Gavalda, Anna – Ich habe sie geliebt

_Die Wonnen und Fallen der Fernliebe_

Chloe wurde von ihrem Mann Adrien verlassen und steht nun als Mutter von zwei kleinen Töchtern allein da. Ob all der vergeblichen Opfer, die brachte, muss sie ständig weinen, bis Pierre, der Vater Adriens, sie und ihre Kinder in sein Landhaus mitnimmt. Ausgerechnet der „alte Kotzbrocken“. Er geht für sie einkaufen, kocht ihr ein Abendessen und holt den besten Wein aus dem Keller – erstaunlich. Schließlich erzählt er ihr von der großen Liebe seines Lebens, zu der er sich nie zu bekennen wagte, von heimlicher Untreue und nie wiedergutzumachender Schuld, von gestohlenem Glück und den ungelebten Träumen.

_Die Autorin_

Anna Gavalda, 1970 geboren, ist auf dem Lande aufgewachsen, hat in Paris Literatur studiert und wurde mit ihrem ersten Erzählband „Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet“ auf einen Schlag berühmt. Anna Gavalda lebt mit ihren zwei Kindern bei Paris und hat ihren Job als Französischlehrerin mittlerweile aufgegeben. Ihr Roman [„Zusammen ist man weniger allein“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=938 wurde inzwischen verfilmt.

_Die Sprecherin_

Nina Petri gab ihr Schauspieldebüt in der TV-Serie „Rote Erde“ und war seitdem in vielen Erfolgsfilmen zu sehen, u. a. in „Lola rennt“ und „Emmas Glück“. Sie wurde mit dem Bayerischen Filmpreis und dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.

Regie führte Gabriele Kreis, und Ansgar Döbertin sorgte für guten Sound. Petri liest die ungekürzte Fassung.

_Handlung_

Schwiegervater Pierre Dupelle lädt Chloe und ihre zwei kleinen Töchter ein, eine Zeit in seinem Landhaus zu verbringen. Er und seine Frau Suzanne würden sie schon verwöhnen und auf andere Gedanken bringen. Was für ein seltsames Haus, erinnert sich Chloe: Es ist so hellhörig und die Betten knarren so laut, dass sie und ihr Mann Adrien hier nie Sex haben konnten, sonst hätte sofort das ganze Haus Bescheid gewusst. Choloe hält Pierre für einen Marsmenschen, er ist unnahbar, antwortet nie auf Kritik und Anklagen.

Chloe ist todunglücklich, denn ihr Mann, Pierres Sohn Adrien, hat sie nach sieben Jahren Ehe für eine andere verlassen. Für Candy, diese Tussi. Und dabei hatte sie doch ihr Studium für ihn geopfert, so dass er selbst studieren und einen guten Job bekommen konnte. Schwiegervater kümmert sich erstaunlich besorgt um sie, kauft für Chloe und ihre Töchter ein, kocht für sie Abendessen und holt sogar den besten Wein aus seinem Keller. Will er sie etwa im Auftrag seines Sohnes bestechen? Chloe heult und jammert, wie es ihr Recht ist.

Pierre wandelt sich und erzählt von seinem Leben. Er hatte nur drei Freunde: Patrick Frendel, mit dem er nach Rom zum Papst pilgerte, dann Theron, und schließlich Paul, seinen Bruder. Doch Paul starb 1956, nachdem er sich freiwillig für den Krieg in Indochina gemeldet hatte und krank zurückkehrte. Paul ging nur aus Trotz über seine abweisende Geliebte zum Militär, dabei war er ein begnadeter Maler – es war absurd. Als er starb, war gerade mal 21 Jahre alt.

Das Haus ist alt, die Sicherung fliegt raus, der Strom ist weg. Chloe fühlt sich wie ein Steinzeitmensch, das Haus ist eine Höhle, die sie vor dem grimmigen Winterwind draußen schützt. Als die Kinder kein Fernsehen sehen können, bricht Verzweiflung aus, doch Pierre unterhält sie und bringt sie zum Lachen. Als er Chloe einlädt, länger zu bleiben, lehnt sie ab. Welche Hintergedanken hat er? Er schenkt ihr eine Zeichnung Pauls, die Pauls und Pierres Mutter Alice zeigt. Mehr Bestechungen? Chloe klagt ihn ziemlich laut an: „Ihr tut mir alle weh!“

