Gruber, Andreas – Judas-Schrein, Der

Der Wiener Kripobeamte Alex Körner steckt in Schwierigkeiten. Sein erster Fall als Chefinspektor endete durch seine Fahrlässigkeit in einem Desaster mit mehreren Verletzten. Zur Rehabilitierung wird er auf den Mordfall eines Mädchens in einer Dorfdisko angesetzt. Beim abgelegenen Grein am Gebirge handelt es sich um Körners einstige Heimatstadt, in der er die ersten vierzehn Jahre seines Lebens verbrachte. Nach dem Tod seiner Eltern bei einem Hausbrand zog er nach Wien und brach jede Verbindung zu seinem alten Leben ab. Wider Willen muss Körner jetzt nach fast dreißig Jahren in seine Heimat zurückkehren. Als Unterstützung steht ihm die Polizeipsychologin Dr. Sonja Berger zur Seite. Den Rest des Ermittlerteams bilden seine Ex-Freundin Jana Sabriski als Gerichtsmedizinerin, der zurückhaltende Polizeifotograph Kralicz, von den anderen nur liebevoll „Basedov“ genannt, und der sarkastische Spurensicherer Rolf Philipp.

Bei der Obduktion des Mädchens stellt sich heraus, dass es sich um keinen gewöhnlichen Mordfall handelt. Sabine Krajnik wurde offenbar an ihrer Wirbelsäule von innen heraus zerfetzt, in der Wunde befinden sich Spuren einer unbekannten DNA. Körner wird hellhörig, als er erfährt, dass auch ihre beiden Geschwister im gleichen Alter an ihrem jeweiligen Geburstag verstarben und die Totenscheine retuschiert wurden. Von Martin Goisser, einem Freund des Mädchens, erhoffen sie sich neue Erkenntnisse – doch sie finden auch den Jungen nur noch ermordet vor. Die einzige Zeugin des Mordes an Sabine, eine Journalistin, liegt derweil mit schwerem Schock und unter Beruhigungsmitteleinfluss im Krankenhaus und ist unansprechbar.

Der Fall wird immer rätselhafter. Die misstrauischen Bewohner verweigern die Zusammenarbeit, während der Erfolgsdruck auf Körner täglich wächst. Zusätzlich sorgt der andauernde Regen für eine gefährliche Hochwassersituation. Die Trier droht den Deich zu sprengen und Körner und sein Team sind nach wenigen Tagen in Grein eingeschlossen. Nach und nach brechen alle Leitungen zur Außenwelt ab. Die Erinnerungen an die Vergangenheit drohen Körner fast zu erdrücken, jede neue Ermittlung wirft weitere Fragen auf. Je weiter er vorstößt, desto mehr verdichten sich die Hinweise, dass die Morde nur die Spitze des Eisbergs eines düsteren Geheimnisses bilden, das viele Jahrzehnte in die Greiner Geschichte zurückreicht und seinen Ursprung in dem mysteriösen Schrein der Dorfkirche besitzt …

„Der Judas-Schrein“ ist der 16. Band der |Festa|-Reihe „Lovecrafts Bibliothek des Schreckens“, die sich allesamt an den Altmeister der Phantastik anlehnen. Glücklicherweise braucht man jedoch kein Kenner des Lovecraft-Universums zu sein, um den „Judas-Schrein“ zu lesen und dabei zu genießen.

Obwohl das Lovecraft-Logo auf die Phantastik hinweist, deutet zunächst nichts auf eine übernatürliche Macht hin. Im Gegenteil, das Setting präsentiert sich scheinbar als Paradebeispiel für einen typischen Polizeithriller. Da ist der harte Kripobeamte mit dem zerrütteten Privatleben, der grausame Mord an einem Teenager, die verschworenene Dorfgemeinschaft mit den vielen Verdächtigen und der ständige Regen, der die bedrückende Atmosphäre eindrucksvoll unterstreicht. Erst allmählich häufen sich die Anzeichen dafür, dass es sich hier um keinen gewöhnlichen Mordfall handelt.

