Hahn, Ronald M. (Hg.) – Marsprinzessin, Die (Magazine of Fantasy and Science Fiction 100)

_Zum Jubiläum: hohe Qualität im Sammlerstück_

Dies ist der Jubiläumsauswahlband Nummer 100 aus dem Jahr 1999, der vorletzte der traditionsreichen Reihe – und aus diesem besonderen Anlass vierfarbig illustriert!

_Das Magazin_

Das |Magazine of Fantasy and Science Fiction| besteht seit Herbst 1949, also rund 58 Jahre. Zu seinen Herausgebern gehörten so bekannte Autoren wie Anthony Boucher (1949-58) oder Kristin Kathryn Rusch (ab Juli 1991). Es wurde mehrfach mit den wichtigsten Genrepreisen wie dem |HUGO| ausgezeichnet. Im Gegensatz zu „Asimov’s Science Fiction“ und „Analog“ legt es in den ausgewählten Kurzgeschichten Wert auf Stil und Idee gleichermaßen, bringt keine Illustrationen und hat auch Mainstream-Autoren wie C. S. Lewis, Kingsley Amis und Gerald Heard angezogen. Statt auf Raumschiffe und Roboter wie die anderen zu setzen, kommen in der Regel nur „normale“ Menschen auf der Erde vor, häufig in humorvoller Darstellung. Das sind aber nur sehr allgemeine Standards, die häufig durchbrochen wurden.

Hier wurden verdichtete Versionen von später berühmten Romanen erstmals veröffentlicht: Walter M. Millers „Ein Lobgesang auf Leibowitz“ (1955-57), [„Starship Troopers“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=495 von Heinlein (1959), „Der große Süden“ (1952) von Ward Moore und „Rogue Moon / Unternehmen Luna“ von Algus Budrys (1960). Zahlreiche lose verbundene Serien wie etwa Poul Andersons „Zeitpatrouille“ erschienen hier, und die Zahl der hier veröffentlichten, später hoch dekorierten Storys ist Legion. Auch Andreas Eschbachs Debütstory „Die Haarteppichknüpfer“ wurde hier abgedruckt (im Januar 2000), unter dem Titel „The Carpetmaker’s Son“.

Zwischen November 1958 und Februar 1992 erschienen 399 Ausgaben, in denen jeweils Isaac Asimov einen wissenschaftlichen Artikel veröffentlichte. Er wurde von Gregory Benford abglöst. Zwischen 1975 und 1992 war der führende Buchrezensent Algis Budrys, doch auch andere bekannte Namen wie Alfred Bester oder Damon Knight trugen ihren Kritiken bei. Baird Searles rezensierte Filme. Eine lang laufende Serie von Schnurrpfeifereien, so genannte „shaggy dog stories“, auch „Feghoots“ genannt, wurde 1958 bis 1964 von Reginald Bretnor geliefert, der als Grendel Briarton schrieb.

Seit Mitte der sechziger Jahre ist die Oktoberausgabe einem speziellen Star gewidmet: Eine neue Story dieses Autors wird von Artikeln über ihn und einer Checkliste seiner Werke begleitet – eine besondere Ehre also. Diese widerfuhr Autoren wie Asimov, Sturgeon, Bradbury, Anderson, Blish, Pohl, Leiber, Silverberg, Ellison und vielen weiteren. Aus dieser Reihe entstand 1974 eine Best-of-Anthologie zum 25-jährigen Jubiläum, aber die Best-of-Reihe bestand bereits seit 1952. Die Jubiläumsausgabe zum Dreißigsten erschien 1981 auch bei |Heyne|.

In Großbritannien erschien die Lokalausgabe von 1953-54 und 1959-64, in Australien gab es eine Auswahl von 1954 bis 1958. Die deutsche Ausgabe von Auswahlbänden erschien ab 1963, herausgegeben von Charlotte Winheller (|Heyne| SF Nr. 214), in ununterbrochener Reihenfolge bis zum Jahr 2000, als sich bei |Heyne| alles änderte und alle Story-Anthologie-Reihen eingestellt wurden.

