Hoffman, Paul – linke Hand Gottes, Die

_Die Trilogie_:

1) _“Die linke Hand Gottes“_ (2010)
2) „Die letzten Gerechten“ (2011)
3) – nur angekündigt –

_Actionreich, romantisch und spannend: Kriegermönche und die Liebe _

Das heilige Kloster des Erlöserordens ist ein trostloser Ort, an dem Hoffnung und Freude unbekannt sind. Wer hierhergebracht wird, für den hat das Leben ein Ende. Die jungen Novizen, die diesen höllischen Ort betreten, müssen das schreckenerregende Regime der Mönche ertragen. Gewalt und Grausamkeit stehen an erster Stelle.

Thomas Cale ist einer dieser unglückseligen Klosterschüler. Er ist vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, da ist er sich nicht sicher. Niemand kann es ihm genau sagen. Schon lange hat er seinen richtigen Namen vergessen. Jetzt nennen sie ihn Cale. Er kann sich an sein früheres Leben nicht wirklich erinnern, und er weiß nicht, was ihn noch alles erwarten wird, aber eines weiß er: Niemals werden sie ihn unterkriegen. Seine Zeit wird kommen, und dann wird er sich rächen … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Paul Hoffman hat nach seinem Anglistik-Studium in über zwanzig verschiedenen Berufen gearbeitet, unter anderem als Buchmacher, Kurierfahrer, Lehrer und als Gutachter für den Britisch Board of Film. Teile seines ersten Romans „The Wisdom of Crocodiles“ wurden mit Jude Law verfilmt. Als Drehbuchautor hat er neben vielen anderen mit Francis Ford Coppola gearbeitet. „Die linke Hand Gottes“ ist sein erster Roman bei Goldmann und der erste Teil seiner Trilogie. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Das Kloster der Mönche des Erlöserordens liegt in einer Einöde irgendwo in Europa. Der orden führt seit Jahrhunderten Krieg gegen die Ketzer der „Antagonisten“ und bildet alle seine Zöglinge zu Kriegern aus, die man später an der Front einsetzen kann. Auch Thomas Cale ist so ein Krieger Cale, doch er zeichnet sich besonders aus: Er wird vom Kriegsmeister Bosco persönlich ausgebildet. Damit er sich auf seine Kenntnisse in Strategie, Geographie und Waffenkunde nichts einbildet, bestraft ihn Bosco regelmäßig schmerzhaft. Cale lernt, niemandem zu vertrauen und sein Herz zu verschließen.

Somit ergeht es Thomas keinen Deut besser als 500 anderen Zöglingen in der Schlafhalle der Ordensburg. Und auch seine zwei Kumpels Kleist, der Rattenjäger, und Vague Henri, der ewig Unentschiedene, erfreuen sich keiner Privilegien; auch sie müssen den Fraß namens „Eingeschlafene Füße“ täglich hinunterwürgen. Deshalb planen sie ihre Flucht schon lange. Heute ist ein besonderer Tag: Kleist hat einen alten Schlüssel zu einer verborgenen Tür entdeckt – eine Sensation, denn die Mönche verabscheuen Türen.

Der Gang hinter der verborgenen Tür ist elend lang, endet unter einer Luke, führt zu einer zweiten Luke und dieser Gang wiederum führt zu einer Balustrade. Und hier stoßen die drei Kumpane unvermittelt auf das Paradies: Frauen! Noch dazu nackte Frauen! Diese sündigen Gefäße des Teufels, wie die Doktrin lautet, planschen in einem Becken, bekommen gut zu essen und lachen – lachen! – in einem fort. Unglaublich! Die drei Freunde schleichen sich heimlich von dannen und landen in einer Küche, die vor Köstlichkeiten überquillt. Noch mehr Paradiesgaben! Auch die Flucht mit gefüllten Taschen gelingt rechtzeitig zum Abendgebet.

