Göttner, Heide Solveig – Königin der Insel, Die (Die Insel der Stürme 3)

Band 1: [„Die Priesterin der Türme“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3611
Band 2: [„Der Herr der Dunkelheit“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3626

_Defagos_ hat den Angriff der Nraurn zurückgeschlagen, allerdings zu einem hohen Preis: Jemren hat eine der verfluchten Pfeilspitzen des Totengottes zwischen den Rippen. Und doch verlangt die Prophezeiung, dass Jemren gemeinsam mit Gorun und Amra die kleine Lillia nach Hause zurückbringt. Allerdings scheint Lillia, die sie führen soll, noch immer keinerlei Vorstellung von der Geographie der Insel zu besitzen. Und dann erklärt die Nashan von Defagos auch noch, bevor Lillia nach Hause zurückkehren könne, müsse zuerst die eine Hälfte des weißen Steines gefunden werden. Doch die Zeit ist knapp, denn Antiles begehrt den Stein ebenfalls, und er darf ihn keinesfalls in seinen Besitz bringen, wenn Lillias Begleiter auch nur die geringste Aussicht darauf haben wollen, ihren Auftrag zu erfüllen …

Nesyn dagegen hat ganz andere Sorgen. Er ist bei seiner Königin Kajlyn-Gua in Ungnade gefallen, weil er es gewagt hat, den Angriff auf Defagos abzubrechen. Zur Strafe hat Kajlyn-Gua ihren ehemaligen Feldherrn nicht nur degradiert, sie hat ihn öffentlich gedemütigt, indem sie ihm die Klingen auf seinen Hörnern nahm, das Zeichen seiner Kriegerwürde. Auf seine Dienste verzichten will sie jedoch nicht, stattdessen schickt sie ihn in den Norden mit dem Auftrag, sämtliche dortigen Städte dem Erdboden gleichzumachen und sämtliche Bewohner zu massakrieren. Nesyn gehorcht. Mehr oder weniger …

_Wie es sich für einen Abschlussband gehört_, spitzt sich die Lage allmählich immer mehr zu. Für neue Charaktere war da kein Raum mehr. Zwar tauchten die einzelnen Götter noch als Personen auf, allerdings hat es hier nicht für mehr als Randfiguren gereicht, selbst die Göttin der Quellen, Anrynan, die als Nashan in Defagos lebt, kommt nicht wirklich über diesen Status hinaus. Und auch die Entwicklung der bereits vorhandenen Figuren ergibt sich fast ein wenig beiläufig; allein bei Nesyn hat sich die Autorin die Mühe gemacht, die Veränderung durch Nesyns eigene Gedanken deutlich zu machen. Hier wurde an charakterlicher Tiefe zurückgesteckt zugunsten der Handlung, was ein klein wenig schade ist, aber zum Glück wurden die Figuren in den Vorgängerbänden so gut ausgearbeitet, dass ihnen die veränderte Gewichtung nicht ernstlich geschadet hat.

Die Handlung bietet auch in diesem Band wieder jede Menge Bewegung. Die häufigen Ortswechsel sind allerdings kein Selbstzweck. Jeder Ort, den die Gruppe erreicht, offenbart ein wenig mehr über die Vergangenheit der Insel. Außerdem kommen sie mit jedem Ortswechsel der Erreichung ihres Zieles ein Stück näher. Zumindest sieht es so aus. Doch jeder Rückschlag, den der dunkle Gott einstecken muss, scheint letztlich zu verpuffen, so als wäre ein Erfolg für ihn – im Gegensatz zu Lillias Begleitern – gar nicht wichtig! Dadurch erhält die Autorin die Spannung aufrecht, und das gelingt ihr auch wirklich bis zum Schluss. Selbst als die letzte Schlacht geschlagen ist, kommt noch einmal ein Hindernis, und als das überwunden ist, kommt ein weiteres …

Andererseits kommt der Leser nicht umhin, im Laufe des Zyklus Abweichungen festzustellen. Davon, dass Antiles die alleinige Macht über die gesamte Insel erobern und ein Reich des Todes errichten wollte, ist im Showdown keine Rede mehr. Selbst Elemente, die erst im letzten Band auftauchen, gehen letztlich unter. Zum Beispiel wird mehrmals erwähnt, dass laut der Prophezeiung die drei Begleiter Lillias am Ende sterben müssten. Nun soll man ja Prophezeiungen nicht unbedingt wörtlich nehmen, die eigentliche Bedeutung der Worte wird allerdings nicht allzu deutlich herausgearbeitet.