_Die Erzählungen_

1) |Jo Clayton: Geborgtes Licht| (Borrowed Light)

Die US-Autorin Jo Clayton lag wahrscheinlich bereits im Krankenhaus, als ihr diese Geschichte einfiel: „Geborgtes Licht“. Eine 300 Jahre alte Erdenfrau und Exobiologin hat auf einem fremden Planeten einen Frevel begangen und ist zum Tode verurteilt worden. Ihr Henker ist ein sanftmütiges, menschenähnliches Wesen, das sie auffordert, sich ins Unvermeidliche zu fügen – er selbst ist durch eine Lotterie zum Tod verurteilt worden.

Nach ihrer anfänglichen Rebellion beruhigt sie sich und sinnt auf Vergeltung. Sie erzählt Tsoykan, wie man auf Erden eines Toten gedenkt: Indem man sich an ihn erinnert. Nach ihrem Tod, den er herbeiführt, wie man es ihm befahl, nimmt die Vergeltung ihren Lauf, doch ganz anders, als man erwarten würde …

Dies ist leider eine sehr glatte und stellenweise unglaubwürdige Story. Teile des Textes scheinen zu fehlen. Der Gegensatz zwischen der irdischen Kultur und jener der Puman ist in Grundzügen dargestellt: auf der einen Seite das Lob des Individuums und seines Wertes, auf der Puman-Seite die Wertlosigkeit und prinzipielle Ersetzbarkeit des Einzelwesens, auf das jederzeit das Los des Todes fallen kann.

2) |Esther M. Friesner: Wahrer Glaube| (True Believer)

Der acht Jahre alte Jimmy Hanson hat einen Hustensaft mit einer magischen Formel erhalten, die bewirkt, dass alles, was er |glaubt|, Wirklichkeit wird, jedoch nicht das, was er |will|. Und er glaubt an die Existenz von Major Hamster und seiner Brigade der hurtigen Superhelden, weil er deren Abenteuer ja in seinen Comicheften gelesen hat. Außerdem glaubt er noch, sein Daddy, in Wahrheit in feiger Loser, sei ein Mann aus Stahl à la Superman, und seine Mutti, Mrs. (noname) Hanson sei eine liebende, fürsorgliche Marienfigur statt der fluchenden, frustrierten Ehefrau eines Losers.

Natürlich spricht es sich schnell herum, dass Klein-Jimmy über Superkräfte verfügt. Das FBI schneit herein und auch verrückter Wissenschaftler namens Prof. Geilenkirchen. Sie alle sind hinter dem Zauberhustensaft her. Doch eine Sekte namens „Erste Kirche der Göttlichen Harmonie“ schnappt sich Jimmy selbst, um wer weiß welche schrecklichen Experimente mit ihm anzustellen. Ach ja, fast hätt‘ ich’s vergessen: An die psychisch begabten Krötenmenschen von Squaax glaubt Jimmy natürlich auch, und wie immer tauchen sie im passendsten Moment auf …

Ähnlich wie die Story „Riesen auf Erden“ (Nr. 6) nimmt auch diese lebhafte und ironische Erzählung den Glauben an die amerikanischen Trivialmythen auf die Schippe. Von Krötenwesen über Alien-Feen bis zu Vampirinnen und Rumpelstilzchen ist alles vertreten, was sich im Hirn eines kleinen Jungen alles so ansammelt. Doch als auch Mrs. (noname) Hanson einen Tropfen des Zaubersafts zu trinken bekommt, weiß sie, dass es noch eine ganze Menge zu tun gibt. Denn sie |glaubt|, dass die Welt besonders zu Frauen und mit kleinen Jungs und Losern geschlagenen Müttern |ungerecht| ist. Sie stößt den Kampfschrei aus, der eigentlich für die Superhelden reserviert ist. Nach dem Motto: Auch du kannst ein(e) Superheld(in) sein, wenn du es nur willst!

3) |Robert Reed: Schattige Gegend| (A Place with Shade)

210 Jahrhunderte in der Zukunft hat sich die Menschheit über 20 Lichtjahre ausgebreitet – das ist ein gewaltiger Siedlungsraum. Der Umweltdesigner Hann Locum, der Ich-Erzähler, hat einen Ruf auf eine kleine, kalte Welt angenommen. Er soll dem reichen Weltbesitzer Provo Lei helfen, seine Tochter Ula im Fach des Terraformings auszubilden. Lei verrät Locum viele Dinge nicht über Ula, so etwa die Tatsache, dass er sie als Kleinkind ihren Eltern, die sie quälten, geraubt hat.

