Heinlein, Robert A. – Methusalems Kinder. Die komplette Future History

_Viele Höhen und Tiefen: die Geschichte der Zukunft_

Dieser Sammelband umfasst vier Romane und 17 Erzählungen. Diese Erzählungen wurden früher in verschiedenen Bänden zusammengefasst, und diese Unterschiede merkt man ihnen schnell an. Heinleins FUTURE HISTORY begann er bereits 1939 mit seiner ersten Story „Life-Line“. Die letzte Story in diesem Band stammt von 1962. Der Autor entrollte mit dieser Serie ein detailliertes Panorama der Zukunft bis weit ins 23. Jahrhundert hinein. Der Wälzer stellt die Werke in ungekürzter (stets ein Problem bei Heinlein) Neuübersetzung vor.

Das Werk wird ergänzt durch eine Zeittafel des Autors, in der er nicht nur die Handlung der einzelnen Erzählungen, sondern auch die handelnden Personen und die Ereignisse vor einem fiktiven politischen, sozialen und kulturellen Hintergrund eingebunden hat. Eine informative Einleitung von Damon Knight, einem legendären Herausgeber des Science-Fiction-Feldes, ergänzt den Band sinnvoll. Die Anmerkungen des Autors selbst, die sich in der Originalausgabe von „Revolt in 2100“ finden, fehlen jedoch. Mehr dazu weiter unten.

_Der Autor_

Robert Anson Heinlein (1907-1988) wird in den USA vielfach als Autorenlegende dargestellt, sozusagen der „Vater der modernen Science-Fiction“. Allerdings begann er bereits 1939, die ersten Storys im Science-Fiction-Umfeld zu veröffentlichen. Wie modern kann er also sein?

Wie auch immer: Heinleins beste Werke entstanden zwischen 1949 und 1959, als er für den |Scribner|-Verlag (bei dem auch Stephen King veröffentlicht) eine ganze Reihe von Jugendromanen veröffentlichte, die wirklich lesbar, unterhaltsam und spannend sind. Am vergnüglichsten ist dabei „The Star Beast / Die Sternenbestie“ (1954). Auch diese Romane wurden vielfach zensiert und von |Scribner| gekürzt, so etwa „Red Planet: A Colonial Boy on Mars“ (1949/1989).

Allerdings drang immer mehr Gedankengut des Kalten Krieges in seine Themen ein. Dies gipfelte meiner Ansicht nach in dem militärischen Roman „Starship Troopers“ von 1959. Im Gegensatz zum Film handelt es sich bei Heinleins Roman keineswegs um einen Actionknaller, sondern um eine ziemlich trockene Angelegenheit. Heinlein verbreitete hier erstmals ungehindert seine militaristischen und antidemokratischen Ansichten, die sich keineswegs mit denen der jeweiligen Regierung decken müssen.

Mit dem dicken Roman [„Stranger in a strange Land“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=43 (1961/1990), der einfach nur die Mowgli-Story auf mystisch-fantastische Weise verarbeitet, errang Heinlein endlich auch an den Unis seines Landes Kultstatus, nicht nur wegen der Sexszenen, sondern weil hier mit Jubal Harshaw ein Alter Ego des Autors auftritt, der als Vaterfigur intelligent und kühn klingende Sprüche von sich gibt. „Stranger …“ soll Charles Manson zu seinen Mordaufträgen 1967 im Haus von Sharon Tate motiviert haben. Sharon Tate war die Gattin von Regisseur Roman Polanski und zu diesem Zeitpunkt schwanger.

Als eloquenter Klugscheißer tritt Heinlein noch mehrmals in seinen Büchern auf. Schon die nachfolgenden Romane sind nicht mehr so dolle, so etwa das völlig überbezahlte „The Number of the Beast“ (1980). Einzige Ausnahmen sind „The Moon is a harsh Mistress“ (1966, HUGO), in dem der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg auf dem Mond stattfindet, und „Friday“ (1982), in dem eine weibliche und nicht ganz menschliche Agentin ihre Weisheiten vertreibt.

Größtes Lob hat sich Heinlein mit seiner Future History (1967) verdient, die er seit den Vierzigern in Form von Storys, Novellen und Romanen („Methuselah’s Children“, ab 1941-1958) schrieb. Dieses Modell wurde vielfach kopiert, so etwa von seinem Konkurrenten Isaac Asimov.

Heinleins Werk lässt sich sehr einfach aufteilen. In der ersten Phase verarbeitet er auf anschauliche und lebhafte Weise physikalische und soziologische Fakten, die zweite Phase ab 1947 wurde bis 1958 mit Jugendromanen bestritten, die ebenfalls sehr lesbar sind. Die dritte Phase beginnt etwa ab 1959/1960 und ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass, wie ein Kenner anmerkte, Heinlein Meinungen als Fakten ausgibt. Daher lesen sich diese überlangen Schinken wie Vorlesungen und Traktate statt eine gute Geschichte zu erzählen.

Hinzu kommt, dass Heinlein rekursiv wird: Er klaut bei sich selbst und besucht, etwa in „Die Zahl des Tiers“ (1980), die Universen seiner Zunftkollegen – hier wird die Science-Fiction inzestuös. Das mag für eingefleischte SF-Fans ganz nett sein, die ihre Insider-Gags sicherlich genießen, doch für Outsider ist es einfach nur langweilig zu lesen.

Robert A. Heinlein auf |Buchwurm.info|:

[„Fremder in einer fremden Welt“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=43
[„Starship Troopers – Sternenkrieger“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=495
[„Zwischen den Planeten“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=663
[„Reiseziel: Mond“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=768
[„Der Marionettenspieler“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2625
[„Gestrandet im Sternenreich“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3808

_Die Beiträge_

Zu den FUTURE HISTORY-Büchern gehören die drei Sammelbände „Der Mann, der den Mond verkaufte“, „Die grünen Hügel der Erde“ sowie „Revolte im Jahr 2100“. Abschließend ist noch der Roman „Methusalems Kinder“ aufgenommen worden, dessen Hauptfigur Lazarus Long später in einem weiteren Roman mit dem Titel „Die vielen Leben des Lazarus Long“ wiederkehrte (1973 als „Time enough for Love“).

1) _Lebenslinie_ (Life-Line, 1939)

Als Dr. Pinero behauptet, er sei mit seiner neuen Maschine in der Lage, sowohl den Zeitpunkt der Geburt eines Menschen wie auch den genauen Zeitpunkt seines Todes abzulesen und vorherzusagen, schlägt ihm eine Welle des Unglaubens, der Ablehnung und schließlich auch der Missgunst entgegen. Denn als immer mehr Menschen merken, dass seine Methode hundertprozentig funktioniert, kapieren sie auch, dass sie keine Lebensversicherung mehr brauchen. Das finden die Lebensversicherer reichlich geschäftsschädigend, und einer davon, Bidwell, belässt es nicht bei Worten, sondern greift zu Maßnahmen. Dr. Pineros Tage sind leider gezählt. Vermutlich hat er es gewusst.

|Mein Eindruck|

Ähnlich wie Asimovs Story „Tendenzen“ muss das Neue eine Menge Widerstand überwinden, bevor es sich durchsetzen kann. Doch es geht um mehr. Für den Erfinder selbst hat seine Fähigkeit tragische Aspekte. So versucht er etwa den ihm bekannten Sterbezeitpunkt eines frischgebackenen, jungen Elternpaares hinauszuzögern – vergeblich. Die Reaktion der Menschen, die erfahren können, wann sie sterben würden, ist typisch: Sie weigern sich, das bereits aufgeschriebene Datum zu veröffentlichen, wollen lieber unbeschwert von diesem Wissen weiterleben. Die Bibel verspricht: „Die Wahrheit macht euch frei“, aber es gibt offenbar eine Wahrheit, die niemand wissen will. Nicht wirklich.

