Hoffman, Jilliane – Vater unser (Lesung)

_Bin ich ein Monster oder bloß unzurechnungsfähig?_

Mord in Miami. Der Täter: Der angesehene Chirurg Dr. David Marquette. Die Opfer: seine Frau und seine drei kleinen Kinder. Ist der Familienvater psychisch krank – oder hat er kaltblütig gemordet? Ist er womöglich ein lang gesuchter Serienkiller? Staatsanwältin Julia Valentine will die Wahrheit herausfinden, gegen alle Widerstände. Und die lauern auch in ihrer eigenen Vergangenheit … (Verlagsinfo)

_Handlung_

In der Notrufzentrale von Coral Gables bei Miami nimmt Georgia Adams den Hörer ab. „Helfen Sie uns bitte!“, fleht die Stimme eines Mädchens sie an. „Er kommt zurück.“ Dann Stille. Georgia hat die Nummer gespeichert und ruft zurück – vergeblich. Sie schickt die Polizei zu der Adresse von Dr. David Marquette. Als Pete Colonna vor dem bezeichneten Haus steht, sieht alles in Ordnung aus: eine herrschaftliche Villa. Aber auf seine Rufe antwortet niemand. Nach fünf Minuten bricht er ein, und die Alarmanlage geht los. Als er und Sergeant Deamus in den ersten Stock gehen, entdecken sie schließlich die Blutspritzer auf dem Teppichboden – und dann die Leichen … Colonna erleidet einen Nervenzusammenbruch.

|Julia|

Staatsanwältin Julia Valentiano wird am Montag ins Büro von Charlie Rifkin gerufen, den Bezirksstaatsanwalt von Dade County, Miami, zuständig für Kapitalverbrechen. Dessen Stellvertreter, Julias Lover Ricardo Bellido ist schon da. Sie berichten ihr von dem, was Pete Colonna vorfand: David Marquettes Frau Jennifer und ihre drei kleinen Kinder wurden ermordet und Dr. Marquette selbst so schwer verletzt, dass er nun auf der Intensivstation liegt.

Bellido, der für den Fall zuständig ist, hält Marquette für den Tatverdächtigen. Julia soll helfen, ihn festzunageln und vor Gericht zu stellen. Sie ist verblüfft. Während er einerseits ihre Leistungen lobt, sie andererseits unter Zeitdruck setzt, verteidigt er seine Wahl gegenüber Rifkin. Julia will sich diese Chance, ihre Karriere zu fördern, nicht entgehen lassen und sagt zu.

Am Tatort hält Kommissar Steve Bryll Julia für eine Praktikantin – sehr erbaulich! Die Tatorte im ersten Stock jagen Julia das kalte Grauen ein und sie kommt sich vor wie in einem Horrorfilm. Jennifer Marquette wurde erst mit einem stumpfen Gegenstand niedergeschlagen und dann mit 32 Stichen getötet. Zwischen zwei und 4:30 Uhr in der Nacht. Eigentlich hätte Dr. Marquette auf einem Ärztekongress in Orlando sein sollen; warum war er zu Hause? Detective John Laterino hat jede Menge offener Fragen und sät Zweifel. Dann die toten Kinder …

Julia wird es speiübel und muss eine Pause machen. John Laterino begründet seinen Verdacht gegen Dr. Marquette vor allem damit, dass es keinerlei Einbruchsspuren gibt. Die Alarmanlage war aktiviert. Marquette wurde in der Badewanne gefunden, mit zahlreichen Stichwunden. Ein Selbstmordversuch, meint John Laterino. Schon bald sind er und Julia per Du.

|Festnahme|

Kurz nachdem David Marquette auf der Intensivstation aufgewacht ist, veranlassen seine Eltern alles Nötige, um ihn in ein Krankenhaus in Chicago verlegen zu lassen. Das muss unbedingt verhindert werden, befiehlt Bellido. Julia reicht einen Antrag ein, Marquette festzunehmen, und Richter Irving Katz veranlasst alles Nötige. Sein Anwalt Mel Levinson legt vergeblich Beschwerde ein. Marquette wird in eine geschlossene Klinik verlegt.

