Henkel-Waidhofer, Johanna / Marx, André / Fischer, Katharina / Hitchcock, Alfred (Hg.) – Die drei ??? – Schrecken der Nacht (3er Sammelband)

Eine Serie begleitet und fasziniert heutige Thirtysomethings schon seit ihrer Kindheit. Die Rede ist vom Klassiker „Drei Fragezeichen“ oder auch „Die drei Detektive“ genannt. Letzteres kommt dabei näher an den amerikanischen Originaltitel „The Three Investigators“ heran. Hierzulande haben sich die drei verschiedenfarbigen Fragezeichen (weiß, rot, blau) auf schwarzem Cover längst als Aushängeschild und weithin bekanntes Markenzeichen der Serie etabliert. Eine weitere Vorstellung erübrigt sich eigentlich, denn DDF kennt wirklich fast jedes Kind – und wer nicht, sei auf den Abschnitt „Zur Serie“ verwiesen, den Fans sicherlich überlesen können, da ihnen dort nicht viel Neues präsentiert wird.

_Zur Serie_

„Die drei Fragezeichen“, das sind kalifornischen Jugendliche aus dem fiktiven Kaff Rocky Beach – irgendwo zwischen L.A. und Santa Monica gelegen. DDF, das ist vor allem das übergewichtige Superhirn und Besserwisser Justus Jonas, der irgendwann mal mit seinen Kumpels Peter „Schissbüx“ Shaw und Bob „Brillenschlange“ Andrews eine kleine Privat-Detektei eröffnet hat. Erwachsene, die darüber milde lächeln und die Ernsthaftigkeit der Jungs anzweifeln, werden stets eines Besseren belehrt. Wenn man eins nicht machen darf, dann ist es, den kriminalistischen Spürsinn des Trios sowie ihre Hartnäckigkeit, mysteriöse Fälle lösen zu wollen, zu unterschätzen. Fälle, die Erwachsenen (respektive den Cops) meist zu banal oder grenzwertig erscheinen, sich aber nicht selten zu handfesten Verbrechen entwickeln.

Schon seit Beginn der Reihe 1964 hat eine ganze Fülle verschiedenster Autoren Geschichten über das umtriebige und clevere Jung-Detektiv-Büro aus Rocky Beach unter verfasst. William Arden, M.V. Carey, um nur einige der ersten Stunde zu nennen, die neben Erfinder Robert Arthur fleißig in die Schreibmaschinen-Tastatur griffen. Heute sind es nur noch deutsche Schreiber, welche die Fackel der drei Satzzeichen weiter hochhalten – da hierzulande (im Gegensatz zu den USA) die Erfolgswelle nie abebbte. Im Gegenteil.

Oft wird immer noch fälschlicherweise Alfred Hitchcock als Autor angesehen, dabei stammt die Idee für die Charaktere von Robert Arthur. Dieser jedoch gewann (gegen Zahlung vermutlich saftiger Lizenzgebühren) den Kult-Regisseur als marketingstarke Galleonsfigur. Seither hat sich Hitchcock in den Köpfen festgesetzt. Das wird sich ab 2005 wohl langsam aber stetig ändern, da die Hitchcock-Lizenz dieses Jahr auslief – auf den Büchern neueren Datums bemerkt man dies bereits durch Weglassung seines Namenszugs und Konterfeis.

Die allesamt in sich abgeschlossenen Abenteuer der drei Schnüffelnasen sind bei der (vornehmlich) jugendlichen Zielgruppe geschlechterübergreifend beliebt – Der Versuch einer Schubladisierung in Jungen- oder Mädchen-Literatur greift hier ins Leere. Da die Serie schon so alt ist, sind schon verschiedenste Versionen der Bücher am Markt veröffentlicht worden. Die Illustrationen der deutschen Covers waren früher fest in der Hand von Aiga Rasch – hier ist es eine Collage dreier Rasch-Titelbilder. Ihren Stil führt seit einigen Jahren Silvia Christoph nun ähnlich weiter und gibt der Serie damit ihr unverkennbares Gesicht.

