Hobb, Robin – Stunde des Abtrünnigen, Die (Nevare 3)

|Die Nevare-Trilogie (Soldier Son Trilogy):|

Band 1: [Die Schamanenbrücke]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4981 (Shaman’s Crossing)
Band 2: [Im Bann der Magie]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5246 (Forest Mage)
Band 3: _Die Stunde des Abtrünnigen_ (Renegade’s Magic)

Der abschließende Band von Robin Hobbs Nevare-Trilogie schließt nahtlos an das dramatische Ende von „Im Bann der Magie“ an und baut auf dem radikalen Schnitt dort auf. Nevare Burvelle ist offiziell tot. Degradiert zum Friedhofswächter und schließlich wegen Mordes und Leichenschändung zum Tod am Galgen verurteilt, zwingt die Magie ihn zum Äußersten: Er webt einen Trugbann über Gettys; alle die ihn kannten einschließlich der geliebten Amzil, seines Freundes Spinks und seiner Base Epiny haben die Erinnerung, dass Nevare grausam zu Tode geprügelt wurde.

Die Magie, in deren grausamen Bann Nevare jetzt mehr denn je steht, hat ihr Ziel erreicht. Er hat sich vollständig von seinem Volk entfremdet. Erzwungenermaßen wendet er sich nun den Fleck zu, entschließt sich zu einem Leben als „Großer“ mit Olikea. Doch diese will nicht Nevare, sie will den „Soldatenjungen“ – unter diesem Namen übernimmt sein Fleck-Ich immer mehr die Kontrolle über Nevares Körper und Magie, dieser wehrt sich erst spät gegen diesen Rollentausch. Der Soldatenjunge hat große Pläne, er will an die Spitze der Fleck-Hierarchie. Da seine Pläne die Vernichtung von Gettys und der Gernier einschließen, wehrt sich Nevare verbissen dagegen, mit dem Soldatenjungen zu einem Geist zu verschmelzen, was auch dem Soldatenjungen nicht gefällt. Dieser versucht es zuerst im Guten und aus gemeinsamer Liebe zur Baumfrau Lisana; als dies nicht gelingt, lässt er nichts unversucht, Nevares Geist auszulöschen.

_Von der Kavalla-Akademie nach Gettys, von Gettys zu den Fleck_

Eine klare Dreiteilung zwischen den Büchern zeigt sich nun. Der erste Band schilderte das facettenreiche Leben in Gernien, danach ging es an den Rand der gernischen Zivilisation in das Grenzkaff Gettys, erste Kontakte mit der Magie und der Fleck-Kultur veränderten Nevare dramatisch. Die Entfremdung Nevares durch die Magie wurde von Hobb leider zur exzessiven Ekel-Orgie der fleck-typischen Liebe für Fettleibigkeit (große Wampe = große Magie) hochzelebriert, während Nevare zu einem passiven und weinerlichen Charakter verkam. Dieser Trend setzt sich leider auch im Abschlussband fort, Nevare will oder kann nichts gegen die Wünsche der Magie tun. Oder er ist einfach dem im Gegensatz zu Nevare sehr zielstrebigen und aktiven, aber recht gnadenlosen „Soldatenjungen“, seinem Fleck-Ich, unterlegen. Um es auf den Punkt zu bringen, Nevares passive Zuschauerrolle ist fast identisch mit der des Lesers, er ist ein berichtender Erzähler.

Dieses Buch handelt von der Fleck-Kultur, die Hobb gerne als hoch entwickelt aber sehr schwer verständlich aufgrund ihrer Fremdartigkeit beschreiben möchte. Ich sage deshalb „möchte“, da dies nur unzureichend gelingt. Die Fleck besitzen zwar durchaus komplexe soziale Beziehungsgeflechte, über allem thront jedoch die Magie – unerklärlich, fremdartig, letztendlich aber leider nur ein Deus Ex Machina, der die Handlungslogik nach Belieben zurecht biegt, was mir bereits im Vorgängerband ein wenig den Lesespass verdorben hat. Ich möchte nur an Buel Hitch erinnern, der von der Magie zu einem Mord gezwungen wurde, der Nevare in die Schuhe geschoben wurde. Nevares „Ich bin tot!“-Suggestivzauber gehört in dieselbe Kategorie. Das mag man in einem Fantasyroman normalerweise gerne akzeptieren, allerdings nicht so oft und in dieser Tragweite!