2) _Die Straßen müssen rollen_ (The Roads must roll, 1940)

Im 21. Jahrhundert ist Öl knapp geworden und steht nur noch der Regierung und ihren Truppen zur Verfügung. In der Übergangsphase haben sich die Städte daher etwas Neues einfallen lassen müssen, um ihre Bürger und Arbeiter von ihren Heimen zu den Arbeitsstätten zu transportieren und umgekehrt. Was lag näher, als eine Art mobilen Gehweg anzulegen? Doch beim Gehweg, der mit gemächlichen 10 km/h durchs Land zieht, ist es natürlich nicht geblieben. Vielmehr sind inzwischen rollende Überlandstraßen mit einer Spitzengeschwindigkeit von 100 Meilen, also über 160 km/h, gebaut worden, und sie bringen die Reisenden und Güter von Chicago bis nach Los Angeles. Am Rand der Straßen schießen Läden und Restaurants aus dem Boden.

Diese gigantische neue Infrastruktur wird solarbetrieben und jemand muss sich um sie kümmern. Das sind zwei Kasten technischen Personals, zum einen auf der oberen, leitenden Ebene die paramilitärisch ausgebildeten Ingenieure und ihre Kadetten, zum anderen, auf der unteren Ebene, die einfachen Techniker. Im folgenden Konflikt wird die obere Ebene der Region Kalifornien von Chefingenieur Gaines geleitet, die untere Ebene der Techniker von seinem Stellvertreter Van Kleeck, der zugleich Personalchef ist.

Gaines zeigt gerade dem Verkehrsminister von Australien, wie wunderbar die 20. Geschwindigkeitsstraße der STRASSE funktionieren, als Streifen 20 plötzlich scharf abbremst und zum Stillstand kommt. Da gleich daneben Streifen 19 mit unverminderten 95 Meilen dahinrast, kommt es zu verhängnisvollen Kontakten, die auf der Hunderte von Kilometern langen Strecke zu Ketten von Unglücken führen. Viele Passagiere sterben, noch mehr werden verwundet.

Gaines verliert keineswegs den Kopf, sondern ergreift die Initiative. Sein bedauernswerter Besucher, ein Oxfordmann mit Hut und Regenschirm, hat alle Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Doch als Gaines sein eigenes Leben einsetzt, muss auch der Besucher zurückbleiben.

|Mein Eindruck|

Ähnlich wie Heinleins Novelle „Katastrophen kommen vor“ ein AKW-Unglück schildert, so setzt sich auch „Die Straßen müssen rollen“ mit den möglicherweise katastrophalen Folgen des Einsatzes einer neuen Technologie auseinander. Wenn Technik und Gesellschaft aufeinandertreffen, dann werden Brüche und Defizite sichtbar, und es wird deutlich, welche Änderungen vorzunehmen sind. Mit der Schilderung solcher Szenarien betätigte sich Heinlein in seiner fruchtbaren frühen Phase (1939-1941) als kenntnisreicher und glaubwürdiger Warner, der mit realistischen Szenarien zu überzeugen und zugleich zu unterhalten wusste.

In zwei „Kapiteln“ seiner Novelle zeigt der Autor, was er draufhat. Zunächst liefert er den Hintergrund über die Entwicklung der Straßentechnologie und die Entstehung zweier Kasten von Technikern und Ingenieuren. Deren Konflikt ist quasi synonym mit dem zwischen gewerkschaftlich organisierten Arbeitern und paramilitärisch organisierten Führungskräften, wie sie noch heute vielerorts in der Wirtschaft der Vereinigten Staaten vorzufinden ist (die Führungskräfte heißen z. B. stets „Officer“).

Allerdings stellt sich der Autor, selbst ein langjähriger Offizier, klar auf die Seite der Ingenieure. Der autoritäre, aber stets kontrollierte Gaines bewältigt die Krise, und sein Gegenspieler Van Kleeck wird als introvertiert, labil und mit einem Minderwertigkeitskomplex behaftet gezeichnet. Klar, dass wir keinerlei Sympathie für dieses „arme Würstchen“ aufbringen können, das zahllose Menschenleben auf dem Gewissen hat und als nächste Untat die Straßen komplett zu sprengen gewillt ist.

Dass der Konflikt hauptsächlich mit militärischen Mitteln gelöst wird, ist bei einem Ex-Offizier wie Heinlein abzusehen, aber Gaines‘ Endkampf gegen Van Kleeck wird völlig unblutig und mit einem psychologisch fundierten Gespräch geführt. Das hat mir sehr gut gefallen, denn schließlich sollte in Zukunft Schluss mit Wildwestmethoden sein. Gaines kommt zu dem Schluss, dass es nicht reicht, Wächter über Personal und Sicherheit einzusetzen, man muss, getreu den alten Römern, auch die Wächter selbst überwachen, auch auf Kosten der Effizienz.

3) _Katastrophen kommen vor_ (Blow-ups happen, 1940)

Im größten Atomkraftwerk Südkaliforniens kommt es immer wieder zu neurotischen Anfällen der Ingenieure. Dr. Silard, der überwachende Psychologe, erklärt dem Direktor King, dass es an der permanenten Gefahr liege, die vom Reaktor ausgehe. Dies lasse die Leute paranoid und psychotisch werden. Auf Dauer könne das nicht gutgehen. Der von ihm hinzugezogene Psychologieprofessor Lentz von der Harvard-Uni kommt zu dem Schluss, dass die einzige realistische Möglichkeit, dem Problem abzuhelfen, in der Abschaltung des Reaktors liege, der einfach eine Fehlkonstruktion sei. Eine Marineoffizier bestätigt sogar einen Fehler in den zugrunde liegenden Gleichungen.

Nach anfänglichem Zögern schlägt King diese Maßnahme den Betreibern vor. Doch im Aufsichtsrat wird knallhart zurückgeschlagen. Die Mehrheitsinhaber wollen ihn ersetzen. Da ergeben sich zwei Alternativen. Zwei Techniker haben einen atomaren Brennstoff gefunden, der sicher ist und den gegenwärtigen Reaktortyp überflüssig macht. Und Dr. Lentz sieht einen Weg, wie er den Aufsichtsrat auf seine Seite bringt. Es ist alles eine Frage der Überzeugungskraft.

|Mein Eindruck|

Wieder einmal stellt Heinlein unter Beweis, dass er sich in Ingenieurskunst, Wissenschaft, Psychologie, Astronomie und Betriebswirtschaft hervorragend auskennt. Das ist einer der Gründe, warum er so großen Einfluss auf die neuen Autoren ausübte (bis er 1941-1946 wegen des Krieges pausieren musste). Außerdem ist seine Novelle zielgerichtet und spannend geschrieben. Am Anfang und am Ende gibt es ein wenig Action, und dazwischen geht es um Wege zur Problembewältigung. Saubere Arbeit.

Mich hat immer wieder verwundert, wie Heinlein fünf Jahre vor der ersten Atombombe derartig kenntnisreich und detailliert über Kernspaltung und Atomenergie schreiben konnte. Allerdings konnten dies auch Lester del Rey in „Nerven“ und Clive Cartmill in „Deadline“ (1944). Cartmills Story rief wegen der Erwähnung gewisser Feinheiten bei der Kernspaltung sogar das FBI auf den Plan.

Daher ist diese Story vielfach als Beispiel für die angebliche Fähigkeit der SF herangezogen worden, die Zukunft vorherzusagen. Viele Autoren würden ihr diese Fähigkeit absprechen, denn schließlich schreibt man für heutige Leser und nicht für künftige. Aber dennoch wird „Deadline“ immer wieder erwähnt. Asimov hatte sie in seinen Auswahlband „SF aus den goldenen Jahren“ (|Heyne| 06/4600) aufgenommen.

4) _Der Mann, der den Mond verkaufte_ (The Man who sold the Moon, 1949)

Delos David Harriman, ein erfolgreicher amerikanischer Unternehmer, hat es sich in den Kopf gesetzt, so bald wie möglich eine Rakete zum Mond zu schicken. Aber was er seinen Kollegen vom Industriellensyndikat vorstellt, geht noch weit darüber hinaus: eine Kolonie auf dem Mond namens Luna City, mit ihm selbst als Bürgermeister, sowie eine Fluglinie zwischen Erde und Trabant. Sie schütteln lediglich ihre Köpfe ob solcher Phantastereien. Doch am Schluss verkaufen sie ihm ihre Ansprüche für zehn Dollar das Stück.

