Hamilton, Peter F. – entfesselte Judas, Der (Commonwealth-Saga 3)

Die |Commonwealth|-Saga:
Band 1: [Der Stern der Pandora]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2261
Band 2: [Die Boten des Unheils]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2338
Band 3: _Der entfesselte Judas_
Band 4: Die dunkle Festung

Im Jahr 2380 hat sich das intersolare Commonwealth der Menschheit auf über 600 Welten in einem knapp 400 Lichtjahre durchmessenden Gebiet ausgebreitet. Durch die Entdeckung der Wurmlochtechnologie sind alle besiedelten Welten über diese miteinander verbunden, Raumfahrt ist deshalb nahezu überflüssig und wird daher vernachlässigt.

Doch eines Tages verschwindet ein ferner Stern – er wird von einer Dyson-Sphäre umgeben, was auf eine außerirdische Zivilisation schließen lässt. Die Expedition des Fernraumschiffs |Second Chance| zum fernen Stern endet jedoch in einem Desaster: Kaum eingetroffen, bricht die unerklärliche Barriere um das Sternensystem zusammen und man wird von aggressiven Aliens attackiert. Bei der überstürzten Flucht bleiben zwei Besatzungsmitglieder zurück.

Die fremdartige außerirdische Spezies, der Individualität völlig fremd ist, hat sich des Wissens um die Koordinaten der Zentralwelten des Commonwealth und Grundkenntnisse der Wurmlochtechnologie bemächtigt und reagiert auf die einzige Weise, die sie kennt: Es kann nur eine Lebensform geben.

Eine verheerende Invasion bricht mit beispielloser Schnelligkeit und Brutalität über das nur unzureichend vorbereitete Commonwealth herein. Dutzende von Welten fallen in die Hände der außerirdischen „Primes“. Die Spitze des Commonwealth plagt derweil die Schreckensvision einer Verschwörung gegen die Menschheit: Warum fiel die Barriere gerade in dem Moment, als die |Second Chance| in dem System eintraf?

Der außerirdische „Starflyer“, dessen Agenten laut der belächelten Theorie des gesuchten angeblichen Fanatikers Bradley Johansson die Menschheit unterwandert haben, um sie zu vernichten, ist real! Letzte Zweifel werden beseitigt, als die Primes sich perfekt auf Gegenangriffe der Flotte einstellen können: Man wurde verraten. Die Jagd nach dem Starflyer wird nun ernst genommen und vehement vorangetrieben, ebenso wie das Aufrüstungsprogramm der Flotte und Notfallmaßnahmen, die das Überleben der Menschheit im Fall einer Niederlage sicherstellen sollen.

_Willkommen im Commonwealth der recycelten Ideen_

Peter F. Hamilton, bekannt für seine [Mindstar-Romane]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1669 und den |Armageddon|-Zyklus, entführt den Leser in sein komplexes Commonwealth-Universum. Dieses ist bereits im englischen Original extrem seitenstark, deshalb musste „Judas Unchained“ wie bereits der erste Band „Pandora’s Star“ aufgeteilt werden. Der Name ist diesmal Programm, der außerirdische Verräter an der Menschheit dominiert die Handlung in diesem Band, allerdings muss man ihn als Teil eines Gesamtwerks sehen; er beginnt nahtlos da, wo der letzte Band endete und endet genauso unvermittelt mitten im Handlungsverlauf. Das Finale wird man erst im abschließenden Band „Die dunkle Festung“ erleben.

Hamilton stellt eine komplexe Gesellschaft vor, die Beschreibung des Commonwealths nahm den größten Teil des ersten Bandes ein, so dass der Wechsel zu der fremdartigen außerirdischen Intelligenz eine überfällige Erfrischung war. Leider setzt er diesen Trend auch in diesem Roman fort, die Handlung wird wieder aus den Blickwinkeln zahlreicher verschiedener Personen mühsam vorangetrieben. Sofern man von einer Hauptperson sprechen darf, ist diese Mellanie Rescorai, ein junges Mädchen, das von der Welt der reichen, schönen und uralten Mächtigen des Commonwealth missbraucht wird. Von der Geliebten eines Mörders wird sie zum Sexsymbol und Beinahe-Pornosternchen, das langsam lernt, sich in dieser ihr Vorstellungsvermögen übersteigenden Welt zu behaupten, und seine Naivität verliert. Dabei kommt sie mithilfe der „High Angel“ genannten SI (Sentient Intelligence) sogar den hinter der Invasion der Primes steckenden Agenten des Starflyers auf die Spur.

