Hardwick, Michael & Mollie – Holmes und die Spionin (Sherlock-Holmes-Criminal-Bibliothek 3)

_Schottische Abenteuer: Von Nessie versenkt!_

Sherlock Holmes und Dr. John Watson wandeln auf ungewöhnlichen Pfaden. Wer ist die unbekannte Schöne aus der Themse? Was hat es mit dem Ungeheuer von Loch Ness für eine Bewandtnis? Was geht auf dem nahen Schloss Urquhart vor sich? Und in welcher Verbindung steht Mycroft Homes, Sherlocks mächtiger Bruder, mit all diesen Vorgängen? (abgewandelte Verlagsinfo)

_Die Autoren_

Michael Hardwick (1924-1991) wurde mit dem „Sign of the Four“ ausgezeichnet, für Verdienste um das Erbe des unsterblichen Detektivs. Sein Roman „Prisoner of the Devil“ wird von vielen Fans als der beste Holmes-Roman angesehen, der seit Doyles Tod verfasst wurde. Er veröffentlichte auch „The Complete Guide to Sherlock Holmes“, „The Private Life of Sherlock Holmes“,“The Private Life of Dr. Watson“ sowie „Sherlock Holmes: My Life and Crimes“, eine Autobiografie (!) des Helden. Sieben Jahre lang war er der führende Drehbuchautor und Leiter des Bereichs „Drama“ bei der BBC.

Mollie Hardwick, seine inzwischen ebenfalls verstorbene Frau und Mitarbeiterin, war die Ko-Autorin bei der Übertragung der TV-Serie „Upstairs, Downstairs“ und des Billy-Wilder-Films „The Private Life of Sherlock Holmes“ in Buchform.

_Handlung_

|Rahmenhandlung|

Exakt 50 Jahre nach dem Tod von Dr. John H. Watson besucht dessen kanadischer Enkel in den 1970er Jahren jene Londoner Bank, die für ihn eine Schatulle seines Opas verwahrt hat. Weil der 70-jährige Bankdirektor ihn persönlich eingeladen hat, bekommt der junge Tierarzt sofort einen Termin. Er ist erstaunt zu erfahren, dass der weißhaarige Herr ein glühender Verehrer von Holmes und Watson ist. Deshalb drängt der Direktor seine Mitarbeiter, die Schatulle zu holen und gibt Jung-Watson den Schlüssel, um sie zu öffnen.

Neben den bekannten Utensilien des Detektivs – Jagdmütze, Pfeife und die berüchtigte Kokainspritze – finden die Watsonjünger das Manuskript eines unbekannten Holmes-&-Watson-Abenteuers: unglaublich! Der Direktor ist Feuer und Flamme und drängt Watsons Enkel, den Text vorzulesen …

|Haupthandlung|

Mit seiner Geschichte möchte Dr. John Watson seinen „geschätzten und geliebten Freund“ Sherlock Holmes endlich rehabilitieren. Nein, Holmes ist kein Verbrecher, noch nicht mal ein Junkie, sondern ein Opfer des Verdachts, er sei ein Frauenverächter. Diesen Verdacht kann und will Watson nicht auf Holmes sitzen lassen. Ja, ja, wir alle kennen das berühmte Gegenbeispiel mit Irene Adler aus „Ein Skandal in Böhmen“, aber das, so erfahren wir jetzt, sei beileibe keine Ausnahme gewesen.

|Rückblende|

Allerdings hatte Holmes im Jahr 1885 schon einmal eine denkwürdige Begegnung mit einer berühmten Frau, der russischen Sängerin Petrowa. Die 46-Jährige wollte, so erfuhr Holmes in ihrer Garderobe, gedolmetscht von ihrem Leibwächter, ein Kind von dem intelligentesten Mann der Welt empfangen. Der versprochene Lohn: eine Woche in Venedig und eine echte Stradivari-Geige. War das etwas nichts?

Nun, man kann sich Holmes‘ Reaktion ungefähr vorstellen: Er mag es nicht, wenn man über ihn bestimmt, sonst wäre er schon längst der Polizeipräsident von London und würde dem Innenminister den Hintern küssen. Aber er kann einer Dame auch nicht rundweg sagen, wohin sie sich ihren Kinderwunsch stecken kann, dafür ist er viel zu sehr ein Gentleman. Also bedient er sich einer – durch die Blume formulierten – Ausrede: Watson sei bereits sein Lebenspartner, er mithin also schwul.

