Hobb, Robin – Im Bann der Magie (Nevare 2)

|Die Nevare-Trilogie (Soldier Son Trilogy):|

Band 1: [Die Schamanenbrücke]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4981
(Shaman’s Crossing)
Band 2: _Im Bann der Magie_ (Forest Mage)
Band 3: Renegade’s Magic

Die Fleckseuche hat in der Hauptstadt Gerniens und der Kavalla-Akademie gewütet. Viele Freunde und Feinde Nevares sind tot oder dienstuntauglich, Nevare aber hat die Seuche nicht nur überlebt, sondern legt zur Verwunderung von Dr. Amicas ordentlich an Gewicht zu. Während sich das Leben in der Akademie unter Oberst Rebins bewährter Führung zum Besseren wendet, ruft ein freudiger Anlass Nevare nach Hause: Sein älterer Bruder heiratet – für ihn die Gelegenheit, seine Familie und seine Angebetete Carsina wiederzusehen.

Auf der Reise macht Nevare sein Fleck-Ich zu schaffen. Er spürt die Magie, besonders als er die „Spindel“ – eine spindelförmige Felsnadel, Zentrum der Flachländermagie – zum ersten Mal erblickt. Durch einen vermeintlichen Unfall – sein Fleck-Ich übernimmt die Kontrolle – bringt er die Spindel zum Stillstand und zerstört damit die Flachländermagie vollständig. Nevare bemerkt auch, dass er immer dicker wird, obwohl er auf der Reise kaum etwas isst.

Auf dem Gut seiner Familie angekommen, entsetzt sein Anblick seine Verwandten. Besonders sein stolzer Vater kann den Anblick seines total verfetteten Sohnes, der ordentlich zupackt beim Essen, nicht ertragen. Auf der Hochzeit seines Bruders handelt er seiner Familie Hohn und Spott ein, seine Verlobte Carsina wendet sich entsetzt von ihm ab. Nevares Beteuerungen, seine extreme Fettleibigkeit sei eine Folge der Fleckseuche, die normalerweise genau das Gegenteil bewirkt, stoßen bei seinem Vater auf Unglauben, der nun den Berichten des alten Akademieleiters über die Undiszipliniertheit seines Sohnes Glauben schenkt. Als Nevare trotz Zwangsdiät und harter Arbeit nicht abnimmt, hält er ihn für einen Betrüger. Das kurze Zeit später eintreffende Entlassungsschreiben aus der Kavalla aus medizinischen Gründen leitet den endgültigen Bruch mit seinem Vater ein. Als die Fleckseuche die Gegend heimsucht und fast seine ganze Familie stirbt, verstößt ihn sein vor Gram halb wahnsinnig gewordener Vater.

Nevare fühlt sich in die Waldlande gezogen, teils um die Ursache seiner Fettleibigkeit zu ergründen, teils um dort ein neues Leben zu beginnen. Er strandet in einem verlassenen und aufgegebenen Kaff nahe dem Ende der Straße des Königs, wo er der Hure Amzil und ihren Kindern hilft. Erst der verwundete und hilfsbedürftige Kavalla-Scout Buel Hitch bringt Nevare zur Weiterreise zur Garnison in Gettys, wo er trotz seiner Fettleibigkeit aufgrund seiner Empfehlung eine Chance als Kavalla-Soldat bekommt; allerdings bekommt er nur den Posten als Friedhofswärter zugeteilt.

Die Fleck stehlen die Leichen und lehnen oder hängen sie an Bäume in dem unheimlichen Wald neben dem Friedhof, der schon mehrere Wärter in den Wahnsinn getrieben hat. Die Stadt Gettys leidet unter einer Atmosphäre der Verzweiflung und Bedrücktheit, die selbst das ehemalige Elite-Regiment in Disziplinlosigkeit verfallen lässt. Die Ursache sind drei gefällte heilige Kaembra-Bäume der Fleck, an deren Stümpfen die Arbeitstrupps nicht vorbeikommen. Angst und ein Gefühl der Bedrohung behindern die Arbeiten an der Straße des Königs in ihrer Nähe, und Nevare selbst erlebt den berüchtigten „Gettys-Schiss“ in ihrer Nähe.