Julia hat 180 Tage Zeit, um ihn rechtskräftig vor Gericht zu stellen und verurteilen zu lassen. Schnell sind 20 davon verstrichen. Besuche bei Marquette bringen nichts: Er ist apathisch, nicht ansprechbar. Auf Druck von Marquettes Vaters, eines Neurologen, beantragt Verteidiger Levinson, Marquette als unzurechnungsfähig anzusehen und ihn als schuldunfähig freizusprechen. Allerdings gilt in Florida: Alle sind als geistig gesund anzusehen, es sei denn, das Gegenteil kann bewiesen werden und der Täter nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden kann. Levinson behauptet, Marquette sei schizophren. Er sei bereits in Chicago in der Psychiatrie gewesen.

Bellido veranlasst, dass Laterino und Bryll Beweise für das Gegenteil herbeischaffen. Er selbst könnte zum nächsten Generalstaatsanwalt von Florida gewählt werden und muss diesen Fall gewinnen. Außerdem müssen Levinson und Julia entsprechende Gutachter aussuchen. Bellido will Christian Barracat für diese Aufgabe.

|Schatten der Vergangenheit|

In Julia kommen zunehmend ihr Zweifel an Marquettes Schuldfähigkeit – und ob dieser Fall das Richtige für sie ist. Ihre Pflegeeltern, die sie großgezogen haben, raten ihr dringend ab. Aber sie schweigen hartnäckig darüber, wer am Tod ihrer Eltern schuld ist ist. War es wirklich ihr Bruder Andrew, der sie umbrachte? Und wo lebt er jetzt? Bei ihrer Ermittlung in der Vergangenheit ihrer Familie stößt Julia auf ein finsteres Geheimnis: Ihr Vater war schizophren, ihr Bruder ist es auch – und sie fühlt sich in letzter Zeit auch nicht so gut …

_Mein Eindruck_

Jeder Justizthriller funktioniert auf zwei Ebenen: auf der der juristischen Ermittlung und dem Prozess sowie auf der menschlichen Ebene. Letztere beeinflusst den Verlauf des Prozesses und seiner Vorbereitung und das ist auch der Fall bei Julia Valentiano. Ihre Haltung gegenüber David Marquette wandelt sich, erschüttert von der Begegnung mit ihrem Bruder, von Ablehnung hin zu Verständnis. Damit verrät sie allerdings die knallharte, karriereorientierte Haltung von Ricardo Bellido und seinem Chef Charlie Rifkin. Als sie ihren eigenen (!) Gutachter in eine Falle tappen lässt, so dass er offenbart, dass letzten Endes sein Urteil rein auf Instinkt basiert, führt dies nicht nur zum Skandal, sondern auch folgerichtig zu ihrem Rauswurf. Seis drum – sie hat ja Johnny Laterino und dessen Liebe.

Was ist ein Monster, fragt uns die Autorin und lässt verschiedene Stichwortgeber zu Wort kommen. Ein Monster ist ein Serienmörder, der im Bewusstsein seiner Schuld Menschen tötet. Ein Monster ist aber auch ein Simulant, der so tut, als wäre er unzurechnungsfähig, um zu vermeiden, als Mörder verurteilt zu werden. Doch der Verlauf des Prozesses zeigt deutlich, dass sich ebenso schuldig macht, wer einen Unschuldigen bzw. Unzurechnungsfähigen zum Tode verurteilt.

|Wechsel des Standpunktes|

Der Weg von Vorverurteilung hin zu Verständnis und Freispruch ist lang. Die Gesellschaft muss ihn ebenso gehen wie Julia Valentiano, die B-Staatsanwältin. Sie ist selbst betroffen von der Krankheit und hat einen psychotischen Schub, der einer möglichen Schizophrenie vorausgehen kann. Wunderbar und beängstigend ist ihr Gefühl der Dissoziation mitten im Gerichtssaal, wenn alle um sie herum unwirklich erscheinen. Wahrlich ein Moment von dickschen Dimensionen.