_Zum Buch_

Der vorliegende Sammelband zum Anlass des 25-jährigen Jubiläums der Serie enthält drei in sich abgeschlossene Geschichten. Sie bauen weder aufeinander auf, noch haben sie spezielle Querverbindungen zueinander. Wobei „Das Geheimnis der Särge“ hier ein wenig aus der Reihe tanzt, ja sogar deswegen ein wenig deplatziert wirkt, eben WEIL es ausgerechnet hier ausnahmsweise (wenn auch losen) Bezug zu anderen Fällen gibt. Streng genommen ist es nämlich der vorletzte „Teil“ einer vier Geschichten dauernden Reise der drei Fragezeichen nach good ol‘ Europe – Dieser Trip beginnt mit „Diamantenschmuggel“ geht über „Die Schattenmänner“, „Das Geheimnis der Särge“ und endet mit schließlich „Der Schatz im Bergsee“. Schauen wir uns einfach mal genauer an, was unter der Überschrift „Schrecken der Nacht“ an Einzeltiteln so alles aufgefahren wurde.

_Die Storys_

|“Das Geheimnis der Särge“|
Erzählt von Johanna Henkel-Waidhofer
Erstveröffentlichung 1996

Im Rahmen ihres Europa-Trips sind Justus, Peter und Bob mittlerweile in Deutschland angelangt. Die berühmten Höhlen der Schwäbischen Alb stehen auf ihrer Agenda, nachdem sie grade noch in Italien ein paar Dunkelmännern ans Bein pinkelten. Dort lernten sie auch ihrer jetzige Gastgeberin Alex kennen, deren Einladung sie folgten. Natürlich schlittern die drei Naseweise auch in Tschörmany wieder in ein Abenteuer und treffen auf schräge Typen. Diesmal sind es schrullige Bewohner eben jenes Landstrichs, die auch noch mächtig Dreck am Wanderstab zu haben scheinen – zumindest einige von ihnen. Dabei schrecken weder Sprachbarriere noch ach so dunkle Höhlen die Junior-Schnüffler, das Geheimnis der Särge aufzuklären. Natürlich zeigen sich die lokalen Sheriffs als wahre Vertreter der Gattung „Landeier“ und somit als wenig hilfreich, sodass mal wieder alle Aufklärungsarbeit fest in amerikanischer Hand ist.

|Kurzkritik|
Ein so naher Bezug zu anderen Fällen innerhalb der Serie ist eher die Ausnahme. Warum die Bertelsmänner ausgerechnet hier eine Story aus ihrem Kontext gerissen haben, kann nicht rational erklärt werden. Ein 4er-Sammelband mit den weiter oben aufgeführten Titeln wäre wesentlich sinniger gewesen. Nicht, dass man elementare Informationen verpasst, „Das Geheimnis der Särge“ ist wie alle anderen Fälle des Trios eigenständig. Trotzdem fehlen dem Leser ein paar kleinere Details, wenngleich am Rande einiges erklärt wird. Schade auch, dass ausgerechnet die „Deutschland-Folge“ ohnedies schwächelt und sich teilweise in langweiligem BlaBla und schablonenhaft herumtölpelnden Personen verliert. Vor allem gegen Ende wirkt dann alles viel zu konstruiert und zu hastig mit der heißen Nadel zusammengeschustert. Prädikat: „Etwas konfus & unglaubwürdig“.

|“Poltergeist“|
Erzählt von André Marx
Erstveröffentlichung 1997

Bob und Peter nutzen die Flaute der Junior-Detektei, um sich intensiver mit ihren Freundinnen zu beschäftigen. Justus hält sie ja während laufender Ermittlungen gern von den Mädels fern. Doch kein Fall ist in Sicht. Aber ein Hoffnungsschimmer: Als Bob und Elisabeth eine Vernissage besuchen wollen, wird diese unter fadenscheinigen Gründen abgesagt. Das Gemälde eines berühmten Künstlers wurde gestohlen, so viel ist zu ermitteln. Leider jagt sie die ruppige Urlaubsvertretung Inspector Cottas dorthin, wo der Pfeffer wächst. Mitarbeit unerwünscht. Nix zu machen. Peters Freundin Kelly hat auch was. Eigentlich gar kein richtiger Fall, denn er beschränkt sich auf die Suche nach einem Medaillion, welches ihre höchst schrullige Tante verschludert hat. Ein zähes und vor allem nerviges Unterfangen, doch dann bekommen die drei Fragezeichen das Angebot, einen angeblichen Poltergeist zu stellen. Erst gar keinen Fall, jetzt gleich zwei bzw. deren drei – oder gehört alles irgendwie doch zusammen?