Ula ist hübsch und intelligent. Nach wenigen Wochen gemeinsamer Arbeit kommt Locum zu der Überzeugung, dass sie viel mehr auf dem Kasten hat, als sie zu Tage treten lässt. Bei dem neuen Projekt, einen tropischen Dschungel in einer Eishöhle anzulegen, stellt sie sich jedenfalls sehr geschickt an. Doch Ula, wie vorauszusehen, begnügt sich nicht mit der Rolle der gelehrigen Schülerin, sondern verführt Locum nach Strich und Faden. Das gefällt Locum durchaus, das heißt, bis er von ihrem Vater erfährt, dass Ula bereits zwei Liebhaber umgebracht hat …

Die Novelle ist eine recht ungewöhnliche Liebesgeschichte. Eine Geschichte von Verführung zwischen Frau und Mann, eine Auseinandersetzung zwischen Lehrer und Schülerin, zwischen Vater und Tochter. Der Ich-Erzähler ist zwar ein Meister im Terraforming, aber, wie ihm schon seine eigene Ausbilderin sagte, ein Naivling in zwischenmenschlichen Dingen. Und nun begegnet er in dieser Disziplin seiner Meisterin. Diese Konstellation ist hübsch ironisch, doch erst am ganz am Schluss erweist sich die ganze Veranstaltung als Trick zu seiner Ausbildung und Verführung. Schließlich gibt er seiner Lehrerin doch nach. Die allerletzte Gewissheit über den Sinn des Ganzen liefert die Story nicht, denn wieder einmal funkt der Vater dem Liebespaar dazwischen. Der Autor vertraut auf die Denkfähigkeit des Lesers.

4) |Terry Bisson: Das Uhrwerk| (The Player)

Der Autor fasst hier das Universum als eine Art Spieluhr auf. Nur: Wer zieht die Spieluhr von Zeit zu Zeit wieder auf? Es sind offenbar Leutchen draußen im All, die ein gewisses Verantwortungsbewusstsein entwickelt haben. Danach läuft die Spieluhr wieder.

Will Bisson die Uhr etwa zu Newtons mechanistischem Weltbild zurückdrehen? Hoffentlich nicht.

5) |Ben Bova: Die Marsprinzessin| (The Great Moon Hoax or A Mars Princess)

Dass Howard Hughes nicht nur ein Luftfahrt-Tycoon war, sondern auch ein recht verschrobener Zeitgenosse, ist bekannt. Aber wie verschroben er in Wahrheit war, erfahren wir erst aus dieser Story. Denn er ist ein Freund und Helfer der Marsianer. Das sind, so will er uns weismachen, die sanftesten Geschöpfe, die es je gegeben hat, und auf Erden gebe es sie erst seit jenem UFO-Absturz in New Mexico im Jahr 1946. Sie haben ihre Zivilisation auf dem Mars und einen Außenposten auf der Venus, und das Letzte, was sie gebrauchen können, wären Menschen auf dem Mond. Von dort könnten Menschen sie entdecken und erobern, mit all den verheerenden Folgen, die das nach sich zöge – für die Marsianer, versteht sich.

Das ist der Grund, warum Hughes auf Bitten der Marsianer mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten ein ernstes Wörtchen redet. Der Mann heißt zufällig John F. Kennedy und hat schon eine Reihe von Misserfolgen zu verzeichnen, so etwa die kubanische Invasion in der Schweinebucht. Er sagt, er hasse seinen Job und seine Ehe sei ein Witz (seine Geliebte heißt bekanntlich Marilyn). Nun, meint Hughes, dem Manne kann geholfen werden. Es muss nur möglich echt aussehen, wenn JFK und Marilyn verschwinden …

„All lies and jest“, würden Simon & Garfunkel singen, um all die Spiegelfechterei zu erklären, die zu unserem „historisch belegten“ Bild von den sechziger Jahren geführt hat. Die Story führt uns ein ganz anderes Jahrzehnt vor Augen, und natürlich passen nur hier die Marsianer ins Bild. Aber es ist eine anregende Spielerei, die all die Populärmythen als Lügengebäude und Märchen zur Volksverdummung entlarvt: Marilyn Monroe, JFK, James Dean, Amelia Earhart, die UFOs, die Marskanäle, die ausgestorbenen Dinosaurier – alles ganz anders. Und deshalb recht witzig.

