Harris, Joanne – Feuervolk

_Ragnarök reloaded_

Die 14-jährige Maddy weiß nicht, dass sie eine mächtige Zauberin ist. In dem kleinen Dorf Malbry in Strond verrichtet sie deshalb niedere Dienste in der „Schänke zu den sieben Schläfern“. Als sie einen der verbotenen Runenzauber wirkt, um die Kobolde aus dem Vorratskeller zu vertreiben, reißt sie ein Loch in den Boden und beschwört die Wesen der Druntenwelt (s. u.) herbei.

Nun sieht ihr bester Freund, der Landstreicher Einauge, die Zeit gekommen, Maddy auf die wichtigste aller Missionen zu schicken. Maddy soll in die Druntenwelt hinabsteigen und den allwissenden „Flüsterer“, das Orakel aus fast vergessenen Zeiten, aus der Feuergrube eines Geysirs befreien. Dieses Orakel soll Einauge, kein anderer als Wotan / Odin himself, gegen den aufkommenden Namenlosen Gott helfen, der die Welt ins Nichts stürzen will. Aufhalten kann ihn nur jemand, der den „Flüsterer“ als Faustpfand im Kampf um die Mittelwelt der Menschen besitzt.

Leider stößt Maddy bei ihrer Mission auf einen hinterlistigen Burschen, der sich ihr als Führer anbietet. Zu spät merkt sie, was dieser Loki im Schilde führt …

_Die Autorin_

Joanne Harris, geboren 1964, wuchs in England auf, wo sie auch heute als Schriftstellerin lebt. Vor dem Bücherschreiben war sie Lehrerin. Ihr Roman „Chocolat“, verfilmt mit Johnny Depp und Juliette Binoche, wurde ein Bestseller. „Feuervolk“ ist ihr erster Jugendroman.

Mehr Info: http://www.cbj-feuervolk.de.

_Hintergrund_

_Die WELTEN_

An Yggdrasil, der Weltenesche, sind – nach der Götterdämmerung – acht Ebenen angesiedelt. Von oben nach unten sind dies:

1) Asgard: Heim der Asen (Götter).
2) Über die Regenbogenbrücke gelangen Asen in die Drobenwelt und
3) in die Mittelwelt, wo die Menschen leben, z. B. in den Binnen- und Fremdlanden, die im Einen Meer liegen.
4) Gleich darunter liegt die Druntenwelt (das Fundament). Kann man sich als Höhlensystem vorstellen.
5) Der Traumfluss führt von hier in das Totenreich Hels und
6) in die Unterwelt (Die schwarze Festung) an den Wurzeln der Weltenesche. Hier herrscht Surt.
7) Darunter liegt die Chaos-Welt des Jenseits.
8) Über der Weltenesche funkeln die Sterne des Firmaments, die für das Gegenteil von Chaos stehen, für Ordnung.

Die Welt der Riesen / Wanen, Jötunheim, ist Vergangenheit, sollte man nun meinen, aber Maddy entdeckt, dass die Wanen die Zeiten seit der Götterdämmerung überdauert haben.

_Das göttliche Personal:_

1) DIE ASEN

Odin: Oberhaupt und Heerführer der Asen, des Sehergeschlechts; Lokis Blutsbruder und von ihm verraten; einäugig, oft begleitet von zwei Raben namens Hugin (Gedanke) und Munin (Erinnerung)
Frigg: Odins Gattin, verlor durch Lokis Schuld ihren Sohn Baldur
Baldur: der Schöne, der Lichtbringer
Thor: der Donnerer, Odins Sohn, Feind Lokis
Sif: Thors Frau; durch Lokis Schuld glatzköpfig
Tyr: Kriegsgott, verlor durch Lokis Schuld seinen Arm
Loki: der Listenreiche, ebenfalls ein Gestaltwandler, Blutsbruder Odins

2) DIE WANEN (Die Sieben Schläfer)

