Herbert, James – Jenseits

_Horrorthriller mit psychologischem Tiefgang_

Der Horrorautor packt ein heißes Eisen an: Experimente mit behinderten Menschen. Hinzu kommen ausgefallene Charaktere und unheimliche parapsychologische Phänomene. Verpackt in eine realistisch erzählte Krimihandlung, bietet die Handlung befriedigende Spannung bis zum langen Finale.

Ich dachte zunächst, dies wäre die Romanvorlage zu Nicole Kidmans erfolgreichem Horrorfilm „The Others“. Da hatte ich mich aber getäuscht. Dessen Drehbuch stammt von einem spanischen Autor. Und Herberts Roman ist auch schwierig zu verfilmen. Nicht wegen vieler Szenen, sondern wegen seiner Thematik: menschliche Missgeburten und ihr Missbrauch.

_Der Autor_

James Herbert hat zwar mit billigen Horrorthrillern über mutierte Ratten und den allgemeinen Weltuntergang angefangen, sich aber zwischenzeitlich zu einem halbwegs ernst zu nehmenden Konkurrenten zu Genregrößen wie Stephen King (der ja auch mal mit Schrott angefangen hatte, man denke nur an „Feuerkind“) und Clive Barker entwickelt.

Herbert ist bei uns heute kaum mehr bekannt, genau wie jene Liga ebenbürtiger englischer Autoren wie Ramsey Campbell und Robert McCammon. Kennzeichnend für ihren Stil ist, dass das namenlose Grauen die meiste Zeit über nicht zu sehen, wohl aber zu spüren ist. Herberts Romane enden aber stets mit einem langen, fulminanten Showdown – so auch in „Jenseits“.

_Die Handlung_

Nicholas Dismas ist ein Privatdetektiv in dem schönen Küstenseebad Brighton an der englischen Südküste. Dennoch wird er seines Lebens meist nicht froh: Er ist missgebildet. Wenn er durch die Straßen humpelt, schreckt sein Gesicht über dem Buckel die meisten Menschen ab. Hin und wieder muss er Prügel von jungen Punks einstecken. Kein Wunder, dass er seinen Kummer mit Alkohol und Kokain zu vergessen sucht.

Dennoch hat er Freunde. Und sogar Mitarbeiter in seiner Detektei. Henry, sein Buchhalter, prüft ständig Nicks Wissen über alte Filme der 30er und 40er Jahre. Eines Tages erscheint mit Shelly Ripstone das Schicksal auf Nicks Türschwelle. Die betörende Schönheit will ihren frisch verblichenen Gatten beerben, doch das Testament fordert von ihr ein Kind als Legitimation. Dumm nur, dass sie zwar ein Kind hatte, es sei aber angeblich gestorben. Doch aufgrund des Rates einer Hellseherin, Louise Broomfield, behauptet Shelly, ihr Sohn sei noch am Leben. Sie beauftragt Dismas, dieses Kind zu suchen.

Er macht die Hebamme ausfindig, die seinerzeit bei der Geburt anwesend war. Doch die alte Dame, eine Deutsche namens Hildegard Vogel, ist in einem mysteriösen Altenheim namens Perfect Rest (Vollkommene Ruhe) untergebracht, wo sie offenbar weder für Kost noch Logis aufkommen muss. Ist ihr der Direktor persönlich verpflichtet?

Als Nick sie besucht, erzählt sie ihm von all den Kleinen, die sie ihrem Freund, dem Direktor, gegeben hatte. Am nächsten Tag ist sie tot. Angeblich wegen der Aufregung, in die Nick die Patientin versetzt habe, erhält er Hausverbot. Er darf nicht einmal die hübsche Pflegerin Constance Bell sprechen, in die er sich auf der Stelle verliebt hat – nicht zuletzt deshalb, weil sie ebenso unter ihrer Missbildung leidet wie Nick.