6) |Michael A. Martin: Riesen auf Erden| (Giants in the Earth)

Nach einem Unfall in den Forschungslabors nahe Portland/Oregon ist es zur Entstehung von Supermenschen gekommen. Auf der Seite der Guten stehen der erzählende Quantenboy und sein Mentor Captain Paradox. Die Gegenseite wird angeführt vom finsteren Prof. Thaddäus Thibodeaux, der immer etwas Böses im Schilde führt.

Wieder einmal wird Quantenboy durch einen Anruf von Captain Paradox aus den Armen seiner geliebten Fiona gerissen, die sich endlich ein geregeltes Leben wünscht. Um sein Doppelleben als Reporter Craig nicht zu gefährden, schleicht er sich davon, vorgeblich, um den Pulitzerpreis zu gewinnen.

Doch der Ruf bringt Quantenboy in das Labor von Paradox, das völlig verwüstet ist. Von Thibodeaux hinter ihm hört Quantenboy nur ein hämisches Lachen. Beim folgenden Kampf erringt Quantenboy den Wahrscheinlichkeitsschlüssel von Paradox. Damit kann er die Realität verändern. Sein nächster Wunsch bringt die Entscheidung und Paradox und Thibodeaux bangt vor dem, was er sich wünscht …

Das Resultat ist sehr ironisch und die ganze Geschichte natürlich eine spöttische Auseinandersetzung mit den bei kleinen Jungs so geliebten Superheldenfiguren aus den Comics. Thibodeaux ist der „Geist, der stets verneint“ und die Superlinge in ihren Elasthananzügen gehörig durch den Kakao zieht. Dagegen klingt Captain Paradox wie der Oberlehrer, der er ist: der Propagandaminister persönlich. Die harsche Kritik an diesen Fantasiefiguren ist in milde Ironie verpackt und erinnert an den „Superman“-Film von Richard Lester.

7) |Marc Laidlaw: Schlammstadt| (Dankden)

Der Barde Gorlen gelangt auf seinen Wanderungen in die Schlammstadt Dankden. Hier stehen die Straßen bei Flut unter Wasser und sind voller Schlamm, so dass man sie nur mit Booten befahren kann. Die Stadt liegt am Ozean, doch zwischen Ozean und Stadt liegt ein großer Sumpf, der von Amphibien bevölkert ist. Diese Amphibien werde wegen ihrer Haut gejagt, die, sobald geräuchert und gegerbt, sehr widerstandsfähig und wasserabweisend ist. Die Jäger haben inzwischen die Phibs, wie sie ihre Beute geringschätzig nennen, fast ausgerottet, aber es leben auch Mischlinge in Dankden, Nachkommen von Menschen und Phibs.

Als Gorlen auftaucht, ist dies der Funke, der das Pulverfass entzündet. Die Phibs proben den Aufstand und entführen die Jäger, die Gorlen gastlich aufgenommen haben. Bei dem Versuch, die Entführten zurückzuholen, riskiert Gorlen sein Leben. Er wird selbst verschleppt, doch kann er sich mit einer der Geiseln befreien und will durch den Sumpf zur Stadt zurück. Als er dabei unter Wasser fast ertrinkt, hat er ein seltsames Erlebnis. Eine Amphibienmutter (das erfährt er erst später) spendet ihm wertvolle Atemluft, weil sie glaubt, er sei wie eines ihrer Kinder, die sie ebenfalls mit einem Kuss zum Leben erweckt. Mit der Atemluft überträgt sie Gorlen auch das Wissen um die genaue Lage von Sumpf und Stadt, so dass er leicht zurückfindet. Doch in der Stadt sind schreckliche Dinge geschehen …

Diese Erzählung gehört zu den besten des Bandes. Sie ist anschaulich, einfallsreich und überzeugend in ihrer Botschaft. Die Botschaft ist eindeutig moralischer Natur. Gorlen ist insofern ein einzigartiger Held, weil er mit einem moralischen Gradmesser für sein Gewissen ausgestattet ist. Ein Wasserspeier, so erzählt er, hat ihn einst verflucht: Gorlen solle wie ein Wasserspeier versteinern, wenn er eine moralisch verwerfliche Handlung begehe. Die Versteinerung hat bislang nur seine rechte Hand in Mitleidenschaft gezogen, und Gorlen ist keineswegs erpicht darauf, dass sie weiter zu seinem Herzen vordringt. Folglich sind alle seine Handlungen seinem Gewissen unterworfen. Er kann sofort erkennen, ob eine Entscheidung gut war oder schlecht. Kurz vor dem Ende ist seine rechte Hand frei vom Stein, doch dann begeht er aus Egoismus einen blöden Fehler …

