Foon, Dennis – Stunde des Sehers, Die (Das Vermächtnis von Longlight, Band 1)

Roan ist allein. Eine einzige Nacht des Schreckens hat ihm alles genommen, was ihm lieb und vertraut war, und nichts zurückgelassen als Trümmer und Tod. Noch hat er diesen Schock nicht verwunden, da hat er eine seltsame Vision: Eine Ratte warnt ihn, er solle das Dorf sofort verlassen. Aber es ist bereits zu spät. Ein fremder Mann namens Saint hat ihn entdeckt und nimmt ihn mit.

Fortan lebt Roan bei Saints Gruppe, die sich |Die Brüder| nennt. Sie verehren Saint als einen Propheten. Und Saint scheint wiederum einen Narren an Roan gefressen zu haben. Tatsächlich stellt sich heraus, dass Roan äußerst begabt ist in allem, was er bei den Brüdern lernt. Aber er fühlt sich dort nicht wohl. Sein Gefühl sagt ihm, dass irgendetwas an der ganzen Sache stinkt! Und endlich findet er den Haken. Jetzt bleibt ihm nur noch die Flucht in die Wildnis …

Roan ist ein Junge mit wachem Blick und raschem Verstand. Von Anfang an ist er misstrauisch, was die Brüder betrifft, obwohl er zunächst nicht wirklich weiß, warum das so ist. Doch seine Aufmerksamkeit und seine Beobachtungsgabe liefern ihm eine Menge Hinweise, die sich allmählich immer mehr zu einem konkreten Bild verdichten. Damit bringt er sich in größte Gefahr. Und an dieser Stelle macht es sich bezahlt, dass er seinem Instinkt gefolgt ist und sich stets bedeckt gehalten hat.

Mindestens so groß wie die Gefahr für sein Leben ist jene für seinen Charakter: Die Gewalttat an seinem Dorf hat seinen Rachedurst geweckt. Er will nicht nur seine entführte Schwester befreien, er will auch die Mörder seiner Eltern für ihre Tat bezahlen lassen. Diese Gefühle werden von Saint noch geschürt, er ermuntert Roan, ihnen freien Lauf zu lassen. Roan wandelt am Rande eines Abgrunds, gegen den ihm auch sein Instinkt nicht viel nützt.

Saint ist eine äußerst zwiespältige Figur. Er hasst das Regime, das die Menschen unterdrückt, und will es stürzen. Dass er sich dabei derselben Form von Unterdrückung bedient, gegen die er sich auflehnt, scheint er nicht wirklich begriffen zu haben. Sein Hass ist so groß, dass ihm jedes Mittel recht ist. Roan will er unbedingt als Verbündeten gewinnen, denn dieser hat offenbar einige besondere Fähigkeiten, von denen er selbst noch nichts weiß, eine gewisse Macht, derer Saint sich bedienen will. Deshalb lässt er auch nicht zu, dass Bruder Rabe Roans Unterstützung auf seine Weise gewinnt. Saints Methoden sind allerdings auch nicht geeigneter: Man kann keine Verbündeten gewinnen, indem man sie belügt! Saint versucht da einen Spagat, der von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, weil er offensichtlich keinerlei Vorstellung von der Bedeutung der Begriffe Ehrlichkeit und Vertrauen und den damit verbundenen Zusammenhängen hat. Die Umstände, unter denen er von Geburt an leben musste, haben die Entwicklung dieses Verständnisses offenbar verhindert.

Denn die Welt, die Dennis Foon da entwickelt, ist eine zerstörte Welt. Roans Heimat war nur eine kleine Insel innerhalb dieser Zerstörung. Im Laufe der Geschichte erfährt der Leser, dass es vor einigen Jahrzehnten eine Rebellion gegeben hat, die vom Regime so gnadenlos bekämpft wurde, dass in diesem Krieg nahezu das ganze Land zerstört wurde. Alles ist voller Trümmer und Ruinen, und nicht nur das. Wälder sind abgestorben, die meisten Wasserreserven vergiftet. Es gibt kaum noch Tiere, ausgenommen Krähen, Ziegen und einige mehr oder weniger unangenehme Insektenarten, darunter eine Schneegrille, die es – wie auch immer – geschafft hat, sogar im Winter munter zu sein, und Käfer, die Mor-Ticks genannt werden. Die Zerstörung der Umwelt hat Krankheiten und Missbildungen unter den Menschen zur Folge, aber auch Verrohung bis zur Abartigkeit, wie bei den Bluttrinkern. Was genau geschehen ist, hält der Autor vorerst zurück; Informationen gibt es nur häppchenweise, das Gesamtbild bleibt bruchstückhaft. Eines aber ist klar: Die Welt, die er beschreibt, ist unsere Welt. Nicht im Heute, aber vielleicht im Übermorgen. Mit einer ungewissen Zahl an „über“s.