Und als es ihm gelingt, einen Chefingenieur und einen Generalmanager einzustellen, die eine richtige Konstruktionsfirma für Raketen auf die Beine stellen, da vergeht den Konzernchefs das Grinsen. Gegenüber jeglicher Einmischung seitens der Regierung der Vereinigten Staaten und des Militärs hat sich Harriman ebenfalls abgesichert. Er will alles in privatwirtschaftlicher Eigeninitiative auf die Beine stellen, und wenn die Regierung Ansprüche auf den Mond erheben will, so wird sie feststellen, dass es eine gemeinnützige Gesellschaft der UNO gibt, die alle Ansprüche vertritt – und die Harriman dirigiert.

Die erste Rakete erhebt sich mit dem Piloten LeCroix in den Himmel über Colorado, doch Harriman ist nicht an Bord. Tatsächlich ist es ihm vorerst nicht vergönnt, einen Fuß auf den Erdtrabanten zu setzen, den er selbst zu erobern half. (Das gelingt ihm erst in der Erzählung „Requiem“.) Durch einen Trick streut er das Gerücht, auf dem Mond gebe es möglicherweise Diamanten – und der Run geht los.

|Mein Eindruck|

Wieder einmal zeigt Heinlein, was privatwirtschaftliche Eigeninitiative auf die Beine zu stellen vermag – wenn man es von Behördenseite zulässt. Harriman hat einige Kämpfe auszufechten, doch nur einer davon wird stellvertretend geschildert, nämlich jener mit der Atomenergiekommission. Dieses langweilige Zeug lässt Heinlein lieber weg, was dem Leser nur recht sein kann. Besonders der Anfang mit DDs tollkühn erscheinendem Vorschlag ist brillante Unterhaltung, doch mir fiel auf, dass hier knallharte Yankee-Geschäftemacherei den Ton angibt. Von sozialer Marktwirtschaft kann keinerlei Rede sein. Hier geht’s nur um den Dollar, zumindest für die Industriellen. Aber wenigstens einer behält die große Idee im Auge: Harriman selbst. Das ist der einzige Grund, warum wir ihm Sympathie entgegenbringen.

Diese Textfassung ist 23 Seiten länger als diejenige, die von Fritz Steinberg angefertigt und zuletzt im „Heyne SF Jahresband 1980“ abgedruckt wurde. Dennoch hat Rosemarie Hundertmarck, die Übersetzerin, auf Seite 251 und 253 Fehler gemacht. Da ist die Rede von Raketenstufe eins, doch dabei sollte Stufe fünf gemeint sein. Und auf Seite 253 wird eine Radarstation zu einem Neutrum gemacht.

5) _Delila und der Raummonteur_ (Delilah and the Space-Rigger, 1949)

Die erste Raumstation wird von Tiny Larsen und „Dad“ Witherspoon in der Kreisbahn gebaut. Larsen hat seine Männer alle fest im Griff, doch als mit dem nächsten Shuttle eine Frau eintrifft, rastet er selbst aus. Gloria Brooks McNye soll die neue Funkerin werden, doch angeblich gefährdet sie die Moral von Tinys Truppe. Sie selbst ist nicht auf den Mund gefallen und gibt ihm Saures. Schließlich kündigt er ihr, doch das löst unerwartete Folgen aus: Viele der Monteure, die sich in Gloria verliebt haben, wollen lieber kündigen als die Schikanen Tinys länger zu ertragen. Es ist kein Streik, und deshalb kann Tiny nichts gegen diese Solidaritätskundgebung unternehmen. Was tun? Dad schlägt vor, weitere Frauen auf die Station zu holen. Dann wäre die Gefahr, die angeblich von einer einzigen Frau ausgehe, beseitigt. Am besten lässt man auch gleich einen Pfarrer kommen …

|Mein Eindruck|

Die Story ist ein typisches Beispiel, wie Heinlein Technik und Gesellschaft verknüpft. Frauen auf der Baustelle – ein Graus! Aber nicht für Heinlein, der mit der selbstbewussten Virginia verheiratet war.

6) _Raum-Jockey_ (Space Jockey, 1947)

Jake Pemberton will gerade mit seiner Frau Phyllis ins Theater gehen, als ihn der Ruf erreicht, sich zum Dienst zu melden. Er ist Pilot für die Raumschiffe, die zwischen den Raumstationen von Erde und Luna verkehren, also Kurzstrecke. Während sich Phyllis aufregt und um ihn sorgt, düst Jake zur Station Supra-New-York, lässt sich seinen Kurs vom Computer geben und nimmt auf dem Schiff seinen Pilotensitz ein. Kapitän Kelly heißt ihn an Bord willkommen.

Doch auf halber Strecke besucht ein VIP mit seinem 13-jährigen Sohn den Kontrollraum. Jake denkt, er hätte an alles gedacht, indem er die Stromzufuhr zu den Kontrollen abstellte, doch der Junge ist erfinderisch: Er löst den Meteoralarm aus. Sofort zünden die Triebwerke automatisch, und wegen der einsetzenden Schwerkraft purzeln alle Anwesenden durch die Gegend. Jake wird kurz bewusstlos.

Als er wieder erwacht, befindet sich das Schiff auf dem falschen Kurs. Nachdem er es geschafft hat, die verwünschten VIP von der Brücke zu schaffen, berechnet er einen neuen Kurs auf eigene Faust und ohne Computerhilfe. Er hofft, keinen Ballast abwerfen zu müssen, wie der Kapitän befürchtet …

|Mein Eindruck|

Die Story ist eine typische Home-Story über die Ehepartner, die auf verschiedenen Welten leben und deren Ehe einer Zerreißprobe ausgesetzt wird. Aber es ist auch ein Abenteuer auf einem Passagierschiff, das zeigt, was alles auf der Kurzstrecke passieren kann. Die astrogatorischen Angaben erscheinen höchst glaubwürdig. Vielleicht hatte der Autor auch Hilfe, um sie zu berechnen. Der technische Realismus der Schilderung trägt viel dazu bei, die Handlung für männliche Leser interessant zu machen. Aber die psychologische Seite, für die vor allem die Frauen zuständig sind, wird ebenfalls nicht vernachlässigt.

Es gibt einen kleinen Widerspruch. Erst denkt Jake, dass seine Frau auf dem Mond verrückt werden würde, doch dann holt er sie dorthin. Der Widerspruch lässt sich auflösen, weil Jake seinen Job wechselt – vom Raumpiloten zum lunaren Oberflächenpiloten. Er wird also Phyllis viel häufiger sehen können. Was das Verrücktwerden wohl verhindern soll.

7) _Requiem_ (Requiem, 1939)

Delos David Harriman ist „Der Mann, der den Mond verkaufte“ (s. o.). Er begründete die Raumfahrt und erschloss den erdnahen Raum für regelmäßige Flüge von der Erde nach Luna City. Nun ist Harriman ein alter Mann, war aber selbst noch nie auf dem Erdtrabanten. Ihm gilt daher seine größte ungestillte Sehnsucht.

Als er in Missouri auf einem Jahrmarkt eine Mondrakete als Attraktion ausgestellt sieht, engagiert er die beiden Männer, denen sie gehört, vom Fleck weg: den Piloten McIntyre und seinen Techniker Charlie. Sie stecken laufend in Geldschwierigkeiten und sind froh über den Auftrag, Harriman – sie haben natürlich von ihm gehört – helfen zu können. Nachdem sie eine gebrauchte Rakete zurechtgebastelt und als Stratosphärenyacht getarnt transportiert haben, stellen sie sie im Südwesten der USA zum Start bereit. Aber als der Hilfssheriff des Marshals mit Haftbefehlen und Pfändungssiegel auftaucht, wissen sie, dass es Zeit ist abzudüsen.

Für den alten Mann ist der Start eine Riesenbelastung, die ihm zwei Rippen bricht und Herzrasen verursacht. Aber die Landung auf dem Mond klappt, wenn auch etwas holprig. Doch hier wiegt Harriman nur zehn Kilo – ein Klacks. Er darf sich im Sand ausstrecken und die Erdsichel bewundern. Sie ist wunderschön. Rundum zufrieden schläft er ein. Für immer.

|Mein Eindruck|

Ursprünglich erschien „Requiem“ als Nachspiel zum oben erwähnten Kurzroman „Der Mann, der den Mond verkaufte“. Und das ist auch sehr passend, schildert die Story doch die letzten Tage des berühmten D. D. Harriman. Die Geschichte beginnt mit einer Grabinschrift über die letzte Ruhestätte eines Seemanns. Die Story ist die Grabinschrift für den Pionier der Raumfahrt.

