Hino, Hideshi – Red Snake (Hino Horror 1)

Hideshi Hino ist ein hierzulande noch recht unbekannter Manga-Autor, der sich in der asiatischen Heimat zuletzt mit seinen völlig verstörten Horror-Storys einen Namen gemacht hat. Geprägt von der schaurigen Welt Lovecrafts, der Edo-Zeit und nicht zuletzt auch Splatter-Streifen wie [„The Texas Chainsaw Massacre“,]http://www.powermetal.de/video/review-58.html hat er in den vergangenen Jahren mehrere Einzelbände veröffentlicht, die nicht nur über den guten Geschmack hinausgingen, sondern ihm auch den Ruf einer der kontroversesten Personen in der Welt der Illustrationen einbrachte. Der |Schreiber & Leser|-Verlag nahm dies zum Anlass, dem Mann eine eigene Serie namens „Hino Horror“ zu gönnen. „Red Snake“ bildet nun den Auftakt einer außergewöhnliche, teils auch abstoßenden, dennoch interessanten Reihe, die jedoch Nerven aus Stahl erfordert, um dem Horror-Szenario standzuhalten. Auf geht’s!

_Story_

Irgendwo in der Abgeschiedenheit einer Siedlung ist ein seltsames Haus gelegen, das über mehrere finstere, nie gesehene Katakomben verfügt. Hier lebt ein junger Knabe mit seinen Großeltern, der Schwester und den beiden Eltern. Jedoch bewohnt die Familie nur zehn Zimmer innerhalb dieser Behausung; die übrigen Kammern sind hingegen durch einen Spiegel von der Wohnfläche abgetrennt und dürfen laut Aussage des Großvaters auch nie betreten werden, weil dahinter der Teufel lauert.

Dennoch fragt sich der Junge, was sich wohl hinter dem Spiegel befindet. Und die Auflösung soll nicht lange warten: Eines Tages begibt er sich im Traum in die verbotenen Gänge und zieht damit die Aufmerksamkeit einer roten Schlange auf sich. Bereits am nächsten Tag hat das höllische Geschöpf seine Schwester in eine Blutsaugerin verwandelt, deren Durst nach ihrem neuen Lebenselixier kaum stillbar ist. Der Horror bricht über die Familie ein, und schon bald erblickt der Knabe nur noch ein ekliges Szenario aus Blut und abgetrennten Körperteilen.

_Persönlicher Eindruck_

Die erste Geschichte des anerkannten Meisters des Horrors ist wahrlich ein schwer verdaulicher Brocken. Ganz subtil führt Hino seine Leser in die seltsame Welt des Jungen ein und beschreibt eine völlig verstörte Familie, deren Hauptlebensinhalt in der Produktion von Eiern besteht – ja, richtig gelesen: Eier! Die Großmutter hält sich selber für ein Huhn und glaubt in ihrem Wahn, täglich Eier zu legen. Der Vater indes betreibt innerhalb des Hauses eine Hühnerzucht, geht aber nicht zimperlich mit seinem Vieh um – wer keine Eier legt, wird gnadenlos abgeschlachtet. Derweil labt sich die Schwester an den Würmern, dem Hühnerfutter, und spielt vergnügt mit den kleinen Tierchen. Und seine Mutter hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein Geschwür des Großvaters mit rohen Eiern zu behandeln und den blutigen Eiter gewaltvoll herauszutreten.

Doch den Jungen interessieren die verrückten Spielchen seiner Familie eher weniger; er will wissen, was sich hinter dem Spiegel befindet – und eines Tages soll er es auch erfahren. Immer tiefer taucht er in das verborgene Labyrinth ein, weckt die teuflische rote Schlange und ist unbewusst der Initiator eines grässlichen Blutbads, dem seine Angehörigen einer nach dem anderen auf allzu abstoßende Art und Weise zum Opfer fallen. Nur er selber kann sich retten, gefolgt von der nimmersatten Schlange, durch ein Meer aus Blut und Eiern bis hin zu einer Zombie-Landschaft, die ihm eines offenbart: Alles war nur ein schrecklicher Traum, und so kann er fortan wieder zur Normalität zurückkehren – sofern man in diesem Zusammenhang davon sprechen kann.

Die Frage, die sich in „Red Snake“ gleich mehrfach stellt, ist die nach dem eigentlichen Horror-Szenario. Ist es nun tatsächlich das abschreckende Gemetzel im zweiten Teil oder doch eher das erschreckende Miteinander der Familie, das einem permanente Schauder über den Rücken jagt? Erschreckend ist nämlich, dass man sich nach einer Weile so sehr an die Familienumstände gewöhnt, dass man sie innerhalb der Geschichte als normal empfindet und dabei ausschließlich das abschließende Blutbad als Stein des Anstoßes betrachtet. Bei genauerer Betrachtung spiegelt sich der Horror jedoch in ganz unterschiedlichen Ebenen wider. Das arme Kind, das miterleben muss, wie seine Familie sich mit völlig sinnentleerten Alltagsaufgaben beschäftigt, dazu eben jene abstrusen Handlungen, die das Leben seiner merkwürdigen Angehörigen erfüllen, und natürlich die letzten Endes fast schon befreiende gegenseitige Hinrichtung, die den Jungen prinzipiell zum ersten Mal von seinem unbewussten Makel befreit und ihn zum ersten Mal in die Freiheit entlässt.

Blickt man mal genauer hinter die effektreich inszenierte Fassade, arbeitet Hino hier sehr oft mit einer versteckten Symbolik, die zwischen Gemetzel und dem seltsamen Eiertanz dennoch eine unterschwellige Intelligenz erkennen lässt, die die Story letztendlich auch vom üblichen Genre-Standard distanziert. Rein inhaltlich ist Hideshi Hino dies zwar schon sehr eindrucksvoll gelungen, doch erst bei der Analyse der Hintergedanken stellt man fest, dass „Red Snake“ nicht nur außergewöhnlich, sondern auch in gewisser Weise tiefgründig und anspruchsvoll ist – nur eben verpackt in ein morbides, allzu beklemmendes Szenario.

Klar ist indes auch, dass der „Hino Horror“ sicherlich nichts für sanfte Gemüter ist; sowohl grafisch als auch inhaltlich zeigt sich der Autor von seiner extremsten Seite, lässt derweil aber auch keinen Zweifel an seiner Genialität auf diesem Gebiet. Die Zielgruppe ist folglich klar definiert, doch darf sie sich über einen wirklich lohnenswerten Beitrag zum derzeit neu aufblühenden Horror-Genre freuen. „Red Snake“ ist nämlich allemal empfehlenswert für diejenigen, denen es nicht krank genug sein kann. Wer sich dadurch angesprochen fühlt, sollte ergo nicht lange zögern und einen Blick in dieses kleine Schmuckstück werfen.

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