Hohlbein, Wolfgang – Raven – Das Schwert des Bösen

_Wildwest-Kasperletheater nach Highlander-Art_

König Artus‘ Schwert Excalibur wird von Professor Jacob Biggs aus seinem nassen Grab geborgen. Er weiß, dass dieses magische Schwert nie im Sinne von egoistischer Machtausaübung gebraucht werden darf, sondern nur für das Gute. Doch für seinen Sohn Lance (für Lancelot) zählt nur Geld, denn er muss seine Spielschulden bei einem Gangster begleichen. Was bedeutet ihm da schon die geheime Kraft eines alten Eisens? Doch der Geist, der das Schwert erfüllt, übernimmt ihn: In Trance macht er sich auf, um seine Feinde zu vernichten … Ob Privatdetektiv Raven ihn wohl stoppen kann?

„Das Schwert des Bösen“ ist der zweite Teil der im |Bastei|-Verlag anno 2003 erschienenen Heftromanserie „Raven“.

_Der Autor_

Wolfgang Hohlbein, geboren 1953 in Weimar, hat sich seit Anfang der achtziger Jahre einen wachsenden Leserkreis in Fantasy, Horror und Science-Fiction erobert und ist so zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren geworden (Auflage: 35 Millionen Bücher laut |Focus| 40/2006; es folgen unter den neuen deutschen Autoren Peter Berling mit 2 Millionen, Andreas Eschbach mit 1,7 und Kai Meyer mit 1,5 Millionen). Zuweilen schreibt er zusammen mit seiner Frau Heike an einem Buch. Er lebt mit ihr und einem Heer von Katzen in seinem Haus in Neuss.

_Der Sprecher_

David Nathan, geboren 1971 in Berlin, gilt laut Verlag als einer der besten Synchronsprecher Deutschlands. Er leiht seine Stimme Darstellern wie Johnny Depp, Christian Bale und Leonardo DiCaprio. Er hat beispielsweise das Hörbuch [„The Green Mile“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1857 von Stephen King ausgezeichnet gestaltet.

Regie führte Kerstin Kaiser, die Aufnahme leitete Klaus Trapp, die musikalischen Motive trugen Horst-Günter Hank und Dennis Kassel bei. Der Text wurde von Katia Semprich gekürzt.

_Handlung_

|PROLOG.| Sir Lancelot du Lac steht auf einer Klippe über dem Meer und fühlt sich alt und verbittert. Alle Ritter der Tafelrunde sind tot, er ist der letzte, Artus’ Traum ist zu Ende. In Sir Lancelots Hand befindet sich Excalibur, jenes magische Schwert, welches der junge Artus einst von der Herrin vom See erhielt (und das häufig mit dem Schwert, das er aus dem Stein zog, verwechselt wird). In den richtigen Händen kann das Schwert Wunder wirken, doch in den falschen wird es zum Fluch. Lancelot hat damit bereits einen Menschen getötet. Nun hält er sein Versprechen, das er Artus gegeben hat, und wirft er es ins Meer hinab.

|Haupthandlung. Die Gegenwart.|

Lance, 29, lenkt das Boot seines Vaters, des Archäologieprofessors Jason Biggs, an die Küstenfelsen. Biggs gibt seinem Sohn 2500 Pfund, um die Arbeiter damit auszuzahlen, doch Lance braucht wegen seiner Spielschulden beim Pokerkönig Thompson noch 1500 Pfund mehr. Biggs aber ist pleite: Er hat sein Vermögen in die Suche nach Artus’ Schwert gesteckt. Lance ist sauer, muss sich aber damit zufrieden geben. Thompson jedoch ist mit der mickrigen Anzahlung keineswegs zufrieden und verlangt noch einmal 4000 Mäuse. Und wenn Lance nicht klein beigibt, so sollte er sich um seine Gesundheit Sorgen machen. Als Thompsons Schläger ihn zu Kleinholz verarbeiten wollen, wehrt er sich, verletzt einen von ihnen und haut ab.

Bei seinem Vater erlebt er eine Überraschung: Er hat Excalibur gefunden! Was für ein Schwert: Es zeigt überhaupt keine Rostflecken und als Biggs damit eine Marmorbüste zerschlägt, geht das mühelos wie Brotschneiden. Die Klinge singt in einem hohen Ton. Es ist unbezahlbar. Biggs wirft es seinem Sohn, der ihm seine Schwierigkeiten gebeichtet hat, vor die Füße und sagt: „Mach es zu Geld!“ Wenigstens dafür sollte der Grips des ungeratenen Sprösslings reichen.