Klar, dass sie daher sein Leben ein wenig nachskizziert, seine Kämpfe und Opfer streift, aber auch seine Errungenschaften aufzählt. Dann endet das Requiem, was sinngemäß „Lied für die Grablegung“ bedeutet. Es ist keine Totenklage, sondern die Entsprechung zum Spruch „Er ruhe in Frieden“. Der Autor macht keine große großen Worte, sondern stellt dar, worauf es ankommt, statt dies zu behaupten. Das war schon immer Heinleins früher Stil, jedenfalls bis 1959, als er „Starship Troopers“ veröffentlichte (und prompt den |HUGO Award| dafür bekam). Danach begann er zu predigen.

8) _Die lange Wache_ (The long Watch, 1948)

Im Jahr 1999 versucht die militärische Raumpatrouille, die auf Luna stationiert ist, einen Umsturz, um die Kontrolle über die Erde zu gewinnen. Anführer der Rebellen ist der Stellvertretende Kommandant Towers. Er stellt den Bombenoffizier John Ezra Dahlquist vor die Wahl, sich ihnen anzuschließen oder liquidiert zu werden. Dahlquist erbittet Bedenkzeit. Towers verrät ihm, dass von den Atombomben, die auf der Basis stationiert sind, ein oder zwei auf Städte der Erde abgeschossen werden sollen – als Warnung.

In seiner Bedenkzeit eilt Dahlquist zum Bombenlager, überlistet den Wachposten und schließt sich ein. Dann macht er alle Bomben außer einer unschädlich. Doch dabei zieht er sich eine tödliche Strahlenvergiftung durch das Plutonium zu. Nur durch eine Totmannschaltung kann er Towers‘ Männer davon abhalten, das Lager zu stürmen. Würden sie Dahlquist erschießen, verlöre er den Griff um die T-Schaltung, die dann wiederum die letzte Atombombe zur Explosion brächte.

In der Zwischenzeit gelingt es einem regierungstreuen Raumschiff, die Rebellion niederzuschlagen. Dahlquist stirbt nicht umsonst.

|Mein Eindruck|

Obwohl nicht allzu viel passiert, ist die Story doch spannend. Ganz besonders der Umgang mit dem tödlichen Plutonium macht den Nervenkitzel aus. Die Zeitgenossen wussten anno 1948 noch gut über das „Manhattan“-Projekt zum Bau der ersten amerikanischen Atombombe Bescheid. Dahlquist wird wie zahlreiche Vorgänger zum Nationalhelden. Dadurch erhält die Story einen patriotischen Tenor, der sich nur dadurch erklären lässt, dass der Autor die Geschichte der American Legion geschenkt hat, die nun das Copyright innehat.

9) _Nehmen Sie Platz, meine Herren!_ (Gentlemen, be seated!, 1948)

Reporter Jack Arnold will eine Story über den Mond schreiben, der Zahlmeister des Richardson-Forschungsprojekts, Mr. Knowles, führt ihn herum. Natürlich nur in den unterirdischen Tunneln. Diese werden unter der Leitung von Mr. Fatso Konski vorgetrieben. Das Einzige, was diese Tunnel beschädigen kann, seien Mondbeben, sagt Knowles. Plötzlich wackelt die Welt und die Lichter gehen aus.

Als Arnold wieder zu sich kommt, sieht er im Schein von Konskis Taschenlampe, wie dieser ein Leck im Tunnelboden inspiziert. Es ist mehr als fingerdick, saugt kostbare Atemluft und Wärme ab. Eines der den Tunnelabschnitt verschließenden Schotts ist zu, und durch das andere muss jemand gehen und Hilfe holen. Gleichzeitig muss aber auch jemand dafür sorgen, dass das Leck abgedichtet wird. Konski teilt die Aufgaben, dann beginnt ein Wettlauf um Leben und Tod. Doch woher rührt die Beschädigung?

|Mein Eindruck|

Das ist wirklich ein winziges Abenteuerchen, das der Autor hier erzählt. Und er tut es auch noch auf so läppische Weise, die angestrengt humorvoll sein will, dass absolut kein Vergnügen aufkommt. Hier biedert sich Heinlein an die Arbeiterklasse an, die sich mit dem fettarschigen (daher der ach so lustige Titel!) Konski identifizieren soll. Schwamm drüber.

10) _Die schwarzen Klüfte Lunas_ (The black pits of Luna, 1947)

Die Familie von Richard Logan unternimmt einen Ausflug auf den Mond. Sogar der etwa 13- bis 15-jährige Sohn Dickie und der Knirps dürfen mit, aber nur weil sie Mutter und Vater überreden. Das Gleiche passiert auf dem Mond selbst und dann, wenn es darum geht, auf der Mondoberfläche einen Spaziergang zu machen. Mr. Perrin, der Ranger, führt sie zum Naturdenkmal des Teufelsfriedhofs und zu einem Mahnmal, das anlässlich einer Katastrophe aus dem Jahr 1984 errichtet wurde.

Plötzlich ist der Knirps verschwunden. Während die Mutter einen Schwächeanfall nach dem anderen erleidet, beginnt eine hektische Suche, denn der Knirps hat nur Luft für vier Stunden …

|Mein Eindruck|

Noch so eine Familiengeschichte, noch dazu auf dem Niveau von kleinen Kindern. Für die könnte das kleine Abenteuerchen ganz unterhaltsam sein, für Erwachsene ist es todlangweilig oder nervend.

11) _“Wie schön, wieder zu Hause zu sein!“_ („It’s great to be back!“, 1946)

Allan und Josephine McRae haben drei Jahre auf dem Mond gelebt und sich an das dortige Leben gewöhnt. Doch nun hat Jo so großes Heimweh nach dem blauem Himmel der Erde entwickelt, dass sie zurückkehren. Was – zurück zu den „Erdschweinen“?, spottet man. Doch ihr Entschluss steht fest. Allan nimmt seine Forschungsunterlagen mit, denn er plant, auf der Erde ein Buch daraus zu machen.

Auf dem Flug zur Erde wird beiden schlecht, denn mit dem freien Fall kommen sie nicht zurecht. Und als sie dann auf der Erde stehen, brechen sie fast zusammen. Sie sind die sechsmal höhere Schwerkraft physisch nicht gewöhnt. An all dies könnten sie sich gewöhnen, aber es ist auch die Borniertheit der Erdschweine, die den rückfälligen „Mondsüchtigen“ den letzten Nerv raubt. Als sie dann aufs Land in ein geerbtes Haus ziehen, bekommen sie es mit feindseligen Dorfbewohnern zu tun. Die wollen die Mondsüchtigen einfach nicht mehr bedienen.

Schon bald steht ihr Entschluss: schnellstens zurück nach Luna City, wo es wenigstens Zivilisation gibt! Dort werden sie schon erwartet.

|Mein Eindruck|

Die Ironien in dieser Geschichte zwischen Erde und Mond nehmen fast kein Ende, und das macht sie so amüsant. Allerdings gibt es auch ein paar Merkwürdigkeiten. So wird die Erde etwa als „grüner“ Planet beschrieben, während sie in Wahrheit blau und braun ist. Liegt das am Wunschdenken des Autors? Außerdem kommen mir die beiden McRaes sehr naiv vor. Wissen sie nichts von der höheren Schwerkraft auf der Erde? Wahrscheinlich schon, denn sie sind intelligent, aber warum haben sie dann nicht ihre Muskulatur und ihren Kreislauf dafür gestärkt? Schließlich wird heute auf jeder Raumstation auf diese Fitness geachtet.

12) _“Wir führen auch Hunde spazieren“_ („We also walk Dogs“, 1941)

General Services ist ein Dienstleistungskonzern der besonderen Art. Die Feldagenten führen nicht nur Hunde aus, wie es das Firmenmotto vorschreibt, sondern organisieren auch mitunter exklusive Partys in letzter Sekunde. Heute bekommt Firmenchef Jay Clare Besuch von einem Geheimagenten der Regierung. Der bittet um Mithilfe bei der supergeheimen Vorbereitung einer supergeheimen Konferenz aller supergeheimen Teilnehmer aller besiedelten Welten, also auch von den Jupitermonden etc.