Foons Geschichte ist Science-Fiction und Fantasy, mehrmals gründlich umgerührt. Die erste Erwähnung von Sonnenkollektoren gleich am Anfang des Buches wirkte so befremdlich auf mich, dass ich den Satz nochmals las! Später begegneten mir Worte wie Motorrad, Plastik und Kraftwerk. Andererseits wird von einem Feuerloch in Roans Dorf gesprochen, das offenbar kochendes Wasser enthielt. Was genau damit gemeint war, erfährt der Leser nicht, nicht einmal, ob es natürlichen Ursprungs war oder nicht. Wer allerdings Worte für Dinge wie Plastik und Motorräder hat, hätte doch sicherlich auch ein Wort für Geysir oder heiße Quelle … Hier zeigt sich der Übergang zur Fantasy. Der ungenaue Begriff verschiebt das Objekt von der Ebene des Fassbaren hin zum Unfassbaren. Den letzten Schritt in diese Richtung stellen die Staubesser dar, die in ihren Träumen andere Orte sehen können und, wie manche sagen, auch die Zukunft. Auch Roan besitzt solche Fähigkeiten, denn in seinen Visionen spricht er mit einer Ratte …

Roans Welt ist eine grausame Welt, in der nicht nur die verheerte und entartete Natur sein Feind ist, sondern auch die meisten Menschen. Die Brutalität und Grausamkeit kommen ganz deutlich zum Ausdruck, in der Beschreibung von Beules Narben, von Roans zerstörtem Dorf oder der Glaskuppel, unter der die Kinder aus Fairview liegen. Es geht aber nicht allein um die Darstellung einer gewalttätigen Welt, sondern auch um die Frage von Gewalt und Gegengewalt, darum, wie mit Gewalt umgegangen wird. Roan ist ein Jugendlicher, noch unfertig und unsicher in seinem Denken, Fühlen und Handeln. Aufgewachsen in einer Umgebung, die Gewalt vollständig ablehnte, wird er völlig unvorbereitet mit ihrer brutalsten Form konfrontiert. Bei den Brüdern lernt er das Kämpfen, mit dem Schwert und ohne dieses. Zu der Antwort auf die Frage, was er letztlich mit dem Gelernten tut, muss er erst einmal einen Weg finden.

„Die Stunde des Sehers“ ist ein Jugendbuch. Das zeigt sich deutlich in der linear verlaufenden Handlung, den kurzen Kapiteln und der zügigen Entwicklung. Dem Autor ist es jedoch gelungen, allzu plötzliche Entdeckungen oder Erkenntnisse zu vermeiden, sodass zu keiner Zeit der Eindruck von übertriebenen Zufällen oder Unwahrscheinlichkeiten entsteht. Gemäß dem wachen Verstand seines Helden lässt er ihn durchaus Antworten auf einige seiner Fragen finden, allerdings längst nicht auf alle, wie es sich für den ersten Band eines Zyklus gehört. Der Leser bleibt mit dem zufriedenen Gefühl zurück, ein wenig mehr zu wissen als am Anfang, und mit einer gehörigen Neugier auf weitere Antworten.

Die Altersempfehlung für dieses Buch lautet ab dreizehn Jahren. Dieses Alter würde ich nicht unterschreiten, auch wenn letztlich die jeweilige Entwicklung des Einzelnen den Ausschlag gibt. Der düstere Grundtenor ist doch sehr stark, auch wenn Roan immer wieder Hilfe findet. Ansonsten ist das Buch interessanter Lesestoff. Alle Elemente fügen sich gut zusammen und ergeben ein stimmiges, wenn auch noch lückenhaftes Bild. Der Held verfügt zwar über ungewöhnliche Fähigkeiten, bleibt aber menschlich genug, dass Jugendliche sich mit ihm identifizieren können, und bietet eine geistige Entwicklung im Verlauf der Handlung, die junge Leser nachvollziehen und nachempfinden können.

Das Buch ist in der Zeitform der Gegenwart erzählt. Vielleicht ein Kniff, um hautnaher zu sein, vielleicht auch nur eine Gewohnheit, denn Dennis Foon hat bisher hauptsächlich Drehbücher und Theaterstücke geschrieben. Gelegentlich wechselt die Handlungsebene von der „Realität“ zu Erinnerungen oder Träumen/Visionen. Die jeweiligen Ebenen sind drucktechnisch unterschiedlich gestaltet, sodass der Leser problemlos folgen kann. Sehr wohltuend, da nahezu fehlerfrei, war das Lektorat, und auch die Bindung war erfreulich gut verglichen mit dem, was ich bei gebundenen Jugendbüchern schon vorgefunden habe.

Dennis Foon wurde in Detroit, Michigan, geboren und lebt seit 1973 in Kanada. Er war Mitbegründer eines Jugendtheaters und schrieb zahlreiche Drehbücher für Film und Fernsehen, u. a. für die TV-Serie „Die Fälle der Shirley Holmes“, aber auch Theaterstücke. Seine Drehbücher und Dramen wurden vielfach ausgezeichnet, für das Stück „Invisible Kids“ erhielt er den British Theatre Award. Der zweite Band des Longlight-Zyklus ist bisher nur auf Englisch erschienen unter dem Titel „Freewalker“ und auf Deutsch für das Frühjahr 2007 angekündigt.

http://www.patmos.de

Band 2: [„Die Stadt der vergessenen Kinder“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3366

Schreibe einen Kommentar