Die Fleck hätten ohne die Magie vermutlich ein differenzierteres und interessanteres Sozialgefüge, leider bleiben sie so Wilde mit ausgeprägten magischen Fähigkeiten, deren Gesellschaft trotz aller Bemühungen nicht annährend so ausdifferenziert und interessant wie die Gerniens oder der eher untergeordneten Kidona ist. So bleibt ein passiv erduldender Nevare in der Rolle eines Erzählers, der über eine wenig sympathische neue Hauptfigur im verfetteten Körper Nevares, den „Soldatenjungen“, berichtet. Das ist leider nicht das einzige Problem. Es fällt leicht, sich über Fehler auszulassen, man sollte allerdings nicht die positiven Seiten unterschlagen. Und hier liegt das nächste Problem: Es ist geradezu tragisch, wenn die interessantesten und bemerkenswertesten Ereignisse dem recht abrupten und kurz gehaltenen Finale zugesprochen werden müssen. Dieses kehrt wieder nach Gernien zurück, Nevare nimmt endlich den Kampf um sein Glück und Leben auf, übrigens auch gegen die Fleck-Pfunde, die sich der „Soldatenjunge“ angefressen hat.

Robin Hobb ist nach wie vor hervorragend, wenn es um die Charakterisierung von Figuren geht, ich lese ihre Romane sehr gerne, auch in der Übersetzung ist ihre Sprache und Gedankenführung, meistens aus der Ich-Perspektive, einfach ein Genuss. Mit der Handlung hapert es leider des Öfteren, und die letzten beiden Bände der Nevare-Trilogie sind leider unrühmliche Musterexemplare dieses bedauerlichen Versagens.

Dabei hat die Nevare-Trilogie durchaus Potenzial zu viel mehr gehabt. Der Spagat zwischen den Gerniern und den Fleck ist Hobb gründlich misslungen, denn solange sie die Fleck von außen, aus Sicht der Gernier, betrachtet hat, waren diese faszinierend. Sie entzaubert die Fleck-Kultur selbst, wenn sie den Vorhang lüftet und den Leser einen Einblick offenbart, der faszinieren sollte, leider aber nur offenbart, dass die Fleck-Kultur auf Fressen und Magie beruht, salopp formuliert. Das mag leicht fremdartig sein, befremdlich sogar, aber Tiefe und Faszination werden so nicht erzielt. Der Kampf Nevares um seine persönliche Identität ging leider in dieser Lustlosigkeit unter; dass er am Ende schließlich zur Topform aufläuft und aktiv wird, wirkt wie Hohn, zeigt es doch, wie viel mehr möglich gewesen wäre. Schade!

_Fazit:_

Die Nevare-Trilogie ist für Freunde von Robin Hobb Freude und Missvergnügen zugleich. Nach wie vor ist der ihr eigene faszinierende Erzählstil mit dem Fokus auf der Ich-Perspektive ein echtes Highlight im Fantasygenre, doch dieses Mal überwiegt bei mir das Bedauern aufgrund der verpassten Möglichkeiten. Gernien ist ein faszinierender Mix aus Mittelalter und Wildem Westen. Das alleine hätte mir schon gereicht. Wozu noch die Fleck? Diese hätten die Krönung sein sollen, sein müssen. Doch die Schilderung dieser vermeintlich interessanten Rasse endet in handlungsarmer Langweile.

Nur für eingefleischte Hobb-Leser ist diese Trilogie zu empfehlen, alle anderen sollten die Faszination der hobbschen Erzählkunst besser mit der weit besseren „Weitseher“-Trilogie oder den „Zauberschiffen“ erfahren.

|Gebundene Ausgabe: 767 Seiten
ISBN-13: 978-3608938142
Originaltitel: |Renegade’s Magic|
Übersetzt von Joachim Pente|
http://www.robinhobb.com
http://www.hobbitpresse.de
http://www.klett-cotta.de

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