French, Nicci – Sommermörder, Der

_Psychologischer Thriller vom Feinsten_

Drei Frauen, zwei Opfer – wird die dritte überleben? Ein einfacher Plot, jedoch kunstvoll erzählt und mit Überraschungen gespickt. „Der Sommermörder“ ist nicht nur ein feiner britischer Psychothriller, sondern auch das einfühlsame Porträt dreier völlig unterschiedlicher Frauen.

_Die „Autorin“_

Nicci French ist angeblich britische Journalistin und lebt mit ihrer Familie auf dem Land im Süden von London. Sie kennt sich dennoch in Nord-London sehr gut aus.

„Nicci French“ ist allerdings das Pseudonym der beiden Londoner Journalisten Nicci Gerrard und Sean French. Nicci Gerrard wurde 1958 geboren, studierte Englische Literatur in Oxford und lehrte dieses Fach später in Los Angeles.

Ihr Partner Sean French ist ein Jahr jünger, studierte ebenfalls Englische Literatur in Oxford und gewann dort bereits einen Preis des Vogue-Magazins für Nachwuchsautoren. Nicci Gerrard und Sean French lernten sich während ihrer gemeinsamen journalistischen Tätigkeit für das „New Statesman“-Magazin kennen.

„Der Sommermörder“ ist des Autorengespanns vierter Roman. „Der Glaspavillon“ war ihr Debüt und erster Bestseller. Danach folgten „Ein sicheres Haus“ und „Höhenangst“. Die Kritiker meinen, sie schreiben in der Tradition von Minette Walters. Ich finde, sie schreiben weitaus einfühlsamer, als es Walters je können wird. „Der Sommermörder“ wird vollständig aus der Sicht der Opfer erzählt.

Im Folgenden werde ich der Einfachheit halber von der „Autorin Nicci French“ sprechen.

_Handlung_

Es ist ein ungewöhnlich heißer Sommer in der schmutzigen Großstadt London. Während alle unter der Hitze und der Abgasglocke stöhnen, genießt nur einer die gute Seite der Situation: Er beobachtet die zunehmend entblößten Frauen und sucht sich seine Opfer. Jedem schickt er seine Liebesbriefe, die zugleich Todesdrohungen sind.

|Numero uno|

Das erste Opfer ist Zoe, die junge, etwas naive Grundschullehrerin. Ihre Schwäche ist nicht nur, dass sie aus der Provinz in die City gezogen ist und sich erst eingewöhnen muss. Folglich hat sie auch keine festen Bindungen, sondern vielmehr häufig wechselnde Männerbekanntschaften.

Warum Zoe? Sie ist nicht nur relativ wehrlos, sondern zudem auch bekannt. Denn sie hat mit einer Wassermelone einen Handtaschendieb außer Gefecht gesetzt. Das stand in allen Gazetten. Für die Polizei ist sie eine Heldin. Doch unter allen merkwürdigen Fanzuschriften erhält Zoe auch die Briefe des Sommermörders. In ihrer Furcht vor dem Unsichtbaren verfällt ihr Leben zusehends. Ihr Ende scheint beinahe unausweichlich.

|Number two|

Da ist das zweite Opfer schon ein ganz anderes Kaliber. Jennifer ist die langjährige Gattin eines erfolgreichen Anwalts und versucht gerade, den Komplettumbau des soeben gekauften viktorianischen Altbaus zu managen. Auch ihre drei Söhne hat sie im Griff. Sie hat keine Zeit, über ihr Leben oder gar ihre hohle Ehe nachzudenken, doch die Brief des Sommermörders, besonders die mit den Rasierklingen darin, zwingen sie, ein Fazit zu ziehen, und das fällt nicht besonders gut aus.

Jennifers Fassade aus teurem Make-up – sie war früher Model – verfällt zusehends und zum Vorschein kommt die wahre, die schwache, die betrogene Jenny, die ihrer Lebenslüge (ihre sinnleere Ehe ohne Liebe) ins Gesicht sehen muss. Hier erhält der Originaltitel „Beneath the Skin“ augenfällige Bedeutung. Mit seiner Strategie der unsichtbaren Bedrohung und Beobachtung hat der Mörder Erfolg. Es ist wie mit einer tödlichen Krankheit: Erst der Schock und die Demütigung, dann die Wut, dann das Entsetzen und die Angst, schließlich folgen Akzeptanz und Resignation. Dann ist es bereits zu spät für das Opfer. Nachdem ihre Seele bereits zerstört ist, muss nur noch der Tod des Körpers folgen …

|Un, deux, trois|

Bei den ersten beiden Opfern hatte der Mörder relativ leichtes Spiel, trotz der Polizeibewachung. Doch an Nummer drei, Nadia, wird er sich die Zähne ausbeißen. Trotz des üblichen Psychoterrors erstarrt die etwas chaotische und sehr liebenswerte Kinder-Entertainerin nicht wie das Kaninchen vor der Schlange, sondern ergreift die Initiative. (Ihr vermeintlicher Schwachpunkt: Sie hat sich kürzlich von ihrem Freund getrennt.)

