Hahn, Ronald M. (Hg.) / Cassut, M. / Wheeler, D. / Reed, K. / Lethem/Kessel/Kelly / Bova, B. / Ducha – Tod im Land der Blumen, Der (The Magazine of Fantasy and Science Fiction, Band 98)

_SF-Storys: Kulturen treffen aufeinander_

Diese Auswahl aus dem „Magazine of Fantasy and Science Fiction“ fällt im Niveau der Beiträge merklich gegenüber dem „Asimov Science Fiction Magazine“ ab. Es gibt keine witzige Story, und einziger gemeinsamer Nenner scheint das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen zu sein. Das allerdings ist eines der uralten Themen der Science-Fiction. Die beste Story ist meiner Ansicht nach Ben Bovas schon oft anthologisierte Story „Der Caféhaus-Putsch“. Sie hat Pfiff und eine überraschende Pointe.

_Die Storys_

1)

Bei Michael Cassuts Story |“Auf großer Fahrt“| ist bereits der Titel der blanke Hohn. Das große Generationenraumschiff, das zum Alpha Centauri fliegen soll, hängt seit Jahren in der Kreisbahn über der Erde fest. Schon haben sich an Bord Menschen entwickelt, die unter Erdbedingungen kaum noch leben könnten. Unterklasse und Management sind streng getrennt, denn die Verwalter sind alle mit dem Gehirn in das weltumspannende Netz (Internet?) eingeklinkt, die anderen nicht. Es geht um zwei Brüder, die aufeinandertreffen, sozusagen Jakob und Esau. Der eine ist Verwalter, der andere lebt unvernetzt in der Arbeiterklasse. Letzerer lässt eines Tages einen Virus auf die Verwalteranlagen los, bringt das Netz zum Absturz. Sein Kontrahent zieht sich zurück und überlässt ihm den Posten. Am Schluss steht „Alpha Cen“ nicht mehr für Tod, sondern für Leben. Die Fahrt kann losgehen.

Die Story ist schlecht und unübersichtlich erzählt, vieles muss man sich zusammenreimen. Insgesamt ein schlechter Einstieg in das Buch. Das Thema Vernetzung taucht später nochmal auf.

2)

Da erledigt Deborah Wheeler mit |“Der Tod im Land der Blumen“| einen wesentlich besseren Job. Wie in der nachfolgenden Story treffen zwei Kulturen aufeinander: hier die mittellosen, kranken, stets vom Tode bedrohten Einwohner einer kolumbianischen Küstenstadt und dort die reichen, gesunden Anglo-Urlauber, die auf einer vorgelagerten Insel, dem Land der Blumen, ihre Freizeit verbringen. Eines Tages wird es Javier gestattet, dort im Hotel zu putzen.

Sofort beginnt er eine superscharfe Affäre mit einer weißen Anglo. Die stellt sich als krank in der Seele heraus, während man bei ihm eine Blutkrankheit diagnostiziert. Nach dem Austausch ihrer Lebenssysmbole (ihr Dolch, mit dem sie sich die Pulsadern aufschneidet; seine Pistolenkugel, die ihn fast erledigt hätte) haut die Anglo ab und lässt ihn sitzen. Javier kehrt gebrochen, aber reicher heim.

Stimmungsvoll, packend, realistisch und höchst erotisch.

3)

In seiner Story |“Rajmahal“| stellt Kit Reed die Erlebnisse dreier Personen in Indien einander gegenüber. Der Rajmahal ist ein altes Grabmal, in dem eine Gruppe ahnungsloser Amis aus Minnesota Abenteuerurlaub macht. Das Dorf, das sie ab und zu besuchen, ist bettelarm und fühlt sich miss- bzw. verachtet. Als eine der US-Frauen eine Affäre mit dem Dorfschullehrer anfängt, um ihren Mann zu ärgern, bricht Gewalt aus, in deren Verlauf nicht nur diese Frau umkommt, sondern auch das Monument geschlossen wird.

Reed macht klar, welchen Störfaktor reiche Touristen in einem bettelarmen Land darstellen und dass es nur eines kleinen Funkens bedarf, um dieses Pulverfass explodieren zu lassen. Ironisch wird das subjektive Bild, das sich jeder der Beteiligten vom Gegenüber macht, gespiegelt – ein Kaleidoskop der Missverständnisse.

