Hayder, Mo – Behandlung, Die

_Nichts für schwache Mägen oder Nerven_

Spannung, Horror und Action verbindet Mo Hayder in ihrem zweiten Thriller, der quasi die Geschichte von „Der Vogelmann“ fortsetzt. Angesichts der Detailkenntnisse, die sie über die Polizeiarbeit und die Verbrecherszene im Londoner Stadtteil Brixton an den Tag legt, kann man ihr unbedenklich vertrauen, wenn sie uns hier eine Geschichte erzählt, in der es um Kindesmissbrauch in allen Spielarten geht.

_Die Autorin_

Mo Hayder wurde in Essex geboren, verließ mit fünfzehn ihr Zuhause, um in London das Abenteuer zu suchen, und hat später viele Jahre im Ausland verbracht. Dabei lebte sie u. a. in Japan, wo sie als Hostess in einem Tokioter Nachtclub arbeitete. Mit ihrem Romandebüt, dem Psychothriller „Der Vogelmann“, wurde sie zur Bestsellerautorin. Diesem Buch folgte „Die Behandlung“, ebenfalls ein Psychothriller mit Detective Inspector Jack Caffery. Zuletzt erschien der historisch angelehnte Psychothriller „Tokio“.

Sie hat Creative Writing studiert und unterrichtet gelegentlich auch an ihrer alten Uni, der Bath Spa University. Hayder lebt als freie Schriftstellerin mit Lebensgefährte und Tochter in London. Sie arbeite gegenwärtig an ihrem vierten Roman, schreibt der Verlag |Random House|.

_Der Sprecher_

Dietmar Bär, 1961 geboren, ist mit dem Genre „Krimi“ schauspielerisch groß geworden. Erste Aufmerksamkeit als TV-Darsteller zog er durch seinen Auftritt im Schimanski-Tatort „Zweierlei Blut“ 1984 und die Hauptrolle in Dominik Grafs Fernsehspiel „Treffer“ 1984 auf sich. 1986 erhielt er den „Deutschen Darsteller-Preis für den Nachwuchs“. Als Kommissar Freddy Schenk steht er seit 1987 im „Tatort“ zusammen mit Klaus J. Behrendt vor der Kamera.

_Handlung_

Der ungefähr 30-jährige Detective Jack Caffery hat in seinen Jahren bei der Londoner Mordkommission schon viel gesehen. Er war an der Aufklärung der „Vogelmann“-Morde beteiligt – darauf weist die Erzählerin des Öfteren hin, und es kann nicht schaden, diesen exzellenten Thriller gelesen oder gehört zu haben, bevor man „Die Behandlung“ anfängt.

Aber was er über das erfährt, was sich im Haus der Familie Peach im Stadtteil Brixton abgespielt hat, schockt selbst Caffery: Ein offenbar wahnsinniger Fremder hat die Peachs und ihren achtjährigen Sohn Rory überfallen, misshandelt und so lange gefangen gehalten, dass sie fast verdurstet wären. Und was man dabei unter „Misshandlung“ zu verstehen hat, übersteigt alle Vorstellungskraft.

Als der Täter nach drei Tagen des Terrors wieder verschwand, nahm er den kleinen Rory mit. Doch die schwer verletzten Eltern können keine genauen Angaben machen, oder sie wollen nicht über die Einzelheiten reden. Jedenfalls wird Rory im nahen Park zu spät gefunden, um ihn zu retten, und das auch nur, weil Caffery einem Kindergerücht Glauben schenkt: Ein Troll mache die Gegend unsicher, der zu Kindern ins Zimmer steigt, auch wenn dieses im ersten oder zweiten Stock liegt. Wie sich zeigt, ist das kein Gerücht sondern die reine Wahrheit. Die Polizei will es bloß nicht glauben.

Schon hat der „Troll“ – es gibt sogar einen Datenbankvermerk aus dem Jahr 1989 über ihn – seine nächsten Opfer ausgesucht: die Churches. Hal und Benedictine und ihr kleiner Goldschatz Josh wollen nach Cornwall fahren – niemand wird sie vorerst vermissen …

Doch Jack Caffery ist ganz und gar nicht objektiv, was diese Verbrechen angeht. Der Fall Rory ruft Erinnerungen an seinen Bruder Ewan wach, der eines Tages als Kind verschwand und wahrscheinlich einem Verbrechen zum Opfer fiel. Seit seiner Kindheit verdächtigt Jack seinen Nachbarn, den Polen Penderecki, schuld an Ewans Verschwinden zu sein.