Alles in allem ist diese Sache mit der Prophezeiung eine ausgesprochen verschwommene Angelegenheit. Es drängt sich die Vermutung auf, dass Heide Solveig Göttner hier bewusst vage geblieben ist. Dadurch, dass nirgendwo der vollständige und konkrete Wortlaut der Prophezeiung auftaucht, sondern nur Interpretationen, hat die Autorin eine Möglichkeit gefunden, immer neue Winkelzüge einzufügen, ohne jemals in Konflikt mit den Gesetzen der Logik zu geraten. Wenn etwas nicht mehr zu dem passt, was sie ursprünglich einmal geschrieben hat, dann ist es halt nur eine neue Art der Interpretation. Das ist einerseits ein genialer Kniff, andererseits komme ich nicht umhin, es auch ein wenig als Schummelei zu empfinden, als hätte jemand eine unerlaubte Abkürzung genommen. Angesichts vieler anderer Autoren, die es geschafft haben, trotz einer ausformulieren Prophezeiung ein überraschendes Ende mit einer unerwarteten Bedeutung dieser Prophezeiung aufzubauen, hat sie es sich vielleicht doch ein wenig zu leicht gemacht.

Ähnlich verschwommen wie die Sache mit der Prophezeiung war die Erwähnung des Brettspiels Edú, auch genannt das Spiel des Wandels. Es soll ein Spiel der Götter sein, und vor allem Gorun kommt sich aufrund seines Schicksals und seiner Rolle in der Prophezeiung wie ein Spielstein im Spiel der Götter vor. Andererseits wird nirgendwo erklärt, wie dieses Spiel gespielt wird. Und da die Götter offensichtlich so wenig Macht über die Prophezeiung haben, dass sie – mit Ausnahme Anrynans – nicht einmal versuchen, den Verlauf der Ereignisse zu beeinflussen, stellt sich die Frage, wozu es überhaupt erwähnt wird. Auch hier drängt sich wieder der Eindruck auf, als wäre der Begriff des Edú ebenso wie der weiße Stein, den die Gefährten so dringend finden sollen, nur eingebaut worden, um den Leser einen neuen Haken schlagen zu lassen. Denn letztlich ist nicht ersichtlich, welchen Einfluss der weiße Stein auf den Verlauf des Geschehens hätte nehmen sollen, schließlich wohnt ihm keinerlei Macht inne.

_Bleibt zu sagen_, dass der Zyklus eine unterhaltsame Lektüre war, der große Wurf ist er aber nicht geworden. Der mangelnde Mut zur Festlegung hat den Entwurf eine Menge Details und die Ausarbeitung die nötige Schärfe gekostet. Das können die gelungenen Charaktere, die abwechslungsreichen Szenarien der Insel und die diversen Kämpfe auf dem Weg zum Ziel nicht ganz wettmachen.

_Heide Solveig Göttner_ studierte Anglistik und arbeitet als Dozentin für Englisch und Deutsch in Freiburg. Außer einem Faible für archäologische Stätten hat sie eine Vorliebe für Inseln und lange Spaziergänge. Aus ihrer Feder stammt nicht nur der Zyklus |Die Insel der Stürme|, sondern auch die Kurzgeschichte „Die Goldkatze“ aus der Anthologie „Fenster der Seele“. Für ihre Erzählung „Das Gelbe vom Ei“ erhielt sie das Literaturstipendium der Stadt München.

|443 Seiten, kartoniert
ISBN-13: 978-3-492-26696-3|
http://www.heidesolveig-goettner.com
http://www.piper.de

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