4)

Gleich drei Autoren – Lethem/Kessel/Kelly – haben sich daran gesetzt, ums uns zu erzählen: |“So endet die Welt wirklich“|. Die Welt des 21. Jahrhunderts ist gespalten in die Mehrzahl der Menschen mit einer geistigen Verstärkung, die an Telepathie grenzt, und eine kleine Minderheit von Verweigerern dieser so genannten CK-Verstärkung, die sich in kleine autarke Kolonien zurückgezogen haben. In der doppelbödigen Handlung werden zwei der wichtigsten Verweigerer umgedreht, um angeblich zu ihrem eigenen Wohl Erlösung zu erlangen – ihre eigene Welt endet.

Die Ironie dabei: Die Frau, die sie bekehrt, behauptet, lediglich die Eingebungen der Jungfrau Maria weiterzuleiten! Sie ist auch deshalb so glaubwürdig, weil sie selbst einst bis zu einem Unfall CK-verstärkt war. Als Renegatin ist sie doppelt so glaubwürdig, aber insgeheim arbeitet sie – quasi als Märtyrerin – für die Sache der CK-Verstärkung.

Eine komplexe Erzählung also, in der die subjektive Annahme über die Realität sowohl der Figuren wie auch des Lesers unterlaufen wird – vielleicht ein wenig zu clever für manchen Leser, der Action bevorzugt. Die gibt’s hier nicht.

5)

Ben Bova ist mit seiner bekannten Story |“Der Caféhaus-Putsch“| vertreten, die ich schon einmal in einer anderen |Heyne|-Anthologie gelesen habe. Ein Zeitreisender sitzt in einem Pariser Café in einem Jahr nach dem Ersten Weltkrieg, dessen Verlauf er selbst verändert hat, so dass die USA nicht in den Krieg eintraten. Sein Ziel war es, Hitler zu verhindern. Denn dessen geistige Nachkommen bedrohen die Zivilisation der Zukunft, aus der der Zeitreisende kommt. Ironischerweise verhindert er zwar Hitler und dessen Antisemitismus, zeitigt aber in Frankreich eine anti-arische Bewegung, die ebenso fanatisch ist.

Wie man also auch immer in die Geschichte eingreift – es ist stets verkehrt, wie es scheint.

6)

L. Timmel Duchamp hat sich in der 75-Seiten-Novelle eines ungewöhnlichen Themas angenommen: In „De secretis mulierum“ geht es um zwei Fälle von Frauen, die sich Zeit ihres Lebens als Männer ausgaben: Leonardo da Vinci und der heilige Thomas von Aquin. Jane, eine Historikerin, darf eine neu entwickelte Methode benutzen, mit deren Hilfe man Menschen der Vergangenheit aufgrund ihrer DNS quasi virtuell wiederbeleben kann. Was sie beobachtet, erschüttert besonders in Thomas‘ Fall die Lehren der katholischen Kirche. Was Jane aber umso mehr ärgert, ist der Unglauben und Zweifel ihres Doktorvaters und Lovers Teddy, der seine Glaubenssätze als männlicher Vertreter der Spezies in Frage gestellt sieht, dies aber nie zugeben würde. Jane hintergeht Teddy und führt die Versuche weiter. Am Schluss kann sie ihre Dissertation zwar vergessen, hat sich aber emanzipiert.

Der/die AutorIn hält es offenbar für wichtiger, wenn eine Frau ihre geschlechtliche Identität nicht verrät, dafür aber die Beziehung zu einem Menschen, der sie zu der Unterdrückung dieser Identität und anderer unangenehmer Wahrheiten zwingen will.

Faszinierender als dieses Thema, dessen Querelen wenig unterhaltsam dargestellt sind, ist die Entdeckung, dass es zu allen Zeiten – nun ja, die US-Regierung lässt Forschungen nur bis zum Jahr 1750 zu – Frauen gab, die sich als Mann verkleideten. Im Mittelalter war dies verboten und wurde mit dem Tode bestraft.

Es bleibt jedem Leser selbst überlassen, die offensichtlichen Parallelen zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart der Erzählung zu ziehen.

Eine engagierte Story, leider wenig routiniert umgesetzt, aber einen Blick auf jeden Fall wert.

_Fazit_

Ich würde diesen Auswahlband aus dem MFSF nicht noch einmal lesen. Kein Wunder, dass diese Reihe schon bald danach – mit Band 101- eingestellt wurde. Storys liefern und verarbeiten zwar Ideen, aber die Zubereitung derselben sollte den Geschmack des Lesers treffen. Dieser Geschmack hat sich seit Ende der neunziger Jahre offenbar erheblich gewandelt.

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