Nachdem sie sich an den ungewohnten Speisen den Magen verdorben haben, verbringen sie eine schlaflose Nacht. Thomas beschließt, die Flucht zu wagen. Doch zuvor braucht er Vorräte und Werkzeug. Als er in die Kammer des Zuchtmeisters späht, entdeckt er einen grausigen Vorgang. Der Zuchtmeister seziert einen Körper – und es ist der eines der beiden Mädchen, die sie gestern entdeckten! Sie lebt noch, wie er an der zitternden Hand feststellen kann. Neben ihr wimmert ein zweites, geknebeltes Mädchen – das nächste Opfer. Von Grauen und Zorn gepackt tötet Thomas den Zuchtmeister mit einem Stich in die Oberschenkelarterie; der Mann ist nur verwundert, während er verblutet: Wie konnte ein Zögling ihm so etwas antun?

Thomas versteckt das zweite Mädchen bei seinen Freunden im Tunnel und flieht über die Burgmauer in die Einöde der Scablands. Schon wenige Stunden später wird das Verschwinden der drei Akuluthen ebenso entdeckt wie die Leiche des sezierten Mädchens. Die Hunde erreichen Thomas um ein Haar noch rechtzeitig, doch er springt in einen See und rettet sich in einen Lehmtagebau. Der Lehm, so hat er herausgefunden, überdeckt seinen eigenen Geruch. Kaum ist die Jagd abgeblasen, holt er seine Freunde heraus. Zusammen mit dem Mädchen machen sie sich auf den Weg durch die Scablands, um nach Memphis zu gelangen.

Memphis ist die stolze Hauptstadt des größten Reiches dieser Welt. Dort herrschen die adligen Materazzi über zahlreiche Vasallen und Provinzen. Gerade als die vier Freunde dem Kanzler, Lord Leopold Vipond, dieses Reiches das Leben retten wollen, verhaftet eine Patrouille die Flüchtlinge. Diese geben sich als Zigeuner aus. Klar, dass sie zunächst im Kerker des Geheimdienstes des Kanzlers landen. Dort trifft Thomas den Söldner Idris Pukke wieder, dem er das Leben geschenkt hat. Der Tunichtgut ist der Halbbruder des Kanzlers und soll in dessen Auftrag die vier seltsamen Neuankömmlinge ausspionieren.

Lord Vipond nimmt es mit Verwunderung auf, dass Thomas – nach vielen Verhören – ihm berichtet, dass die Erlösermönche zum Krieg rüsten. Doch sicherlich nur gegen die „Antagonisten“, oder“ Bosco würde sich doch niemals mit den gepanzerten, mächtigen Materazzi anlegen?

Thomas verschweigt ihm wohlweislich, dass er in Boscos Strategielehre einen Plan für genau diesen Angriff ausarbeiten musste. Er ahnt nicht, dass Bosco bereits den Abt mit einem Kissen erstickt hat und nun den Plan Schritt für Schritt umsetzt. Außerdem heuert er in Memphis zwei Meuchelmörder und setzt sie auf Thomas an …

Was soll man bloß mit diesen vier Fremdlingen, die keine Ahnung von Kultur haben, anfangen, fragt sich Lord Vipond. Kleist und Vague Henri steckt er in die Küche und Riba gibt er seiner Nichte Jane als Unterunterunterdienerin. Doch dieser Cale ist ein anderes Kaliber, wie ihm scheint. Er steckt ihn in die Kampfschule. Dort, so hofft er, werden ihm die adligen Jünglinge der Materazzi Manieren und Demut beibringen.

Kurz nachdem Cale einer jungen Frau, die er später als Arbell Schwanenhals, die Tochter des Marschalls, kennenlernt, das Leben gerettet hat, gerät er mit Conn Materazzi, dem stolzesten und besten der Jünglinge aneinander. Es kommt zu einem Duell mit weitreichenden Folgen für ganz Memphis …

_Mein Eindruck_

Für den Schauplatz dieses Geschehens liefert der Autor keine Landkarte. Die muss man sich schon im Kopf zusammenstellen. Und dafür findet man zahlreiche widersprüchliche Hinweise. Memphis liegt hier weder am Nil noch am Mississippi, sondern irgendwo in Nordwesteuropa am Meer. Es herrscht über ein Reich, das im Norden von kriegerischen Norwegern bewohnt wird, und offenbar irgendwo im heißen Süden endet, wo der Vulkan von Delphi Feuer speit.