Leider verzettelt sich Hamilton auf ganzer Linie. Die meisten Figuren bleiben blass und haben nichts Wesentliches zu berichten, so bleibt auch dieses Mal die Handlungsebene um Ozzy und Orion zusammenhanglos in der Luft hängen; woran sich, ohne zu viel vorwegzunehmen, auch im Abschlussband nichts ändern wird. Wilson Kime, Justine, Nigel Sheldon, Ozzie, Bradley Johanson, Paula Myo und erwähnte Mellanie Rescorai bereichern die Handlung um ihre Sicht der Dinge. Während Ozzie auf den recht metaphysischen Pfaden der Silfen wandelt, versucht Nigel Sheldon eine Weltraumarche für seine riesige Familie zu bauen. Mellanie und Paula jagen den Starflyer, ebenso wie Senatorin Justine, deren Geliebter Kazimir von einem Agenten desselben erschossen wurde, was sie wiederum in Kontakt mit Bradly Johansson und Adam Elvin bringt, der wiederum von Paula Myo gesucht wird.

Leider bleiben die Charaktere in diesem komplexen Beziehungsgeflecht völlig auf der Strecke. Paula Myo ist und bleibt eine graue Maus, während Mellanie Rescorai übertrieben der Nymphomanie frönt. Der aufgrund der Entdeckung der Wurmlochtechnologie um die Lorbeeren des ersten Menschen auf dem Mars gebrachte Wilson Kime wurde wohl auch von Hamilton vergessen, während Justine und Nigel Sheldon demonstrieren, dass in dem von Sheldon quasi geschaffenen Commonwealth Familienclans regieren und sich selbst am nächsten sind.

Dabei ist Hamilton extrem detailverliebt, was im Gegensatz zu der verhältnismäßig dünnen Geschichte steht. Spätestens ab der Mitte des Buchs kann man sich erschließen, was es mit dem „Starflyer“ auf sich hat; die Hatz auf ihn beginnt in diesem Buch und zieht sich über hunderte von ermüdenden Seiten hin.

In diese wenig erbauliche Rahmenhandlung versucht Hamilton alles zu packen, was das Genre hergibt. Die Thematik quasi unsterblicher Superreicher der Zukunft, die sich stets perfekte neue, junge Körper leisten können, wurde bereits in Richard Morgans [„Unsterblichkeitsprogramm“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=464 interessanter und tiefsinniger behandelt, während die Ermittlerin Paula Myo an einen sehr faden Abklatsch von Hamiltons eigener |Mindstar|-SciFi-Krimiserie erinnert. Falls Hamilton versuchte, den durch gelungenere Charaktere glänzenden perspektivischen Erzählstil George R. R. Martins zu adaptieren, ist er kläglich gescheitert; zu wenig haben zu viele seiner Figuren zu erzählen.

Die komplexe Geschichte verliert sich in Nebensächlichkeiten, der kurze Fokus auf die fremde Alien-Intelligenz „MourningLightMountain“ in „Die Boten des Unheils“ stellt ein Highlight dar, das dieser unendlich gedehnte Zwischenband nicht annähernd erreichen kann. Eine Kürzung hätte dem Roman gut getan, denn die Auflösung um das Geheimnis des „Starflyers“ kann man sich schon sehr bald zusammenreimen, die zahllosen offengelassenen und enttäuschenden Handlungsfäden werden durch ein überlanges Finale für den „Starflyer“ im kommenden Band qualvoll in die Länge gezogen.

_Fazit:_

Hamilton hat zu viel gewollt, zu viel in sein Commonwealth gepackt. Dabei hat er es versäumt, Schwerpunkte zu setzen, und kredenzt seinen Lesern eine Light-Ausgabe aller aktuell populären Space-Opera-Themen. Im abschließenden Band wird Ozzie in aller Kürz noch über das Pro und Contra eines Xenozids an den „Primes“ philosphieren – was genauso aufgesetzt und unausgegoren wie die gesamte Silfen-Handlung wirkt. So kratzt Hamilton bei allen Themen leider nur an der Oberfläche; schade, so gut wie die faszinierende Schilderung der „Prime“-Zivilisation gelingt ihm in der Folge nichts mehr.

Offizielle Homepage des Autors:
http://www.peterfhamilton.co.uk/

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