Er trifft in Gettys auch seinen Freund Spink sowie Epiny wieder, die ihm als Einzige seine durch Magie verursachte Fettleibigkeit glauben. Als die Fleck wieder Leichen stehlen, dringt Nevare in den Wald ein, wo sein Fleck-Ich stärker wird. Er trifft die Fleckfrau Olikea, die ihm offenbart, dass er ein „Großer“ ist, ein von der Magie Auserwählter. Sie mästet ihn mit speziell für Große geeigneten Früchten, um die Magie in ihm zu stärken, gemäß dem Schema: je dicker der Magier, desto mehr Magie kann er wirken.

Nevare ist zwischen Fleck und Gerniern hin- und hergerissen, versucht zu vermitteln, denn die Fleck planen zum Zeitpunkt der Inspektion der Garnison durch hochrangige Militärs einen weiteren Anschlag mit der Fleckseuche. Doch Nevare ist im Bann der Magie – nicht er benutzt die Magie, sondern sie ihn. Sein Fleck-Ich kennt keine Gnade gegenüber den Gerniern, und will nicht nur seine Warnung verhindern, sondern Nevare von seinen Freunden und Gettys fernhalten, ihn entfremden, und dazu ist der Magie jedes Mittel recht.

_Ein Leben zerstört von der Magie_

Selten wurde der Titel eines Romans (aus „Forest Mage“ wurde „Im Bann der Magie“) passender eingedeutscht. Denn die Magie ist es, die Nevares Leben grundlegend ändert, danach trachtet, ihn von Gernien und allem, was ihm lieb und teuer ist, zu entfremden. Die Verfettung Nevares bringt ihm Spott und Häme ein, zerstört seine Kavalla-Laufbahn und seine Liebe zu Carsina. Interessanterweise wird er erst aus der Kavalla entlassen, als er zuhause ist, wobei man dort wohl kaum sein Gewicht messen konnte. Der Entlassungsbrief kommt genau zur rechten Zeit, um die Situation eskalieren zu lassen, der Grund dazu ist allerdings aus oben genannten Gründen nicht gerade nachvollziehbar.

Die Fleck-Seuche folgt Nevare auf Schritt und Tritt, treibt ihn geradezu in die Waldlande der Fleck. Leider widmet sich ein großer Teil des Romans dem Fressverhalten Nevares, und der sozialen Ächtung, die damit einher geht. Potenzielle Highlights wie die erneute Begegnung mit Devara oder die geradezu beiläufige Vernichtung der Flachländer-Magie gehen wahrlich unter in den Fressorgien Nevares.

Erst nach einem kurzen Intermezzo mit der Hure Amzil, die eine Art Liebesbeziehung zu ihm aufbaut, obwohl sie ihn abstoßend findet, entwickelt sich die Handlung weiter. In Gettys, wo er dem ebenfalls der Magie verfallenen Buel Hitch begegnet, kommt es zu erneuten Kontakten mit den Fleck. Nevare entdeckt seine magischen Fähigkeiten nur sehr zögerlich, und der verwunschene Wald samt Friedhof sind bei weitem nicht so gruselig oder erschreckend wie etwa die „Entfremdeten“ in der |Weitseher|-Trilogie. Hobb ist eine grandiose Erzählerin, Charakterisierung von Figuren ihre Begabung. Doch Nevare trottet auf der Stelle, er kann sich nicht entscheiden. Er entwickelt sich nicht weiter, weder in die eine noch die andere Richtung. Sein von der Magie unterstütztes Fleck-Ich hingegen handelt für ihn in entscheidenden Situationen. Er ist geradezu ein Sklave der Magie.

