Hearn, Marcus (Hrsg.) – A Tribute to Pink Floyd – Fotografien

_Zeitgeschichte: Von Psychedelia bis Stadionrock_

„A Tribute to Pink Floyd“ illustriert die Geschichte der Band anhand der gelungensten und aussagekräftigsten Fotos aus dem Archiv der Fotoagentur Rex Collection. Der Bildband enthält Aufnahmen von ihrem ersten Pressetermin bis zum letzten Bild des Bandes, auf dem man die Trauerkarte eines Fans vor dem Haus von Syd Barrett sieht, kurz nach dessen Tod im Juli 2006.

_Der Herausgeber_

Marcus Hearn ist der Herausgeber dieses Bildbandes. Das bedeutet, dass er nicht für sich in Anspruch nimmt, hochgeistige Beiträge abzuliefern und tiefschürfende Untersuchungsergebnisse zum Besten zu geben. Obwohl er es nicht sagt, bestand seine Aufgabe darin, einfach nur die Begleittexte zu den Fotos schreiben.

Hauptsache also, die Fotos sind gut. Diese stammen von Rex Features, einer „unabhängigen britischen Presseagentur für Fotografie“ (www.rexfeatures.com). Sie beliefert seit 1954 über 30 Ländern mit Fotomaterial zu Medienereignissen. Ihr Bildarchiv ist dementsprechend umfassend, insbesondere zu allen Exponenten der Rockmusik.

Der Zeitraum, der von den in diesem Band präsentierten Fotos abgedeckt wird, reicht von 1966 bis November 2006, also 40 Jahre.

Die Band |Pink Floyd| (offiziell Feb. 1967 bis heute):

Roger Keith „Syd“ Barrett: Gitarre (bis Ende 1967)
David Gilmour: Gitarre, Gesang (ab 1968)
Nick Mason: Drums, Percussions
Richard Wright: Keyboards
Roger Waters: Bass, Gitarre, Gesang
Und diverse andere Mitwirkende, insbesondere Terrence „Snowy“ White (Gitarre).

_Inhalte_

_Der Text_

Eine kurze Biografie jedes Musikers eröffnet den Band, gefolgt von einer Fotostrecke zu ihrer ersten Pressevorstellung im Februar 1967. Die Einleitung, die davor platziert ist, umreißt das ganze Themenfeld, das sich mit |Pink Floyd| verbinden lässt. Der Herausgeber versucht das Geheimnis, die Besonderheit dieser Band einzufangen. Gut finde ich in dieser Hinsicht besonders die Statements der Musiker selbst.

Die Entwicklung der Band soll sich nach dem Willen des Herausgebers in den Fotos widerspiegeln – sonst wäre ja der Sinn eines solchen Bildbandes verfehlt. Die Fotos sind Zeitdokumente, aber auch Geschenke an die Millionen Fans der Band. Seltene Fotos wie etwa von der Reunion 2005 werden deshalb wie Juwelen in einem Collier besonders hervorgehoben.

Die meisten der kurzen Kapitel tragen den Titel eines der Alben, die die offizielle Band |Pink Floyd| veröffentlichte. Das bedeutet, dass Roger Waters‘ Alben nicht berücksichtigt werden. „Radio KAOS“ wird nur am Rande erwähnt, ebenso Gilmours „On An Island“ (2006). Dem Leser springen also Überschriften wie „The Piper at the Gates of Dawn“ entgegen, und das mag für Fans, die |Pink Floyd| erst seit „Dark Side of the Moon“ kennen, ein paar Überraschungen bereithalten.

Die |Floyd| waren am Anfang eine Undergroundband, die sich für die Gegenkultur engagierte. Als sie im Februar 1967 einen Plattenvertrag von EMI bekamen, trug ihnen dies zwar nicht überall Begeisterung ein, aber sie blieben weiterhin aufmüpfig. Als „Arnold Layne“, eine ihrer ersten Singles, von einem Londoner Radiosender boykottiert wurde, verteidigte Syd Barrett, der musikalische Kopf der Band, diesen Song über einen Transvestiten, der Dessous von Wäscheleinen klaut. Er forderte den Sender auf, sich mal in der Realität umzuschauen.

Solche und viele weitere Anekdoten rücken die |Floyd| in ein interessanteres Licht, als es die üblichen Pophistorien tun, die kaum über Lobhudeleien hinauskommen. Ganz im Gegenteil: Vielfach wird die Kritik der damaligen Journalisten und Marktbeobachter aufgegriffen und den Aussagen der Bandmitglieder gegenübergestellt. So erlangt das folgende Statement von Roger Waters einen hohen Stellenwert, denn es begründet, warum die |Floyd| durch Grenzüberschreitung immer wieder die Kritiker vor den Kopf stoßen mussten, um schließlich 1973 dort anzukommen, wo sie Ruhm und Reichtum einheimsten:

|“Wir könnten immer so weitermachen und dieselben beliebten alten Nummern spielen, und es würde uns sicher Spaß machen, aber darum geht es bei Pink Floyd nicht. Es geht darum, Risiken einzugehen und neue Wege einzuschlagen.“| (1969)

Auf die experimentelle psychedelische Phase und diverse Filmmusiken folgten die Konzeptalben der Siebziger „Dark Side of the Moon“ sowie „Wish you were here“ und schließlich die gigantischen Stadionkonzerte und jahrelangen Welttourneen in den achtziger und neunziger Jahren.