|Die Ritter|

Allerdings hat Memphis eine gemeinsame Grenze mit dem Erlöserorden. Diese war bis jetzt unumstritten, doch jetzt zieht der neue Abt Bosco in eine merkwürdig neue Art von Krieg. Die Materazzi, die den italienischen und französischen Rittern des Spätmittelalters entsprechen, wissen mit solchen Vorstößen einfach nichts anzufangen. Seit fünfzig Jahren waren sie nicht mehr im Krieg, und davor haben ihre Panzerreiter jeden Gegner niedergewalzt.

|Der Krieg der Mönche|

Was aber soll man davon halten, wenn ein ganzes Dorf von mehr als tausend Menschen massakriert wird – von nur einem Mann?! Wofür, warum, wozu, fragt sich Lord Vipond zitternd, als er das Mordinstrument betrachtet, einen Handschuh mit eingenähter krummer Klinge. Und wozu wurde eine Militärakademie angegriffen, dann sogar eine befestigte Stadt? Es ergibt alles keinen militärischen Sinn – bis ihm der Urheber dieses Palns, Cale, die Augen dafür öffnet.

Und Cale ist es auch, denn Vipond binnen drei Tagen einen Gegenplan liefern muss, soll der Angriff der Erlösermönche nicht ungestraft bleiben. Diese Anfrage hat Cale stets vermeiden wollen, doch schließlich wurde sein Geheimnis doch offenbart, nicht zuletzt durch Kleist und Vague Henri. Er und seine Freunde haben den Sohn des regierenden Marschalls, den taubstummen Simon Materazzi, nicht nur in Kampftechnik unterrichtet, sondern ihm auch die Gebärdensprache beigebracht, sodass er sich nun fließend mit Hilfe eines Dolmetschers verständigen kann. Dafür haben sie sich in den Augen des Marschalls und seiner Tochter Arbell, hohes Verdienst erworben.

|Unstandesgemäße Liebe|

Thomas‘ Herz hat schon immer nach Arbell getrachtet, seit er sie auf einer Mauertreppe vor dem Sturz in den Abgrund bewahrte. Doch er hat es nicht leicht: Er als Mönch kennt die Frauen eigentlich gar nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Liebe der Materazzi-Frauen kompliziert ist. Der Codex verlangt von ihnen, schön zu sein, um Freier anzuziehen, diese dann aber möglich abweisend und hochmütig zu behandeln. Das ist die Minne der Ritter. Bevor sich also Arbell für ihn interessieren kann, muss sie sich erst grundlegend ändern. Dafür sorgt ihre neue Dienerin Riba.

Die mollige Riba aus der Ordensburg bildet zu den Materazzifrauen einen scharfen Kontrast. Riba ist keineswegs auf den Kopf gefallen, aber dazu erzogen worden, den Herren der Schöpfung alles recht zu machen. Folglich kann sie sich vor Verehrern kaum retten. Was ihr prompt den Rauswurf durch ihre erste Herrin, Jane Vipond, einbringt. Nun wirkt sie als Spionin der Marschallin in den Gemächern Arbells.

|Arbells Geheimnis|

Denn Arbell wird von der Außenwelt abgeschirmt. Welches Geheimnis verbergen Arbell und ihre drei Leibwächter Cale, Kleist und Vague Henri, will die Marschallin herausbekommen. Der Grund ist einfach: Boscos Mönche haben Arbell bereits einmal entführt. Beim zweiten Versuch werden sie sie töten, ist sich Cale sicher. Es dauert nicht lange, bis die Mönche zusammen mit Leuten aus der Unterwelt der Stadt mitten in den Palast eindringen …

|Finale |

Im ausgedehnten Finale des Romans gelangen der Krieg gegen die Erlöser und die Liebesbeziehung zu Arbell in ein kritisches Stadium. Obwohl Arbell ihren Beschützer Cale innig zu lieben gelernt hat, fürchtet sich doch ein kleiner Teil von ihr immer noch vor ihm. Gar zu kaltblütig war er beim Töten des Kampfmeisters Solomon in der Arena. Wird er nun auch in der Entscheidungsschlacht gegen die Erlöser ebenso kalt töten?

|Azincourt 2.0?|

Der unerwartete Verlauf dieser Entscheidungsschlacht wird bis ins kleinste Detail erklärt, um die Bedeutung dieses Ereignisses klarzumachen. Die gepanzerten Materazzi-Ritter sind den erschöpften, kranken und kaum bewaffneten Mönchlein 5 zu 1 überlegen, noch dazu in jeder waffentechnischen Hinsicht. Die erste Phase der Schlacht folgt dem Muster der Schlacht von Azincourt aus dem Jahr 1415. Jeder, der schon mal Kenneth Branaghs Verfilmung von Shakrespeares Drama „Henry V“ gesehen hat, weiß, wie die Schlacht verlief: Ein englischer Pfeilregen machte den Pferden und Rittern der Franzosen den Garaus.

