Griffiths, Elly – Totenpfad

_Inhalt_

Ruth Galloway, eine forensische Archäologin, lebt zusammen mit ihren Katzen am Rande des Salzmoors in der Nähe von Norfolk. Es ist eine unwirtliche, trübe Gegend, aber Ruth mag es hier: Die Abgeschiedenheit, die raue Landschaft, den Ruf der Vergangenheit. Ganz in der Nähe ihres Häuschens hat eine Ausgrabung stattgefunden; hier war einst – vor mehreren tausend Jahren – ein ritueller Versammlungsort, ein Hengering. Ruth Galloway kam zur Ausgrabung und blieb, als die Arbeiten abgeschlossen waren.

Ihr eintöniger Alltag wird unterbrochen von Polizeibesuch. Detective Chief Inspector Harry Nelson bittet sie um ihre berufliche Meinung: Er hat im Salzmoor Knochen gefunden und möchte nun von Ruth wissen, ob sie zu einem Mädchen gehören könnten, das zehn Jahre zuvor verschwunden ist.

Ruth muss ihn enttäuschen: Die Knochen sind zweitausend Jahre als. Was für sie eine kleine Sensation ist und eine neue Ausgrabung ins Rollen bringt, ist für Harry Nelson ein bitterer Schlag: Der Fall der verschwundenen Lucy macht ihm seit einem Jahrzehnt zu schaffen; er leidet mit den Eltern und möchte ihnen zumindest in irgendeiner Form Gewissheit verschaffen. Außerdem verfolgt ihn der Täter mit Briefen, die er nicht versteht, voll düsterer Anspielungen und religiöser Motive.

Dann verschwindet ein weiteres Mädchen. Ruth, die Nelson geholfen hatte – nicht nur mit den Knochen, sondern auch beim Verstehen der Briefe -, wird in den Fall hineingezogen und muss plötzlich um ihr Leben fürchten. Sie, die sie sich an den Rand der Zivilisation zurückgezogen hatte, um mit ihrem Übergewicht, ihren Katzen und ihrem Bedürfnis nach Ruhe allein zu sein, muss plötzlich feststellen, dass sie den Täter vermutlich kennt. Ist tatsächlich einer ihrer wenigen Freunde ein Entführer und Mörder? Ruth spürt den Atem des Verbrechers quasi im Genick, und doch tappt sie im Dunkeln …

_Kritik_

Auf den ersten paar Seiten von „Totenpfad“ habe ich die Zähne zusammenbeißen müssen: Eine Aneinanderreihung von Hauptsätzen, kurz, unschön, noch dazu im Präsens. Das hat keinen Spaß gemacht. Und doch bin ich froh, dass ich den Impuls, das Buch wegzulegen, unterdrückte: Ans Präsens musste ich mich zwar gewöhnen, aber der fragwürdige Stil verlor sich zugunsten eines weitaus angenehmeren. Zwar blieb er etwas rau und kantig, aber er passte hervorragend zum Inhalt des Romans: Zu den grauen Salzmooren mit den toten Bäumen, zu den Unwettern über dem Wattenmeer, zu den Überbleibseln aus alter, urtümlicher Vorzeit. Hier, am Rande der Welt, wo Himmel und Erde einander so nahe scheinen, kommt es einem vor, als sei der Schleier zwischen den Zeiten dünn. Hier wie dort gibt es nicht viel Gutes und Schönes, und die selbst gewählte Abgeschiedenheit der eigenwilligen Protagonistin erscheint vollkommen nachvollziehbar. Auch die seltsamen Briefe des Verbrechers scheinen fast angemessen, und man empfindet eine gewisse Art von Mitleid für Harry Nelson, der all dies Graue und Ferne nicht versteht und nicht verstehen will.

Abstruse Personen geben sich mehr oder weniger die Klinke in die Hand in diesem Roman, und Unwirklichkeit wird zur Norm. Wer tatsächlich vollkommen unfatalistisch in der normalen Welt herumspaziert, wirkt hier fast fehl am Platze. Und dann feststellen zu müssen, dass weder in der unwirklichen Welt des Salzmoores noch in der bunten Realität von Norfolk alles ist, wie es zu sein schien, zieht dem Leser zusammen mit Ruth den Boden unter den Füßen weg.

_Fazit_

Was schwach begann, wuchs sich aus zu einem der atmosphärischsten Romane, die ich in letzter Zeit gelesen habe. Abgesehen davon, dass ich die Verquickung aus Kriminalfall und Archäologie immer schon spannend fand, sind Ruth Galloway und Harry Nelson zwei absolute Charakterköpfe. Vielleicht ist ihr Handeln nicht unbedingt nachvollziehbar, aber sie sind in all ihren Eigenheiten so klar gemeißelt, dass mir plötzlich an ihnen lag. „Totenpfad“ ist wie ein Splitter im Finger, es ist unmöglich, sich nicht darauf zu konzentrieren.

Elly Griffiths hat bestimmt nicht den schönsten Roman der Welt geschrieben, aber dafür einen unglaublich einprägsamen. Er lässt die Gedanken nicht los, führt sie zurück in all diese Unwirtlichkeit – und dann ist man regelrecht beruhigt, wenn man liest, dass weitere Bände in Vorbereitung sind. Ich werde den Fortgang dieser Geschichte jedenfalls aufmerksam verfolgen und kann Ihnen nur ans Herz legen, es mir gleichzutun.

|Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
ISBN-13: 978-3805208741
Originaltitel: The crossing Places
aus dem Englischen von Tanja Handels|
http://www.rowohlt.de
http://www.ellygriffiths.co.uk

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