Man wirft ihn raus, klar, und Watson wird plötzlich mit anderen Augen gesehen. Es dauert nicht lange, bis sich der durchaus kluge Arzt bei seinem Freund lautstark seiner Empörung Luft macht, so missbraucht worden zu sein. In ganz London werde er zum Gespött werden, und Holmes dazu! Holmes beruhigt ihn, entschuldigt sich mit der denkwürdigen Begegnung – und bekommt dennoch seine Stradivari.

|Die Frau aus der Themse|

Drei Jahre später beginnt die eigentliche Titelstory. Am 17. April 1888 liefert ein Droschkenkutscher eine junge Frau ab, deren Kleider nass sind: Er habe die Frau halb ertrunken aus der Themse gezogen. Weil sie einen Zettel mit der Adresse Baker Street 221B in der Hand halte, habe er sie hergebracht. Holmes gibt ihm den verlangten Fahrlohn und lässt die Frau von Watson und Mrs. Hudson versorgen. Watson ist bestürzt, als er die blutende Schlagwunde im Kopf der Frau entdeckt. Wer war das? Sie kann sich, wie an so vieles, nicht erinnern.

Woher sie kommt, interessiert Holmes brennend, und er untersucht, wie es seine Gewohnheit ist, ihre Kleidung. Sie scheint aus Belgien zu stammen. Ihr Ehering besagt: „Gabrielle & Emile 5/11/83“. Sie ist also verheiratet und heißt Gabrielle. Aber was wurde aus ihrem Mann Emile? Madame Valladon erweist sich als ziemlich rege Schlafwandlerin und raubt Holmes den Schlaf. Nachdem er den Tintenabdruck in ihrer Handfläche entdeckt hat, der nur von einem Gepäckschein herrühren kann, besorgt er ihren Koffer auf dem Bahnhof Victoria Station (denn sie kam bestimmt vom Kontinent).

|Nächtliche Vorgänge|

Obwohl Watson und Mrs. Hudson am nächsten Morgen entsetzt die nackte Madame Valladon auf dem Boden neben Holmes‘ Bett vorfinden – was haben die beiden bloß getrieben?! -, interessiert er sich auch brennend für den Inhalt des Koffers. Holmes schweigt über Madame Valladon wie ein Grab, gibt Watson aber gerne den Kofferinhalt preis: ein rosa Negligé mit Marabu-Feder sowie ein Stapel Briefe von Emile.

|Gabrielles Geschichte|

Sobald die Madame erwacht ist, erzählt sie noch mehr. Sie heiratete Emile vor fünf Jahren, als er noch Bergbauingenieur in Belgisch-Kongo war. Er erfand eine neuartige Luftdruckpumpe und wollte das Gerät mit einer britischen Firma namens JONAS Ltd. produzieren, die in der Londoner Ashdown Street ihren Sitz hat. Doch dort ist nur ein leerer Laden, und die Firma gibt es nicht. Eine Anfrage an die Polizei verlief ergebnislos. Dann erfolgte der Anschlag auf sie, woraufhin sie in der Baker Street 221B abgeliefert wurde.

|Auf der Lauer|

Holmes ist klar, dass der leere Laden nur eine Deckadresse ist, womöglich ein toter Briefkasten. Er schickt einen leeren Brief dorthin und dringt mit Watson und Gabrielle in das Haus ein, um sich auf die Lauer zu legen. Nachdem sie zunächst erstaunt den riesigen Kanarienvogelkäfig bemerkt haben, wird auch schon der Brief durch den Schlitz in der Tür hereingeschoben.

Sie sind gerade rechtzeitig gekommen, denn kurz darauf kommt die Besitzerin der vielen Vögel im Käfig. Eine ungepflegte Alte rollt in einem Rollstuhl herein und gibt ihnen Wasser und Futter. Als zwei grobschlächtige Kerle mit einem Fuhrwerk eintreffen, wollen sie von ihr zwei Dutzend Vögel für die Firma JONAS kaufen. Der Ältere nennt sie „Herzogin“ und warnt sie, sie sollte besser keine Fragen stellen, wenn ihr ihr Leben lieb sei. Nachdem die Typen gegangen sind, verschwindet auch die Herzogin. Den Brief hat sie in ein Regal gestellt – er werde abgeholt, sagte sie dem Kerl.