|Drei Zeit-Ebenen|

Der hauptsächliche Teil des Romans spielt in der Gegenwart im (übrigens fiktiven) Grein, wird jedoch von mehreren Rückblenden unterbrochen. Die zweite Zeitebene findet im Jahr 1937 statt. Der Leser wird entführt in das Greiner Kohlebergwerk, wo eine Hand voll Kumpels bei Gleisarbeiten auf ein merkwürdiges Gebilde stößt. Die dritte Zeitebene spielt im 17. Jahrhundert und gibt die von Körner gefundenen Tagebuchaufzeichnungen eines damaligen Messdieners wieder, der den Ursprung des Grauens in diesem Ort mitlerlebte. Während die Tagebuchaufzeichnungen zu detailliert und geordnet erscheinen, um authentisch zu wirken – schließlich ist ihr Verfasser ein verängstigter Junge, der schreckliche Dinge erfahren hat -, wirken die Rückblenden zum Bergwerkunglück ungleich überzeugender. Auf wenigen Seiten gelingt es dem Autoren, die dichte Atmosphäre einer Kohlengrube vor den Augen des Lesers lebendig zu gestalten. Es braucht nicht viele Worte, um den Personen in der Rückblende, allen voran Paulsen und den alten Grieg, der einst des Unfalltod von Paulsens Vater miterlebte, ein Gesicht zu verleihen. Vier Rückblenden ins Jahr 1937 gibt es insgesamt und jede einzelne erweckt ebenso große Spannung wie Haupthandlung des Romans.

|Andeuten statt beschreiben|

Welch ein geschickter Erzähler in Andreas Gruber steckt, zeigt sich unter anderem auch an der dezenten Beschreibung des Wesens, das das Bergdorf in Schrecken versetzt. Aus den Erlebnissen in den Rückblenden und Körners eigenen Erfahrungen ergibt sich ein grausiges Gesamtbild eines tentakeltragenden Monstrums, bei dessen Aussehen und Beschaffenheit dem Leser viel Spielraum für weitere Phantasien gelassen wird.

Es existiert noch eine weitere Stelle, die das Verdichtungstalent des versierten Kurzgeschichtenschreibers zeigt: Alex Körner erinnert sich an diverse grauenvolle Ereignisse seines Heimatdorfs, die von den Bewohnern trotz ihrer Abscheulichkeit totgeschwiegen wurden. Ob es sich dabei nun um eine dem Wahnsinn verfallene Mutter handelt, die ihren verstorbenen Säugling nicht hergeben will, um Totgeburten in Plumsklos oder um ein vom Vater missbrauchtes Mädchen – all diese Schreckenstaten werden nur andeutungsweise angerissen, vom Schlaglicht bestrahlt und wenige Augenblicke später von der nächsten Groteske abgelöst. Der Erzähler beschert dem Leser mit den Schilderungen atemlose Momente, überzogen von Gänsehaut, eingebrannt ins Gedächtnis, wo sie, angereichert von der eigenen Phantasie, auch noch lange verbleiben werden …

|Lange Anlaufphase|

Bis dahin braucht der Roman eine Weile, um sich warm zu laufen und den Leser in den Bann zu ziehen. Verantwortlich für diese lange Anlaufphase sind in erster Linie die zu blassen Charakterisierungen.

Ausgerechnet zur Hauptfigur Alex Körner behält der Leser lange Zeit ein eher distanziertes Verhältnis. Körner ist mehr Antiheld als Strahlemann, was grundsätzlich interessant ist, in diesem Fall aber ein bisschen zu sehr ausgereizt wird. Neben seinem beruflichen Fiasko, das ihn in den Ermittlungen unter gewaltigen Druck setzt, beschäftigen ihn auch noch sein Kindheitstrauma, als er den Tod seiner Eltern hilflos miterlebte, die Scheidung von seiner Ex-Frau und die Entfremdung seiner Tochter, das Ende seiner fünfjährigen Beziehung mit Jana Sabriski, mit der er nun zusamenarbeiten muss, die unerfreuliche Rückkehr in seinen Heimatort, an dem ihm Bösartigkeit entgegenschlägt, und schließlich die Gefahr, die von einer unbekannten Macht ausgeht, die bereits mehrere Menschen auf dem Gewissen hat. Ecken und Kanten bei einer Hauptfigur sind dem Leser willkommen, denn man identifiziert sich eher mit dem Durchschnittstypen als mit dem makellosen Helden. Diese Bündelung an Problemen und Rückschlägen jedoch macht aus Körner bereits zu Beginn der Handlung eine so tragische Gestalt, in der man nur ungern ein Abbild seiner selbst erkennt. Entsprechendes gilt für seine Exfreundin Jana Sabriski, deren Verhältnis zu Körner man gewiss noch spannungs- und konfliktgeladener hätte gestalten können.