Er weiß, sie halte ihn für einen „alten Kotzbrocken“, weil er sich nie einbringe usw. Dann erzählt er, dass er mit seinen 65 Jahren schon an den Tod denke. Dann schildert er, wie er Chloe wahrnahm: die Blaugefrorene, die schwangere Schwiegertochter. Und sie sieht sich: die den Kopf in den Sand Steckende, die nicht wahrhaben wollte, dass Adrien sie betrog. Doch dieser sei ebenfalls unglücklich, bekräftigt Pierre. Das ruft wieder wütenden Protest seitens Chloe hervor. Dann erzählt Pierre von seiner eigenen unglücklich verlaufenen Liebe seines Lebens, von Mathilde Courbet …

_Mein Eindruck_

Pierres Liebe zu Mathilde endete im Dilemma zwischen der Liebe zu einer fernen Frau und der Loyalität zu seiner eigentlichen, ihm ehelich anvertrauten Frau Suzanne, die ihm auf die Schliche gekommen war. Er entschied sich für die Treue. Ob er mit Mathilde einen Sohn hatte, weiß er nicht genau, aber er sah ihr Kind neben ihr eines Tages in Paris. Sie wollte nicht, dass Pierre in ihr Leben zurückkehrte. Sie hatte sich entschieden.

So interessant auch Pierres Lovestory sein mag, interessanter noch fand ich seine Auseinandersetzung mit der sitzengelassenen Chloe und seine freundlichen Angebote: ein Dach über dem Kopf, Gesellschaft der Schwiegereltern, das Leben auf dem Land usw. Chloe habe gesunden Menschenverstand, sagt er, und werde sie alle retten, ganz besonders ihre zwei kleinen Töchter.

Als sie ihn fragt, was ihr diese Geschichte sagen solle, meint er, man müsse um seine Liebe kämpfen. Sie findet, er klinge wie Paulo Coelho. Da habe sie vollkommen Recht, aber es sei nun mal wahr. Und einen Tipp gibt es zum Schluss: Als Elternteil habe man irgendwie die Verpflichtung, seinen Kindern ein glücklicher Mensch zu sein statt eines traurigen und unglücklichen. Denn haben sie nicht auch ein Recht auf Glück?

Diese Auseinandersetzung in ihrer Dialektik faszinierte mich viel mehr als die doch relativ konventionelle Fernliebe Pierres zu Mathilde, die er erlebte, als er schon 42 war und sich mit seinen bescheidenen Errungenschaft – Firmenleitung, Heirat der Jugendliebe, ein oder zwei Kinder – abgefunden hatte. Die Dialektik besteht darin, dass sie über ihr Unglück jammert, er hält dagegen, sie klagt ihn des Verrats an, er hält dagegen, verteidigt seinen Sohn, sie vermutet ein Komplott der Familie gegen sie, er beteuert, so sei es nicht. Das Ende vom Lied ist sein Geständnis der eigenen Untreue zwei Frauen gegenüber. Welcher von beiden sollte er den Vorzug geben? Vielleicht gehe es Adrien genauso?

Nun ja, wie stets bei solchen sentimentalen „Herzensergießungen“ à la 18. Jahrhundert endet es damit, dass sie spürt, dass sie nicht allein mit ihrem Elend und Schicksal und ihr dies ein gewaltiger Trost ist. Es handelt sich quasi um eine Proxy-Katharsis, eine Läuterung durch einen Stellvertreter, der für sie durchs Feuer gegangen ist, um ihr seine Seelenverwandtschaft darzulegen. Dass dies für Pierre tatsächlich eine Läuterung darstellt, ist für Chloe erst einmal von sekundärer Bedeutung. Denn durch diesen Trost fühlt sie sich nun gestärkt, um einen Neuanfang zu wagen. Und vielleicht kann sie sogar Adrien vergeben und verstehen.

Den Erfolg von Anna Gavalda machen gerade diese emotionalen Lektionen aus, die besonders in weiblichen Lesern ein großes Echo finden. Sicherlich kann sich so manche Leserin mit Chloe identifizieren, obwohl ich ein paar Frauen kenne, die sich selbst von ihrem Ehemann getrennt hatten, mit dem sie Kinder hatten. Es kommt eben bei einem Neuanfang darauf an, wie man auseinandergegangen ist, ob in gegenseitigem Einverständnis oder im Groll.