Skadi: die Jägerin des Frostgeschlechts, Göttin der Zerstörung, die Ex von Njörd, Lokis Erzfeindin
Bragi: Gott der Dichtkunst und des Gesangs
Idun: Göttin der Jugend und Fruchtbarkeit, von Loki einst entführt und an das Frostgeschlecht ausgeliefert; meist geistesabwesend
Heimdall: goldzahniger Götterwächter, kann Loki nicht ausstehen
Njörd: Meeresgott, Skadis Ex, hasst Loki ebenso wie sie
Freyja: Göttin der Liebe, von Loki einst schwer gekränkt
Freyr: ihr Zwillingsbruder, Gott der Fruchtbarkeit

ANDERE:

Mimir: das Orakel, das abgeschlagene und von Odin wiederbelebte Haupt eines Zauberers
Surt: der Zerstörer, Hüter der Schwarzen Festung in der Unterwelt
Hel: Herrscherin über das Totenreich
Jormungand: die Weltenschlange
Der NAMENLOSE: der neue Gott, der Das Wort bringt

_Die alten und neuen RUNEN_

1) Fé: Reichtum, Wohlstand, Fruchtbarkeit usw., die Rune Freyjas
2) Úr: Kraft, der Auerochs
3) Thuris: Thors Rune, der Dornige
4) Ós: der Ase, die Asen, das Sehergeschlecht
5) Raido: der Wandersmann (= Odin), die Fremdlande
6) Kaen: Lauffeuer, Chaos
7) Hagall: Hagel, der Zerstörer, die Unterwelt
8) Naudr: die Bindende, Not, Elend, Tod, das Totenreich
9) Isa: die Eisige, Skadis Rune, kann als einzige Rune nicht umgekehrt werden
10) Ýr: der Beschützer, die Druntenwelt, das Fundament
11) Týr: der Krieger
12) Madr: das Menschengeschlecht, der Mann, die Mittelwelt
13) Ár: Fülle, Fruchtbarkeit, reiche Ernte
14) Sól: der Sommer, die Sonne
15) Bjarkán: Hellsicht, Offenbarung, Traum; zum Erkennen von Gestaltwandlern nötig
16) Logr: Wasser, das Eine Meer
17) Aesk: die Esche, Yggdrasil (die Weltenesche)
18) Ethel: die Heimat, die Mutter

_Handlung_

Maddy hat wieder mal den Keller ihrer Dienstherrin Mrs Scattergood, der Schankwirtin, unter Wasser gesetzt. Ständig liegt das Mädel im Clinch mit den Kobolden, die sich in der Speisekammer des Hause kostenlos bedienen wollen. Woher diese Kobolde kommen, will sie noch herausfinden, doch zunächst einmal gilt es, sich unauffällig zu verkrümeln, bevor das Unglück bemerkt wird. Kaum hat Maddy die Hälfte des Weges zu ihrem Lieblingshügel zurückgelegt, da hört sie das Gezeter auch schon losgehen. Sie erinnert sich, wie das passiert ist: Sie hat ihre Rune Aesk (s. o.), die wie ein Brandmal in ihre Handfläche eingelassen ist, auf magische Weise benutzt, um die Kobolde zu bekämpfen – und es hat funktioniert!

Auf dem Hügel mit dem Roten Pferd in seiner Flanke hat sich Maddy immer vom Dorf zurückziehen können. Dort betrachten die Leute sie inzwischen als Dorfhexe, insbesondere der Dorfpfarrer Nat Parson, dem sie ständig Widerworte gibt. Diese Leute findet sie zunehmend unausstehlich und sie sehnt ihren alten Freund Einauge herbei. Der einäugige Wanderer kommt leider nur einmal im Jahr, bleibt eine kleine Weile und zieht dann weiter.

Seit sieben Jahren ist er quasi Maddys Mentor und hat ihr viele Sagen erzählen, aus der alten Zeit vor der Götterdämmerung, und über das Feenvolk der Kobolde und vieles mehr. Besonders aber über Runen und deren Macht und Bedeutung. Sie selbst trägt die Eschenrune in ihrer Hand, die für die Weltenesche Yggdrasil steht. Runen sind zu allem Möglichem gut, beispielsweise, um einen Keller unter Wasser zu setzen.