Damit gibt es natürlich ein kleines Problem: die irdische Schwerkraft. Sie würde die Niedrigschwerkraftbewohner einfach zerquetschen. Ausweichen gilt nicht, der Mond kommt nicht infrage, sagt der Agent der Regierung. Der Boss bittet um 24 Stunden Bedenkzeit, ob es sich machen lässt. Wie sich herausstellt, lässt es sich machen. Das Problem besteht allerdings darin, den entsprechenden Physikexperten O’Neil zur Zusammenarbeit zu bewegen. Dafür muss General Services auf unorthodoxem Wege besorgen, was sein Herz begeht: eine kleine Porzellan-Schale aus der Ming-Epoche. Sie ist Eigentum des Britischen Museums …

|Mein Eindruck|

Diesmal beschäftigt sich der Autor wieder mit Erwachsenen und technischen Problemen. Die Story ist ein weiteres Beispiel für Heinleins Credo: dass Ingenieure Lösungen für fast alles liefern können und dass es besser sei, die Privatwirtschaft für diese Lösungen zu engagieren statt die Regierung (die aus unfähigen Politikern, zwielichtigen Agenten und überflüssigen Bürokraten besteht).

Schon die bemannte Raumfahrt zum Mond wurde von dem Privatmann Harriman auf die Beine gestellt, dagegen ist doch die Erfindung einer Antischwerkraft-Vorrichtung ein Klacks für einen Konzern wie General Services. Allerdings hütet sich der Autor davor, auch nur ansatzweise das Funktionsprinzip des Apparats zu beschreiben. Aber ihm ist zumindest klar, wie groß der wirtschaftliche Nutzen dieser Erfindung ist, da sie sich auf allen möglichen Gebieten einsetzen lässt.

13) _Suchscheinwerfer_ (Searchlight, 1962)

Die blinde Konzertpianistin Betty Barnes, ein junges Wunderkind, ist auf dem Mond verschollen. Ihre von einem erfahrenen Piloten gesteuerte Rakete verschwand von den Radarschirmen. Kein Notsignal verrät ihre Position, und die Oberfläche des Mondes ist 15 Mio. Quadratmeilen groß. Das Militär sucht dringlich nach ihr und hat auch eine Methode, um Betty zu finden. Mit Hilfe eines Laserstrahls, der von einer Sonde abgestrahlt wird, schickt man einen Trägerstrahl mit Musiknoten, der von Bettys Anzugempfänger aufgefangen wird. Je nach Gebiet wird eine andere Musiknote gesendet. Betty braucht bloß die richtige Note zu wählen, und schon gelingt die Ortung und Einkreisung.

|Mein Eindruck|

Die nur wenige Seiten lange Geschichte verleiht dem Begriff „Suchscheinwerfer“ eine ganz neue Bedeutung. Sie ist aber ansonsten belanglos. Warum die Rakete vom Kurs abkam, wird nie erklärt.

14) _Zerreißprobe im All_ (Ordeal in Space, 1947)

Bill Cole war Ersatzpilot auf dem Passagierschiff „Walküre“, als ihn die Höhenangst befiel. Er tauschte eine Außenantenne auf der Hülle des Schiffs aus, als ihm der Schraubenschlüssel aus der Hand rutschte und er in den Abgrund der Sterne blickte. Fortan war er unfähig, sich zu bewegen und zurück in die Sicherheit des Schiffsinneren zu gelangen. Ein Patrouillenboot des Mars fischte ihn auf.

Nun hat Bill den Raumdienst quittiert. Er will sich nicht den merkwürdigen Blicken und dem Getuschel der Veteranen aussetzen. Unter falschem Namen tritt er in eine Elektronikfirma ein und verrichtet einen sehr einfachen Job. Seine Kollegin Tully verschmäht ebenfalls den Fallschacht und zieht den Lift vor, daher gehen sie regelmäßig zusammen zum Essen. Tully lädt ihn zum Abendessen ein.

In der Nacht, nach einem weiteren Albtraum, hört er ein Miauen. Ein kleines Kätzchen hat sich auf einem Außensims des Hochhauses verirrt. Schon der Anblick lässt es Bill schlecht werden. Doch wenn er daran zurückdenkt, wie es zu seiner Höhenangst gekommen ist, merkt er, dass er ja nicht ewig damit leben kann. Er beschließt, alles auf eine Karte zu setzen und zu versuchen, das Kätzchen zu retten – und so auch sich selbst.

|Mein Eindruck|

Diese feine Story widerlegt das Vorurteil, dass Ingenieursgeschichten keine tiefere Psychologie aufweisen würden. Sie ist spannend, aber einfach gestrickt. Und der Autor hat eine Rückblende eingebaut, einen literarischen Kniff, den man bei Heinlein nur selten findet.

15) _Die grünen Hügel der Erde_ (The green Hills of Earth, 1947)

„Noisy“ Rhysling ist der Barde, der die Hymne „Die grünen Hügel der Erde“ schuf, die inzwischen jedes Schulkind und jeder Raumfahrer kennt. Doch wer war Rhysling und wie entstand dieses wundervolle Lied? Davon erzählt diese Geschichte.

Rhysling war ein Raumschifftechniker, der alle Häfen zwischen Mars, Jupiter, Venus und Erde besuchte und die Bars mit seinem Durst beehrte. Daher war er bei allen anderen Technikern relativ bekannt. Doch als er einen defekten Raumantrieb reparierte und so das Schiff rettete, erblindete er. Nun lebte er nur noch von einer kleinen Abfindung und den Almosen, die ihm seine Lieder in den Bars und Kneipen einbrachten. Er wurde wesentlich bekannter.

Schließlich wurde er ein alter Mann und will zurück in seine Heimat, die terranischen Ozark Mountains. Er besteigt ein Schiff auf der Venus, doch der Kapitän ist ein junger Schnösel, der direkt von der Harriman-Akademie kommt, und will ihn nicht an Bord bleiben lassen. Doch als er seinem Profos befiehlt, den bekannten Barden rauszuwerfen, entschuldigt sich dieser mit einer verrenkten Schulter und die Mannschaft macht sich dünne. Rhysling beruft sich auf eine Sonderklausel für die Passagierbeförderung. Wider Erwarten kann er doch mit.

Er begibt sich an seine gewohnte Arbeitsstation, wo er sich als Blinder eben am besten auskennt: im Reaktorkontrollraum. Der dortige Mechaniker Macdougal hat jedoch einen Fehler gemacht, und es kommt zu einem Notfall. Nur Rhysling kann das Schiff vor einem explodierenden Reaktor bewahren, aber dafür muss er bis zum letzten Moment in einer Strahlenhölle ausharren. Die letzten Worte, die er durchgibt, sind die der Hymne „Die grünen Hügel der Erde“.

|Mein Eindruck|

Die letzten Zeilen sind wirklich ergreifend, wie sich leicht vorstellen lässt, und setzen dem blinden Barden des Weltraums und seiner Eroberer ein bleibendes Denkmal. Deshalb taucht Rhysling als eine der wenigen Figuren in der Chronologie der FUTURE HISTORY auf. Es ist eine sentimentale Story über einen Helden der besonderen Art, halb Ingenieur, halb Dichter. Eine Story voll Stimmung und vielen Liedern, so dass sie lange in Erinnerung bleibt – passend als Titelgeschichte für die gleichnamige Story-Sammlung.

16) _Imperialistische Logik_ (Logic of Empire, 1941)

Humphrey Wingate ist ein Rechtsanwalt von der Erde. Leider wettet er betrunken in einer Kneipe, dass es keine Sklaven mehr gebe. 24 Stunden später findet er sich zwangsverpflichtet, und zwar zum Arbeitsdienst auf der Venus. Als ihm der zuständige Beamte den entsprechenden Vertrag zeigt, befindet sich Humphreys Unterschrift darauf. Die moderne Sklaverei sieht nicht viel anderes aus als die im Jahre 1864: Er wird an den Meistbietenden auf einer Auktion verkauft. Sein neuer Herr ist ein Unternehmen namens Van Huysen. Die Vertragslaufzeit lautet auf fünf Jahre.

