Flynn, Vince – Angriff, Der

Bei Filmen und Romanen kommt es nicht selten vor, dass der Zuschauer oder Leser sich denkt: Nette Story, aber realistisch ge- und beschrieben ist das nicht wirklich, denn das kann so gar nicht passieren. Doch manchmal, Jahre später, erweisen sich einige Autoren geradezu als prophetisch. Nehmen wir mal den Terrorismus als Beispiel: Tom Clancy, seines Zeichens Autor von Action- und Politthrillern, ließ ein Passagierflugzeug auf das Pentagon abstürzen – am 11. September 2001 wurde dieses Szenario brutale Wirklichkeit und veränderte auf immer die Welt.

Es gibt seit diesem tragischen Tag eine zunehmende Menge von Romanen, die das Thema Terrorismus förmlich ausschlachten. Die meisten davon legen eine einseitige „Gut gegen Böse“-Sichtweise an den Tag und urteilen vorschnell, ohne wirklich geschichtliche Hintergründe zu kennen oder einzubeziehen, und aufgegriffene Halbwahrheiten machen dieses Ärgernis nur noch schlimmer.

Was fast allem amerikanischen Autoren gegeben ist, das ist ein strikter und unerschütterlicher Glaube an die eigene Nation und ihren Krieg gegen den Terrorismus, egal mit welchem Mitteln dieser geführt wird. Die arabischen Staaten werden hier gern beharrlich als die absolut „Bösen“ klassifiziert.

Auch der Autor Vince Flynn stellt hier keine Ausnahme dar. Doch was die Spannung angeht, und davon lebt ja bekanntlich eine solche Geschichte, so braucht Flynn sich nicht hinter anderen bekannten und erfolgreichen Autoren seines Genres zu verstecken.

_Die Story_

Washington, D. C., das Weiße Haus, Amtssitz des amerikanischen Präsidenten, des mächtigsten Mannes unseres Planeten. Dieses Gebäude, glaubt man den Sicherheitskräften vom Secret Service, ist das sicherste der Welt, mit dem besten verfügbaren Personenschutz. Dennoch gelingt es einem Terroristen, mit einer Gruppe von islamistischen Anhängern das Weiße Haus zu stürmen und tatsächlich zu erobern: Washington D. C. ist zu einer Zielscheibe des Terrors geworden. Die Aktion wurde bis ins kleinste Detail geplant, monatelang wurde auf diesem Zeitpunkt hingearbeitet, die finanziellen Mittel für diesen terroristischen Akt kommen – natürlich – von Saddam Hussein, der nach dem verlorenen Zweiten Golfkrieg Vergeltung für die Schmach fordert (das Original des Romans erschien 1999).

Nach einem kurzen, aber heftigen und opferreichen Gefecht innerhalb des Gebäudes, ist das Weiße Haus nun in den Händen der radikalen Terroristen, die ihre persönliche Lage nicht unterschätzen und durchaus damit rechnen, zu Märtyrern zu werden. Zu allem entschlossen, haben sie auch mehr als einhundert Geiseln in ihre Gewalt gebracht und drohen damit, diese umzubringen, sollten ihre drei eindeutig formulierten und nicht verhandelbaren Forderungen nicht akzeptiert und ausgeführt werden.

Allerdings hat der Plan insoweit nicht funktioniert, als der Präsident der Vereinigten Staaten nicht in ihre Gewalt gebracht wurde. Nur mit knapper Not entging dieser mit einer Handvoll Männern des Secret Service dem Zugriff der Terroristen und verschanzt sich jetzt im Bunker des Weißen Hauses. Doch die Terroristen geben natürlich deswegen nicht auf, lassen die Zeit für sich spielen und setzen alles daran, den Bunker zu knacken und den Präsidenten aus seinem Versteck zu holen.

Mitch Rapp, ein erfahrener Agent einer paramilitärischen Gruppe, die der CIA untersteht, ist gerade von einem erfolgreichen Einsatz zurückgekehrt. Zusammen mit seiner Vorgesetzten Dr. Irene Kennedy verfolgt er das Drama, welches sich im Weißen Haus abspielt. Aber die Bürokratie des Krisenstabes ist für den Mann der seine Entscheidungen in Sekundenschnelle treffen muss, regelrecht ernüchternd.

Militär und Politik und nicht zuletzt der Geheimdienst sowie der Vizepräsident sind sich nicht einig darüber, wie sie dem Angriff entgegenzutreten haben: mit aller Härte, ohne die Forderungen der Terroristen zu akzeptieren, einen Gegenangriff starten, wobei es möglich wäre, dass alle Geiseln getötet werden, oder sich für die Diplomatie entscheiden und Zugeständnisse zu machen, um die Geiseln vielleicht doch retten zu können.

Die CIA und verschiedene Spezialeinheiten beraten sich und entschließen sich dazu, das Weiße Haus zurückzuerobern. Mitch Rapp, der jahrelang den Drahtzieher und Anführer der Terroristen jagte und seine Persönlichkeit zu durchschauen weiß, meldet sich freiwillig, um auf verborgenen Wegen in das besetzte Gebäude zu gelangen, dort die Lage zu sondieren und einen Gegenangriff erst möglich zu machen. Mit Hilfe von Kameras kann sich der Agent ein Bild von der kritischen Lage machen und den Sondereinsatzkräften der Polizei und des Militärs wertvolle Hilfestellung geben.