Der Konflikt zwischen Jägern / Menschen und Amphibien / Aliens ließe sich auf viele ähnliche Konfliktsituationen in unserer Welt übertragen: wir und die Anderen. Wie können wir uns versöhnen? Der Schlüssel dazu ist Verstehen. Gorlen versteht durch seine Entdeckungen im Sumpf, dass die Jäger in ihrer Unwissenheit ihre Beute ausrotten. Seine Intervention wird missverstanden. Der Autor hat diesen Handlungsverlauf klug durchdacht und in eine fesselnde Geschichte verpackt. Laidlaw schreibt schon seit den achtziger Jahren und ist ein Profi. Man merkt es an jeder Zeile.

8) |Jerry Oltion: Der Geist der Hoffnung| (Abandon in Place)

Lange nach dem Ende des Apollo-Programms starten auf Cape Canaveral drei verschiedene Saturn-V-Raketen, mit niemandem an Bord und offenbar ohne Treibstoff oder Steuerung! Diese Geisterraketen fliegen zweimal zum Mond, doch als es Zeit ist, dass Menschen die Kontrolle übernehmen, verschwinden die Fluggeräte. Der Held der Story erkennt sofort verwegen, was seine Aufgabe ist, und geht an Bord, um die dritte Rakete zu steuern. Vom Space Shuttle nimmt er im Orbit zwei Astronautinnen an Bord, die ihm helfen. Es folgen ein erfolgreicher Flug und eine Landung auf dem Mond-Südpol. Stets herrscht die Angst vor, dass die Geisterrakete wie ein Geist verschwindet, aber auch dieses Problem – ein psychologisches – bekommt man in den Griff.

Eine tolle Raumfahrerstory, die von Anfang bis Ende Spaß macht und 1997 verdientermaßen den |Nebula Award| erhielt. Ein unterhaltsames Garn, das sich weiterspinnen ließe.

9) |Lewis Shiner: Wie warmer Regen| (Like the Gentle Rain)

Als Mrs. Donovan nichts Böses ahnend ihre Haustür öffnet, sieht sie einen Blechkasten, der spricht: ein Wissenschaftler! Ihr schwant nichts Gutes. Und tatsächlich will er nicht zu ihr, sondern zu ihrem sechs Monate alten Sohn Mischa. Er will Mischa ebenfalls zu einem Wissenschaftler machen. Natürlich nur sein Gehirn … Alle Proteste seitens Mrs. Donovans sind vergebens: Der Blechkasten betäubt nicht nur Mischa, sondern auch sie und nimmt das Baby mit.

Der Kampf, ihr Kind wiedersehen zu dürfen, ist wie ein Kampf gegen Windmühlen. Der Staat hat alle Rechte an seinen Bürgern, im Austausch für seine Fürsorglichkeit, von der auch Mrs. Donovan profitiert. Sie redet vergeblich mit ihrer Abgeordneten und mit dem Meister, der die Ideologie der Wissenschaftler begründet hat. Doch als sie niedergeschlagen weiterfahren will, meldet sich eine Stimme auf ihrem Rücksitz. Es ist ein abtrünniger Wissenschaftler, einer der ersten Generation. Er behauptet, die Wissenschaftler seien nur von einflussreichen Leuten vorgeschoben worden. In Wahrheit steckten dahinter – doch da wird er von Männern im Anzug schon abgeführt.

Wird Mrs. Donovan ihren Sohn jemals wiedersehen? Und wenn ja, wird er sie noch wiedererkennen? Sie bleibt jedenfalls dran …

Wieder mal so eine Paranoia- und Verschwörungsgeschichte, von denen es bei Philip K. Dick schon weiß Gott genug gab, als er in den fünfziger Jahren seine erste produktive Phase hatte. Warum wird solches Zeug heute immer noch geschrieben, gedruckt, bezahlt und verkauft? Man kann nur den Kopf schütteln.

