Gaiman, Neil – Graveyard-Buch, Das

_Abenteuer auf dem Friedhof: Oliver Twist und die Toten_

Nobody Owens ist noch ein Baby, als seine ganze Familie von einem brutalen Mörder getötet wird. Nur Nobody entkommt und findet ausgerechnet auf einem Friedhof Zuflucht. Die Geister und Untoten nehmen ihn bei sich auf, nennen ihn fortan nur kurz „Bod“ und lehren ihn alles, was ein Lebender von den Toten lernen kann.

Doch der Feind ruht nicht. Er wartet auf den Tag, an dem Bod zu den Lebenden zurückkehren wird. Wer wird ihn dann noch beschützen?

_Der Autor_

Der Engländer Neil Gaiman, geboren 1960, arbeitete zunächst als Journalist in London und wurde durch seine innovative Comicbook-Serie „Der Sandmann“ bekannt. Neben den Romanen „Niemalsland“ und „Der Sternwanderer“ schrieb er zusammen mit Terry Pratchett den phantastischen Roman „Ein gutes Omen“ (der womöglich verfilmt wird) und verfasste über seinen verstorbenen Freund und Kollegen Douglas Adams die wirklich empfehlenswerte Biografie „Keine Panik!“.

Seine Erzählungen und Gedichte sind in der Kollektion „Die Messerkönigin“ zusammengefasst. Was für Ansichten Gaiman zu Amerika hat, könnte sich möglicherweise in seinem dicken Schmöker „American Gods“ aufspüren lassen. Er lebt mit seiner Familie in Minneapolis, USA.

Neil Gaiman auf |Buchwurm.info|:

[„Mr. Punch“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3976
[„Sandman: Ewige Nächte“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3498
[„Sandman 1 – Präludien & Notturni“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3852
[„Stardust – Der Sternwanderer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4336
[„Sternwanderer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3495
[„American Gods“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1396
[„Anansi Boys“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3754
[„Coraline – Gefangen hinter dem Spiegel“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1581
[„Die Bücher der Magie 5 – Verlassene Stätten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2522
[„Die Bücher der Magie 6″ – Abrechnungen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2607
[„Die Messerkönigin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1146
[„Die Messerkönigin“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5514 (Hörbuch)
[„Die Wölfe in den Wänden“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1756
[„Keine Panik! – Mit Douglas Adams per Anhalter durch die Galaxis“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1363

_Sprecher & Produktion_

Jens Wawrczeck wurde 1963 in Nyköbing, Dänemark, geboren. Er absolvierte eine Schauspielausbildung am Hamburger Schauspielstudio Hildburg Frese, am Max-Reinhardt-Seminar in Wien und am Lee Strasberg Theatre Institute in New York City. Seit er elf Jahre alt ist, steht er hinter dem Mikrofon oder auf der Theaterbühne. Neben seiner Dauerrolle in „Die drei ???“ ist er in zahlreichen Hörspielen zu hören, z. B. in Umberto Ecos „Baudolino“.

Regie führte Kai Lüftner, die Lesefassung erstellte Tanja Weimer. Die Technik steuerte Ahmed Chouraqui im |On Air Studio|, Berlin, die Soundeffekte trug Andreas Manhardt bei.

_Handlung_

Der Mörder hat ein scharfes Messer. Jack hat damit einen Mann, eine Frau und ein Kind getötet. Bleibt noch eines übrig. Wo ist es? Doch im Kinderzimmer findet er nur eine Windel und im Bettchen einen Plüschbär. Keine Spur von einem Kind. Jack verlässt das Haus und begibt sich auf den Weg zum Hügel, auf dem der Friedhof liegt.

|Die Totenstadt|

Am Tor des Friedhofs ruft unterdessen eine Frau aus Mondschein und Nebel mit einem Kind auf dem Arm: „Owens!“ Ein Mann aus Schatten erscheint. Mr Owens fragt: „Was machen wir mit ihm?“ Das Kind lebt, ist aber ganz anders Mr. und Mrs. Owens: Es lebt. Da erscheinen drei Gestalten von Toten am Rande des Friedhofs, von denen eine ruft: „Beschützt meinen Sohn! Er will meinem Sohn etwas tun!“ Mrs Owens bittet Mr Owens, das Kind zu adoptieren, und die Mutter des Kindes verschwindet.

Jack ist in den Friedhof eingedrungen, sieht das Kind in den Nebeln der Nacht und zückt sein Messer, um seine Arbeit zu Ende zu bringen. Da sagt eine Stimme: „Kann ich Ihnen helfen?“ Der Fremde ist wesentlich größer als er und scheint Schlüssel zu tragen, als gehöre er hierher. Jack wird unsicher. Ob er der Friedhofswärter sei, will er wissen. „Gewissermaßen“, antwortet der Fremde und lässt Jack wieder zum Tor hinaus. Jack vergisst die Sache mit dem Kind. Er erinnert sich nur an einen Fuchs und einen Wärter, als er zurück in die Stadt geht.

|Bleiberecht|

Der Gründer der Stadt und des Friedhofs stellt Mrs Owens zu Rede, was mit dem Kind werden soll, denn hier sei schließlich keine Kinderkrippe. Da bietet sich der Wärter Silas als Vormund für das Kind an, immerhin ist er der erste Ehrenbürger gewesen. Doch welchen Namen soll das Kind tragen? Es ist ein Niemand, ein Nobody – genau, Nobody Owens soll es heißen. Es schaut ernst auf Mrs Owens, die ihm ein Wiegenlied singt.

