wird durch den Raubbau der „modernen“ Zivilisation. 18 Bücher hat Flannery veröffentlicht.

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