Sie selbst kann dem Eindruck dieser Scheinwirklichkeit nicht standhalten. Scheinwirklich deshalb, weil ihr Lover Bellido sie mit ihrer Chefin betrügt – sie hats genau gehört. Nicht sie hat Bellido verraten, indem sie seinen Gutachter bloßstellte, sondern zuvor Bellido sie, indem er sie betrog. Wie so oft, spielen grundlegende Loyalitäten wie Treue und Ehrlichkeiten eine ausschlaggebende Rolle im amerikanischen Thriller.

|Hochgeschlafen?|

Hat sich Julia hochgeschlafen, um ihren Job zu bekommen, fragt man sich wiederholt, wenn man merkt, wie abhängig sie von ihrem Lover und Mentor Ricardo Bellido ist. Andersherum könnte man allerdings fragen, ob sie eine Chance hatte, seinen Nachstellungen zu entgehen, wenn sie doch nur die B-Staatsanwältin ist und er der kommende Generalstaatsanwalt. Jedenfalls keine, wenn sie ihren Job behalten wollte.

So läuft es doch eigentlich überall in der Wirtschaft – aber auch in der Justiz? Die US-Justiz funktioniert anders als die hierzulande: Dort werden Anklagevertreter des Staates und seiner Organe gewählt, als wären sie Politiker. Folglich ist auch der Druck, unabhängig zu bleiben oder Loyalität zu beweisen, ungleich höher als in einem Rechtswesen, das von den organen der Politik auch gesetzlich unabhängig gemacht worden ist.

|Offene Fragen|

Natürlich muss die menschliche Ebene des Romans auch die Gefühle des Lesers erreichen und wecken. Dafür ist der erfahrenen Autorin praktisch jedes Mittel recht. Allein die Tatortszenen sind der pure Horror. Die junge Staatsanwältin Julia, die an unserer Stelle alles aufnimmt, ist entsprechend niedergeschmettert. Die Vorverurteilung des Täters kann beginnen. Aber hat man mit Dr. Marquette wirklich den Richtigen erwischt? Am Schluss wird klar: Selbst wenn er der Täter gewesen sein sollte, so kann man ihn nicht dafür verurteilen – er ist ein Opfer seiner Krankheit.

Die Autorin sät mehrmals Zweifel an Marquettes Täterschaft. Ja, sie geht sogar soweit, Julia einen anonymen Anruf entgegennehmen zu lassen, bei dem der Unbekannte sagt, Marquette sei es nicht gewesen. Das einzige Detail, dass uns an einem dritten Mann zweifeln lässt, ist die eingeschaltete aber nicht von außen ausgelöste Alarmanlage. Dieses Detail hat mich mehrfach verwirrt. Ein Einbrecher hätte sie auslösen müssen. Es sei denn, Marquette ist der Täter. Er wäre heimgekehrt und hätte sie eingeschaltet. Erst die Cops lösten sie aus. Vielleicht wird dieses Detail in der ungekürzten Fassung besser erklärt.

Auch die Rückblenden, in denen Julia über ihre Vergangenheit nachdenkt, werfen Fragen auf. Wenn Andrew, ihr Bruder, aus der geschlossenen Anstalt entlassen und nach seiner „Heilung“ in ein offenes Apartment ziehen darf, warum bringt er sich dann dennoch um? Müsste er sich nicht über seine Freiheit freuen? Die Antwort wird angedeutet: Sein Schuldbewusstsein, ausgelöst von Julia, überwältigte ihn.

_Die Sprecherin_

Andrea Sawatzki, Jahrgang 1963, reizen extreme Figuren, ihr Spiel kann in Sekundenschnelle von zarter Verlorenheit zu handfester Vitalität überspringen (FAZ). Für ihre Darstellung der „Tatort“-Kommissarin Charlotte Sänger wurde sie u. a. mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. (Verlagsinfo) Sie spielte u.a. in Oliver Hirschbiegels „Das Experiment“ neben Moritz Bleibtreu sehr eindrucksvoll die Rolle einer Verhaltensforscherin, die vergewaltigt wird. Diese Szene wird in TV-Ausstrahlungen stets unterdrückt. Der ganze Film geht an die Nieren, aber diese Szene besonders.

Andrea Sawatzki ist zwar keine große Stimmkünstlerin, aber ihr gelingt der fast fehlerlose und recht flotte Vortrag dieses vielschichtigen Textes auf eine Weise, die das Verstehen einigermaßen leicht macht. Durchweg konnte ich die tiefere Tonlage für die männlichen Figuren leicht heraushören, wohingegen die weiblichen Figuren fast alle ziemlich gleich klingen. Das wirkt auf die Dauer ein wenig monoton.