Da eine Abstimmung unter den 300 Bewohnern des Friedhofs keine Einigung über das Bleiberecht des Kleinen erbringt, wird die Entscheidung anderweitig herbeigeführt. Eine Frau auf einem weißen Pferd, die jedem wohlbekannt ist, ermahnt die Toten, Barmherzigkeit zu üben. Sie verschwindet, und Nobody Owens wird zum Ehrenbürger des Friedhofs ernannt. Silas, der um das Schicksal von Bods Eltern weiß, ermahnt ihn, die Totenstadt nie zu verlassen.

|Das Mädchen|

So wächst Bod als ernster und schweigsamer Junge heran, und das Lesen lernt er anhand der englischen und lateinischen Grabinschriften. Eines Tages lernt er ein Mädchen kennen. Sie nennt sich Sarah Amber Perkins und fragt ihn frech, wie alt er sei. Er weiß es nicht, aber sie nimmt ihn trotzdem zu ihrem Freund, und zusammen lernen sie, was Sarah in der Schule lernen sollte. Ihre Eltern halten Bod für eine Ausgeburt ihrer Phantasie. Als er ihr verweigert, in der ältesten der Grüfte zu spielen, geht sie beleidigt heim.

Bod fragt seinen Vormund Silas nach der alten Gruft der Frobisher und wer sich darin befinde. Silas sagt ihm, dass vor langer Zeit ein anderes Volk hier lebte, noch vor den Römern wie Caius Pompeius, der Älteste. Tief unten in der Gruft liege ein Toter mit einem schauerlichen Geheimnis. Er warte auf etwas. Aber worauf, das wisse keiner.

|Der Sleer|

Als Sarah zurückkehrt, nimmt Bod sie mit in die Frobisher-Gruft. Sie finden den Zugang zum Stollen dahinter, gehen die Stufen hinab, bis zu einer kalten Kammer gelangen, in der ein Toter in einem Mantel liegt. Ein Mann mit indigofarbenen Tattoos kommt aus dem Fels in die Kammer: „Ich bin der Herr über dieses Reich. Ich bewahre das Grab vor allen, die es schänden wollen. Verlasst diesen Ort!“ Sarah Amber Perkins bekommt Angst, denn sie kann ihn auch sehen. Bod protestiert: „Hör auf!“ Und der Mann geht, doch ein anderes Wesen zischt: „Wir sind der Sleer! Wir bewachen und beschützen … die Ruhestätte unseres Meisters … hier ist sein Allerheiligstes.“ Aber da sind keine Schätze, nur eine Brosche, ein Kelch und ein Messer. „Der Meister wird wiederkommen …“

Bod und Sarah gehen zurück ans Tageslicht, doch weil sie vermisst wird und eine Polizistin sie fragt, wo sie war, aber keiner Bod sehen kann, erscheint sie als Lügnerin. „Das gibt ein Donnerwetter, na warte!“ Drei Wochen später zieht Sarah mit ihren Eltern nach Schottland, doch Bod bleibt traurig zurück. Wenn er wüsste, auf wen der Sleer wartet, hätte er jedoch allen Grund zur Hoffnung …

_Mein Eindruck_

Das Leben ist eine gefährliche Sache. Das erfahren wir bereits in der ersten Szene, als Bod nur um Haaresbreite dem Messer des Mörders entgeht. Aber der Tod ist auch nicht viel besser, wie Bod beim Besuch der Gruft, in der der Sleer haust, feststellen muss. Nun, dann kommt es eben darauf an, sich optimal an die jeweiligen Umstände anzupassen. Zum Glück ist Bod noch ziemlich jung, als er auf dem Friedhof in die Gemeinschaft der Toten aufgenommen wird, und noch recht lernfähig. Er merkt sich alle Namen, und Silas, der Wärter bringt ihm Latein bei, um die Inschriften lesen zu können.

Merkwürdig, dass ein Friedhof überhaupt einen Wärter wie Silas benötigt, doch diese Notwendigkeit stellt sich als durchaus berechtigt heraus. Der Mörder vom Anfang war nur ein Abgesandter, und hinter ihm steht eine Jahrhunderte, wenn nicht sogar Jahrtausende alte Bruderschaft, die gerne die Herrschaft über alle Toten antreten würde.

Immer wenn Silas mal auf „Urlaub“ geht, trifft er sich mit seinen Schicksalsgenossen, um gegen diese Bruderschaft zu kämpfen. Es kann nicht ausbleiben, dass Bod diese Tätigkeit mit der Zeit spitzkriegt. Es bleibt Silas nichts anderes übrig, als den enthusiastischen Jungen anzulernen und mit ihm den Showdown gegen die Bruderschaft vorzubereiten. Dieser Showdown findet, wie könnte es anders sein, natürlich auf Bods eigenem Friedhof statt, wo er alle Schliche kennt.

