Flewelling, Lynn – verborgene Kriegerin, Die (Tamír Triad 2)

_Tamír Triad_
Band 1: [Der verwunschene Zwilling]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=6101
Band 2: _Die verborgene Kriegerin_

Seit Tobin weiß, dass er eigentlich ein Mädchen ist, fühlt er sich überhaupt nicht mehr wohl in seiner Haut. Seit der Rückkehr des Königs muss er zwar nicht mehr fürchten, von Ki getrennt zu werden und er steht offensichtlich in des Königs Gunst. Doch er mag seinen Vetter Korin sehr und fürchtet, eines Tages mit ihm um den Thron Skalas kämpfen zu müssen. Außerdem sorgt des Königs Anwesenheit dafür, dass Tobin öfters mit Niryn zusammentrifft.

Niryn wiederum hat seine ganz eigenen Pläne mit Skala. Und in denen ist weder für Tobin noch für Erius oder Korin Platz. Iya und Arkoniel versuchen derweil, die bereits behutsam ausgelotete Unterstützung für Tobin heimlich zusammen zu trommeln …

Da Tobin erst zu einem recht späten Zeitpunkt des ersten Bandes nach Ero kam, blieb nicht genug Raum, um alle dortigen Charaktere gleichermaßen stark zu gewichten. Das galt vor allem für Niryn und den König, was die Autorin nun nachholt.

Niryn ist einfach zu charakterisieren, er ist machtgierig, skrupellos und grausam. Den König hat er manipuliert, und da er fürchtet, dass ihm das mit dem Kronprinzen nicht gelingen wird, versucht er, ihn loszuwerden. Das klingt ziemlich nach dem Bild des bösen, bösen Großwesirs, zumal es kein Motiv für Niryns Tun zu geben scheint außer eben seiner Machtgier.

Beim König ist es nicht ganz so einfach. Erius scheint ernstlich um sein Reich besorgt und aufrichtig bemüht, es vor den Plenimarern zu schützen. Gleichzeitig verschließt er standhaft die Augen davor, was sein Verstoß gegen den Willen Illiors seinem Volk antut. Warum er allerdings so erpicht darauf ist, nicht nur eine männliche Königsdynastie zu gründen, sondern auch sämtliche Frauen vom Dienst an der Waffe auszuschließen, muss der Leser sich selbst zusammen reimen.

Korins Charakterzeichnung, die bereits recht lebendig geraten war, wird weiter vertieft. Seine Saufgelage und seine Herumhurerei, die bisher noch wie der Übermut und die Langeweile eines Heranwachsenden wirkten, der sich unbedingt im Kampf beweisen will, aber nicht darf, erscheinen nach der ersten öffentlichen Hinrichtung, der die Gefährten beiwohnen, und nach dem Kampf mit den Banditen in einem völlig anderen Licht. Korin mag seinen Freunden gegenüber charmant, lustig und gutmütig sein, im Grunde jedoch ist er ein arroganter Egozentriker, der sich nur für sich selbst interessiert, und außerdem als militärischer Anführer ein Versager.

Und die Figur ihrer Hauptprotagonistin hat die Autorin ein gutes Stück weiterentwickelt. Tobin wird allmählich erwachsen, mit allen Problemen, die sich daraus für ein Mädchen im Körper eines Jungen ergeben. Nicht nur, dass die junge Adlige Una offenbar tiefere Gefühle für den Neffen des Königs entwickelt, obwohl Tobin zunehmend mit ihren eigenen Gefühlen für Ki zu kämpfen hat. Wie einst mit den Puppen ihrer Mutter geht es Tobin nun mit deren Kleidern, die sie in einem Schrank in Atyion entdeckt: Sie fühlt sich davon angezogen, gleichzeitig jedoch empfindet sie den Gedanken, Frauenkleider zu tragen, als peinlich und unangenehm. Sie will eigentlich auch gar keine Königin sein, andererseits genießt sie die Huldigungen, die ihr von den Soldaten und der Bevölkerung Atyions entgegengebracht werden. Und dann ist da auch noch der Bruder, von dem sie inzwischen weiß, dass er leidet, und der sie hasst und dennoch beschützt. So gern Tobin die Bindung zwischen ihnen lösen würde, um ihrer beider Freiheit willen, fürchtet sie sich doch davor, die geborgte Hülle zu verlieren, die ihr so viel vertrauter ist als ihr eigener Körper. Ganz gleich, worum es geht, Tobin fühlt sich fast ständig hin und her gerissen.

