Goldsman, Akiva – The Da Vinci Code (Sakrileg). Das offizielle Begleitbuch zum Film

_Augenfutter für |Sakrileg|-Freunde_

Der Museumsdirektor des Louvre wird in der weltberühmten Galerie kaltblütig erschossen. Er stellt sich als Oberhaupt eines uralten Geheimbundes heraus, denn mit seinem letzten Atem hat er eine Geheimbotschaft geschrieben: den Da-Vinci-Code. Zur selben Zeit setzt eine Gesellschaft des Vatikans alles daran, die größte Macht in der Christenheit zu erlangen. Ein Wettlauf gegen die Zeit und eine rasante Schnitzeljagd durch die Symbolkunde des Abendlandes beginnen.

Das „offizielle Begleitbuch zum Film“ liest sich wie ein illustriertes Drehbuch und gewährt einen Blick hinter die Kulissen.

_Der Autor_

Akiva Goldsman wurde in Brooklyn Heights, New York City, geboren, machte seinen Abschluss an der Wesleyan University und absolvierte anschließend den Aufbaustudiengang Kreatives Schreiben an der New York University. Er lebt mit seiner Frau Rebecca und ihrem Hund Fizz in Los Angeles.

Für sein Drehbuch zu „A Beautiful Mind“ wurde Goldsman 2001 mit dem Oscar®, dem Golden Globe und dem Writers Guild Award ausgezeichnet. „A Beautiful Mind“ gewann auch den Oscar in der Kategorie „Bester Film“. Goldsman schrieb die Drehbücher für die Filme „Der Klient“, „Batman Forever“, „Die Jury“, „Zauberhafte Schwestern“, „I, Robot“ und „Das Comeback“. Seine Firma Weed Road Pictures hat Filme wie „Deep Blue Sea“, „Starsky & Hutch“, „Constantine“ und „Mr. Mrs. Smith” produziert. (Verlagsinfos) Goldsman ist im Buch auf vielen Bildern zu sehen, denn er war bei den Dreharbeiten ständig dabei, um noch in letzter Sekunde Änderungen vorzunehmen.

_Inhalte_

Obwohl die Story mittlerweile sattsam bekannt sein dürfte, möchte ich sie dennoch an dieser Stelle wiederholen, denn wer sie nicht kennen sollte, wird sonst von den anschließenden Passagen nur Bahnhof verstehen. –

Robert Langdon, ein Symbolkundler der Harvard University (Tom Hanks), weilt gerade in Paris, um dort an der Amerikanischen Universität einen Vortrag über sein Fachgebiet zu halten. Er freut sich, endlich den Museumsdirektor des Louvre Jacques Saunier kennen zu lernen, der die höchste Autorität in Sachen heidnischer Verehrung der göttlichen Weiblichkeit sein soll. Da reißt ihn ein nächtlicher Anruf aus dem Schlaf.

Die Chef der Staatspolizei, Bezu Fache (Jean Reno), wünscht Langdons Anwesenheit im Louvre. Dort steht Langdon wenig später reichlich erschüttert: Die Leiche des Museumsdirektors Jacques Saunier liegt verrenkt und ermordet unweit der „Mona Lisa“. Er wurde in den Bauch geschossen und hatte noch 15 bis 20 Minuten Zeit, eine Geheimbotschaft mit Schwarzlichtschreiber auf den Boden zu kritzeln, die nur bei UV-Licht sichtbar wird – eine übliche Praxis in Museen.

War diese Botschaft schon rätselhaft, so ist die Leiche auch noch so angeordnet, dass sie aussieht wie da Vincis berühmteste Skizze: die der Proportionen des Menschen in einem Kreis (die Vorlage stammt von Vitruv). Gleich darauf taucht Sophie Neveu, die Kryptografin der Staatspolizei (Audrey Tautou), am Tatort auf und warnt Langdon indirekt, dass der Hauptmann der Staatspolizei, ihn, Langdon, als Hauptverdächtigen betrachte. Klar, dass unser Mann aus Boston reichlich von den Socken ist: Sophie scheint nicht viel von Gehorsam gegenüber ihrem Chef zu halten. Außerdem zeigt sie ihm noch, dass man ihn verwanzt hat. Und verrät ihm, dass der Ermordete ihr Großvater war.