10) |Jonathan Lethem & Angus MacDonald: An der Bettkante zur Ewigkeit| (At the Edge of the Bed of Forever)

Richard Strand betrügt seine Frau Miriam mit Angela, doch er trifft Angela nicht in irgendeinem Motel, sondern in einem Hotelzimmer in der so genannten Nullzeit. Die Zeit, die er dort verbringt, fehlt ihm in der Realzeit also nicht. Dennoch hat er damit ein Problem: Er glaubt, dass er in der Realzeit immer älter wird und dass Miriam eines Tages seine grauen Haarsträhnen nicht mehr übersehen kann. Was tun?

Nachdem ihn der Hotelmanager Daniel Axelrod von dem Gedanken abgebracht hat, Miriam ins Nullzeithotel zu entführen, will Richard Angela wie vereinbart treffen: Sie ist nicht da! Hat sie ihn verlassen? Doch wie soll er das herausfinden, wenn sie ihre Treffen immer nur im Hotel ausmachen?

Da kommt ihm der Zufall zu Hilfe. Er lernt an der Hotelrezeption den jungen Sportler Zip Lignorelli kennen, der ein fotografisches Gedächtnis hat. Zip erzählt, dass er gesehen hat, wie Axelrod das Zimmer gewechselt hat. Es ist Richard neu, dass dies geht. Um zu den anderen Zimmern gelangen und Angela suchen zu können, gibt ihm Zip ein paar Zeit-Codes, die Zip teils gesehen und teils berechnet hat. Als Richard Angela wiedersieht, erlebt er eine handfeste Überraschung …

Was sich wie eine durchgeknallte Zeitreise-Story von Philip K. Dick liest, ist eine raffinierte, lustige und doch auch bewegende Dreiecksgeschichte mit etlichen Überraschungen. Der inzwischen zum Bestsellerautor aufgestiegende Jonathan Lethem sprüht mal wieder vor Witz, bleibt aber dennoch auf dem Teppich bzw. auf dem Boden jener Tatsachen, die Dreiecksgeschichten nun mal so definieren. Wegen der Überraschungen bleibt die Story zu jeder Zeit interessant, und weil alle Beteiligten berücksichtigt werden, gibt es keine losen Enden. Sehr befriedigend.

11) |Michael Thomas: Nachtwache| (Nightwatch)

Professor Nelson hat die Intelligenz von Schäferhunden so erhöht, dass sie sprechen und denken können. Vor sieben Jahren verkaufte er seine besten Exemplare, obwohl er sie liebgewonnen hatte, einem stinkreichen Mann namens Rutger Hannover. Nun jedoch steht dessen Tochter Kara auf Nelsons Matte. Die Hunde haben ihren Vater getötet und werden nun vom Sheriff und seinen Männern gejagt. Doch sie liebt die Hunde ebenfalls. Nelson soll helfen.

Nelson denkt zunächst an seine wissenschaftliche Reputation und lehnt das Ersuchen ab. Dann erinnert er sich, was er für seine Schöpfungen empfand und fährt zu Hannovers feudalem Anwesen in Neuengland. Sheriff Davis und seine Männer sind ebenso da wie die Meute von Journalisten und Spürhunden. Kara freut sich und nimmt Nelson zu ihrem Lieblingsversteck im Wald mit, einem Turm, wo sie mit ihren Hunden zu spielen pflegte.

Tatsächlich kommen die Hunde auch, alle sieben, und erkennen Nelson immer noch als ihren Anführer an. Was sie den Menschen über den Tod Rutger Hannovers erzählen, ist erstaunlich. Jahrelang pflegte Hannover junge Frauen im Hundezwinger zu vergewaltigen. Diese Taten wurden vertuscht, ein Mädchen sogar in die Irrenanstalt eingewiesen. Doch an Karas 16. Geburtstag feierte Hannover wieder eine Party und wieder strömte er diesen „Schmerzgeruch“ aus, den er bei den Vergewaltigungen an sich hatte. Sie töteten ihn, um Kara zu beschützen.