Doch da ist noch die Sache mit der netten, aber verschreckten Sarah. Ihre nichts ahnenden Eltern haben sie mit fortgenommen, ins ferne Schottland. Bod ist traurig. Doch Sarah kehrt Jahre später zurück. Gereifter, wie sie nun beide sind, können sie vorsichtig einen neuen Versuch der Annäherung wagen. Glaubt sie immer noch nicht an Geister? Eins ist sicher: Das Paar muss sich erneut dem Sleer stellen. Diesmal müssen wir ihnen sämtliche Daumen drücken!

|Der Sprecher|

Der Sprecher legt sich ordentlich ins Zeug, um die Figuren zum Leben zu erwecken. Dies gelingt ihm nicht nur durch eine jeweils charakteristische Sprechweise und Stimmlage, sondern auch durch Rufen, Zischen, Flüstern usw. Auch Spezialeffekte wie etwa Hall oder Echo werden nicht ungenutzt gelassen. So werden die Besuche im Hünengrab hinter der Gruft, wo der Sleer haust, zu den eindrücklichsten Szenen überhaupt. Der Sleer zischt, Bod spricht mit Hall, und die ganze Atmosphäre ist ziemlich unheimlich.

Eine besondere Leistung sind die zahlreichen, aber stets verschiedenen Stimmen der geisterhaften Bewohner des Friedhofs. Sie reichen von alten, pompösen, langsamen Stimmen bis zu jungen, unzufriedenen. Silas, der Friedhofswärter, weist meist eine sehr ruhige Sprechweise auf, die Bod ungemein beruhigt. Aber man weiß lange nicht, ob Silas nun ein Totengeist, ein Lebender oder etwas Drittes ist. Auch dieses Rätsel trägt zur Spannung bei.

|Die Musik|

Die Musik erklingt am Anfang jeder neuen CD, wobei meist ein neues der insgesamt acht Kapitel aufgeschlagen wird. Sie hat einen dem Thema angemessenen, unheimlichen Klang.

_Unterm Strich_

Wie eigentlich von einem Autor wie Neil Gaiman nicht anders zu erwarten, kombiniert „Das Graveyard-Buch“ auf seine individuelle Weise die Geschichte des Erwachsenwerdens eines Jungen, der noch stark an Oliver Twist erinnert, und die unheimliche Atmosphäre eines Friedhofs. Anders als etwa Clive Barker gibt es aber hier keine Splatterszenen, sondern Szenen von andersartiger Schönheit, die häufig nicht einer gewissen leisen Ironie entbehren. Schließlich sind die meisten Leute, mit denen Bod zu hat, alles andere als lebendig.

Aber auch der Tod hat sein Schicksal, und dies zeigt sich an Bods und Silas‘ Kampf gegen die finstere Bruderschaft, die Bods Familie umgebracht hat (aus Gründen, die hier nicht verraten werden dürfen). Schließlich ist der Tod nur die andere Seite des Lebens und ebenso mit Konfrontationen erfüllt wie dieses. Auch das Problem des Sleer muss gelöst werden. Es ist eine knifflige Aufgabe, doch Bod löst sie brillant und wird auf einzigartige Weise belohnt. Endlich alles im Reinen, kann er schließlich wieder zurück in seine Heimatstadt. Sicher wartet dort schon eine quicklebendige Prinzessin auf ihn.

Dies ist weder Fantasy noch Märchen, sondern eine weiterentwickelte Spielart der Phantastik. Der Autor befolgt zwar viele Genreregeln dieser Disziplinen (Einheit des Ortes und der Zeit, Kontinuität des begrenzten Personals usw.), doch inhaltlich überschreitet er diese Grenzen beträchtlich. Aber er läuft nicht Gefahr, den jugendlichen Leser durch Sprünge in Zeit oder Logik zu verlieren oder gar durch Gewaltakte zu verprellen. Vielmehr scheint hier alles recht sachte seinen Weg zu gehen. Was sonst würde man von einem Friedhof erwarten? (Clive Barker hätte hierzu einiges zu sagen.) Und das ist vielleicht auch die Schwäche des Buches: Es ist etwas ZU wenig los am Schauplatz.

|Das Hörbuch|

Der Sprecher Jens Wawrczeck erweckt die Figuren zu Leben, indem er ihnen eine jeweils eigene Sprechweise verleiht und sie wie richtige Figuren emotional reagieren und Sprechen lässt. Auf einem Friedhof ergibt sich allerdings ein denkbar ungewöhnliches Personal, so dass leider wenig von Action zu spüren ist. Dieses Manko wird allerdings durch emotionale Dialoge wettgemacht. Sehr schön fand ich seine Gestaltung der Begegnungen Bods mit Sarah und eindrucksvoll die Begegnungen mit dem Sleer. Dessen kalt hauchendes Zischen ist mir immer noch schauerlich im Gedächtnis.

|Originaltitel: The Graveyard Book, 2008
Aus dem Englischen übersetzt von Reinhard Tiffert
280 Minuten auf 5 CDs|
http://www.hoerverlag.de

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