Tagsüber schuftet Humphrey nun in den Sümpfen, zusammen mit den amphibischen Eingeborenen der Venus. Sie ernten eine bestimmte Wurzel. Doch nachts muss sich Humphrey erst mit Alkohol betäuben, um einschlafen zu können, aber der Schnaps wird ihm auf die Vertragslaufzeit draufgeschlagen – ein Teufelskreis. Deshalb beschließt Humphrey, der sich mit der Tochter des Gutsbesitzers angefreundet hat, zu fliehen. Sie hilft ihm, Hartley und Jimmie. Zusammen schaffen sie es in die nebligen Sümpfe.

Zu Humphreys Erstaunen existiert hier eine Rebellenregierung, die sogar einen eigenen Gouverneur hat. Aber auch diese Kolonie ist in Gefahr, durch ihren Funkverkehr von der Company aufgespürt und zerschlagen zu werden. Humphrey erinnert sich an seine technischen Fähigkeiten beim Bau eines Funkgeräts. Nach sechs Wochen hat er ein abhörsicheres Gerät fertig und installiert es in anderen Rebellennestern. Außerdem schreibt er ein Buch über seine Erlebnisse.

Wenig später taucht endlich sein Kumpan Sam Houston Jones auf, der mit ihm in die Bredouille und in die venusianische Sklaverei geraten ist. Er will Humphrey befreien. Das stellt Humphrey vor eine ungewöhnliche Wahl – er hat die Venus liebgewonnen.

|Mein Eindruck|

Die lange Erzählung liest sich stellenweise wie der Entwurf zu einem Roman. So erfahren wir nie, wie der Name des Rebellen-Gouverneurs lautet. Er ist also nur aufgrund seiner Funktion für die Handlung wichtig. Auch Abläufe wie die Gründe, die zur Rückkehr von Sam Houston Jones führten, werden nur gerafft dargestellt, so dass sie mitunter wenig realistisch erscheinen. Aber was ist an einer tropischen Venus, wie man sie sich noch 1941 vorstellte, realistisch?

Wichtig ist jedoch das Grundthema, auf das der Titel hinweist: Logik des Imperiums impliziert, dass dieses Imperium Kolonien besitzt, die es ausbeutet: Venus & Co. Dort schuften die Sklaven als billige Arbeitskräfte, während auf der Zentralwelt hochbezahlte, teure Arbeitskräfte die Produkte dieser Kolonien verwalten und für ihre Weiterverarbeitung sorgen. Der wirtschaftliche Mechanismus ist seit dem 17. Jahrhundert bekannt, seit in Frankreich und Großbritannien Manufakturen errichtet wurden.

Trotzdem stellt Heinlein diese Art der Kolonialwirtschaft als einen Auswuchs von Dummheit dar (Wingate will das System als Auswuchs von Schlechtigkeit hinstellen, aber das wird als moralische Diffamierung abgelehnt). Wenn Sklavenwirtschaft „dumm“ ist, warum hat sie dann seit der Antike funktioniert? Und zur Sklaverei zählen auch Lohn- und Zinsknechtschaft sowie Leibeigenschaft in einem Feudalsystem.

Wie man sieht, packt Heinlein auf halbwegs unterhaltsame Weise ein heißes Eisen an. Er hätte auch einen Schundroman schreiben können, so wie ihn Wingates Ghostwriter fabriziert. Bemerkenswert ist die Story u. a. auch, weil in ihr der Fernsehprediger Nehemiah Scudder zweimal erwähnt wird. Mehr dazu weiter unten.

17) _Das Ekel von der Erde_ (The Menace from Earth, 1947)

Luna City ist inzwischen eine blühende Metropole, allerdings unter der Oberfläche, die vom Meteorschild bedeckt wird. Zwanzig Stockwerke tief erstreckt sich die Stadt, und ein Stadtplan ist dafür ziemlich sinnlos. Genau so einen Stadtplan will aber die Erdtouristin Ariel Brentwood, die an die 16-jährige Lunarierin Holly Jones verwiesen wird.

Die Fremdenführerin Holly erzählt uns, was sie mit diesem Erdschwein-Playgirl alles erlebt. Den Guide-Job macht Holly nur als Zubrot, um ihr Studium der Raketenkonstruktion zu finanzieren. Sie hat mit Jeff Hardesty ein eigenes kleines Konstruktionsbüro und entwirft das nächste Generationenraumschiff, die „Prometheus“. Kein Wunder, dass sie sich am Riemen reißen muss, als das Erdschwein Brentwood ihr die üblichen dummen Fragen stellt.

Doch dann will die Dame einen Ausflug auf die Oberfläche machen. Weil Holly dafür keine Lizenz hat, springt ihr Partner Jeff ein. Der verliebt sich allerdings in die kurvenreiche Schönheit von der Erde. Holly, die dachte, sie wäre über Eifersucht erhaben, versucht sich mit Arbeit abzulenken. Aber eine Woche später bittet Jeff Holly, Brentwood das Fliegen beizubringen. Dies geht im Lüftungsschacht, der drei Kilometer hoch und mehrere Kilometer breit ist, ausgezeichnet. Die Frau stellt sich auch nicht dumm an, aber als sie dann mal nach unten schaut, wird sie von Panik ergriffen und stürzt ab. Obwohl die Schwerkraft nur ein Sechstel der auf der Erde beträgt, kann Holly sie nur in letzter Sekunde vor einem Aufschlag bewahren, der ihr sämtliche Rippen gebrochen hätte …

|Mein Eindruck|

In eine simple Dreiecksgeschichte eingebettet, greift Heinlein die alte Rivalität zwischen Erdschweinen und Mondsüchtigen auf, verknüpft diese mit einer höchst anschaulichen und unterhaltsamen Freiflugszene und lässt ganz nebenbei die Idee mit dem Generationraumschiff anklingen. Diese Mischung haben ihm viele Autoren wie Niven, Pournelle, John Barnes, Spider Robinson und John Varley abgeschaut – und nur selten mit der gleichen Qualität erreicht. Es ist eine von Heinleins gelungensten Geschichten, vor allem weil die Ich-Erzählerin ein ungewöhnlicher Typ Frau ist: selbstbewusst, selbständig, eine Ingenieurin im Teenageralter, die aber auf reizvolle Weise erst noch ihre Gefühle erkunden muss.

_HINWEIS:_ Hier endet der zweite Sammelband von FUTURE-HISTORY-Geschichten (in manchen Ausgaben ist es sogar der dritte Band). In der Chronologie tritt eine Lücke von 75 Jahren bis zum Zeitpunkt ein, an dem die nächste Erzählung beginnt. Diese Lücke sollten ursprünglich die Erzählungen „The Sound of His Wings“, „Eclipse“ und „The Stone Pillow“ füllen. Sie schildern den Absturz der USA von einer imperialen, interplanetaren Großmacht in eine isolationistische Theokratie unter dem Fernsehprediger Nehemiah Scudder.

Diese Diktatur der Fundamentalisten nach dem Vorbild des heutigen Iran wird erst durch die Zweite Amerikanische Revolution beendet, welche durch eine Untergrundorganisation initiiert wird. Dabei scheint es sich nicht um die Langlebigen zu handeln, die in „Methusalems Kinder“ beschrieben werden.

Weitere Details sind der grafischen Chronologie zu entnehmen sowie Heinleins Postskriptum (Okt. 1952) zu „Revolte im Jahr 2100“, dem dritten Band der FUTURE HISTORY-Storybände.

18) _“Wenn das so weitergeht“_ („If this goes on“, 1939 / revidiert 1953)

Nehemiah Scudder, ehemals Fernsehprediger, ist zum Heiligen und Propheten aufgestiegen, in seiner Burg in New Jerusalem residiert er als Priesterdiktator über ganz Amerika. Aber selbst nach drei Generationen ist seine Herrschaft nicht unumstritten. Die Gazetten munkeln etwas von einer „Loge“, die im Untergrund seinen Sturz vorbereite.

John Lyle, der Ich-Erzähler, gehört zur Wache von New Jerusalem. Er kommt frisch von der Militärakademie und ist noch ziemlich feucht hinter den Ohren. Doch sein Kollege Zebadaiah ist schon länger hier und kennt die ganzen Tricks und Schliche hier auf der Burg. Als John Lyle sich in die schöne, aber ängstliche Novizin Judith verliebt, vertraut sich John seinem Kumpel wegen seiner Gewissensbisse an. Zeb winkt ab: Wenn Johnny wüsste, was zwischen den Priestern des Heiligen und den Schwestern des Ordens laufe, würde er mit den Ohren schlackern.