Zusammen knobeln die beiden heraus, dass der Museumsdirektor der Großmeister einer Bruderschaft war, der Prieuré de Sion, die 1099 gegründet wurde. Die Bruderschaft kämpft gegen die Verdammung und Diffamierung der Maria Magdalena, Jesu Ehefrau (!), durch die römisch-katholische Kirche, die zu den Hexenjagden führte. Auch das Renaissance-Genie Leonardo da Vinci, der Maler Sandro Botticelli, der Romancier Victor Hugo und der Künstler Jean Cocteau waren demnach Großmeister der Bruderschaft.

Doch der Erzfeind der Bruderschaft, ein Bischof des mächtigen katholischen Ordens Opus Dei (Alfredo Molina), schläft auch nicht. Er holt in derselben Nacht zum entscheidenden Schlag aus. Und deshalb musste der Museumsdirektor und drei seiner Hauptleute in der Bruderschaft sterben. Der Mörder ist ein Albino, der sich als Mönch kleidet und mit einem Bußgürtel geißelt (Paul Bettany). Aber vielleicht gibt es auf beiden Seiten noch weitere Hintermänner. Saunier hat jedenfalls seiner Enkelin und Alleinerbin eine Reihe von verschlüsselten Hinweisen hinterlassen – schließlich hatte er ihre Ausbildung zur Codeknackerin in die Wege geleitet.

Wer aus dieser Schnitzeljagd lebend hervorgeht und wie die Lösung des Rätsel lautet, erfährt man (natürlich) erst ganz am Schluss. Wie es sich gehört. HINWEIS: Zahlreiche Elemente der Handlung wurden geändert, weggelassen, hinzugefügt, und der Schluss ziemlich geändert.

_Das Begleitbuch_

Das Buch ist eine interessante Kombination aus Filmdokumentation, Drehbuch und der illustrierten Ausgabe von „Sakrileg“. Doch der Reihe nach. Drei Vorworte eröffnen das Buch: 1) von Dan Brown, dem Autor und Ausführenden Produzenten des Films, 2) von Ron Howard, dem Regisseur und c) Brian Grazer, dem Produzenten. Sie bekunden selbstverständlich ihre Freude über ihr Mitwirken an dem Film „The Da Vinci Code“, der niemals „Sakrileg“ genannt wird – auch nicht auf dem Titel – und erklären, wie sie ihre Rolle an diesem Projekt sehen.

Danach erklärt der Drehbuchautor Akiva Goldsman, dessen Textarbeit wir in Händen halten, wie er an diese Aufgabe herangegangen ist und welche Kompromisse er für die filmische Umsetzung eingehen musste, um die Geschichte zum Fliegen zu bringen. Er fügt gleich die Warnung hinzu, dass die abgedruckte Fassung |nicht| die des endgültigen Films sei – wie beruhigend.

Eine Doppelseite stellt die wichtigsten Figuren und ihre jeweiligen Darsteller vor, teils mit Foto, teils mit zusätzlicher Zeichnung: Langdon (Hanks), Neveu (Tautou), Cpt. Bezu Fache (Jean Reno), Lt. Jerome Collet (Etienne Chicot), Remy Legaludec (Jean-Yves Berteloot), Saunière (Jean-Pierre Marielle), Sir Leigh Teabing (Ian McKellen), Bishof Manuel Aringarosa (Alfred Molina) und der Mönch Silas (Bettany).

