Gößling, Andreas – Freimaurer, Die. Weltverschwörer oder Menschenfreunde?

Andreas Gößling stellt sich eine altbekannte Frage: „Die Freimaurer, Menschfreunde oder Weltverschwörer?“ Den gleichlautenden Titel seines 2007 erschienenen Buches über die Freimaurerei könnte man für müßig halten. Zu oft haben uns Autoren unterschiedlicher Couleur mit ihren x-fachen Abhandlungen über Freimaurerei gelangweilt. Gößling scheint auf den ersten Blick mit seinem plakativen Titel genau hier anzuknüpfen, er beackert ein vorbelastetes Feld. Doch seine Ausführungen stechen aus der Masse einschlägiger Literatur zum Thema heraus – inhaltlich und stilistisch. Gößling arbeitet akribisch, historisch genau und bedient sich einer gleichsam verständlichen und anspruchsvollen Sprache. Die flüssige Prosa verhindert, dass man sein Buch mit dem polarisierenden Titel gelangweilt zur Seite legt.

Gößling macht kein zusätzliches Geheimnis um freimaurerische Termini, er erläutert sie – und das ist hervorhebenswert – in ihrer modernen und ursprünglichen Bedeutung. Die Ambivalenz zwischen den freimaurerischen Wurzeln, etwa den antiken Mysterienkulten, und der seit der Aufklärung um- und neugedeuteten Symbole der Freimaurerei gehört zu Gößlings Schwerpunkten. Bezeichnend hierfür sind seine Thesen:

(1) Die moderne, „symbolische“ Freimaurerei basiert auf einer „humanistischen Umdeutung“ archaischer Symbole. Das „Mysterium“ der Freimaurer ist der Prozess kultureller Überführung von synkretistisch-okkulten Lehren in die Moderne.

(2) Die aktuelle Freimaurerei besteht aus Überbleibseln archaischer Männerbünde, die z. B. auf den Mithras-Kult oder die Mysterien der Isis zurückgehen. Magie und Mystik spielten in diesen archaischen Bünden stets eine große Rolle. Der Kerngedanke der bis in die Moderne gelangten Weiterentwicklungen dieser Bünde ist, trotz der aufklärerischen Einflüsse, von magisch-mystischen Denkfiguren geprägt. Die Betonung der Freimaurerei auf ethisch-humanistische Werte ist kein Widerspruch zu magischen Weltbildern. Nur vordergründig schließen Aufklärung und Humanismus den Bezug auf Emotionales, Numinoses und Okkultes aus. Vielleicht zeigt sogar die Versöhnung von Magie und Ratio am Beispiel der Freimaurerei, dass es den magischen Theorien unserer Vorfahren im Kern auch um ethische Fragen ging (die Alchemie bezeugt diese These); oder sie zeigt, dass das Weltbild der Aufklärung auch die okkulten Aspekte von Welt und Selbst zu integrieren vermag.

(3) Gößling bezeichnet nicht ganz frei von Ironie den Freimaurerorden als „Geheimbund ohne Geheimnis“. Das maurerische Geheimnis ist laut Mythologie bekanntermaßen verlorengegangen. Aber im Kollektiv der Brüder kann es erneuert werden; das soziale Gefüge bringt es – angepasst an Zeit und Kontext – beständig neu hervor. Somit ist es kein normatives Geheimnis, ja eigentlich auch keine „teilbare Erkenntnis“, denn es „lebt“ erst in jedem Einzelnen.

Wohl aber besitzt es einen archetypischen, exemplarischen Kern: die Tatsache, dass es in der Geschichte als „Geheimnis“ bezeichnet wurde. Und Kennenlernen kann es logischerweise nur, wer am Kollektiv der Freimaurer partizipiert. Das „verlorene Meisterwort“ – das subjektive Geheimnis – dient als Hülse facettenreichster Deutung; das macht auch Gößling deutlich, wenn er die wesentlichen Unterschiede zwischen Johannismaurerei, schottischer Hochgradmaurerei, französischer Co-Maurerei und anderen zum Teil nationalen Formen des Ordens anführt.

Gößling referiert spannungsreich das überlieferte Wissen der Freimaurer; er nimmt den Leser mit auf 16 Reisen durch die Mythologie und Geschichte des Ordens. Dabei scheint er sich am Einweihungsweg der Brüder selbst zu orientieren. Vom Lehrlingsgrad über den des Gesellen bis hin zum Meistergrad führt er in die ambivalente Symbolik und Ritualistik der Freimaurerei ein. Der Autor tut dies kritisch und scheut sich nicht, auch exakte Anleitungen wie zum Beispiel Vereidigungstexte aus den Initiationsritualen zu zitieren.

Gößling ist an zeitgemäßer Deutung der Freimaurergeschichte interessiert. Er streift mit seinen Thesen aktuelle Fragestellungen der internationalen Esoterikforschung. So zeigte beispielsweise auch Kocku von Stuckrad, dass okkulte und esoterische Weltbilder seit dem Mittelalter das soziale Phänomen, das wir „Moderne“ nennen, mit hervorgebracht haben.

Gößlings „Die Freimaurer. Weltverschwörer oder Menschenfreunde?“ ist ein spannend geschriebenes Buch, das mehr als einen flüchtigen Einblick in die Geschichte der Freimaurerei bieten kann. Das Buch bleibt nicht bei der Geschichte stehen, sondern thematisiert letztlich auch die Probleme und Grenzen eines auf archaischen Wurzeln ruhenden sozialen Gefüges in einer individualistischen und rationalistischen Zeit.

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[„Faust der Magier“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3904

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