Nachdem sich die Lage im Dorf und in der Schänke wieder beruhigt hat, geht Maddy wieder zurück und schaut in den Keller. Irgendwo müssen die Kobolde ja herkommen. Sie schlüpft durch ein Loch in der Wand und betritt mit einer Lampe einen der vielen Tunnel, die sich offenbar dahinter befinden. Wie sich herausstellt, handelt es sich um ein ganzes Labyrinth. Und es ist keineswegs unbewohnt. Zucker-und-Sack etwa ist ein Kobold, den Maddy ohne weiteres beherrschen kann. Er muss sie führen, um das Labyrinth erkunden zu können. Maddy ist nicht nur vorlaut und selbstbewusst, sie ist auch einfallsreich und sehr mutig.

In den Höhlen und Tunneln stößt sie auf einen Gnom, der zunächst seinen Namen überhaupt nicht sagen will, der aber offensichtlich etwas von ihr will. Erst nach geschicktem Fragen bekommt sie heraus, dass es sich um Loki handelt. Und weil Einauge (= Odin) verraten hat, dass Loki mal sein Blutsbruder war, ihn aber mit für den Untergang der Asen (Götter) verantwortlich gemacht, hat Maddy auch eine ungefähre Vorstellung, dass Loki ein richtiges Schlitzohr ist, bei dem sie gut aufpassen muss. Außerdem kann er sich in eine Feuergestalt verwandeln – ganz nützlich, um Feuer zu machen, aber man möchte dabei doch nicht neben ihm stehen.

Loki ist ungeheuer scharf auf ein ganz bestimmtes Ding, das er den „Flüsterer“ nennt und das sich am Rande eines Geysirs in einer der Klüfte des Labyrinths befinden soll. Es soll eine Art Kugel sein, doch in Wahrheit handelt es sich um einen sprechenden Kopf. „Ich spreche, wie es mir gegeben ist.“ Und dieser Kopf quasselt unablässig auf seinen Träger ein, wenn man ihn in die Hand nimmt, bis einem vor lauter Wörtern schwindelig wird. Wenn Loki aber so scharf darauf ist, muss der Flüsterer ziemlich wertvoll für seine Zwecke sein. Doch was sind diese Ziele?

Maddy nimmt den Flüsterer an sich und berät sich, wieder an die Oberwelt zurückgekehrt, mit ihrem Freund Einauge, der endlich eingetroffen ist. Mit ihm zusammen grübelt sie über den Sinn folgender Worte, die sich fatal wie eine Prophezeiung anhören:

|“Ich sehe ein zur Schlacht bereites Heer.
Ich sehe einen einsamen Heerführer.
Ich sehe einen Verräter an der Pforte.
Ich sehe ein Opfer.

Und in Hels Reich erwachen die Toten.
Und der Namenlose ersteht wieder auf und die Neun Welten sind dem Untergang geweiht,
So nicht die Sieben Schläfer erwachen
Und der Donnerer aus der Unterwelt befreit wird …“|

Die Sieben Schläfer sind offenbar die Wanen in ihrem Grab aus Eis. Und der Namenlose ist der neue Gott, dem Nat Parsons und seine Kirche anhängen. Der Donnerer ist ganz klar Thor, Odins Sohn, der mit Loki noch einige Hühnchen zu rupfen hat, denn Loki machte Sif, Thors Frau, glatzköpfig. Welche Rolle Maddy in diesem Szenario der Prophezeiung spielt, ist noch unklar. Aber da sie über das Orakel des Flüsterers verfügt, wird es sicherlich keine unbedeutende sein – schließlich sind Loki wie auch Odin dahinter her.

