Gaspard, Jan – Offenbarung 23 – Machiavelli

_Mithras oder Wie man einen Messias produziert_

Georg Brand, der Berliner Hacker „T-Rex“, ist nur der Spielball eines mächtigen und uralten Ordens, der sich im Zeichen des Gottes Mithras zum Ziel gesetzt hat, dem verstorbenen Hacker Tron einen würdigen Nachfolger zu geben. Doch Ian G. alias Jan Gaspard und seine Ordensbrüder Tom alias Mista Beat und Parish alias Tupac Amaru Shakur müssen sich mit einem zweihundert Jahre alten Widersacher auseinander setzen, der ihre Pläne durchkreuzt: mit dem Baron. Und dieser Schurke scheint seine Finger überall drin zu haben.

_Der Autor_

Jan Gaspard ist ein Pseudonym. Der reale Mensch hat immerhin eine Mailadresse – das ist doch schon mal was. Laut Verlag soll der Rechercheur für Unternehmer wie Axel Springer, Ross Perot, Rupert Murdoch und sogar Dick Cheney gearbeitet haben. Wer’s glaubt, sollte ihn engagieren.

_Der Sprecher_

Nach seinem Studium an der Max-Reinhardt-Schule war Till Hagen u. a. am Theater in Dortmund und Bielefeld. Der professionelle Rundfunksprecher leiht einigen der bekanntesten Filmstars seine Stimme, u.a. Jonathan Pryce und Kevin Spacey, z.B. in „American Beauty“.

Jans Gaspard besorgte die Kürzung des Textes selbst. Aufnahmeleitung, Inszenierung und Sound-Regie oblagen Lars Peter Lueg. Schnitt, Musik und Tontechnik steuerte Andy Matern bei. Für Regie und Produktion zeichnet Marc Sieper verantwortlich.

_Handlung_

Jan Gaspard erzählt diese Geschichte selbst. In den anderen Hörbüchern der Reihe „Offenbarung 23“ tritt er als „Ian G“ auf, der dem Berliner Hacker Georg Brand alias T-Rex mehrmals hilft, aber offenbar seine eigenen Ziele verfolgt. Wie diese Pläne aussehen und welche Rolle Georg Brand darin spielt, beleuchtet das vorliegende Hörbuch. Da der Nachname des Hackers Tron, Boris XXX, immer durch einen Fiepton ausgeblendet wird, wird dieser Nachname in meiner Inhaltsangabe auch nicht auftauchen. Ich bitte um Verständnis.

Alles beginnt am 17. Oktober 1998. Tron ruft Ian G in London an, um ihn zu einem Letzten Abendmahl zu rufen. In Berlin muss Ian G erst einige Verfolger abhängen, bevor er den ruhmreichsten Hacker der westlichen Welt treffen kann. Tron sagt Erstaunliches: Seine eigene Tätigkeit diene der Suche nach Wahrheit, doch dabei habe er den Teufel geweckt. Er offenbart Ian G: „Ich werde nächste Nacht sterben.“

Also sprach Tron und siehe, da ist schon sein Widersacher: der Baron. Der aristokratisch aussehende Vierzigjährige hat Tron ein Angebot gemacht, das der Hacker nun erneut ablehnt. Ian G staunt, dass der Baron Boris’ Nachnamen kennt. Bevor Tron in die Nacht geht, gibt er Ian G eine Mission auf: „Folge dem Pfad meiner Passion, finde so mein süßestes Geheimnis. Und höre den Song ‚California Love‘ genau an!“

Am nächsten Tag erhält Ian G von Chronos, dem Meister seines Ordens, die Bestätigung, dass Tron tot ist. Er wurde im Park erhängt an einem Baum gefunden. Der Baron habe die Leiche inzwischen in seiner Hand. Ian G rät zum Abwarten, doch andere sind nicht so geduldig. Eine verführerische Schönheit geht mit ihm auf sein Zimmer, doch statt des erwarteten heißen Sex’ foltert sie ihn mit geübtem Griff, um herauszufinden, was ihm Tron gesagt hat. Im Zweikampf würgt er diese „wilde Kybele“ bis zur Bewusstlosigkeit.

Als er selbst aus Schlaf erwacht, ist sie verschwunden. Im Krankenhaus, wo er sich behandeln lässt, verspottet ihn der Baron. Wie ihm denn die Kybele von Meister Chronos bekommen sei? Auch der Vize von Chronos, Sannleitner, weiß von dem Zwischenfall und lehnt ihn ab. Er verspricht Ian G Schutz, Unterstützung und Zurückhaltung. Ian macht sich mit Zuversicht an die Umsetzung eines Plans.

Trons „süßestes Geheimnis“ ist nämlich eine junge Frau namens Tatjana Junk. Sie hat wie alle auch einen Decknamen: Nolo. So wird Georg Brand sie später kennen lernen. Aber dann wird es sich nicht mehr um die gleiche Frau handeln. – Kaum hat Ian G sie kontaktiert, wird sie bereits von Afroamerikanern entführt. Da fallen ihm die Rapper auf der CD ein und er ruft in L.A. bei seinem Ordensbruder Tom alias Mista Beat an, um Tupac zu sprechen. Denn Tupac hat sein Ableben durch Mord nur inszeniert und muss irgendwo weiterleben. Ein Mann bringt Ian G in die Disco „Matrix“ und siehe: Da hockt Tom neben Tupac Shakur, bürgerlich Lezanne Parish Crooks genannt.