Doch diese innere Spaltung zwischen Nevare und Fleck-Nevare wird kaum thematisiert! Hobb hebt sich dies leider ausschließlich für den letzten Band auf, dem es trotzdem etwas an Masse und Substanz fehlt. Man hätte beide Bände vereinen sollen; hier hat sich Hobb wohl leider dem Zwang, drei Bände liefern zu müssen, untergeordnet. Selbst der erotischen Begegnung mit der schönen Fleck Olikea sowie den Bräuchen der Fleck und ihrer Gesellschaft wird weniger Raum eingeräumt als Nevares Kampf mit seinem Gewicht. Es ist auch arg enttäuschend, dass sich die Handlung von der komplexen und ansprechenden Kavalla-Akademie zurück an den Geburtsort Nevares verlagert und auf einen reinen Vater-Gesellschaft-Sohn-Konflikt reduziert wird. Hobb hat viel über diese Welt erzählt, um am Ende am Waldrand derselben in dem trostlosen Kaff Gettys zu landen. Dort geht die Verachtung für Nevares Fettleibigkeit weiter, die faszinierenden Begegnungen mit der Fleck-Kultur sind zwar von entscheidender Bedeutung für die Handlung, aber leider rar gesät und knapp beschrieben.

_Fazit:_

Nevares Leben scheint sich stets zum Besseren zu wenden, doch werden diese Hoffnungen stets umso grausamer zerstört. Darin liegen die Dramatik des Romans und die Faszination des Charakters Nevare. Jedoch wird der sozialen Ächtung durch seine Fettleibigkeit – obwohl er sonst noch derselbe Nevare ist – zu viel Raum eingeräumt. Unter seiner enormen Wampe werden die zahlreichen anderen Aspekte des Romans geradezu erschlagen – schade!

Trotzdem konnte ich das Buch in wenigen Tagen verschlingen, denn Robin Hobb ist zu einer Meisterin der Ich-Perspektive geworden. Leider hat der so beschränkte Fokus auch Nachteile, es dreht sich einfach zu viel um Nevare – beziehungsweise seinen Leibesumfang. Die große und faszinierende Welt, die im ersten Band beschrieben wurde, wird leider an den Rand gedrängt, verkommt zur nutzlosen Staffage. Die Abscheu Nevares vor sich selbst und die seiner Mitmenschen erregte in mir leider weder Mitgefühl noch Reflektion der Ungerechtigkeit, die ihm widerfährt. Stattdessen wendet sich Hobbs Erzähltalent hier gegen den Leser – ich teilte den Ekel von Nevares Mitmenschen.

Schade, der erste Band der Reihe versprach viel Potenzial, leider verschenkt Hobb dieses völlig. Selbst ihre gereifte und perfektionierte Erzählkunst kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie hier ihre Prioritäten falsch gesetzt hat und mit dem sich ständig wiederholenden Diskurs über die sozialen Probleme extrem fetter Menschen die angenehmeren und vielversprechenderen Aspekte der Trilogie aus den Augen verloren hat.

|Originaltitel: Forest Mage
Aus dem Amerikanischen von Joachim Pente
832 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Vorsatzkarte und Lesebändchen
ISBN-13: 978-3-608-93813-5|
http://www.hobbitpresse.de
http://www.klett-cotta.de
http://www.robinhobb.com

_Robin Hobb auf |Buchwurm.info|:_

[„Die Schamanenbrücke“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4981 (Nevare 1)
[„Der Ring der Händler“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=281 (Die Zauberschiffe 1)
[„Der Adept des Assassinen“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=229 (Die Legende vom Weitseher 1)
[„Der lohfarbene Mann“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=230 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher I)
[„Der goldene Narr“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=232 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher II)
[„Der weiße Prophet“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1969 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher III)
[„Der Wahre Drache“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=2020 (Die zweiten Chroniken von Fitz dem Weitseher IV)

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