Nick findet heraus, dass der Direktor Leonard K. Wisbeech Spezialist auf dem Gebiet der Chirurgie, der Frauenheilkunde und der Geburtshilfe ist. In dem einzigen Gespräch mit Wisbeech erhält Nick den Eindruck eines eiskalten, aber kultiviert scheinenden Profis. Fortan trauen wir diesem Direktor jede Schandtat zu. Und deren gibt es genug …

Der Fall scheint an einem toten Punkt angekommen zu sein, als drei entscheidende Dinge geschehen: 1) Die Albträume, denen Nick durch Tabletten und Kokain zu entgehen versucht, stellen sich als höchst real heraus: Flügel, Gesichter im Spiegel, eingedrückte Türen – kurzum: sound and fury; 2) Constance besucht Nick, sie erzählen einander von ihrem Leben – und um ein Haar würden sie miteinander ins Bett gehen; 3) Henry, Nicks Buchhalter, liegt bestialisch ermordet in Nicks Büro, und nur ein verstörter Junge ist zu entdecken; nach einem geflüsterten „Monster!“ springt der Junge aus Nicks Büro in den Tod.

Glücklich der Leser, der bis hier durchgehalten hat, denn von nun an folgt in „Perfect Rest“ ein rund 200 Seiten langes Finale, das hinsichtlich Spannung, Action und Horroreffekten nichts zu wünschen übrig lässt. Schade nur, dass man bis etwa Seite 150 allerlei Nebensächlichkeiten in Kauf nehmen muss. Das Buch hätte der Verlag um rund ein Drittel kürzen können, ohne ihm ernsthaft zu schaden.

_Fazit_

Er wirkt schon ein wenig erschreckend, wenn uns Herbert in seiner Nachbemerkung berichtet, dass fast alle Fakten über die missgebildeten Insassen des Altenheims „Perfect Rest“ auf Tatsachen und wirklichen Ereignissen beruhen. Es ist ihm gelungen, das Tabuthema „medizinische Experimente an behinderten Menschen“ relativ unaufdringlich in seiner spannenden Thrillerhandlung unterzubringen.

Dass sich der Leser für das Schicksal und die Gefühle von Menschen wie Constance Bell und Nick Dismas interessiert, trägt dazu bei, das Thema auch psychologisch interessant zu machen und uns nahe zu bringen. Allerdings drückt hier der Autor des Öfteren ziemlich auf die Tränendrüse – Taschentuch bereithalten!

|Wie hältst du’s mit der Religion, Nick?|

Mysteriös erscheint mir allerdings immer noch der Prolog. Da schmort ein Mensch in einer Art „Hölle“. Doch eines Tages erhält er von zwei engelhaften Wesen die Chance gewährt, sich zu bewähren, indem er in Gestalt eines Menschen hienieden Gutes tut. Dass diese Gestalt nicht gerade die hübscheste ist, steht in Einklang mit den Strafmethoden der Hölle … Nick trägt als Nachnamen den Namen des guten Diebs, der neben Jesus auf Golgatha ans Kreuz geschlagen wurde und bereute. Im Buch erinnern sich mehrere Leute, darunter auch Constance, daran, wer Dismas war.

Die religiösen Untertöne sind also recht unüberhörbar. Offenbar will uns der Dichter damit sagen, dass manche Leute auf Erden eine Mission haben, die Mission, Gutes zu tun, um für ihre Sünden Buße zu tun. Da nun Dismas seine erste Aufgabe erfolgreich (wenn auch um einen tragischen Preis) erfüllt hat, könnte man weitere Auftritte dieser Heldenfigur erwarten. So weit ich informiert bin, ist dies noch nicht passiert.

|Die „Übersetzung“|

Die Übersetzerin Zilla hat sich nicht sonderlich viel Mühe gegeben, ihre süddeutsche Herkunft zu verbergen. Mal von den unzähligen störenden Druckfehlern ganz abgesehen, so hat Zilla auch so unglaubliche Konstruktionen wie „dergeartet“ (als Adjektiv!) beigetragen, um den Stil des Originals vor dem deutschen Leser zu verbergen. Stattdessen mutet sie uns ihren eigenen Müll zu.

|Originaltitel: Others, 1999
Aus dem Englischen übertragen von Susanne Zilla|

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