Neil Gaiman, Sam Kieth, Mike Dringenberg, Malcolm Jones III – Sandman 1 – Präludien & Notturni

Story

Wir schreiben das Jahr 1916: Ein mythischer Kreis versammelt sich im Bestreben, einen der Ewigen zu beschwören. In der Hoffnung, Death einkerkern zu können, läuft die dunkle Trance unter der Anleitung von Roderick Burgess jedoch anders als geplant. Statt Death wird Dream in die Verbannung des Gefängnisses geschickt und nimmt damit auch allen Menschen ihre Träume – 70 Jahre lang. Durch einen Akt des Zufalls gelingt es ihm nach einer halben Ewigkeit, wieder frei zu kommen, was ihn direkt dazu veranlasst, die Insignien seiner Macht wieder aufzuspüren.

Gemeinsam mit John Constantine erlangt er den vermissten Sandbeutel, in der Hölle stellt er sich den Dämonen, um wieder in den Besitz seines Helmes zu kommen, und letztendlich reist er nach Arkham, wo der psychisch verwirrte John Dee seinen roten Rubin aufbewahrt und mit seinem Leben verteidigt. Auf seinem Weg zur endgültigen Weisheit erfährt der Hüter der Träume von brutalen Surrealismen, gebrochenen Existenzen und gescheiterten Machtspielen – und findet über all diesen Unglaublichkeiten schließlich aus der eigenen Sinnkrise hinaus. Allerdings nur mit Hilfe der eigentlich anvisierten Death …

_Persönlicher Eindruck_

Man wird schlucken, mehrfach durchatmen und dennoch für lange Zeit verblüfft sein, hat man den Einstieg in den Sinneskarneval namens „Sandman“ erst einmal verdaut. Neil Gaimans Meisterwerk, welches nun via |Panini| Stück für Stück neu aufgearbeitet wird, gilt nicht umsonst als Vorzeigegeschichte der postmodernen Comic-Kunst und gleichzeitig als Antithese zu den häufig gleichförmig konstruierten Erzählungen aus dem Superhelden-Genre. Für Gaiman zählt die Kraft der eindrucksvollen Bilder und der gewaltigen lyrischen Poesie, in die er eine enorme Menge Metaphern und Symbolismus verpackt hat – und dies bereits besonders ausgeprägt im ersten von insgesamt zehn Bänden, dem Auftakt „Präludien & Notturni“.

Gaiman beschreibt in insgesamt acht Kapiteln die krisenreiche Reise zum eigenen Sein aus der Perspektive des unschuldig eingekerkerten Dream. Der bemerkenswert dargestellte Protagonist, illustriert wie eine Mischung aus Robert Smith und The Crow, erlebt in unterschiedlichen Szenarien die skurrilsten, teils auch unglaublichsten Dinge und muss sich dabei immer wieder mit seinem persönlichen Scheitern und der für eine Gottheit hohen Anzahl von Fehlbarkeiten auseinandersetzen.

Dabei beginnt alles im Stile des alten britischen Horrors; ein Kreis okkulter Insider verspricht sich von der Befreiung des Tods den Anspruch auf noch größere Macht, beachtet aber während des Rituals die einzelnen Feinheiten nicht, was schließlich zur Beschwörung von Dream führt. Dieser wiederum landet unverhofft in der Gefangenschaft des merkwürdigen Zirkels des Magiers Roderick Burgess und wird dort gehalten wie ein Tier im Käfig. Mit überraschender Gewalt gelingt ihm die Flucht aus dem Verlies, die schließlich zum eigentlichen (Anti-)Abenteuer des verhältnismäßig ziellos agierenden Anti-Helden führt. Dream sucht Hilfe bei den drei Hexen, bemüht seinen alten Kumpan [John Constantine,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1608 taucht in das Reich der Hölle ab und landet schließlich in einer Anstalt völlig geistloser Gestalten, unter denen sich auch der verzweifelte John Dee befindet.

Dieses vernachlässigte Geschöpf der Unterwelt, sinnbildlich gezeichnet wie ein skelettartiger Zombie, sieht ähnlich wie Dream nach Jahren der Gefangenschaft die Macht in unmittelbarer Nähe. Er ergreift den Rubin und eignet sich dessen Kräfte an, verfügt jedoch noch nicht über die Mächte, ihn zu kontrollieren. Besessen davon, das Triumvirat seiner Kräfte zurückzuerlangen, geht Dream über Leichen und akzeptiert Hass und Gewalt in seiner Welt. Ausgerechnet Death, seine Schwester, die er kurze Zeit nach seinem kurzen Feldzug trifft, fördert die Skepsis und die Zweifel in ihm. Die Narben der Vergangenheit brechen wieder auf und belasten ihn nachhaltig; er fühlt sich ohnmächtig und kann sich von den düsteren Schatten kaum mehr befreien. Doch er kann sein Tun nicht mehr ungeschehen machen; es ist Teil seiner Welt, Teil der Träume und schlussendlich auch ein Teil derjenigen, die wegen seiner aggressiven Suche geopfert werden mussten.

All das zusammenzufassen, was in diesen acht Kapiteln geschieht, ist in kurzer und kompakter Form schier unmöglich. Diese unendlich vielschichtigen Visionen, die Gaiman hier in Wort und Bild festhält, dazu dieses spannende Spiel mit den verschiedenen Ebenen des Seins, die beklemmende Stimmung und nicht zuletzt die effektreich inszenierten Gewaltdarstellungen hinterlassen bleibende Eindrücke und wollen erst einmal verarbeitet werden. Es ist schlichtweg gewaltig, was der Autor mit Hilfe seines erlesenen Zeichnerteams in jedem einzelnen der acht Kapitel erschaffen hat. Begonnen mit den Szenen des okkulten Kreises und der Beschwörung des falschen Ewigen über die Fantasy-Handlungen im Bereich der Hölle bis hin zum modernen Horror, dem Grauen auf mentaler und psychischer Ebene, wird der Leser hin und her gerissen, mit Emotionen und Eindrücken überschwemmt, kurzzeitig wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, nur um später noch tiefer in das krasse Gedankenkonstrukt Gaimans zu versinken und seiner beeindruckend entworfenen Hauptfigur auf den enorm divergierenden Missionen zu folgen.

In „Präludien & Notturni“ beschwört er schließlich zum ersten Mal den Mythos des „Sandman“ und gibt erstaunliche Einblicke in den surrealen, mit intensiven Farben und Illustrationen geschmückten Kosmos, der diese Serie von Anfang an umgibt. Allerdings sei jeder gewarnt, denn dieser Auftakt ist nicht bloß schwer verdauliche Kost, er überschreitet teilweise auch die Grenzen des Hinnehmbaren und avanciert speziell in den in Sachen Brutalität leicht entarteten Geschichten zur Zerreißprobe für so manches Gemüt. Allerdings ist dies alles unter dem Aspekt der Kunst zu betrachten, selbst wenn sie sich in keiner Weise an Konventionen stört oder ungeschriebene Gesetze beachtet. Nein, „Sandman“ ist ein ehrenwerter Fundus abstrakter Poesie, düster, betörend, verwirrend und in seiner Form definitiv einzigartig.

Taschenbuch: 240 Seiten
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