In literarischer Hinsicht ist die Geschichte vor allem durch ihre zahlreichen Rückblenden bemerkenswerten. Denn so etwas wie eine äußere Handlung gibt es ja nicht, die Geschichte besteht in erster Linie aus Erinnerungen. Die Lektion für die Gegenwart ist aus diesen Rückblenden zu ziehen. Allerdings sind die Rückblenden vor allem auf Pierres Seite zu finden, leider nicht so sehr auf Chloes Seite. Dieses Ungleichgewicht fand ich wenig zufriedenstellend. Andererseits ist Pierres Geschichte über Paul und Mathilde sehr viel interessanter.

Ich würde nicht sagen, dass es sich um sentimentalen Kitsch handelt. Das wäre vielleicht der Fall, wenn Pierre seine Lovestory glorifizieren würde, aber das vermeidet er strikt. Und die ständige Auseinandersetzung mit Chloe trägt auch nicht gerade dazu bei, ein idyllisches Bild vom Leben auf dem Lande zu zeichnen. Wenn der Strom ausfällt, ist die Zeit für die Höhlenmenschen wieder gekommen. Und die Autorin zeigt ganz klar, was das bedeutet.

|Die Sprecherin|

Man merkt der bekannten Schauspielerin Petri an, dass ihr der Vortrag einige Mühe bereitet hat, und zwar in emotionaler Hinsicht. Aber sie ist Profi genug, um Gefühle wie Bitterkeit, Angst und Zorn in entsprechende Tonlage und stimmliche Ausdrücke kleiden zu können. Niemals kippt ihre Stimme in eine unglaubwürdige Tonlage, auch nicht, wenn sie Chloe sarkastisch und anklagend wettern lässt.

Doch auch Pierre, der „alte Kotzbrocken“, hält kräftig dagegen, natürlich in einer tieferen Stimmlage. Er echauffiert sich über Chloes Bockigkeit und Selbstgerechtigkeit, bevor er ihr ein weiteres Detail über die Ungerechtigkeit des Lebens um die Ohren haut: die Krebskrankheit seiner langjährigen Sekretärin Francoise. Diese spielt eine Nebenrolle in Pierres Leben als Firmenchef.

Schließlich lässt Petri noch eine dritte Hauptfigur zum Leben erwachen, denn um SIE geht es ja im Titel: um Mathilde Courbet. Diese Frau ist häufig beherrscht, dann wieder lasziv verführerisch, schließlich aber, nach Jahren der Fernliebe, drängt sie Pierre eindringlich, sie freizugeben, denn sie sei schwanger, wolle das Kind aber für sich behalten. Er, Pierre, könne ja bei seiner Frau Suzanne bleiben. Alle seien zufrieden und sicher. Aber sind sie das wirklich?

_Unterm Strich_

Anna Gavaldas Erzählung ist vielleicht nicht höchste moderne Erzählkunst, aber das ist auch nicht ihre Absicht. Sie stellt die Wonnen und Querelen einer modernen Fernliebe dar und wie sich diese Erfahrung 23 Jahre später von einem alten Mann dazu nutzen lässt, um seine sitzengelassene Schwiegertochter zu trösten und wieder zur Vernunft zu bringen. Vielleicht bietet ihr dies sogar eine Perspektive, indem die Geschichte ihr vor Augen führt, dass sie um die Liebe kämpfen muss – was gänzlich im Widerspruch zu den romantisch-blauäugigen Lehren ihrer Mutter steht.

Sicherlich spricht die Story, die kaum äußerliche Handlung aufweist, vor allem weibliche Leser an. Aber auch männliche Leser können aus Pierres Lovestory ihre Lehren ziehen, denn schließlich braucht es zum Lieben ja zwei – seien es nun Männlein und Weiblein oder gleichgeschlechtliche Partner.

|Das Hörbuch|

Nina Petri beschreitet einen überzeugenden Mittelweg aus kontrolliertem Sprechen und emotionaler Aufladung dieses Sprechens in bestimmten Situationen. Besonderes Chloe, Pierre und Mathilde erwachen so zum Leben. Die Identifikation durch besondere stimmliche Charakteristik ist Petris Stärke hingegen nicht. Nicht jeder kann ein Rufus Beck sein.

Fazit: Empfehlenswert, besonders auch wegen des günstigen Preises.

|Originaltitel: Je l’aimais, 2002
Aus dem Französischen übersetzt von Ina Kronenberger
230 Minuten auf 3 CDs|
http://www.hoerbuch-hamburg.de

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