Nat Parsons hat Maddys heidnisches Treiben beobachten lassen. Er hat seinen Bischof Torval Bishop benachrichtigt und dieser wiederum die Kirche in der nächsten, wenn auch entfernten Stadt. Ein Examinator ist im Anmarsch, der Maddy und ihren Umtrieben mit Einauge und Loki ein Ende bereiten soll. Allerdings hat der Pfaffe nicht damit gerechnet, dass Einauge über die Gabe der Fernsicht verfügt und alles bereits mitbekommen hat, was Nat in die Wege leitet.

Als auch noch die Wanen erwachen und sofort einen Anschlag auf Odin planen, um sich zu rächen, spannen sie auch Nat Parsons für ihre Zwecke ein. Nat sieht seine große Stunde gekommen, endlich alle alten Göttern den Garaus zu machen, besonders dem einäugigen Riesen. Allerdings hätte er sich nicht träumen lassen, wie sexy Skadi, Idun und Freyja sein können …

_Mein Eindruck_

„Feuervolk“ ist nichts Geringeres als Joanne Harris‘ „Göttliche Komödie“, insbesondere „Inferno“. Obwohl die Parallelen zu Dantes unsterblichem Meisterwerk begrenzt sind, so tragen sie doch in hohem Maße dazu bei, auch Harris‘ Roman zu verstehen. Maddy, die vierzehnjährige Junghexe, ist ja nicht irgendwer, schon gar nicht gewöhnlich – siehe ihr Brandmal. Nein, es darf ruhig verraten werden, dass sie die Tochter Thors ist. Daher also auch ihr Interesse für alles, was mit den alten Sagen von der [Götterdämmerung]http://de.wikipedia.org/wiki/Ragnar%C3%B6k zu tun hat, die nach Einauges Worten vor rund 500 Jahren stattfand.

Maddy ist unsere Führerin in die Unterwelt, und das ist wörtlich zu verstehen, denn die Unterwelt ist nur eine der Neun Welten, die wir in der nordischen Sagenwelt finden (siehe meine Liste oben). Wir könnten nun wie Dante „alle Hoffnung fahren lassen“, doch dann wäre das Buch nicht mehr so lustig. Das ist es aber durchweg, bis zum Schluss. Maddy selbst hat drei Führer: Einauge, Loki und den Flüsterer. Dass sie bei so vielen Ansichten und Anweisungen ins Schleudern kommt, ist Teil des Spaßes, den wir an ihrer Irrfahrt haben dürfen.

|Reise in die Unterwelt|

Teils wird Maddy von diesen Herrschaften gezogen und geführt, teils wird sie auch getrieben, und zwar von den Wanen, die noch ein oder zwei Wörtchen mit ihr zu reden hätten. Maddys Hauptmotiv ist die Enthüllung der Prophezeiung, aber auch das Kennenlernen der Geheimnisse, die in der Unterwelt warten, unter anderem jenes, das ihren Vater Thor umgibt. Wo könnte er sich nur befinden, fragt sie sich. Wie sich herausstellt, erhebt sich am Rande von Hels Totenreich eine Mauer, hinter der das Land des Chaos beginnt, also Surts Reich. Und dorthin muss sie wandeln, um ihren Vater zu finden. Klar, dass ihre „kleine Expedition“ und Wiedersehensfeier einigen Aufruhr verursacht, wie das nun mal Grenzübertretungen so an sich haben. Unter „Aufruhr“ ist so etwas wie die Apokalypse zu verstehen …

|Lehrreich|

Maddy ist nicht nur ein mutiges, vielleicht sogar verzweifeltes Mädchen, sie weiß und erfährt auch jede Menge – und wir mit ihr. Sie und die Autorin nehmen uns an der Hand, um die ganze verworrene Familiengeschichte der Wanen, Asen und sonstigen Angehörigen des Feuervolks vorzustellen. Dabei gemahnen uns diese Streitereien sehr an den Götterhimmel des Olymp, wo es ja mitunter auch sehr menschlich zuging. Faszinierend sind die stetigen Verwandlungen der Götter in andere Wesen sowie ihre Anwendung von Runenmagie. Hier kommen Fantasyfreunde voll auf ihre Kosten.

