Hoffman, Jilliane – Morpheus

_Thriller-Soufflé mit viel heißer Luft_

Staatsanwältin Chloe J. Townsend (ehemalige Larson) schmiedet Hochzeitspläne mit Special Agent Dominick Falconetti, mit dem sie vor drei Jahren die Cupido-Morde aufklärte. Doch eine Reihe von Polizistenmorden schreckt die beiden Turteltäubchen auf. Die Medien nennen den Killer „Morpheus“. Alle Cops wurden übel verstümmelt, doch wie sich zeigt, hatten alle Dreck am Stecken – und fast alle waren in den Cupido-Fall verwickelt. Die Staatsanwältin hat ein dunkles Geheimnis. Und das Monster, das im Todestrakt auf den Tag der Rache wartet, möchte ihr noch etwas sagen …

_Die Autorin_

Jilliane Hoffman war bis 1996 stellvertretende Staatsanwältin in Miami, bevor sie begann, für das Florida Department of Law Enforcement (FDLE) zu arbeiten. Sie schulte Special Agents in Zivil- und Strafrecht und war an vorderster Front an den Ermittlungen gegen den Mörder des Mödeschöpfers Gianni Versace beteiligt.

Heute lebt sie als Schriftstellerin mit ihrem Mann und ihren Kindern in Fort Lauderdale. [„Cupido“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=699 war ihr erster Roman. Noch bevor das Buch erschienen war, hatte das Filmstudio Warner bereits die Filmrechte für 3,5 Mio. Dollar gekauft. (Verlagsinfo) „Morpheus“ ist die Fortsetzung.

_Handlung_

Im Herbst 2003 wird Officer Victor Chavez in die 79. Straße von Miami Beach geschickt. Er soll einen Obdachlosen zur Räson bringen. Dass Chavez überhaupt diesen Scheißjob machen soll, ist eine polizeiinterne Bestrafung für seine Rolle in dem drei Jahre zurückliegenden Cupido-Fall. Er war derjenige, der rechtswidrig, nur auf einen anonymen Anruf hin, den Wagen des Cupido-Mörders William Rupert Bantling auf dem Highway gestoppt und in dessen Kofferraum die Leiche seines jüngsten Opfers entdeckt hatte: Anna Prado, eine 22-jährige Schönheit, die nur leider kein Herz mehr hatte. „Cupido“ schnitt es allen seinen Opfern heraus. Nur dank Chavez’ Handeln und der Staatsanwältin C.J. Townsend, die ihn deckte, konnte der Mörder überhaupt gestellt, überführt und verurteilt werden.

Als Chavez den Obdachlosen nicht entdeckt, kehrt er zu seinem Einsatzwagen zurück und macht Meldung. Doch auf dem Bildschirm seines Bordcomputers steht eine seltsame Mitteilung. Chavez dreht sich nach hinten um, doch da legt sich bereits ein Arm um seinen Hals, der mit einem Messer fixiert wird. Seine eigene Dienstwaffe, eine Sig-Sauer, richtet sich auf seine Schläfe, dann holt der Täter ein zweites, besonders geformtes Messer hervor und macht sich an seine blutige Arbeit.

Die herbeigerufene Staatsanwältin C.J. Townsend kennt natürlich Chavez, hängt die Verbindung aber nicht an die große Glocke. Sie erinnert sich an alles, was mit dem Cupido-Fall zusammenhing. Damals schmiedete sie mit drei Polizeibeamten ein Komplott, um den Mörder hinter Gitter zu bringen. Sie verschwieg zudem, dass sie eines seiner früheren Opfer war – das war 1988.

Der nächste Polizistenmord verwirrt sie, denn Bruce Angelillo war nicht Teil des Komplotts. Doch auch er hatte wie Chavez Dreck am Stecken: Drogengeschäfte. Mittlerweile beginnt der Medienzirkus, der in der Stadt Panik und Hysterie unter den Bürgern erzeugt. Ein Krieg zwischen den zahlreichen Ermittlungsbehörden entbrennt, doch er findet ein jähes Ende, als ein größeres Raubtier auf dem Plan erscheint: das FBI. Dominick Falconetti, der Verlobte Townsends, hat nicht die Absicht, die Trophäe der Bundespolizei kampflos zu überlassen.

Er ist es, der CJ zum Tatort des nächsten Polizistenmordes ruft. Auch diesmal kennt sie das Opfer. Sunny Lindeman war Mitglied ihres Komplotts. Das verschweigt sie Dom aber. Endlich erfahren sie und Dominick auch, was die aufgeschlitzten Hälse zu bedeuten haben. Es handelt sich um die „Kolumbianische Krawatte“ und wird von den kolumbianischen Drogenkartellen als Botschaft verwendet. Der Schlitz im Hals simuliert ein Grinsen, die Zunge in der Speiseröhre bedeutet, er hat zu viel geredet; abgeschnittene Ohren: Er hat zu viel gehört.

Doch beim nächsten Toten sind es herausgeschnittene Augen, die CJ auffallen. Offenbar hat das Opfer zu viel gesehen. Es handelt sich um Lou Ribeiro, den dritten und letzten Teilnehmer an ihrem Komplott gegen Cupido. Der Detective Sergeant hat CJ zuvor bei Sunny Lindemans Beerdigung angesprochen. Er wusste, dass er der Nächste sein würde. Doch sie konnte ihm nur sagen: „Es tut mir leid.“ Nun fühlt sie sich an seinem Tod schuldig, den sie vielleicht hätte verhindern können, wenn sie Dominick eingeweiht hätte.