Der Herausgeber beschäftigt sich erstaunlich intensiv mit dem Bruch zwischen Roger Waters und dem Rest der Band anno 1983, dem 1981 der Ausstieg Rick Wrights vorausgegangen war. Waters dachte, sie würden es nicht wagen, ohne ihn weiterzumachen und sogar den Bandnamen zu benutzen. Nun, sie wagten es und wurden eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten, auch ohne ihn. Aber sie spielten kaum jemals wieder von den beiden Alben, die Waters fast im Alleingang hervorgebracht hatte: „Animals“ von 1977 und „The Final Cut“ von 1983. Dazwischen erschien 1979 ihr epochales Album „The Wall“. Es war eine Reaktion auf die Entfremdung der Musiker von ihrem Publikum.

2005 kam es auf dem Live-8-Konzert Bob Geldofs zu einer kurzfristigen Reunion der legendären Band, und es sah so aus, als hätten Gilmour und Waters nach einem Vierteljahrhundert das Kriegsbeil begraben. Seither scheint Waffenstillstand zu herrschen.

(Am Schluss des Bandes findet der Fan eine Liste der Artikel und Bücher, die der Herausgeber als Quellen nutzte. Sie können als weiterführende Lektüre dienen.)

_Die Fotos_

Der Bildband enthält 152 farbige und Schwarzweiß-Abbildungen. Das ist weitaus mehr als der entsprechende Led-Zeppelin-Bildband vorweisen kann. Der Fan bekommt mithin einen reellen Gegenwert für seinen knapp 30 Euronen. Aber das ist noch längst nicht alles.

Ich habe schon etliche Fotos der |Floyd| gesehen und eine „Biografie“ der Band gelesen, die selbstredend ebenfalls einen Fototeil enthielt. Auch das Bonusmaterial zur Live-DVD „P.U.L.S.E.“ ist gut gefüllt mit Fotos. Aber solche Fotostrecken wie in diesem Band habe ich noch nie gesehen.

|Presseauftritt 1967|

Nach den Porträtfotos, die den Biografien von Barrett, Waters, Wright und Mason (nicht Gilmour, der folgt später) beigefügt sind, folgt die Bildstrecke, mit der Dezo Hoffman den Presseauftritt der vier Urmitglieder dokumentiert hat. Es wurde Playback eingesetzt, was zu einigem Unmut geführt haben soll. Aber es war wohl nicht nur die Musik megapeinlich, sondern auch die ganze Atmosphäre – kein bisschen von einem Live-Auftritt. Im Anschluss entblöden sich die Musiker nicht, vor dem EMI-Haus eine Chorus Line vorzuführen. Fehlt nur noch der Cancan mit Rüschenrock.

|Psychedelia und was daraus wurde|

Das folgende Kapitel „Psychedelia“ sieht schon mehr nach den |Floyd| aus: Farbeffekte und Unschärfe sowie Reflexe entrücken die vier Männer der Realität. Etwas störend wirken jedoch Waters‘ und Masons Brillen. Sie fehlen beim nächsten Shooting, als das Quartett in bunten Hemden der Sechziger sich Hoffmans Kamera stellt. Auch dies wirkt so künstlich wie der Presseauftritt und steht in hartem Kontrast zum Fotos von Syd Barretts letztem größeren Gig am 22.12.1967. Er sieht unrasiert und zerzaust aus, ein Opfer der Drogenexzesse des vergangenen Jahres. Man trennte sich von ihm, denn er konnte nicht einmal mehr die Gitarre richtig spielen. Sein Nachfolger wurde David Gilmour, den eine Doppelseite vorstellt.

|Pushing the envelope: Auftrittsorte|

In den Sechzigern und Siebzigern scheint |Pink Floyd| à la Waters die Grenzen dessen, was als Live-Auftritt bekannt ist, ausgelotet und erweitert zu haben. Fans und Helfer fertigten spezielle Dias an – das war alles unvorstellbar primitiv, wurde aber schnell ausgefeilter, wie man auf „P.U.L.S.E.“ sehen kann. Die Auftrittsorte waren ebenso ausgefallen. Zunächst im Hyde Park, dann in Pompeji (1971), wo der bekannte Musikfilm entstand, und sogar in einem französischen Kloster. Dort trafen die |Floyd| die Filmschauspielerin Jeanne Moreau [(„Jules und Jim“).]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1065 Die Fotos dieses Innenraumes gehören zu den seltsamsten, aber auch eindrucksvollsten Motiven in diesem Band.