|Rote Karte|

Doch auch wenn die alten Götter in Hels Totenreich ein kleines, wenn auch turbulentes Stelldichein feiern – Stichwort: [Apokalypse]http://de.wikipedia.org/wiki/Apokalypse – so stehen sie doch kurz davor, die Rote Karte gezeigt und vom Platz gestellt zu werden. Denn sie haben es mit dem Namenlosen Gott zu tun, der zunehmend auf der Mittelwelt der Menschen das Sagen hat und nun zum letzten Schlag gegen die Asen und ihr Gesocks ausholt. Ihm steht eine mächtige Waffe zur Verfügung: nein, nicht irgendwelche antiquierten Runen, sondern etwas viel moderneres – das WORT.

|Papisten?|

In der Mittelwelt hat der Namenlose eine komplette theologische Organisation etabliert, die mit Bischöfen und Magistern das Volk zu lehren weiß. Und wenn das Volk nicht hören will, dann schickt die Kirche die Examinatoren. Man kann sie sich leicht als Mitglieder der Inquisition vorstellen, und sie verfügen ebenso über die Erlaubnis, das WORT herbeizurufen. Einmal ausgesprochen, erfüllt das WORT die Mittelwelt mit seiner Magie und bekehrt die Heiden und Ungläubigen zum Glauben. Es ist also recht mächtige Magie. Man kann sich vorstellen, was es anrichten würde, käme es dazu, dass es in Hels Totenreich und Unterwelt ausgesprochen würde.

Es dauert eine ganze Weile, bis die zerstrittenen Mitglieder der Götterfamilie die wahre Gefahr erkennen. Und noch sehr viel länger, bis sie sich darauf einigen können, was sie dagegen unternehmen können. Doch da zieht der Namenlose ein Ass aus dem Ärmel. Ein Glück, dass auch Maddy, Thors Tochter aufgepasst hat und noch ein Wörtchen mitredet. Die „Erwachsenen“ benehmen sich nämlich kindisch, und dann müssen Kinder wie Maddy eben einspringen und für Ordnung sorgen.

|Häusliches Drama|

Ein Nebenschauplatz ist die Geschichte um Nat Parsons. Sie soll zeigen, wie es wirklich um den Glauben an den Namenlosen bestellt ist. Leider ist der Glaube Nats um einiges größer, als seine Fähigkeiten es sind. Seine Frau Ethelberta findet es gar nicht lustig, dass er ihr schönstes Kleid stibitzt, um es einer nackten Göttin (Skadi) um die Schultern legen zu können, der Sauhund. Womöglich fängt ihr guter Nat jetzt auf seine alten Tage an, fremdzugehen und Ethelberta sitzenzulassen! Da hat Ethelberta aber auch noch mitzureden und pfuscht Nat ins Handwerk. Manche dieser Szenen gemahnten mich an häusliche Ehe- und Eifersuchtsszenen in „Chocolat“.

|Schwächen|

Ich hoffe, die Parallelen zu Dantes Göttlicher Komödie sind deutlich geworden. Ich fand die Geschichte, die die Autorin hier spinnt, ganz amüsant und ihre Wissensvermittlung interessant und unterhaltsam. Woran es noch ein wenig hapert, ist die Spannung. Dies gelingt ihr nur stellenweise. Die Apokalypse, die Maddy in der Schwarzen Festung der Unterwelt auslöst, wo ihr Vater Thor gefangen gehalten wird, ist jedoch für einen Jugendroman ganz schön happig. Sie könnte von manchem Leser für überzogen gehalten werden. Andererseits finden junge Leser auch Tolkiens spannende Konfrontationen an der Brücke von Khazad-dûm sowie am Schicksalsberg sehr eindrucksvoll, ohne sie gleich für bizarr oder überzogen zu halten.