|Kurzkritik|
André Marx besinnt sich hier auf alte Tugenden sowie alte Figuren der Serie. Er lässt in diesem Fall einen Erzgegner der Fragezeichen wiederauferstehen. Wer das ist, soll aus Gründen des Spannungserhalts hier und jetzt dezent unter den Grabstein der Verschwiegenheit gekehrt werden. Mysteriös angehauchte Storys haben die Serie groß gemacht, daher hat allein die Poltergeist-Thematik schon mal gute Karten für eine ansprechende Geschichte. Selbst Justus beginnt an Spuk zu glauben und erschüttert damit den Leser bis ins Mark. Damit alles nicht doch zu einfach und noch spannender wird, bastelt André Marx eine vertrackte 3-in-1-Konstellation zusammen, die am Ende sogar sehr schön aufgeht. Mit dem unerwarteten Ausgang hätte wohl kaum einer so gerechnet. Elisabeth, Kelly, Lys und nicht zuletzt Inspector Cotta sorgen in den kleineren Statistenrollen für das wohldosierte comic relief sowie ein Maß an Kontinuität, was das (private) ???-Umfeld angeht.

|“Wolfsgesicht“|
Erzählt von Katharina Fischer
Erstveröffentlichung 1999

Irgendwer hat etwas gegen Inspector Cotta, so scheint es. Ein seltsames Schreiben erreicht den Polizeichef von Rocky Beach. In diesem wird er verhöhnt und gleichzeitig wird verklausuliert ein Überfall angekündigt. Unterschrift: Wolfsgesicht. Der Überfall findet dann doch nicht statt. Das heißt, er tut es doch – aber nicht so, wie sich das die Cops und die zu Rate gezogene Polizeipsychologin so gedacht haben. Mittendrin Justus. Diesmal zufällig und nichts ahnend, bis ihn zwei Beamte für den mysteriösen Briefeschreiber halten und ihn höchst unsanft festnehmen. Als das Missverständnis aufgeklärt ist, schlägt Wolfsgesicht an unerwarteter Stelle zu und klaut absonderliche Sachen. Schon bald wird klar, dass dies nur der Auftakt zu einer Serie von Ereignissen ist, die eines auf das andere aufbauen. Dreimal will der Unhold laut eigener Angaben zuschlagen. Hat der Besuch des amerikanischen Präsidenten in Rocky Beach damit etwas zu tun? Die Spuren sind verwirrend, doch das facht bekanntlich die Neugier des Trios erst recht an.

|Kurzkritik|
Katharina Fischer spielt hier ein wenig mit dem alten Wer-erschoss-Kennedy-Mythos, einer Menge geschickt eingesetzter psychologischer Tricks und Stilelementen, die bei den drei Satzzeichen immer gern gesehen sind: Rätselsprüche, undurchsichtige Verdächtige, angeblich wasserdichte Alibis und persönlicher, individueller Einsatz aller drei Jungs. Jeder auf seinem Spezialgebiet, wie es die traditionelle Rollenverteilung der Serie vorsieht. Nur moderner, die drei Fragezeichen sind mit Computer und Handy endgültig in der Jetztzeit angekommen. Peter darf mal wieder mit Dietrichen hantieren, ausnahmsweise ist es Bob – und nicht Peter mit seinem MG – diesmal, der mit seinem Foffi eine Verfolgung aufnehmen muss. Justus (wer sonst) darf kombinieren und klugscheißen und nebenher noch den heiligen Zorn der Polizeipsychologin auf sich ziehen. Bis am überraschenden Ende das intelligent inszenierte Verwirrspiel aufgelöst wird, hat man die Seiten im Schnelldurchgang bewältigt. Ohne Durchhänger.

_Fazit_

Bertelsmann hat sich und den Lesern mit „Geheimnis der Särge“ in diesem Band keinen Gefallen getan. Zumindest beweist die Wahl, dass der Verantwortliche keinen Schimmer von der Kult-Serie hat. Wer sich von dieser schwachen ersten Story aber nicht abschrecken lässt und tapfer weiterliest, wird mit kontinuierlich steigendem Niveau belohnt. „Poltergeist“ ist eine sehr solide und typische ???-Geschichte, die mit Mystery zu gefallen weiß. „Wolfsgesicht“ ist in dieser Jubiläumsausgabe sicher der beste, weil am intelligentesten aufgezogene Fall. Bleibt unterm Strich ein akzeptabler Gegenwert. Für 9,95 € bekommt man drei Geschichten für etwas mehr als das, was sonst ein Einzelband kostet.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
„Die drei ??? – Schrecken der Nacht“
basierend auf den Charakteren von Robert Arthur
Random House, New York
Frankh-Kosmos, Stuttgart / Bertelsmann Gruppe
Erstauflage 03/2004
Seiten: 366 Hardcover

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