Crooks gibt freimütig zu, dass Tatjana Junk jetzt in seiner Hand sei. Um ihn auf ihre Seite zu ziehen, weihen Tom und Ian den Rapper in die ersten Mysterien ihres Ordens ein. Sie halten Tron für eine Inkarnation des persischen und römischen Lichtgottes Mithras, dem ihr Orden dient. Sie selbst seien Wächter, die geschworen haben, Ahriman, den Widersacher, zu bekämpfen. Im Gegenzug erzählt ihnen Tupac, welche enge Freundschaft ihn und Tron seit 1996 verband. In ihrer gemeinsam gesungenen CD „California Love“ hätten sie eine Chiffre eingebaut, deren Dekodierung ein Geheimnis lüftet. (Dies gelingt T-Rex bekanntlich später wirklich, wodurch er sich als Trons Nachfolger qualifiziert.)

Tupac-Parish wird klar, dass Tatjana in akuter Gefahr schwebt. Sie hat mit Tron-Mithras geschlafen und ist womöglich von ihm schwanger – ein gefundenes Fressen für Ahriman. Zu dritt rasen sie zu Tupacs Privatjet, doch sie kommen zu spät: Der Baron hat sie bereits entführt und im Jet ein Blutbad angerichtet. Sofort nehmen sie per Schiff die Verfolgung auf, die sie über Nizza und Cannes gen Israel führt. Doch in der Straße von Messina kommt es zu einem dramatischen Zwischenfall: Vom Deck der Tupac-eigenen Yacht „Machiavelli“ beobachten sie, wie der Baron die nackte Tatjana an Deck seines eigenen Bootes zerrt und ihr droht. Er schlägt sie nieder und dann …

_Mein Eindruck_

Die eigentliche Handlung ist ebenso dünn wie hanebüchen – auf den ersten Blick. Um sie aber zu rechtfertigen und mit Sinn auszustatten, muss Jan Gaspard, der uralte Ordensbruder der Mithrasreligion, seinem neuen Jünger Parish alias Tupac Shakur alias Mercurius jede Menge esoterische Weisheiten und religiöse Mysterien verklickern. Dieses Gelaber trägt nicht gerade zur dramaturgischen Spannung bei. Da die Handlung selbst keinen Spannungsbogen aufweist, kommen dem Hörer diese ganzen Erläuterungen lediglich wie lästige Ablenkungen vom eigentlichen Thema vor.

Das ist aber ein Irrtum. Denn es ist dem Autor und seinem alter ego Jan Gaspard alias Ian G todernst mit seinen Ausführungen. Diese würde er ja nicht ständig vom Stapel lassen, wenn er nicht in der Position wäre, sie auch zu beweisen und ernsthaft zu vertreten. Dass es ihm wirklich ernst mit diesem Mithras-Kram ist, belegt sein intimes Gespräch mit der Haremsdame Tamara, die er in Kairo kennen lernt. Man hat sie in Samarkand gekauft, als sie zwölf war, und an den Nil verfrachtet, wo sie das Vögeln mit unbekannten Männern offenbar als angenehmen Zeitvertreib betrachtet. Wieso sollte sie also den Kunden Ian G ernst nehmen?

Doch statt ihre angenehmen Dienste in Anspruch zu nehmen, labert er auch das arme Mädchen mit seinem Mithras-Zeug voll und erwähnt sogar unverschämterweise eine Prophezeiung (er hat sie nämlich selbst geschrieben). Schlimmer geht’s nimmer. Sie fällt auf seinen Bluff herein, dass sie die Auserwählte sei und demnächst „in einem Land im Norden“, vulgo: Berlin, die Liebe ihres Lebens kennen lernen werde. Natürlich muss sie noch die Erlaubnis ihres Besitzers einholen, aber das stellt sich als Formsache heraus, denn Rashid lässt sich natürlich ebenfalls bluffen. (Aus Tamara wird später eine neue Nolo, siehe oben …)

Ian G stellt bei jeder Gelegenheit seine weit reichenden theologischen und religionskritischen Kenntnisse unter Beweis. Allerdings scheint er vom Teufel Ahriman keine Ahnung zu haben, denn dieser macht ihm ständig einen Strich durch die Rechnung oder weiß doch zumindest ganz genau, was Ian G so treibt (z. B. die Sache mit Tamara). Ja, es gelingt dem Baron alias Ahriman sogar, Ian durch Gewaltandrohung dazu zu bringen, sich am gleichen Baum zu erhängen wie Tron. Welch ein Hohn, welch ein Spott! Doch der Baron erlebt eine gewaltige Überraschung, als Ian einfach nicht sterben will …

Diese Lesung scheint mir ein kompletter Fehlschlag zu sein, aber das hat nichts mit dem Sprecher zu tun, sondern mit der dramaturgischen Struktur. Der lineare Ablauf (es gibt nur eine einzige echte Rückblende) lässt wenig Spannung aufkommen, denn es gibt keine rätselhaften Vorausdeuten von Meister Ian, wie sich das gehört.