Visionen voll Hass und Angst suchen Jack heim, bringen ihn zum Trinken und belasten seine Beziehung zu Rebecca, seiner Lebensgefährtin, erheblich. Die hat als Opfer des „Vogelmannes“ auch so ihre psychischen Probleme und bekommt zunehmend Angst vor Jacks Annäherungsversuchen.

Jack stößt im Laufe seiner Ermittlungen auf mehr und mehr Verbindungen zwischen der Vergangenheit und dem aktuellen Geschehen. Weitere Opfer des „Trolls“ tauchen auf und werden vernommen. Als Penderecki stirbt, „vererbt“ er Jack seine sämtlichen Kinderpornos. Auf einem der ekelhaften Videos sieht Jack eine Frau mit einem auffälligen Tattoo – und ein Autokennzeichen. Wie sich herausstellt, hat diese Tracey Lamb sehr viel mit Kinderpornos zu tun. Und was Jack nicht ahnt (wir aber mitgeteilt bekommen): Sie hält Jacks Bruder immer noch gefangen.

Wird es dem Detective gelingen, seinen Bruder zu finden und zugleich den neuesten Überfall des „Trolls“ zu stoppen, der die Familie Church in seiner Gewalt hat?

_Mein Eindruck_

Wie in „Das Schweigen der Lämmer“ geht es vordergründig um die Verbrechen eines geisteskranken Serienkillers (der Troll ist schizophren). Wie in Harris‘ Roman richtet sich das Augenmerk auf die Aufklärung eines Verbrechens und die Verhinderung weiterer Untaten. Doch bei Hayder ist der Detective ganz auf sich allein gestellt, er hat keinen Mentor – allenfalls seine lesbische Chefin Souness, die aber keine Tipps zur Psyche des Täters gibt, sondern Caffery den Rücken frei- und die Presse vom Leib hält.

Cafferys Hartnäckigkeit, die aufgrund der Ewan-Geschichte an Obsession grenzt, ist es schließlich, die die entscheidenden Hinweise liefert. Schon glaubt er, Mr. Peach als Täter dingfest gemacht zu haben, da stellt sich dieser als Opfer heraus. Zu früh gefreut: Der Täter ist weitaus gewiefter und verrückter, als Jack ahnt. So wundert er sich zwar, warum sich dessen Opfer vor der Tat über merkwürdige Gerüche in ihrer jeweiligen Wohnung beschwerten, doch ging er diesem Phänomen nicht nach. Erst als er das – am Schluss des Buches abgedruckte – Notizbuch des Trolls findet, wird ihm alles klar: Der Troll empfindet weibliche Hormone, Prolaktine, als Gefahr für seine sexuelle Potenz und neutralisiert diese durch seinen eigenen Urin. Dies führt zu einigen grotesken Verdächtigungen von Hunden und Kindern in den betroffenen Haushalten. Eigentlich ist es aber reichlich ekelerregend.

Mo Hayder hat ihr Buch hervorragend konstruiert. Wir bekommen daher nicht nur die Perspektive von Jack Caffery zu sehen, sondern auch die vieler weiterer Nebenfiguren, nicht zuletzt der Opfer. Was aber wirklich perfide ist, ist die Perspektive des Täters. Das habe ich erst nachträglich verstanden: Da der Täter schizophren ist, wundert er sich im „Normalzustand“ über gewisse Fundstücke.

Der ständige Wechsel der Perspektive führt dazu, dass das Hörbuch sehr abwechslungsreich gerät. Der sorgfältige Erzählungsaufbau lässt keine Langeweile aufkommen und führt schließlich zu atemloser Spannung.

|Der Sprecher|

Dieter Bär hat eine bärige Stimme. Man kann ihn sich selbst gut als Kommissar vorstellen, voll Autorität und Integrität. Ich könnte mir aber vorstellen, dass ein geübter Synchronsprecher noch ein wenig mehr Nuancen in seinen Vortrag legen würde.

_Unterm Strich_

Nichts für schwache Nerven oder gar schwache Mägen, aber sonst ein vorzüglicher Thriller, der Spannung, Horror und Action verbindet. Natürlich kann Hayder noch nicht Jeffery Deaver das Wasser reichen – dafür ist ihre Story zu vorhersehbar, aber sie ist auf dem besten Weg in den Krimi-Olymp. Und das ist erst ihr zweites Buch!

Dietmar Bär ist es gelungen, diese Qualitäten herauszuarbeiten und mit der angemessenen Ernsthaftigkeit vorzutragen. Sein Vortrag ist auch abwechslungsreich, mit entsprechenden Charaktergestalten.

|Originaltitel: The Treatment, 2001
Aus dem Englischen übersetzt von Christian Quatmann
450 Minuten auf 6 CDs|

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