Erleichtert atmet das Trio um Holmes wieder auf. Nur um Haaresbreite sind sie der Entdeckung entgangen. Im Vogelbauer hat Holmes einen ersten Hinweis entdeckt, eine Ausgabe der schottischen Zeitung |Inverness Courier|, und Inverness liegt bekanntlich nicht weit vom weltberühmten Loch Ness entfernt. Der Brief ist jedoch weitaus interessanter: Es ist ein ganz anderer als der, den Holmes abschickte. Sein Bruder Mycroft lädt ihn ein, ihn um 11:40 Uhr im Diogenes Club zu treffen. Sie sind schon drei Minuten zu spät.

|Mycroft und der Geheimdienst|

Holmes hatte schon immer den Verdacht, dass der Diogenes Club eine raffinierte Tarnung für den Geheimdienst des Außenministeriums darstellt, und dass Mycroft seine Finger sowohl im Ministerium als auch im Geheimdienst habe (siehe auch den Fall „Das Marineabkommen“). Auch diesmal weiß er Bescheid, was Holmes treibt: Es gehe um den verschwundenen belgischen Ingenieur. „Lass die Finger von dieser Angelegenheit“, lautet seine Bitte klipp und klar. Als ein Bediensteter eintritt, gibt Mycroft rätselhafte Anweisungen: „Die drei Kisten gehen nach Glennhurich, und der Läufer kommt vors Schloss.“

Später erklärt Holmes seinem Freund, dass alle Spuren nach Schottland führen: Inverness, Glennhurch und ein Schloss, bei dem es sich um die Ruine von Urquhart Castle handeln könnte. Und da er immer noch an Madame Valladons Wohlergehen interessiert ist, das Rätsel um Emile lüften will und sich von seinem Bruder nichts verbieten lässt, löst Holmes drei Zugtickets – für sich, Watson und Madama. Allerdings reisen sie als Mister und Mrs. Ashdown (nach der Adresse des Ladens von JONAS) und mit ihrem Butler James.

Zähneknirschend muss sich Watson mit der Rolle des Dieners begnügen. Aber was für ein Abenteuer! Auf nach Schottland!

_Mein Eindruck_

Schockschwerenot! Hat Holmes etwas tatsächlich einen Unterleib gehabt? Entsprechende Beobachtungen Dr. Watsons legen diesen Verdacht nahe, und wenn wir auf seine Schlussfolgerungen vertrauen wollen (und wer wollte dies – außer Holmes – nicht?), dann hat der verrufene Frauenverächter und Hagestolz tatsächlich ein oder zweimal die Nacht mit einer Dame verbracht. Noch dazu mit einer Ausländerin – ja, mit der Angehörigen eines verfeindeten Volkes! (Aber mehr darf nun wirklich nicht verraten werden.)

Diese Gabrielle Valladon, so nennt sie sich zumindest, ist ein verführerisches Frauenzimmer, wie es im Buche steht. Wenn sie nicht gerade in ein Negligé gewandet ist, so pennt sie nackt neben dem Bett. Doch wo ist Holmes? Auf dem Bahnhof, um ihren Koffer zu besorgen! Einmal in Schottland, teilen sich Mr und Mrs Ashdown selbstredend das gleiche Zimmer, alles andere würde ja seltsam anmuten. Es kann nicht ausbleiben, dass sich Dr. Watson das Hirn zermartert, was die beiden miteinander dort anstellen. Er ist ja schließlich selbst noch unbeweibt.

Doch was sollen die auffälligen Betätigungen Gabrielles mit ihrem Sonnenschirm bedeuten? Nicht, dass dies an sonnigen Tagen etwas Ungewöhnliches wäre, aber sie tut dies immer, wenn Menschen in der Nähe sind, insbesondere eine siebenköpfige Gruppe schweigsamer Trappistenmönche (die interessanterweise das Buch JONAS in der Bibel lesen). Wie sich herausstellt, hat es mit dem Sonnenschirm eine ganz besondere Bewandtnis.