Besser gelungen sind dagegen die Charakterisierungen seiner Kollegen Basedov und Philipp. Obwohl nur Nebenfiguren ohne allzu viel Text und Handlungsraum, weiß der Leser die beiden gegensätzlichen Gestalten rasch einzuordnen. Basedov, wie der Fotograf mit dem unaussprechlichen bürgerlichen Namen aufgrund seiner ukrainischen Frau und seines irritierenden Blickes genannt wird, steht für den Typus des ruhigen Familienvaters. Rolf Philipp verkörpert mit seinem unsensiblen und cholerischen Temperament das genaue Gegenteil. Die Stärke von Kurzgeschichten, Charaktere auf engstem Raum plastisch darzustellen, wird hier offenbar zu einem Stolperstein, wenn es darum geht, über mehrere hundert Seiten hinweg eine Person glaubwürdig denken und handeln zu lassen. Dieses Manko gilt jedoch hauptsächlich für das erste Drittel. Spätestens, wenn die Handlung an Fahrt gewinnt und sich die Ereignisse überstürzen, wird der Leser auch endlich warm mit Alex Körner, fiebert mit ihm mit und verfolgt atemlos seine brisanten Ermittlungen.

|Dichte Atmosphäre à la Lovecraft|

Das gewählte Setting erweist sich als überaus dankbar für einen Horror-Roman. Die abgeschiedene Lage, die Feindseligkeiten und Bedrohungen von allen Seiten und das prä-apokalyptische Weltuntergangsszenario sind wie geschaffen, um auch beim Leser beklemmende Gefühle auszulösen. Je weiter die Handlung fortschreitet, desto dichter wird die Atmosphäre und desto fester fühlt man sich gefangen in der Handlung. Während sich das erste Drittel zunächst wie ein gewöhnlicher Polizei-Krimi liest und nichts auf Horror hindeutet, entfaltete der Roman im weiteren Verlauf und vor allem im letzten Drittel eine Suggestivkraft, der man sich nur schwer entzieht. Lovecraft-Experten werden früh die subtil eingestreuten Anspielungen und Verweise auf den Cthulhu-Mythos erkennen und daher manche Wendungen bereits zeitig erahnen. Dennoch hat Gruber hier ein eigenständiges Werk geschaffen, das das Lovecraft-Universum eher nur streift, anstatt es zu kopieren. Selbst diejenigen, die nicht mal den Namen des Paten dieser Geschichte gehört haben, werden den „Judas-Schrein“ ohne Fragen genießen können.

|Solider Stil|

An der Sprache des Romans gibt es wenig zu beanstanden; Gruber schreibt in flüssigem Stil, der dem Leser keine übermäßige Konzentration abverlangt. Trotz des offensichtlichen Bemühens, sich nicht auf regionaltypische Ausdrücke zu beschränken, merkt der deutsche Leser bei manchen Begriffen kurz auf, so beispielsweise beim hier eher gewöhnungsbedürftigen „Landesgendarmeriekommando“ oder der Pistolenmarke „Glock“. Auch in den Rückblenden trifft man vereinzelt auf Vokabeln aus der Welt des Bergbaus, die aber insgesamt nie ein störendes Unverständnis hervorrufen. Der Stil ist weitgehend sehr sicher, nur ab und an fallen ein paar Wiederholungen ins Auge sowie ein deutlicher Hang, die Relativpronomen „der“, „die“ und „das“ durch „welche/r/s“ zu ersetzen, was auf Dauer zu gestelzt klingt.

Als zusätzliches Schmankerl enthält der Roman eine Karte mit allen wichtigen Örtlichkeiten, die ihren Reiz besitzt, für das Verständnis aber nicht notwendig ist.

_Unterm Strich_

„Der Judas-Schrein“ ist ein solider Phantastik-Roman, der sich an das Lovecraft-Universum, speziell an den Cthulhu-Mythos, anlehnt. Was zunächst etwas langatmig als typischer Polizeikrimi beginnt, entwickelt sich vor allem im letzten Drittel zu einem rasanten okkulten Horrorroman. Die Stärken liegen eindeutig im authentisch wirkenden Lokalkolorit und der düsteren Atmosphäre, deren Weltunergangsstimmung den Leser gefangen nimmt. Etwas schwächer sind die Charakterisierungen geraten, die vor allem bei der Hauptfigur eine gewisse Anlaufzeit brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten. Alles in allem ein unterhaltsamer Phantastik-Roman, für den man gewiss kein Lovecraft-Kenner zu sein braucht.

_Andreas Gruber_ wurde 1968 in Wien geboren. Mitte der Neunziger begann er mit dem Verfassen von Kurzgeschichten, die er in zahlreichen Magazinen und Anthologien herausbrachte. Er wurde in den vergangenen Jahren mehrmals für den Deutschen Phantastik-Preis nominiert. „Der Judas-Schrein“ ist sein erster Roman. Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in einer kleinen Ortschaft südlich von Wien und hält gelegentlich Schreibkurse ab.
Mehr über ihn erfährt man auf seiner Homepage http://www.agruber.com.

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