Eines Nachts hört John Schreie aus den Korridoren vor den Gemächern des Propheten. Es ist Judith, die jammert und weint. Die anderen Schwestern verscheuchen John, der ihr helfen will, und er tritt den Rückzug an. Zeb findet mit Hilfe seiner Freundin Margarete heraus, was passiert ist. Judith sollte dem Heiligen auch im Bett zu Diensten sein – schließlich hat der ja das Recht, die Menschheit mit Hilfe jeder Frau zu vermehren, die ihm beliebe. Doch Judith drehte durch und verließ in Panik die Gemächer. Das werde sie wohl schon bald büßen müssen.

Für John ist die Sache klar: Judith muss fliehen! Am liebsten würde er mit ihr fliehen, doch sein Kumpel Zeb rät handgreiflich davon ab. Das könnte böse Folgen für die ganze Burgwache haben. Die Inquisition ist eh schon überall wegen der Loge gegenwärtig. Einen Schnüffler haben Zeb und John bereits erledigt, doch das zieht bestimmt eine Untersuchung nach sich. Wie sich herausstellt, kann nur eine Gruppierung Judith und John helfen: die Loge. Zum Glück ist auch der Chef der Wache, ein gewisser Peter van Eyck, Mitglied der Loge, ja sogar deren lokaler Chef. Aber John ist derjenige, der Judith zur Flucht verhelfen muss.

In den Geheimgängen verschwinden sie und treten der Loge bei. John und Judith schwören feierliche Eide, doch dann trennen sich ihre Wege. Judith wird sofort außer Landes geschafft, doch John wird von der Inquisition in die Mangel genommen …

|Mein Eindruck|

So weit, so gut. Dieses erste Drittel des Kurzromans ist anschaulich, actionreich, voller Wendungen. Doch dann versackt die Erzählung in einer beschreibenden Prosa, in welcher der Autor meist summarisch zusammenfasst statt anschaulich zu schildern. Nur die persönlichen Höhepunkte des Erzählers John Lyle während dessen Aufstiegs in der Hierarchie der „Loge“ erlangen den Status von Szenen. Die meisten haben mit Lyles Verhältnis zu Männlein und Weiblein zu tun. Bemerkenswert ist hierbei für die Leser des Romans vor allem die Nacktbadeszene in einer unterirdischen Höhle. Solche Szenen dienen dazu, Lyles weiterhin konservative Konditionierung durch die Religion des Propheten zu veranschaulichen.

Erst ganz am Schluss beginnt der Angriff auf die Burg des Propheten. Doch auch hier wird die Action sehr zurückgenommen geschildert, so dass von Kampfhandlungen keine Rede sein kann. Insgesamt konnte ich dem Kurzroman daher nur am Anfang etwas abgewinnen, doch nach Lyles Flucht wird die Erzählung nur zu einer weiteren Militärstory, wie Heinlein sie so oft verbraten hat.

Immerhin beschäftigt sich der Autor mit zwei heiklen Themen: Religion und deren Unterdrückungspotenzial sowie mit Sex und dessen Befreiungspotential. In beiden Fällen nimmt er die Position des rechtskonservativen Liberalen ein, der die Freiheit des Individuums auch und besonders gegen Bevormundung durch Armee (auch die der Befreier) und jegliche Regierung verteidigt. Dazu gehören besonders auch die Verwirklichung von Religionsausübung und das Ausleben von Sexualität. Die Frauen in dieser Erzählung erscheinen durchaus realistisch, erinnern aber allesamt an Kriegsbräute, sei es nun Schwester Judith oder die Rebellin Margarete, die Lyle schließlich heiratet.

19) _Coventry_ (Coventry, 1940)

Nach der Zweiten Revolution – siehe oben – hat die Gesellschaft einen Vertrag geschlossen, der das Konzept der Gerechtigkeit und das Strafgesetzbuch abschaffte. Als David McKinnon also einem Mann, der ihn beleidigt hat, mit einem Schlag die Nase bricht, wird er nicht in den Knast gesteckt. Vielmehr stellt ihn der Richter vor die übliche Wahl: sich der psychiatrischen Reorientierung zu unterziehen oder nach Coventry zu gehen. Nachdem er gegen diese Behandlung protestiert hat, wählt er Coventry. Ein Hubschrauber des Militärs bringt ihn und seine Habseligkeiten hin.

Coventry ist eine riesige Reservation für charakterlich labile Personen, wie David eine ist. Sie existiert hinter einer Barriere, die durch ein Kraftfeld gebildet wird. Ein Tor öffnet sich, und McKinnon kann mit seinem Krempel hindurchfahren. Die Hügel sind leer, doch schon bald stoppt ihn eine Zollpatrouille, die ihm die Hälfte seiner Sachen abknöpft. Weil er sich auch jetzt zur Wehr setzt, kommt sein Fall vor Gericht. Er befindet sich in Neu-Amerika, doch der Richter kennt keine Gnade mit Störenfrieden wie ihm. David verliert seine restlichen Sachen und landet im Knast.

Sein Zellengenosse Magee wird nur „Schatten“ genannt. Er verhilft David nicht nur zu einigen Einsichten, sondern auch zur Flucht. Neben Neu-Amerika gebe es in Coventry noch den Freistaat, eine absolutistische Diktatur, und die Engel, eine theokratische Diktatur, genau wie jene, die durch die Zweite Revolution überwunden wurde. So gesehen, hat es David also noch recht gut getroffen, als er in Neu-Amerika landete. Magee versteckt ihn bei den Dieben. Doch als Magee verletzt von einem „Ausflug“ zurückkehrt, muss ihn David, der sich wandelt, zum Doktor schaffen. Dessen Tochter Persephone ist eine wandelnde Bibliothek in einem Teenagerkörper.

Nun steht David vor der Wahl: Will er bleiben und sich verstecken oder die Vereinigten Staaten im Draußen vor dem Angriff warnen, den Neu-Amerika und Freistaat vorhaben? Die richtige Wahl könnte sein ganzes Leben verändern.

|Mein Eindruck|

Diese Erzählung setzt sich mit dem Problem der Gerechtigkeit auseinander. Wie könnte sich dieses immaterielle Konzept verändern, wenn man die Bestrafungsmethoden, die heute angewendet werden, abschafft, weil es eine neue Wissenschaft erlaubt und empfiehlt? Eine riesiges Gebiet an Außenseiter abzutreten, erscheint uns wie ein großer Luxus, aber nach dem Krieg der Zweiten Revolution dürfte das Gebiet relativ menschenleer sein. Erzähltechnisch und philosophisch gesehen, ist Coventry eine Art soziologisches Experimentierlabor.

David MacKinnon ist eine Art Gulliver, der bislang klassische Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts studiert hat. Er erwartet in Coventry ein anarchistisches Utopia. Darin wird er grob enttäuscht, und wenn er kurz nachgedacht hätte, hätte es ihm einleuchten müssen, dass nur „antisoziale“ Personen nach Coventry gehen – was zu einer entsprechenden Gesellschaftsform führt. Geradezu satirisch mutet die Idee an, einer Diktatur den Namen „Freistaat“ zu geben und den Diktator als obersten „Befreier“ zu bezeichnen (und das bereits 1940!). Könnte Heinlein an die sowjetischen Säuberungen unter Berija und Stalin oder an Hitler gedacht haben?

Wie so oft bei Heinlein, wird der Held nur dadurch aus seiner Verdammnis erlöst, dass er sich für das Wohl der Gemeinschaft einsetzt. David MacKinnon rehabilitiert sich, indem er die Vereinigten Staaten warnt. Und dort erlebt er eine Überraschung. Die Erzählung ist spannend und lehrreich, doch den wissenschaftlichen Hintergrund hat der Autor irgendwo in die Mitte gepackt und in einem kurzen Unterkapitel abgehandelt. Dennoch hat das Sozialexperiment „Coventry“ Hand und Fuß und verdient eine Diskussion.