Die durchaus beachtlichen Actionszenen kommen daher völlig unvermittelt – und sind schon wieder vorbei, bis der Hörer realisiert, was da passiert. Die Vorausspannung hätte viel stärker herausgearbeitet werden müssen. Da der Autor Jan Gaspard diese Lesefassung erarbeitet hat, ist ihm dieser Fehlschlag anzukreiden. Ich empfehle ihm, einen Drehbuchkurs zu besuchen und das Prinzip von „Investition“ und „Payoff“ auszutesten. (Erst wird der Rezipient geködert und angefüttert, so dass Spannung entsteht, dann liefert die Action/Liebesszene o. ä. die Belohnung, woraufhin das Ganze von vorne losgehen kann.)

_Der Sprecher_

Till Hagen ist ein vielseitiger Sprecher, aber seine stimmliche Bandbereite ist begrenzt. Für mich klingt Kevin Spacey, den er synchronsiert, immer ein wenig ironisch und hinterlistig. Jonathan Pryce, ein anderer von Hagen synchronisierter Star, war in „Fluch der Karibik“ eine Lachnummer – auch da fällt es mir schwer, ihn ernst zu nehmen. Beide klingen unheimlich mit sich selbst zufrieden, genau wie Ian G.

Aber ich versuche, nicht den Fehler zu machen, die interpretierten Figuren mit dem Sprecher gleichzusetzen. Andererseits ist es das Geschäft des Sprechers, mit seinen stimmlichen Mitteln Figuren zu erschaffen und diese quasi zum Leben zu erwecken. Da fällt das Auseinanderhalten erstens schwer und zweitens ist es gar nicht zuträglich: Der Sprecher sollte hinter der Figur verschwinden. Das geht diesmal aber nicht.

Die drei, vier Hauptfiguren der Geschichte hören sich alle ziemlich gleich an. Ian G, Parish-Tupac, Tom, Sannleitner, der Baron – man kann sie nur anhand der „Regieanweisungen“ auseinander halten. Erst wenn der Sprecher ordentlich Emotion in seine Stimme legt, eignet sich die Stimme zur Identifikation. Die zwei verführerischen Frauen – Tamara und die „wilde Kybele“ – haben hörbar eine höhere Tonlage als die Männer. Und als der Baron am Schluss so richtig böse auf Ian G wird, schleicht sich eine Wut in sein Timbre. Diese Gelegenheiten sind jedoch sehr selten.

_Die Musik_

Die Musik ist so fetzig wie eh und je bei allen „Offenbarung 23“-Hörbüchern. Intro und Extro bestehen aus fetzigem Hardrock, bei dem ich mich richtig daheim fühle. Alle Pausen werden mit solchen Füllseln bestritten, manche gut, manche belanglos. Und ab und zu, wenn mal wieder Ian G eine Story vom Stapel lässt, erklingt auch Hintergrundmusik, damit’s nicht gar zu langweilig wird. An Geräuschen erklingen ab und zu ein melodisches Handy oder das grässliche FIEP, wenn Boris Trons Nachname ausgeblendet wird. Alles in allem also nichts Berauschendes.

_Unterm Strich_

Diese Folge von „Offenbarung 23“ kann ich nur dem eingefleischten Fan empfehlen. Der Ansatz, den ganzen Hintergrund der vorhergehenden Hörspiel-Folgen durch eine Metageschichte zu erklären, ist zwar willkommen und interessant, doch die Ausführung lässt Wünsche offen. Statt die Story herauszuarbeiten und sich auf den Auf- und Abbau von Spannung zu konzentrieren, versucht der Autor jede Menge des ideologischen Überbaus des Mithras-Ordens zu kolportieren – bis zu den ollen Sumerern. Er sollte sich selbst auf die Schulter klopfen, dass er so viel weiß, aber es bringt die Story kaum voran. Kaum hat es eine Action- oder Erotikszene gegeben, fangen die Leute schon wieder zu schwatzen an.

Der Sprecher versieht seine Aufgabe auf kompetente Weise, doch seine stimmlichen Fähigkeiten sind begrenzt. Ständig kam mir Ian G, die Figur des Erzählers, als schrecklich selbstzufrieden vor. Das mag einem Jahrtausende alten Ordensbruder und Menschheitslenker wohlanstehen, aber ich fand es unausstehlich. Sein Wissen, das er wie ein Füllhorn über den armen Parish-Tupac und den Zuhörer ausschüttet, lässt ihn auch nicht gerade wie einen aufrechten Helden oder sympathischen Normalbürger dastehen. Lediglich durch die sporadische Musik wird das Hörbuch aufgewertet. Aber das ist zu wenig, um dem Gesamteindruck einen Bonus hinzuzufügen.

|310 Minuten auf 4 CDs|

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