Doch jetzt steht sie selbst auf der Abschussliste des wegen seiner Methode „Morpheus“ genannten Serienmörders. Immer noch nicht wagt sie sich Dominick anzuvertrauen, damit er sie beschützt, denn dafür müsste sie ihm ihr damaliges nicht ganz koscheres Verhalten offenbaren – mit allen rechtlichen Konsequenzen, die bis hin zum Rausschmiss aus der Anwaltskammer und zur Freilassung von „Cupido“ reichen können.

Selbst nach drei Tagen verdächtigen und angestrengten Nachdenkens gelangt CJ zu keinem Entschluss, denn alle Wege scheitern an einer zentralen Frage: Was genau ist es, das „Morpheus“ von ihr will? Da geschehen weitere Morde.

_Mein Eindruck_

Der ganze Nachfolger zu „Cupido“ besteht aus heißer Luft, die um ein Nichts aus Handlung aufgewirbelt wird. Das Resultat ist gähnende Langeweile, ja, sogar Überdruss. Der Einzige, der überhaupt handelt und die Dinge in Bewegung setzt, ist weder Dominick noch seine Beinahe-Verlobte CJ Townsend, sondern der Killer. Und von dem sehen wir in 90 Prozent aller Fälle nur das blutige Ergebnis seines Treibens. Okay, er tritt in mehreren Szenen auf, aber natürlich ohne Namen. Diesen Namen herauszufinden – darum geht es eigentlich. Es ist das alte Katz-und-Maus-Spiel. Der O-Titel sagt schon alles: „Last witness“, der letzte Zeuge bzw. die letzte Zeugin. Die Hasenjagd ist eröffnet.

Doch jedes Spiel muss einmal enden. Bevor noch herauskommt, wer der todbringende Mister X ist, gerät die arme Staatsanwältin in seine Klauen. Natürlich nichts ahnend und sich bereits in Sicherheit wähnend. Zumindest vor ihm, wenn auch nicht vor ihren inneren Dämonen. Aber ein Gewitter soll ja die Luft reinigen, wie es so schön heißt, und so bricht über CJ ein Gewitter herein, das für sie einen vorzeitigen Tod verheißt. Nun wäre es an der Zeit für den Showdown.

Falsch gedacht! Zeit für den Auftritt des Weißen Ritters. Um wen es sich handelt, darf ich nicht verraten, aber man kann es sich an drei Fingern ausrechnen. Danach ist wieder alles in Butter. Es darf endlich geheiratet werden. Sämtliche Kleinmädchenträume von CJ und Konsorten gehen in Erfüllung. Bis zum Auftritt des nächsten Killers jedenfalls.

Ich weiß, wo die Autorin ihre Ideen herbekommt – vielleicht bei ALDI in der Abteilung für Groschenromane. Aber damit kann sie weder Karin Slaughter noch Patricia Cornwell oder Kathy Reichs das Wasser reichen. Es reicht nicht einmal zu einem Neuaufguss von „Cupido“. Das heiße Lüftchen, das in „Morpheus“ erzeugt wird, könnte nicht mal einen Kinderballon zum Aufsteigen bringen. Die schematische Struktur dessen, was sich hier einen „Thriller“ nennt, vermag an keiner Stelle zu überraschen.

Das ist aber auch der Zweck der Übung. Der Käufer weiß bereits, was er bekommt und wird nicht in seiner Erwartung enttäuscht. Er oder vielmehr sie bekommt aber auch kein Gran mehr, und das ist das eigentlich Ärgerliche. Es erinnert mich an die schematischen Fortsetzungen aus James Pattersons Schreibfabrik, beispielsweise an „The 5th Horseman“. Das sind Romane, die nur für einen Markt geschrieben werden, den es mittlerweile in aller Welt gibt: den Flughafenkiosk.

Der Kioskmarkt ist bekanntlich heiß umkämpft, denn jeder Autor will zum ersten und lukrativsten Rang aufsteigen. Ich war gerade mehrere Tage in den USA und in London und durfte mehrere Flughäfen „genießen“. Nirgendwo war „Morpheus“ zu sehen und nur vereinzelt „Cupido“. Überall jedoch waren James Patterson und Dean Koontz zu finden, von Stephen King ganz zu schweigen. Die Prominenz des Autors verhält sich direkt proportional zu dem Regalmeterplatz, den seine Bücher hier, am Brennpunkt des Prestissimo-Buchhandels, einnehmen. Nur wenige Konkurrenten können es mit diesem Spitzentrio aufnehmen.

Wer für diesen Markt schreibt, darf keine Überraschungen riskieren, sondern ergeht sich darin, altbewährte Formeln auf bekannte Stoffe anzuwenden. „Morpheus“ ist dafür ein Paradebeispiel. Und wen „Cupido“ beeindruckt und begeistert hat, der will sicher auch einen Blick in „Morpheus“ werfen. Ich kann diesen Blick nicht empfehlen.

_Unterm Strich_

Selten ist mir ein so vorhersehbarer und altbekannte Schemata umsetzender Thriller untergekommen. Wer keine Krimis kennt, der wird sicherlich vor Spannung an den Fingernägeln kauen. Und wer schon schon immer mal von einem Weißen Ritter mit großer Kanone (upps, das klingt jetzt aber eindeutig zweideutig) gerettet werden wollte, der wird mit „Morpheus“ voll auf seine Kosten kommen. Alle anderen Leser dürften bei der neusten Patricia Cornwell, Reichs oder Marklund mehr Realismus finden als in diesem Machwerk.

|Originaltitel: Last Witness, 2005
Aus dem US-Englischen übersetzt von Sophie Zeitz|

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