Sie macht nämlich keineswegs den Fehler, die Lügen, die ihr die Polizei auftischt, zu glauben. Oder auch nur zu glauben, dass die Bewachung etwas nützen könnte. Vielmehr setzt sie die Inspektoren für ihre Zwecke ein, auch mit Hilfe von Sex. Mit äußerster Energie gelingt es ihr herauszufinden, wer ihre beiden Vorgängerinnen waren und was sie mit ihnen gemeinsam hat. Schon bald betrachtet sie Zoe und Jenny als ihre Schwestern.

Als ein erster furchtbarer Verdacht sich verdichtet, kann der potenzielle Mörder, der sich ganz in ihrer Nähe befindet, zwar ein Alibi vorweisen, doch Nadia lässt sich nur kurz täuschen. Es kommt zu einem Showdown zwischen Opfer und Killer.

_Mein Eindruck_

|Drei Opfer, drei Porträts|

Man liest in Thrillern nicht oft solche genau gezeichneten Frauenporträts. Schon gar nicht von Frauen, die derartig voneinander verschieden sind wie Zoe, Jenny und Nadia.

Mir ist aufgefallen, wie subtil und durchgängig Nicci French die Rolle von Erotik und Sex in den drei Leben einflicht: Zoe ist stets nur ausgebeutete Sexempfängerin, Jenny hat überhaupt keinen, und nur die quicklebendige Nadia ergreift sexuell die Initiative (mit durchschlagendem Erfolg).

Sie ist auch die einzige, die kein Gewicht verliert. Sehr deutlich lässt sich das Leid der Opfer an ihrer körperlichen Verfassung ablesen – beneath the skin. Zoe kann kurz vor ihrem Ende ein T-Shirt für elfjährige Kinder tragen … Die körperliche Verfassung spiegelt die psychische exakt wider. Das erspart der Autorin ellenlange, tiefsinnige Seelenschilderungen, die uns nur langweilen würden.

|Das Umfeld|

Jedes Opfer ist in ein komplexes und stimmig gezeichnetes soziales Umfeld eingebunden. Zoes kleine Großstadtwohnung; Jennys herrschaftliches, aber unfertiges Haus, schließlich Nadias Chaotenbude. Hier treffen sich die Lebenslinien der einzelnen Frauen mit ihren Bekannten, Freunden, Kindern – ihrem Mörder. Denn alle Opfer kennen ihren Mörder schon lange vor ihrem Ende, empfangen ihn, necken ihn, vertrauen ihm sogar. Das ist das eigentlich Erschütternde an diesen drei Erzählungen: Der Killer ist immer dein Nächster, und er sieht sehr sympathisch aus.

|Und die Polizei?|

Obwohl sie nicht im Vordergrund steht, ist doch die Polizei natürlich ein zentraler Faktor im Fortgang der Handlung, das verbindende Element zwischen den drei Episoden. Die Bewacherinnen haben nichts zu sagen und wissen nichts. Die beratende Psychologin darf oder will nicht sagen, was los ist. Und die leitenden Inspektoren Stadler und Links führen die Untersuchung, wie es ihnen passt.

Alle lassen die Opfer im Dunkeln über das, was vorgeht, und vermitteln ihnen umso mehr das Gefühl, der Bedrohung hilflos ausgesetzt zu sein – ein gravierender Fehler, wie Nadia findet. Sie setzt dem Spuk ein Ende und erzwingt mit einem Trick die Einsicht in die Untersuchungsakten – der heilige Gral! Nur so kann sie die Initiative an sich reißen und dem Mörder auf die Spur kommen. Da sehen die Bullen ganz schön alt aus.

_Unterm Strich_

„Der Sommermörder“ ist in erster Linie ein psychologischer Thriller, der seine Spannung aus dem umfangreichen Vorwissen über die Opfer, den Mörder und die Polizei bezieht, aber die Frage offen lässt, wann und wie der Killer zuschlägt sowie was sein wahres Motiv ist. Der Täter genießt die zunehmende Wehrlosigkeit und Entblößung seiner Auserkorenen, was ihm ein Machtgefühl verschafft.

Sehnt sich nicht so mancher Mann nach der Entblößung der Frauen, die leicht bekleidet im sommerlichen Park flanieren? Vielleicht kann mann sich nach der Lektüre des „Sommermörders“ vorstellen, wie sich so manche Frau dabei fühlen muss.

Daraus folgt auch, dass Actionfreunde bei diesem langsamen dreifachen Tanz um das jeweilige Opfer nicht auf ihre Kosten kommen.

|Originaltitel: Beneath the Skin, 2000
Aus dem Englischen übertragen von Brigitte Moosmüller|

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