Fowles, John – Grille, Die

_Schwarze Magie mit Erstkontakt_

Dieser berühmte Roman des englischen Romanciers tarnt sich als Kriminalfall, bei dem mehrere Todesfälle mit religiösen Erscheinungen in Verbindung gebracht werden. Doch wer sind die mysteriösen Fremden in diesem Stück? Etwa Leute von einem anderen Stern?

_Handlung_

Am letzten Aprilabend des Jahres 1736 übernachten zwei Adelige in Begleitung ihrer Diener und einer Magd in einem Dorf im rauhen Südwesten Englands, in Devonshire. Der eine Diener ist ein großspuriger Raufbold, der andere ein schwachsinniger Taubstummer von eindrucksvoller Schönheit.

Bald nach der Abreise der Gruppe wird der Taubstumme erhängt im Wald gefunden, einen symbolträchtigen Strauß Veilchen im Mund. Die anderen Reisenden sind verschwunden. Der Rechtsanwalt Ayscough stellt im Auftrag einer inkognito bleibenden Persönlichkeit aus dem Hochadel Untersuchungen über den mysteriösen Mordfall an.

Seine Verhöre, die in historisch genauer Diktion wiedergegeben (und dementsprechend schwer zu lesen) sind, zeichnen ein zunächst verwirrendes, dann jedoch zunehmend erstaunlicheres Bild der Vorkommnisse jener Nacht. Die Verhörten, einfache Leute, erklären seltsame Erscheinungen im Gefolge der Reisegruppe im Stil ihrer Zeit mit schwarzer Magie, pervertierter Sexualität und religiösen Offenbarungen.

In den Aussagen der einfachen Leute regt sich bereits auch der moderne Geist der Rebellion gegen die Unmenschlichkeit des 18. Jahrhunderts. Wenig später kommt Ann Lee zur Welt, eine Revolutionärin des Glaubens, die auch in den Vereinigten Staaten für Furore sorgte. Doch wer ist ihr Vater?

Und wer sich nun fragt, was denn nun des Pudels Kern sei, dem sei so viel verraten: Es geht um einen Erstkontakt mit einer außerirdischen Zivilisation.

_Fazit_

Was als Kriminalerzählung beginnt, nimmt bald Untertöne eines philosophischen Traktats an. Der kunstvollen Verflechtung unterschiedlicher Weltsichten in Fowles‘ Buch entspricht eine Vielfalt von Erzähltechniken – wozu auch fiktive Zeitungsausschnitte gehören, die originalgetreu übersetzt und reporduziert sind. Diese entziehen das Buch jeder Zuordnung zu einer bestimmten Literaturgattung, es sei denn der einer „Grille“ im alten Wortsinn (auch im Englischen), eines launenhaften und phantastischen Einfalls.

Historisch peinlich genau und, wie gesagt, in der Diktion der Zeit – was den deutschen Leser an den „Simplicissimus“ erinnert – zeichnet Fowles mit seinem Kriminalfall ein Porträt der anbrechenden Moderne. Es ist ein engagiertes Traktat über die Moral, über die soziale Bedingtheit von Verbrechen und Strafe, von Gut und Böse, und nicht zuletzt eine Hommage an die Tugend des Zweifelns.

Als Erstkontakt-Roman steht „Die Grille“ gleichwertig neben „Sarah Canary“ von Karen Joy Fowler (welche Ähnlichkeit der Namen!). An Virtuosität der Darbietung und Leidenschaft in der Aussage ist es aber kaum zu übertreffen.

|Originaltitel: A Maggot, 1985
Aus dem Englischen übertragen von Hans Wolf|

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