Follett, Ken – Liebe in Kingsbridge

_Romantisch: Qual der Liebeswahl_

Die Liebe ist nicht immer da, wo man sie sucht. Als die Architektin Diana ein ehrgeiziges Stadtplanungsprojekt für Kingsbridge entwirft, findet sie sich zwischen drei Männern wieder, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Der attraktive und erfolgreiche Nick Lopez hat ihr den Auftrag verschafft, doch ihr alter Freund John sitzt im Stadtrat und muss es genehmigen. Wer es aber finanzieren muss, ist die Kirche, der der Grund und Boden gehört. Dekan Charles Boyd ist jedoch ein lediger Idealist. Auf wen wird ihre Wahl fallen?

_Der Autor_

Ken Follett, geboren im walisischen Cardiff, wurde durch die Verfilmung seines Spionagethrillers „Die Nadel“ mit Donald Sutherland bekannt. Den internationalen Durchbruch erzielte er laut Verlag mit dem historischen Roman „Die Säulen der Erde“ (1990). Auch sein Roman „Der dritte Zwilling“ wurde verfilmt. Zuletzt bei uns erschienen: „Mitternachtsfalken“ spielt mal wieder im 2. Weltkrieg. In den USA und GB ist sein neuester Roman „Whiteout“ erschienen. Inzwischen liegt auch die Übersetzung „Eisfieber“ vor. Folletts Frau Barbara gehört dem britischen Unterhaus an. Vielleicht hilft das bei Recherchen.

_Die Sprecherin_

Anne Moll, geboren 1966, studierte an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin/Rostock. Sie machte sich auf den verschiedensten Theaterbühnen, als Sprecherin beim Rundfunk sowie als Synchronsprecherin einen Namen. Sie verfügt über eine ähnlich tiefe Stimme wie Franziska Pigulla.

_Handlung_

Diana und ihr Gatte stehen vor der Kathedrale von Kingsbridge und schauen auf ihre Stadt hinab. Diana, die sonst so quirlige Architektin, ist heute nachdenklich. Als er sie fragt, was los ist, gesteht sie, dass sie sich fragt, ob sie vor zehn Jahren die richtige Entscheidung getroffen habe. (Seinen Namen erfahren wir nicht.) Immerhin geht sie bereits auf die 40 zu.

Damals war sie 28 und hatte schlechte Zukunftsaussichten. Die Architektin war aus London weggezogen, um sich auf dem Lande selbstständig zu machen. Doch als ihr niemand einen Auftrag gab, ging es bergab. Bis Nick Lopez auftauchte, der junge, attraktive und erfolgreiche Immobilienhändler. Sein Plan ist es, die heruntergekommene Market Street zu einem modernen Ladenzentrum umzugestalten. Die würde dann der viktorianischen High Street Konkurrenz machen können. Allerdings kann er ihr keinen Lohn zahlen, wenn’s schief geht. Aber was kann sie schon tun, als sich auf diese Weise ausbeuten zu lassen?

Der Grund und Boden in der Market Street gehört der Kirche, und als sie ihre Zeichnungen fertig hat und Nick nicht in der Stadt ist, beschließt Diana, sie dem zuständigen Dekan zu zeigen. Charles Boyd wohnt in einem einfachen Backsteinhaus neben der Kathedrale. Wie seine Bibliothek und das Gespräch mit ihm offenbaren, ist er ein Idealist, der sich für viele Projekte einsetzt. Ein Buch über Homosexualität und Christentum lässt in ihr den Verdacht aufkommen, er sei schwul. Aber der ledig lebende etwa 30 Jahre alte Kleriker ist einfach keine weibliche Gesellschaft gewöhnt, das ist alles. Überrascht nimmt sie seine Begeisterung für ihr Projekt zur Kenntnis.

Sie überbringt Nick die freudige Nachricht. Der beauftragt sie bloß, mit dem Stadtrat zu reden. Das ist ihr alter Freund John Borman, ein Rechtsanwalt. John ist in Diana verliebt und hätte sie zu gerne an seiner Seite. Aber sie zögert: Der Mann ist langweilig und brav. Er weist sie auf den Widerstand hin, der von den Ladenbesitzern in der High Street zu erwarten ist, nicht zuletzt also vom Bürgermeister.