Am Schluss folgen ein Nachwort von Produzent John Calley, der die Rechte an dem Buch gekauft hat, sowie diverse Danksagungen. Somit bleiben 186 Seiten für das illustrierte Drehbuch übrig. Diese Seiten haben es in sich.

|Das Drehbuch|

Dass ein illustriertes Drehbuch aus Text- und Bildelementen besteht, erklärt sich von selbst. Doch beides unterscheidet sich von den üblichen Dokumentationen. Der Text ist in Rollen und Dialog sowie Regieanweisungen aufgeteilt. Wer also nicht weiß, was ein „Achsensprung“ ist, dem kann nicht geholfen werden – ein Glossar gibt es dafür nicht. Aber immerhin erfahren wir, was es mit FETT gedruckten Dialog auf sich hat: Diese Zeilen werden im Film in Französisch gesprochen, mit deutschen Untertiteln, versteht sich.

Die nächste Stufe zum Bild bilden die zahlreichen Ausschnitte aus dem Storyboard. Sie stammen meist von Robert Ballantyne. Auch hier finden sich Dialoge, Regieanweisungen und Schauplatzhinweise, aber auch so comichaft anmutende Elemente wie Richtungspfeile und Speedlines. Außerdem jede Menge Pfeile, die die Kamerafahrt andeuten sollen. Jedes Storyboard ist kommentiert. Die optischen Unterschiede zwischen Storyboard und fertigem Filmbild sind oftmals verblüffend stark.

Die Bilder zeigen zumeist Filmszenen, wie zu erwarten wäre. Sie zeigen die oben erwähnten Hauptfiguren, aber auch wichtige Szenen wie etwa die Ermordung des Louvredirektors. Die Szenen betreffen auch Rückblenden und einige interessante Überblendeffekte des Films, so etwa jene, in denen Langdon & Co. der Beerdigungsprozession von Sir Isaac Newton im 17. Jahrhundert beiwohnen. Andere Fotos zeigen Leute (wie Dan Brown), die nicht im Film auftauchen.

Viele Bildkomplexe haben aber auch – Vorsicht, Wortspiel! – auch Illustrationscharakter, indem sie einen Aspekt des Buchinhaltes oder des Films näher beleuchten. Auf Seite 31 ist beispielsweise ein Exkurs zu finden, der sich mit der „Macht der Symbole“ befasst, so wie ihn Prof. Langdon im Film halten könnte. Die Doppelseite 40/41 zeigt die Aufnahmen im echten Louvre, und zwar in einem Gebäudezustand, den man als normaler Besucher niemals zu sehen bekommt: völlig ohne Besucher, mit freiem Blick auf die „Mona Lisa“.

Die Große Galerie, in der dieses Bild ausgestellt wird, wurde in 120 Metern Länge nachgebaut, damit die Ausleuchtung optimal ist, ebenso Teile von Rosslyn Chapel. Als Double für die Westminster Abbey – hier liegt das Grab von Newton – diente die Kathedrale der englischen Stadt Lincoln. Das Grab Newtons, ein bombastisches Gebilde so hoch wie ein einstöckiges Haus mit zahlreichen Symbolen, wurde ebenfalls nachgebildet, meist mit Schaumstoff. Die Kirche Saint Sulpice wurde digital im Computer nachgebaut und ihre Bilder bei der Montage über einen Greenscreen gelegt. Vor diesem Greenscreen agierten Schauspieler wie Paul Bettany, der den Silas spielt.

Andere Exkurse zeigen die Dreharbeiten und Vorgänge hinter den Kameras. Dazu gehören nicht nur Fotos, sondern auch Erklärungen zu den verschiedenen Drehbüchern. Innerhalb von sechs Monaten erarbeitete Goldsman nicht weniger als fünfundzwanzig Revisionen! Jede Drehbuchfassung lag nicht nur in neuer Farbe (S.143), sondern zudem in vier Sprachen vor, und zwar dergestalt, dass die fremdsprachigen Dialogzeilen auf transparentem Butterbrotpapier über die Seite des englischen Originals gelegt wurden (S.71). Wie es der Script Supervisor schaffte, diesen Wirrwarr noch durch die einzelnen Anmerkungen und Pfeile von eigener Hand zu erhöhen (S. 115) und anschließend wieder für den Cutter zu entschlüsseln, grenzt an ein Wunder. Hinzu kommen noch Ron Howards Drehbuchnotizen (S. 159). Die Evolution der Dialoge ist auf Seite 180 zu besichtigen – bis zur letzten Minute vor Drehbeginn.