Gar so einfach kann es jedoch nicht gewesen sein. Gegen den Reiterangriff haben die Mönche Stöcke in die Erde getrieben, in die die Pferde wie in Spieße rennen. Schon bald stapeln sich die Ritter und pferde, die in ihren Panzern wie Einsiedlerkrebse gefangen sind. Sie ersticken jämmerlich, weil immer weitere ruhmessüchtige Materazzi nachrücken und auf die Gefallenen gepresst werden. Es ist das gleiche Phänomen wie bei der Duisburger Loveparade 2010. Kleine Mönchskommandos haben leichtes Spiel. Cale gelingt es, einen einzigen Ritter freizuzerren: nicht Simon, sondern Conn Materazzi, seinen Duellgegner.

|Eine reife Frucht|

Der Leser sollte für diese Schlacht schon ein wenig militärisches Verständnis, eine gewisse Aufgeschlossenheit mitbringen. Sie zu verstehen, macht einem der Autor leicht. Die Folgen der Schlacht sind verblüffend: mehr als 40.000 Ritter und Schwertkämpfer müssen gefallen sein, folglich ist die Hauptstadt praktisch unverteidigt, als Flotte und Heer der Mönche vor den Toren auftauchen. Die Beherrscherin der halben Welt fällt kampflos. Die Folgen für Thomas und Arbell sind drastisch. Mehr soll nicht verraten werden …

_Die Übersetzung_

Die Übersetzung durch Reinhard Tiffert ist von außergewöhnlich hoher Qualität. Der Text liest sich sehr flüssig und das Deutsch klingt natürlich. Allerdings sieht sich der junge Leser hin und wieder mit etwas ausgefallenen Ausdrücken konfrontiert, darunter „Koberer“ (Esswarenverkäufer), „Gimpel“ (leichtgläubiger Einfaltspinsel) und „Lollarde“ (Anhänger der Vorreformation).

Druckfehler gibt es zwar zum Glück keine, aber ein vergessenes Wort taucht auf Seite 422 NICHT auf: „… gewiss würde man früher oder [später] öffentlich Maßnahmen gegen ihn fordern.“ Dass hier etwas fehlt, hätte dem Korrektor auffallen müssen.

|Unterm Strich|

Ich habe diese knapp 500 Seiten in nur zwei Tagen gelesen, so unterhaltsam und flüssig ging die Lektüre vonstatten. Der Autor verbindet die sattsam bekannte Kultur asketischer Mönche, wie wir sie aus „Der Name der Rose“ kennen, mit dem Kriegshandwerk. Das führt unsere drei Mönchsrenegaten unweigerlich zum Militär in Memphis und zur Teilnahme an einer Entscheidungsschlacht gegen die Erlösermönche – mit überraschendem Ausgang. Diese Schlachtschilderung ist einer von vielen Actionhöhepunkten, die mir die Lektüre spannend werden ließen.

Sehr schön gefiel mir Thomas‘ Romanze mit Arbell Schwanenhals. Erst fürchtet sie diesen Killer, dann lehnt sie den Rüpel ab, schließlich verliebt sie sich sterblich in ihn. Doch ihrer beider Liebe wird am Schluss vom perfiden Abt Bosco auf eine schwere Probe gestellt. Kann Thomas sie jemals zurückgewinnen? Vielleicht nur, wenn er Memphis die Freiheit zurückgibt. Cale Kampf beginnt im nächsten Band von Neuem.

|Hardcover: 480 Seiten
Originaltitel: The Left Hand of God
Übersetzung von Reinhard Tiffert
ISBN-13: 978-3442312320|
[www.goldmann-verlag.de]http://www.goldmann-verlag.de
[Verlagsspezial]http://www.randomhouse.de/webarticle/webarticle.jsp?aid=22181

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