Als der Planungsausschuss erwartungsgemäß den Antrag ablehnt, bietet ihr John den rettenden Strohhalm: den Heiratsantrag. Doch sie lehnt wirtschaftliche Sicherheit an Johns Seite ab. Und als Nick seine Chance nutzt und zudringlich wird, tritt sie ihm auf den Fuß. Das ist ja wohl deutlich genug.

Was nun? Gibt es denn niemanden in Kingsbridge, mit dem sie ins Bett gehen will?

_Mein Eindruck_

Die Erzählung aus dem Jahr 1990 schildert auf anschauliche, bisweilen ironische Weise die Lage einer selbstständig denkenden und handelnden Frau, die sich in einer mittelgroßen Stadt nach einer Zukunft an der Seite eines Mannes umsieht. Laufend müsste sie Zugeständnisse machen, sei es an Vitalität – an Johns Seite –, sei es an Selbstständigkeit und Integrität, an Nicks Seite.

Doch die biologische Zeitbombe tickt mit 28 schon recht laut, und Ledigbleiben kommt offenbar auch nicht in Frage. Zum Glück gibt Diana noch in der gleichen Nacht ihrem ersten Impuls nach und fragt den Richtigen.

Die fiktive Stadt Kingsbridge ist eine Verbindung aus Oxford und Cambridge, wie sie schon in Folletts Bestseller „Die Säulen des Himmels“ zu finden ist. Sogar eine Kathedrale kommt wieder vor, obwohl sie im Grunde für die Geschichte keine Rolle spielt. Höchstens in Dianas Unterbewusstsein …

Zehn Jahre später fragt man sich wohl immer, ob man sich richtig für diesen statt jenen Lebenspartner entschieden hat. Wenn die Weichen – wie bei den vorbeifahrenden Zügen – gestellt worden sind und man nicht mehr zum Ausgangspunkt zurückgehen kann.

„Liebe in Kingsbridge“ ist eine recht romantische Story, aber mit einem gehörigen Schuss Realitätsbewusstsein. Und dass Follets Frau Barbara Politikerin (s. o.) ist, merkt man an den Kungeleien, die im Stadtrat über das neue Stadtprojekt stattfinden.

_Die Sprecherin_

Anne Moll macht ihre Arbeit gut, denn sie kann auch den in der Mehrzahl männlichen Figuren durchaus eine glaubhaft tiefe Stimme verleihen. Demgegenüber tritt Diana vergleichsweise selten mit Äußerungen auf, denn da die Geschichte aus ihrem Blickwinkel erzählt wird, „hören“ wir laufend ihre Gedanken – Erzähler und Figur sind also beinahe identisch (der so genannte „personale Erzähler“). Wenn Diana dann doch einmal den Mund aufmacht, erklingt ihre Stimmlage ein klein wenig höher als die der männlichen Figur, was wohl zu erwärten wäre. Von dieser Seite gibt es also keinerlei Überraschungen, aber auch keine Schwächen.

_Unterm Strich_

Obwohl die Story weder spannend noch dramatisch noch komisch ist, entwickelt sie einen eigenen Charme, der vor allem Frauen ansprechen dürfte. Es gibt aber ein kleines Manko: Warum diese Liebe ausgerechnet in Kingsbridge solche Schwierigkeit haben sollte, wird nicht ersichtlich.

Die Wahl des Titels erinnert an all die Groschenromane, die in die Rubrik „Romanze“ fallen. Und der Verlag selbst schiebt diesen Titel mit seinem Klappentext in diese Richtung, wenn es da sinngemäß heißt, dass eine Frau auch an ungewöhnlichen Orten ihre Liebe finden könne – wenn sie denn nur auch ihrem Herzen gehorchen wolle. Und diese romantische These ist bis heute von Erfolg gekrönt, wenn es ums Bücherverkaufen geht. Ob sie für erfolgreiche Beziehungen ebenso gültig ist, möchte ich bezweifeln.

Das Außergewöhnliche, das die Story über dieses niedere Literatur-Level hebt, besteht wohl nur in Dianas Wahl. Und worauf diese Wahl fällt, darf nicht verraten werden, sonst ginge die Spannung verloren.

Fazit: Wer einen spannenden Follett sucht, wird woanders fündig.

|Originaltitel: A Kingsbridge Romance, 1990
Aus dem Englischen übersetzt von Till Lohmeyer
35 Minuten auf 1 CD|

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