Mir ist es gelungen, den Roman in wenigen Wochen zu lesen. Für eine Lektüre von wenigen Tagen ist er nicht einfach und spannend genug, und zudem muss sich der Leser eine ganze Welt, die uns nicht geläufig ist, erarbeiten. Ich musste häufig nachschlagen, welche Rune nun wie heißt und zu welchem Themenbereich sie gehört. Auf mich wirkte das Runenalphabet manchmal wie ein Kartenspiel, nach dem Motto: „Welche [Rune]http://de.wikipedia.org/wiki/Runen setze ich jetzt am besten als Trumpf ein, um den Stich zu machen?“ Auf einer geistigen Ebene läuft also jede Menge Action ab. Körperliche Action sieht man hauptsächlich im finalen Showdown.

|Die Übersetzung|

Die Übersetzung, für welche die beiden Spitzenkräfte Katharina Orgaß und Gerald Jung zuständig waren, ist ausgezeichnet gelungen. Der Stil ist ironisch-hintersinnig, lebendig und anschaulich, außerdem ist die Sprache so einfach, dass kein Jungleser überfordert sein dürfte.

Einige Nüsse aber doch zu knacken, wie ich schon angedeutet habe. Deshalb erweisen sich die vorgeschalteten „Anhänge“ als sehr hilfreich. Eine Karte zeigt die Neun Welten als Grafik, eine Landkarte zeigt die Lage von Maddys Dorf. Die Form der Insel erinnert an England. Noch wichtiger sind jedoch die Listen der Personen und ihrer Bedeutung sowie die der Runen. Die Runen sind selbstverständlich abgebildet und mit ihren Namen und Bedeutungen erläutert. Was die Runen bewirken, muss man allerdings im Text nachlesen. Da führt kein Weg daran vorbei.

Im Vergleich mit dem Buch, das die Anhänge zum [„Herrn der Ringe“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1330 ausmachen, und zu der Bibliothek, die man fürs Verständnis der „Göttlichen Komödie“ benötigt, kommt man also mit dem Anhang von „Feuervolk“ noch ziemlich günstig davon.

_Unterm Strich_

„Feuervolk“ macht sich ganz frei von allen Tolkien-Anklängen, wie sie heute in der Fantasy gang und gäbe geworden sind, und entführt den jungen Leser, besonders aber die geneigte Leserin in eine Welt voller Magie, die nur noch Mythenforscher und Mediävisten zu kennen scheinen: die altnordische Sagen- und Götterwelt. Diese wird jedoch in ihrer ganzen Fülle und Lebendigkeit dargestellt. Manche Szenen gemahnen an die griechischen Sagen über die allzu menschlichen Streitereien auf dem Olymp.

Maddy, eine würdige Nachfolgerin Frodos, bewahrt jedoch als eine der wenigen einen kühlen Kopf und weiß, was zu tun ist, assistiert von ihrem Gandalf-Ersatz Odin Einauge. Dass ihr die Dinge schließlich über den Kopf wachsen und zur Apokalypse geraten, dafür kann sie ja nichts. Sie wollte bloß ihren Papi wiederhaben.

Obwohl ich mir diese Welt erarbeiten musste, hat mir die Lektüre doch einigen Spaß bereitet. Die letzten Seiten lesen sich wie von allein. Aber die Autorin stößt hier auch an ihre Grenzen. Die Story, die sie hier spinnt, nimmt eine derartige Größe an, dass sie schon in der Liga der „Götterdämmerung“ spielt (gemeint ist nicht Wagners Oper), und das ist für ein Jugendbuch möglicherweise ein Nummer zu groß. Das muss aber jeder selbst entscheiden. Der Verlag gibt dem Leser mit den Anhängen jedenfalls alle Hilfestellungen, die er braucht, um mit dem Buch klarzukommen.

|Originaltitel: Runemarks, 2006
543 Seiten, gebunden
Empfohlen ab 12 Jahren
Aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung|
http://www.cbj-feuervolk.de
http://www.cbj-verlag.de

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