Deshalb war es unabdingbar, dass die Sprecherin jeder Figur eine eigene Sprech- und Ausdrucksweise zugewiesen hat. So ist etwa Pamela, die Unterschichtenfrau, die von ihrem Männe geschlägen wird, unschwer als genervte Mutter und Gattin erkennbar. Sie wehrt sich erst lautstark gegen Julias Einmischung, kehrt dann aber reumütig zu ihr zurück.

Die Sprecherin legt anders als Sprecherinnen wie Franziska Pigulla wenig Wert auf Sentimentalitäten oder den Ausdruck von Kurzatmigkeit, häufiges Seufzen und dergleichen. Es ist ihr wichtiger, eine Figur durch die eigentümliche Sprechweise zu charakterisieren. In diesen Charakterisierungen erweist sich die Routiniertheit der Sprecherin, die hierbei offenbar auf ihre Schauspielausbildung zurückgreift.

Da das Hörbuch weder Musik noch Geräusche aufweist, brauche ich darüber kein Wort zu verlieren.

_Die Autorin_

Jilliane Hoffman war bis 1996 stellvertretende Staatsanwältin in Miami, bevor sie begann, für das Florida Department of Law Enforcement (FDLE) zu arbeiten. Sie schulte Special Agents in Zivil- und Strafrecht und war an vorderster Front an den Ermittlungen gegen den Mörder des Mödeschöpfers Gianni Versace beteiligt.

Heute lebt sie als Schriftstellerin mit ihrem Mann und ihren Kindern in Fort Lauderdale. „Cupido“ war ihr erster Roman. Noch bevor das Buch erschienen war, hatte das Filmstudio Warner bereits die Filmrechte für 3,5 Mio. Dollar gekauft. (Verlagsinfo) „Morpheus“ ist die Fortsetzung.

_Das Hörbuch_

Andrea Sawatzki trägt kompetent und gut verständlich vor. Mit der individuellen Charakterisierung der Figuren trägt sie zur Spannung und Unterhaltung bei. Insbesondere John Laterino hat mir gut gefallen, wohingegen Julia immer als schwache Frau dargestellt wird – obwohl das gar nicht stimmt, wie sich am Schluss zeigt.

Mir war die Geschichte an manchen Stellen zu rührselig, aber der zweck dieser Sentiments ist, wie oben gesagt, die Anrührung des Hörers, damit er überhaupt bereit ist, seinen eigenen Standpunkt zu überdenken.

Die Lesefassung ist gekürzt. Regie führte Frank Bruder.

_Unterm Strich_

Diesmal erzählt Jilliane Hoffman eine ganz andere Geschichte als in „Cupido“ und „Morpheus“. Dass es diesmal keine richtige Ermittlung durch die Hauptfigur gibt, daran muss sich der Leser bzw. Hörer erst einmal gewöhnen. Diese Schwerpunktverschiebung ist aber notwendig, um das eigentliche Anliegen der Autorin vertreten und zur Geltung bringen zu können: die Relativierung der Einstellung gegenüber Geisteskranken.

Schizophrene sind für sie keine „Monster“, sondern selbst Opfer ihrer Krankheit, selbst wenn diese Leute unsägliches Leid über ihre Mitmenschen bringen. Geschickt versteht es die Autorin, den zweifel an Marquettes Schuldfähigkeit bis zum Schluss aufrechtzuerhalten. Wir erinnern uns allzu gut an Kevin Spacey in David Finchers „SEVEN“, von dem man auch nicht recht weiß, ob er durchgeknallt oder ein durchtriebenes Monster ist.

Das ist die Schwäche des ganzen Konzepts: Der Leser ist schon zu sehr durch solche Filme vorbelastet. Die Autorin muss ihre Hauptfigur deshalb selbst fast verrückt werden lassen, um deutlich machen, was Psychose überhaupt bedeutet – und dass es jeden treffen kann. Deshalb, so die Aussage, darf keiner auf den anderen zeigen und sagen, der sei ein Monster. Der Finger könnte zurück zeigen.

|Gekürzte Lesung auf 6 Audio-CDs mit 396 Minuten Spieldauer
Originaltitel: Plea of insanity (2006)
Aus dem US-Englischen übersetzt von Nina Scheweling und Sophie Zeitz
ISBN-13: 978-3866101685|

_Jilliane Hoffman bei |Buchwurm.info|:_
[„Cupido“ (Lesung)]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=699
[„Morpheus“]http://buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1779

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