20) _Außenseiter_ (Misfit, 1939)

Eine Gruppe unangepasster junger Männer wird im 21. Jahrhundert in die Space Marine aufgenommen, um sich dort zu bewähren. Man steckt sie in einen Raumtransporter, der zum 200 Millionen Meilen entfernten Asteroidengürtel fliegt. Nachdem sie die Raumkrankheit überwunden haben, dürfen sie auf dem Felsbrocken mit dem schönen Namen HS-5388 eine große Grube ausheben, in der eine Raumstation gebaut und der Antrieb des Felsbrockens eingebaut wird. Denn der Planetoid soll eine der drei künftigen Raumstationen zwischen Erde und Mars bilden, muss also vorher noch ein paar Kilometer Richtung Erde gewuchtet werden.

Bei diesem Unternehmen erweist es sich, dass der Rekrut Andrew Jackson Libby ein natürliches, aber leider bislang verkanntes Mathematikgenie ist. Er rettet nicht nur Leben, sondern ersetzt sogar einen ganzen Navigationscomputer – sobald man ihn erstmal ausgebildet hat.

|Mein Eindruck|

Wer jetzt an Heinleins Jugendbuch „Starman Jones / Gestrandet im Sternenreich“ denkt, liegt genau richtig. Darin bringt es ein verkapptes Mathegenie sogar zum Raumschiffkapitän und Obernavigator. Auch in der Story wird die Raummarine – Heinlein war selbst ein Navy-Akademieabsolvent – als Ort und Chance für die Bewährung von jungen Männern dargestellt. Mutter Navy sorgt für ihre Jungs, selbst wenn sie sich die Seele aus dem Leib kotzen. In den Groschenheften ist die Story gut aufgehoben, doch mit dem Mathe- und Navigationsjargon dürfte so mancher Leser auch heute noch seine Probleme haben.

21) _Methusalems Kinder_ (Methuselah’s Children, 1941/1958)

In der Mitte des 22. Jahrhunderts gibt es von Langlebigen schon rund hunderttausend Mitglieder. Sie sind in Familien organisiert, denn sie alle sind aus den Anfängen des genetischen Programms hervorgegangen, das die „Howard-Stiftung“ im Jahr 1870 ins Leben rief. Daraufhin wurden Langlebige mit Langlebigen gepaart, so dass schließlich im 22. Jahrhundert ein zweihundert Jahre alter Kerl auftreten kann, der anno 1912 geboren wurde: Er nennt sich „Lazarus Long“, wurde aber als Woodrow Wilson Smith geboren. Er ist ein Überlebenskünstler, denn natürlich darf keiner der Kurzlebigen erfahren, dass es so etwas wie ihn gibt.

Bis jetzt. Etwa neuntausend Mitglieder der Howard-Familien haben sich geoutet. Zunächst ist die Nachricht kaum registriert worden, doch nach einigen Monaten zeigen sich starke Emotionen unter der Bevölkerung Nordamerikas. Sie neiden den Langlebigen die zusätzlichen Jahren und wollen ihnen unbedingt das Geheimnis ihrer besonderen Fähigkeit abluchsen, um es einer ausgewählten Elite (= Regierungsbeamte und ihre Frauen) zugute kommen zu lassen.

Doch was dies im Einzelnen bedeutet, wird erst im Verlauf der Verfolgung der geouteten Howard-Familienmitglieder deutlich. Es bedeutet Aberkennung der Bürgerrechte, Verfolgung und Unterbringung in KZs (genannt „Coventry“) sowie Folterung, um die geheime Droge der Langlebigen in die Hände zu bekommen. Die Führung der Langlebigen, der Rat, ist entsetzt, doch zunächst ohne Entschluss. Lazarus Long allerdings ist es gewohnt, pragmatisch zu handeln und zeigt dem Rat die Optionen auf. Alle außer einer scheiden aus: Sie müssen das Sonnensystem in einem Langstreckenraumschiff verlassen. Ein solches befindet sich zum Glück gerade im Bau und ist in einer Erdumlaufbahn leicht zu erreichen.

Doch werden die Kurzlebigen sich das vermeintliche Geheimnis des Jungbrunnens so einfach entziehen lassen? Nein, natürlich nicht, aber die führenden Köpfe der Langlebigen erreichen einen geheimen Pakt mit dem Administrator der Regierung …

Eines Tages lässt die Regierung alle hunderttausend Mitglieder der Howard-Familien verhaften und in ein Reservat in Oklahoma deportieren. Lazarus Long gelingt es, den Häschern zu entkommen und macht sich nun ans Werk, um seinen Schicksalsgenossen zur Freiheit zu verhelfen. Doch wie schafft man es, hunderttausend Leute von der Erdoberfläche in ein Raumschiff zu transportieren, das diese Leute weder besitzen noch überhaupt bemannen wollen?

|Mein Eindruck|

Wieder einmal tobt sich Heinlein auf seinen Spielwiesen Technik, Quasi-Mutanten und künftige Gesellschaft aus. Die Gesellschaft der Bürgerlichen hat faschistische Züge angenommen (diesbezügliche Erzählungen wurden leider nie realisiert), und die Langlebigen leben halb im Verborgenen, halb im Untergrund. Das kommt jedem Dissidenten, Studenten und Dropout sehr entgegen, wie man später an dem Erfolg von Heinleins Roman „Stranger in a strange Land“ (1961) gesehen hat.

Aber die Reise selbst und dann der Aufenthalt auf einer fremden Welt voller Aliens sind denn doch etwas andere Kost. Auf der Fremdwelt kann man zwar nackt herumlaufen, wenn einem der Sinn danach steht, doch eine Sache haben die Kolonisten von der Erde nicht bedacht: Dass die Eingeborenen eine ebenso verborgen gehaltene Religion besitzen, die unter anderem Menschenopfer verlangt … Wieder einmal obliegt es Lazarus Long, seine Mitmenschen zu retten. Das Paradies hat eine finstere Seite. Wie es scheint, ist dies eigentlich überall so, wohin Heinlein seine Protagonisten schickt.

Leider zieht sich die Story des Roman auf der Fremdwelt so langweilig hin, dass ich wenig Lust hatte weiterzulesen, doch schließlich bekam sie doch noch die Kurve. Leider macht ein solcher Handlungsverlauf wenig Appetit auf die Fortsetzung „Die Leben des Lazarus Long“ (Time enough for love, 1973).

_Unterm Strich_

Manche Storys würde man heute sicherlich nicht mehr in dieser Form schreiben, aber das tut der Bedeutung dieses Zukunftsepos keinen Abbruch. Diese klassischen Novellen – beispielsweise „Katastrophen kommen vor“ über einen AKW-Unfall – dürften viele Leser zufriedenstellen, die seine letzten Romane nicht so gelungen fanden. Und einen Klassiker wie „Methuselah’s Children“, der erstmals die laufend bei Heinlein wiederkehrende Gestalt des Lazarus Long einführte (siehe „Time for Love“), kann man hier in der Urfassung von 1941 bewundern. Für Sammler ein absolutes Muss und für jeden, der in der SF mitreden will.

Für junge Leser eignen sich meiner Ansicht nach nur jene Erzählungen, die sich um „Die grünen Hügel der Erde“ und „Das Ekel von der Erde“ gruppieren lassen. Diese Geschichten sind von deutlich leichterem Gewicht als solche soziologischen Abenteuer wie „Coventry“ oder „… wenn das so weitergeht“. Zudem hat die Sammlung eine paar chronologische Löcher, die sich um das Auftauchen jenes falschen Propheten namens Nehemiah Scudder Ende des 20. Jahrhunderts, Anfang des 21. Jahrhundert lokalisieren lassen. Da hatte der Meister nach eigenem Bekunden (in der Originalausgabe von „Revolt in 2100“) selbst keine Lust, dieses Thema noch weiter zu vertiefen.

Rosemarie Hundertmarcks Neuübersetzung aus dem Jahr 1988 ist den früheren Übertragungen haushoch überlegen, denn diese waren meist gekürzt – eine übliche Praxis im deutschen Taschenbuchmarkt.

|Originaltitel: The Past through Tomorrow – Future History Stories – Complete in one Volume, 1967
1114 Seiten
Aus dem US-Englischen übertragen von Rosemarie Hundertmarck|

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