Doch der Vizepräsident hat seine eigenen Methoden und versucht die Krise auszunutzen – da der Präsident seine Aufgaben nicht wahrnehmen kann, sitzt er praktisch an den Hebeln der Macht, und die möchte er nur ungerne wieder aus der Hand geben. Für Mitch Rapp und die Sondereinsatztruppen beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit …

_Kritik_

Ähnlich wie seine Kollegen Clancy oder Ludlum konzentriert sich Vince Flynn in „Der Auftrag“ nur auf einem Charakter. Zweifelsohne gibt es mehrere Handlungsstränge, jeder aus einer anderen Perspektive heraus beschrieben, aber man merkt schon auf den ersten Seiten, wer hier den Ton angibt und „Held der Stunde“ ist. Mitch Rapp ist eine wahre Lichtgestalt, ein Held ohne einen Kratzer, jedenfalls keinen, der ihn schwach und durchschnittlich menschlich erscheinen lassen würde.

„Der Auftrag“ ist der erste Roman einer laufenden Reihe um den CIA-Agenten mit der inoffiziellen Lizenz zum Töten. Mitch Rapp ist seit 15 Jahren für die CIA in einer paramilitärischen Einheit tätig, sein Auftrag ist es, ‚Terroristen‘ aufzuspüren und zu liquidieren. Dass seine Abteilung nicht offiziell bekannt ist – vor allem der Senat und der Kongress können hier nur Vermutungen anstellen -, ist weiter nicht verwunderlich, schließlich gehört Spionage ja auch in die Kategorie streng gehüteter Geheimnisse.

Der Autor, so der Eindruck bei der Lektüre dieses Politthrillers, weiß, wovon er schreibt, da er in seinen Szenen oftmals sehr ins Detail geht, allerdings, ohne dabei ausschweifend zu werden. Aber nicht nur im Bezug auf militärische Strategie und die Strukturen der Geheimdienste verfügt er über gute bis sehr gute Kenntnisse, nein, auch auf der politischen Ebene geht es in seinem Roman sehr spannend, authentisch und abwechslungsreich zu.

Dass die ‚bösen Jungs‘ wieder einmal aus der islamistischen Welt kommen, ist bei einem amerikanischen Autor wahrscheinlich schon Grundvoraussetzung, um einen Agententhriller gut verkaufen zu können. Leider werden in „Der Auftrag“ die Ideologie der Terroristen und ihre Motivation niemals auch nur ansatzweise erklärt. Die Terroristen sind Araber, sie sind Mörder, sie sind Verbrecher, aber niemals werden sie menschlich dargestellt. Der Anführer der Terroristen wirkt charismatisch und gebildet, zugleich aber eiskalt und handelt sehr egoistisch. Das Buch ist atmosphärisch aufgebaut wie ein Duell im Morgengrauen auf dem O. K. Corral – Mitch Rapp gegen den Anführer der Terroristen, der Schauplatz ist hier allerdings das Weiße Haus. „Es kann nur einen geben“ – darauf läuft das Drama letztlich hinaus.

Fragwürdig finde ich wirklich den realen Hintergrund. Was würde passieren, wenn es wirklich eines Tages einen solchen Angriff auf das Weiße Haus und damit den Sitz des mächtigsten Mannes der Welt geben sollte? Wie würden die USA wohl reagieren? Steht das Wohl eines Einzelnen, hier insbesondere des amerikanischen Präsidenten, über dem Leben von vielleicht hundert Geiseln?

Im Roman beschreibt Vince Flynn diese Situation sehr einseitig. Primär geht es um die Befreiung des Präsidenten und – nun ja, es wäre politisch sicherlich gefährlich, sollten die Geiseln getötet oder verletzt werden, aber im Grunde sind sie nur tragische Statisten in diesem Drama. „Der Auftrag“ wird spannend, aber sicherlich alles andere als realistisch erledigt, sieht man vielleicht von den taktischen Erwägungen der Krisenstäbe ab. Der Auftrag eines Mitch Rapp, sich in ein vermintes und schwer überwachtes Haus zu schleichen, auch wenn er genau weiß, welcher Gang und welche Treppe in welchen Raum führen, erscheint letztlich einfach zu unwirklich und überzeichnet.

_Fazit_

Sehr kritisch empfinde ich die einseitige Botschaft des Autors. Zwar füllt er die Story mit einem insgesamt bewundernswerten Wissen um die Strategien der Militärs und Geheimdienste sowie die Sicherheitsvorkehrungen des Weißen Hauses; unterm Strich hat Vince Flynn allerdings einen, wenn auch spannenden, so aber doch zu einseitigen Roman verfasst – leichte Lektüre ohne politischen Inhalt oder Anregungen zum Nachdenken.

Fassen wir zusammen: Dies ist der Beginn einer Reihe um den Agenten Rapp von der CIA, um ihn dreht sich die ganze Handlung. Leider beweist er nur in wenigen Momenten Ansätze von Menschlichkeit und Humor, sein Handeln ist jederzeit perfekt, seine Instinkte und Wahrnehmungen können sich keine Fehler leisten, und am Ende darf der Held sogar persönlich den Präsidenten sprechen und ihm dankbar die Hand schütteln. Aus dem Buch könnte man aufgrund der Handlung einen wahrlich patriotischen Film machen, den man ähnlich wie das Buch ohne jede Nachwirkung konsumieren könnte.

Man kann nur hoffen, dass die folgenden Romane um Mitch Rapp mehr Substanz und Inhalt vorweisen werden, dass die Charaktere sich entwickeln und nicht überdimensioniert erscheinen, und dass das Feindbild ein anderes und weniger pauschales Gesicht erhält.

http://www.heyne.de

_Vince Flynn auf |Buchwurm.info|:_
[„Das Kommando“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1694
[„Der Feind“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4608

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