Schottland kann malerisch sein und zum Verweilen einladen, ganz besonders am Loch Ness und an bei schönem Wetter. Aber es gibt auch merkwürdige Vorgänge zu beobachten, selbst wenn die Nebel wallen. Dr. Watson traut seinen Augen kaum, als ein saurierartiges Untier vorübergleitet, an dessen langem Hals ein zähnebewehrtes Gebiss den Beobachter angrinst. Holmes hat keine Chance, es zu sichten, denn es verschwindet im Nebel. Nur um später aufzutauchen und das Boot der Sommerfrischler zu rammen! Die teure Gabrielle droht erneut einen nassen Tod zu sterben, doch mannhaft retten Holmes & Watson die bewusstlose Lady.

Holmes, stets der Mann der Logik und Vernunft, glaubt allerdings keine Sekunde an prähistorische Ungeheuer, die nur zur Meldung in der Sauregurkenzeit taugen. Er muss dem Ding auf den Grund gehen. Und mit Watsons Stethoskop hat er Maschinengeräusche von dem Ungeheuer vernommen. Sehr verdächtig.

Im weiteren Verlauf der spannenden Ereignisse am See treten auf: vier Zwerge, sieben Mönche, Mycroft Holmes und schließlich die einzigartige V.R., besser bekannt als Victoria Königin von England. Sie fällt ein vernichtendes Urteil über Mycrofts Ungeheuer. Doch Ungeheuer haben ihren speziellen Nutzen, und so verfallen Holmes und sein Bruder auf eine geniale Idee, wie sie dem Feind am See ein Schnippchen schlagen können. Zu guter Letzt hallt eine dröhnende Explosion von den Bergen wider, die den sonst so ruhigen See einrahmen …

Nur vom Enkel Dr. Watsons erfahren wir nichts mehr und was aus seinem Manuskript geworden sein mag. Dieser Spannungsbogen ist leider bloß ein halber, was ich etwas schade fand.

|Die Übersetzung|

Die Übersetzung eines ungenannten Mitarbeiters verrät viel vom Stil und Charme der Vorlage. Allerdings haben sich etliche Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen, von falschen Endungen bis zu fehlenden oder überflüssigen Wörtern. Die wenigen Innenillustrationen durch Andreas Gerdes können dieses Manko nicht wettmachen, und so führt dies zu Punktabzug.

_Unterm Strich_

Mir hat die Lektüre großes Vergnügen bereitet, denn der Autor ist nicht nur einer der besten Kenner des Holmes-Universums, sondern auch ein Mann mit viel Humor und einem Sinn für Ironie. Noch dazu scheut er sich nicht, schlüpfrige Situationen zu inszenieren, die dem Chronisten Watson eindeutig genug erscheinen, um Holmes ein reges Liebesleben anzudichten. Der Autor macht sich einen Spaß daraus, uns Holmes als wahren Casanova vorzuführen, doch dies geht nicht so weit, dass sich der Detektiv als Samenspender für russische Sängerinnen hergibt.

Gabrielle Valladon alias Ilse von Hofmannsthal kann es allerdings nicht mit Irene Adler aufnehmen, DER einzigen Frau, die Holmes jemals in seinem Lieblingsspiel geschlagen hat (in „Ein Skandal in Böhmen“). Dafür ist sie nicht energisch und gewitzt genug, sondern versucht es auf die verführerische Tour. Einmal enttarnt, ist Ilse der Gnade Sherlocks ausgeliefert. Doch Gentleman, der er nun mal ist, schickt er sie mit Mycrofts Einverständnis nach Hause. Möge sie woanders mehr Erfolg haben.

Sammler, die jedes Sherlock-Holmes-Abenteuer auf dem Markt suchen, kommen hier in puncto Einfallsreichtum, Abenteuer, Erotik, Humor und Ironie voll auf ihre Kosten. Wer allerdings auf Ernsthaftigkeit und strenge Logik Wert legt, könnte ins Stirnrunzeln kommen. Bei kleinen Produktionsmängeln wie den Druckfehlern muss man ein Auge zudrücken.

|143 Seiten, gebunden
ISBN-13: 978-3898402132|
http://www.BLITZ-Verlag.de

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[„Der Fluch von Baskerville“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1082
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