Lynn Flewelling hat das hohe Niveau ihrer Charakterzeichnung weitgehend gehalten. Die Figuren, die sie weiter ausgebaut hat, sind so lebendig und glaubwürdig wie alle anderen, allein dass Niryn ein wenig ins Klischee abgerutscht ist, obwohl er zunächst einen recht viel versprechenden Eindruck machte, fand ich schade. Dafür ist Tobins Entwicklung umso besser gelungen, und da es im Grunde ihre Geschichte ist, kann ich auch damit leben, dass über König Erius Motive kein Wort verloren wird.

Die Handlung weist diesmal wesentlich mehr Bewegung auf als im ersten Band, nicht nur im Zusammenhang mit Tobin, sondern auch mit Arkoniel, der noch immer auf der Feste lebt, seine magischen Studien betreibt und von Lhel lernt, und Iya, die in Ero auf ein Widerstandsnest von freien Zauberern trifft. Die Zuspitzung der Situation streift diese beiden Stränge jedoch lediglich, zeigt eher die Auswirkungen der Zuspitzung, als dass Arkoniel oder Iya aktiv daran beteiligt wären. Erst gegen Ende kommt ihnen eine größere Rolle bei der Entwicklung der Ereignisse zu. Es ist, als hätten diese beiden bisher hauptsächlich Vorbereitungen für den dritten Band getroffen.

Für die Zuspitzung ist natürlich Niryn verantwortlich. Seine Schergen sind es, die die freien Zauberer verfolgen und in den Untergrund treiben. Außerdem intrigiert er kräftig gegen seinen größten Widersacher Orun und sorgt rücksichtslos dafür, dass Korin keinerlei Erben in die Welt setzt. Dabei macht er nicht einmal vor Korins junger Gemahlin Halt. Im Vergleich dazu erschien mir seine Passivität Tobin gegenüber ziemlich seltsam. Zweimal hat er die Auswirkungen der Magie gespürt, als Tobin Bruder gerufen hat. Tobin hat Bruder aber wesentlich öfter gerufen. Ich frage mich, warum Niryn die übrigen Male nichts gespürt hat.

Und weil wir schon dabei sind: Wie hat Niryn Nalia verborgen gehalten, als Korin mit seiner Braut und seinen Gefährten während seiner Hochzeitsreise Gast in Cirna war? Ist Nalia freiwillig die ganze Zeit in ihrem Zimmer geblieben, selbst für die Mahlzeiten? Sie muss doch zumindest Frage gestellt haben. Aber dieser Aspekt wurde von der Autorin komplett übergangen.

Trotz dieser kleinen Knicke hat mir der zweite Band ebenso gut gefallen wie der erste, obwohl ich auch ihn nicht wirklich spannend fand, nicht einmal während der Schlacht am Ende des Buches. Immerhin kam der Umsturz aus einer gänzlich unerwarteten Richtung, was für eine echte Überraschung sorgte. Die gelungenen Charaktere tragen die Handlung problemlos selbst während einiger Passagen, die vielleicht nicht ganz so entscheidend für die Entwicklung der Ereignisse sind, so dass niemals Langeweile aufkommt.

Selbst Niryn, der als Person so relativ wenig hergibt, weiß durch seine Funktion innerhalb des Plots zu fesseln: Ist das Amulett, das er Korin gab, Totenbeschwörermagie oder nicht? Und wenn ja, ist Niryn dann tatsächlich Plenimarer? Wenn ja, wieso ist er dann mit dem Prinzen aus Ero geflüchtet? Und wenn nein, wie konnte er dann Totenbeschwörermagie einsetzen? Und wenn es keine Totenbeschwörermagie war, mit welcher Art von Magie hat er dann dieses abscheuliche Ergebnis erziehlt? Und dann ist da natürlich auch noch die seltsame Schale, über die der Leser im Laufe des Buches zwar ein wenig mehr erfährt, die aber bisher noch keine richtige Rolle in der Geschichte gespielt hat, so dass der Leser sich fragt, warum das Ding eigentlich immer wieder erwähnt wird. Die Autorin weiß das Interesse ihrer Leser jederzeit wach zu halten, auch über das Ende eines Bandes hinaus.

_Lynn Flewelling_ studierte Englisch, Geschichte und noch einiges andere und war in diversen Berufen tätig, ehe sie ihren ersten Roman veröffentlichte. „Der verwunschene Zwilling“ ist der erste Band ihrer Trilogie |Tamír Triad|. Außerdem stammt der Zyklus |Die Schattengilde| aus ihrer Feder, der inzwischen bis Band 5 gediehen, auf Deutsch derzeit aber nur bis Band 3 und nur gebraucht erhältlich ist.

|Broschiert: 608 Seiten
ISBN-13: 978-3902607096
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 16 Jahren
Originaltitel: |Hidden Warrior|
Übersetzt von Michael Krug|
http://www.otherworldverlag.com
http://www.sff.net/people/Lynn.Flewelling/

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