Den ultimativen Durchbruch in Sachen Bühnengestaltung zauberten die |Floyd| dann wohl mit der 50 Meter langen und 10 Meter hohen Mauer aus Pappmachéblöcken hin, die sie als „Dekoration“ einsetzten, um „The Wall“ aufzuführen. Es gelang ihnen 1979/80 immerhin 29-mal, dann wurde der Aufwand einfach zu groß, teuer und beschwerlich. So legt es jedenfalls der Begleittext nahe.

|Letzter Auftritt|

Auch die Stadionkonzerte müssen gigantische logistische Unternehmungen gewesen sein. Nicht nur „P.U.L.S.E.“ belegt dies, sondern auch die zahlreichen Fotos dieses Bildbandes. Auf die Reunion von 2005 weist der Herausgeber mit Recht als besonders bemerkenswert hin. Diese Fotos sind nicht nur ein bedeutsames Zeitdokument (s. o.), sondern auch erstklassige Arbeiten (von Brian Rasic und Richard Young). Fast jedem Musiker ist eine ganze bzw. Doppelseite gewidmet. Besonders beeindruckt hat mich Roger Waters. Dessen Gesicht erzählt eine lange Geschichte.

|Humor|

Dass der Herausgeber auch den typisch britischen Humor besitzt, belegt sein Kapitel „A momentary lapse of reason“ – wörtlich: „ein kurzer, vorübergehender Verlust der Vernunft“. Als Fotomaterial hat er das fliegende und aufblasbare Bett ausgewählt, mit dem die Band 1987 ihr neuestes Album vor den Londoner Houses of Parliament bewarb. Das fliegende Bett erinnert an das aufblasbare Schwein, mit dem „Animals“ 1977 beworben wurde. Dass die Band auch 1987 ein wenig den Verstand verloren haben könnte, ist eine Assoziation, die von den Fotos nahegelegt wird, ohne dies explizit sagen zu müssen. Das folgende Kapitel hat frecherweise die Überschrift: „Another lapse“. Es handelt sich diesmal um den Titel der Europatournee.

_Unterm Strich_

Die Fotos sind meist von bester Qualität und sollten dem Fan ihr Geld wert sein. Aber was sie wirklich zu bemerkenswerten Zeitdokumenten macht, sind die Motive und die Auswahl. Das beginnt mit dem megapeinlichen Playback-Gig vor der Londoner Presse im Februar 1967 und endet mit dem Reunion-Auftritt auf dem Live-8-Konzert, das Bob Geldof organisiert hatte. Dazwischen liegt knapp 40 Jahre Musikgeschichte voller Wandlungen und Metamorphosen. Von denen einige heutzutage recht skurril anmuten.

Die Texte sind in kleine Häppchen aufgeteilt, wesentlich leichter verdaulich als die ambitionierten Kapitel Tedmans im Bildband [„A Tribute to Led Zeppelin“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4929 Dennoch bleiben die Informationen, Meinungen und Kritiken keineswegs auf der Strecke, sondern formen vielmehr ein anregenderes Gesamtbild dessen, was die |Floyd| auslösten: eine Ausweitung – nicht der Kampfzone, sondern dessen, was als moderne Rockmusik in Erscheinung treten sollte, sowohl in musikalischer Hinsicht als auch, was die Auftrittsorte, Bühnendekoration und PR-Aktionen anging: Pompeji oder Kloster, The Wall an der Berliner Mauer, aber auch fliegende Schweine und Betten. Es hätte durchaus noch etwas mehr britischer Humor sein dürfen.

Insgesamt bekommt der Sammler und Fan einen ziemlichen einmaligen Fotoband in die Hand, der durch seine inhaltliche Gestaltung selbst als Zeitdokument bezeichnet werden kann. Mögen auch die ersten Seiten megapeinlich erscheinen, na und: Dies waren eben die Auswüchse jener Zeit, als die Rockmusik sich schrittweise zum Big Business mauserte, als das wir sie heute kennen. So kann der Band auch zum Verständnis der musikalischen Entwicklung beitragen, welche die Rockmusik durchlaufen hat.

Noch besser wäre beim Betrachten der Fotos der entsprechende Soundtrack. Dazu eignet sich die Best-of-Doppel-CD „Echoes“. Diese beginnt und endet mit Syd Barretts genialen Kompositionen „Astronomy Dominée“ und „Bike“. Da passt es hervorragend, wenn der vorliegende Bildband ebenso mit Barrett beginnt und endet. R.I.P., Syd.

|Originaltitel: A tribute to Pink Floyd, 2008
160 Seiten
Aus dem Englischen von Thorsten Wortmann|
http://www.schwarzkopf-schwarzkopf.de

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