_Mein Eindruck vom Begleitbuch_

Meine Meinung beschränke ich nur auf das Begleitbuch und lasse den Thriller an dieser Stelle außen vor. Insgesamt kann man also eine ganze Menge über das moderne Filmemachen lernen. Auch wenn ich den Film (noch) nicht gesehen habe, so vermitteln die Szenenfotos einen Eindruck von den Szenen. Mir fällt dabei auf, dass kaum jemand auf den Fotos lächelt oder gar lacht. Der Einzige, der dies tut, ist ausgerechnet der Bösewicht: Sir Leigh Teabing, charmant gespielt von Ian McKellen. Tom Hanks und Audrey Tautou scheinen hingegen herzlich wenig Spaß zu haben, so dass ich mir vom Film recht wenig Unterhaltung versprechen würde, wollte ich ihn anschauen – nicht gerade die beste Werbung. Wieder einmal hat der Schurke die besten Szenen …

275 Fotos machen zwar noch kein Buch. Aber es gibt auch nicht so viel Text, dass man von öden Textwüsten sprechen könnte. Das Ergebnis ist eine interessante Mischung. Dafür sorgen alleine schon die zahlreich eingestreuten Exkurse und die interessanten Storyboards. Sie vermitteln noch mehr als die Szenenfotos, wie die Handlung im Film abläuft und wie die Kamera diese Darstellung einfängt. Durch diese gezeichneten Abläufe kann man in der Regel viel Geld für Proben sparen, und und zudem werden die richtigen Schauspieler nicht durch irgendwelche Schüsse oder gar Verfolgungsjagden in Gefahr gebracht.

Natürlich funktioniert das Buch nicht wie ein Comic: Text plus Bild ist zwar vorhanden, doch die ständigen Exkurse funken laufend dazwischen, so dass sich bei mir mit Mühe ein Gefühl der Kontinuität einstellen wollte. Wenn man sich hingegen nur auf den Text konzentrieren könnte, würde sich sicherlich ein inhaltlicher Zusammenhang ergeben.

In der folgenden Form ist das Buch jedoch eine unruhige Mischung aus Lexikon, Making-of, Drehbuch und Storyboard – etwas völlig Neues also, an das sich der Leser und Betrachter nur mit Mühe gewöhnen dürfte. Mit dem Fortschreiten der Produktionsbedingungen für solche Bücher dürfte jedoch ihre Zahl auch größer werden. Ohnehin ist ein solches Buch nur durch die extrem hohe Aufmerksamkeit für einen Megabestseller plus Verfilmung gerechtfertigt. Das dürfte die Zahl solcher Bücher wiederum begrenzen.

_Unterm Strich_

Das Buch ist vor allem für die Fans von Roman und Film interessant – typisch für diese „Begleitbücher“ aus der Rubrik „Fanartikel“. Wer den Roman oder den Film nicht kennt, dürfte nur wenig mit der Story anfangen können. Zu begrenzt ist der Informationsgehalt des gelieferten Textes. Und die Figuren erwachen erst recht nicht zum Leben. Auch sollte man Roman oder Film bereits kennen. Und dann bildet das Begleitbuch bei entsprechendem Interesse eine sinnvolle Ergänzung. Lässt das Interesse nach, verstaubt das Buch schon bald in einer vergessenen Ecke. C’est la vie.

|Originaltitel: The Da Vinci Code. Illustrated Screenplay. Behind the scenes of the major motion picture, 2006
208 Seiten
Aus dem US-Englischen von Axel Merz|

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