Was soll Nelson nun tun? Niemand glaubt ihm, als er dies wider besseres Wissen dem Sheriff erzählt. Er weiß, dass er sowohl Karas Vertrauen als auch das seiner Hunde verraten muss, um die Menschen vor ihnen zu schützen. Doch der Fall nimmt eine unerwartete Wende …

Auf diesem kleinen Gentechnikthriller baut der Autor eine erstaunliche Theorie über die Evolution des Menschen auf. Das Gehirn habe sich zu schnell entwickelt, und der Körper kam nicht mehr nach. Die genverbesserten Hunde hätten den Menschen überflügelt: Sie seien in der Lage, den „Schmerzgeruch“ zu erspüren. Und da bei ihnen Wahrnehmung, Gefühl, Antrieb und Handlung eine Einheit bildeten, hätten sie keinerlei Gewissensbisse, was beispielsweise den Tod von Rutger Hannover angeht.

Diese Story kommt völlig ohne Aliens von anderen Welten aus, denn die Aliens sind schon da: gezüchtet vom Menschen selbst und sein härtester Kritiker. Klasse!

12) |John Morressy: Die Heimat des Patrouilleurs| (Rimrunner’s Home)

Vanderhorst ist mal wieder auf der Erde. Der Solare Orbitpatrouilleur (SOP) hat 20 Erdenjahre auf seiner Mission zur Abwehr von gefährlichen Asteroiden und Kometen verbracht, wobei er mit halber Lichtgeschwindigkeit flog. Während für ihn nur zwei subjektive Jahre vergingen, hat sich binnen 20 Jahren auf der Erde einiges verändert.

Im Jahr 2087 betrachtet man Anachronismen wie Vanderhorst, und seien sie noch so wohlhabend, als Bedrohung. Sie neigen zu Gewalt und Anarchie. Vanderhorst muss den Kritikern Recht geben, stammt er doch selbst noch aus dem 20. Jahrhundert, und das war schon der Inbegriff der Gewalttätigkeit. Die Kritiker fragen ihn, warum sie trotz Wirtschaftskrise noch Milliarden für eine offensichtlich so überflüssige Einrichtung wie die SOP ausgeben sollen. Der letzte Asteroideneinschlag liegt schließlich 61 Jahre zurück! Was Vanderhorst wiederum als Erfolg verbucht. Doch so sehr sich der Raumkapitän auch wehrt, er fühlt sich in dem neuen geistigen, sehr lustfeindlichen Klima nicht wohl und kehrt zurück zu seiner wahren Heimat: dem tiefen Raum jenseits des Pluto …

Die Story ist geradlinig und sauber im Geist der alten Heinlein-Schule der 40er und 50er Jahre geschrieben. Die Raumfahrt an sich steht wieder mal auf dem Prüfstand und muss ihre gesellschaftliche Berechtigung beweisen. Das ist nicht neu. Dass die Relativitätstheorie aus Astronauten Anachronismen macht, ist auch nicht neu. Lem hat 1960 einen guten Roman darüber geschrieben. Dass den die Amis nicht kennen, verwundert nicht. Aber Vanderhorst ist ein sympathischer Kerl, den man sich gerne zu einem Glas Bier einladen würde, um über gute alte Zeiten zu reden – und über die schlechten neuen Zeiten, versteht sich. Eine nette Story mit einer nicht gerade neuen Erkenntnis, die aber gut zu unterhalten weiß. Und das ist nicht zu wenig.

_Die Illustrationen_

Die vierfarbigen Illustrationen, die auf Hochglanzpapier gedruckt sind, stammen von Stefan Theurer. Sie zeigen verschiedene, den Geschichten entnommene Motive, sind mitunter recht farbenfroh. Diese Qualität der grafischen Elemente wertet den Auswahlband eindeutig auf und macht ihn zu einem Sammlerstück.

_Unterm Strich_

Die Autoren stammen aus der ersten und zweiten Liga der Science-Fiction-Szene der USA: Ben Bova, Jo Clayton, Friesner, Bisson, Shiner und andere liefern durchaus Qualität, doch nicht immer erste Sahne. Besonders Shiner hat mich enttäuscht, und Clayton fand ich auch nicht so berauschend. Dafür entschädigen die Ideen der anderen, vermeintlich zweiten Liga. Besonders Oltions |Nebula|-gekrönte Novelle konnte mich begeistern. Laidlaws Erzählung überzeugte mich mit ihrem moralischen Ernst, und Robert Reeds Novelle bezauberte mich mit ihrem Einfallsreichtum und ihrer charmanten Ironie.

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