Doch da stürmt Thompson mit seinen Schlägern herein: Er will nicht mehr nur 4000 Mäuse, sondern 10.000 Pfund, denn schließlich hat Lance ja auch einen Mann verletzt. Während einer der Kerle seinen Vater umstößt, packt Lance den Griff Excaliburs und wird sogleich von einer Art Wahn ergriffen. Er schwingt es, um die Feinde zu erschlagen. Da trifft ihn ein Schuss …

Inspektor Cart von Scotland Yard ruft den stets in Geldnöten steckenden Privatdetektiv Raven an. Es ist zwei Uhr morgens, aber Raven ist jeder Auftrag recht, und so schwingt er sich ohne zu fragen in seinen roten (gepfändeten) Maserati und prescht damit zum Tatort: der Villa von Professor Biggs. Cart setzt ihn ins Bild. Zwei Leichen schmücken den Boden des Wohnzimmers auf unziemliche Weise – zwei von Thompsons Leuten. Lance Biggs, der frischgebackene Schwertkämpfer, werde gerade operiert. Prof. Biggs, der am Boden liegt, warnt Raven eindringlich vor dem Fluch des Schwertes. Lance habe es missbraucht und damit einen Geist freigesetzt. Er nennt Raven später zwei Beschwörungsformeln, die den Fluch bannen.

Um Mitternacht taucht der frisch operierte Lance Biggs, nur in sein Nachthemd gewandet, in der Asservatenkammer von Scotland Yard auf und verlangt sein Schwert zurück. Der Nachtwächter Steve Craddock ist jedoch der Ansicht, dass kein käsiger Typ im Nachthemd Anspruch auf ein Beweisstück erheben darf. Diesen Widerstand bezahlt er mit seinem Leben.

Nun ist für Sir Lancelot du Lac der Weg frei, seine Rache an Thompson und allen anderen Feinden zu vollziehen. Und wehe dem, der sich ihm in den Weg stellt …

_Mein Eindruck_

Besessenheit durch den Geist einer längst verstorbenen Gestalt ist eines der Standardmotive des Horrorgenres. Ob das nun König Artus, einer seiner Ritter oder irgendein Beserker von den Äußeren Hebriden – vorzugsweise ein Conan-Verschnitt – ist, so hat doch stets der darunter Leidende plötzlich einen entsprechend veränderten Charakter und stellt somit eine Gefahr für seine Umgebung dar. Seltsamerweise sind in den seltensten Fällen von dieser Übernahme aus der Vergangenheit Frauen betroffen, obwohl es sie genauso treffen könnte.

Das liegt vielleicht an dem Instrument der Übernahme. Es muss ein Werkzeug und Symbol der Macht sein, und die sind nun einmal in den Genres meist männlich definiert. (Was ja nun auch ungerecht ist, aber so sind die Genres nun mal: Wer gegen diese Regeln verstößt, hat keinen Erfolg und wird schon bald vergessen. Es sei denn, die Autorin ist derartig gut, dass sie zum Klassiker wird, so geschah es mit C. L. Moore und Leigh Brackett – löbliche Ausnahmen, die leider nur noch Experten bekannt sind.)

Das Symbol und Instrument der Macht ist im Falle von „Schwert des Bösen“ Excalibur. Artus erhielt es von der Herrin vom See als Zeichen seiner Stärke, Unverwundbarkeit und Souveränität (Herrschaftsanspruch) über das Land. Wichtiger noch war jedoch die Schwertscheide, und nachdem Morgan le Fay sie ihm gestohlen hatte, sank Artus’ Stern. Die Sagen verraten uns auch, was aus dem Schwert wurde: Sir Bedivere warf es in einen See und eine Hand fing es auf, die es mit ins Wasser nahm. Es war die Hand der Herrin vom See.

Das Schwert von Lancelot Biggs (ein Insider-Witz, denn es gibt einen humoristischen SF-Roman namens „Lancelot Biggs’ Weltraumfahrten“) hingegen ist ein Schwert, das sowohl zum Guten wie zum Bösen eingesetzt werden kann. Denn es liegt ein Fluch darauf, und das ist nun ein ganz neuer Aspekt: Wer hat es verflucht, warum und wozu? Wir erfahren es nicht. Das ist ziemlich unbefriedigend, denn es lässt die ganze nachfolgende Metzelei als reines Kasperletheater erscheinen, das lediglich der Show dient.

Der arme Lance Biggs kann nichts dafür, dass er besessen ist, und wirkt daher wie eine Marionette an den Fäden eines Puppenspielers aus längst vergangener Zeit. Da wir dessen Identität jedoch als Lancelot du Lac präsentiert bekommen, müssten wir nun den Ritter als Zauberer ansehen – eine Charakterzeichnung, die sich mit keiner der Legenden und Sagen deckt. Wie man es auch dreht und wendet: Diese Story ist lediglich Show um ihrer selbst willen.

Und diese Story heißt: „Highlander“! Wieder mal wird ein Schwertkämpfer gegen die Bösen gestellt, aber diesmal geht es nicht um die Oberherrschaft unter Unsterblichen, sondern lediglich um einen Wahn: Der wiedergeborene Lancelot du Lac will offenbar England verteidigen. Er hinterlässt bei seinem Verschwinden das in den Stein gestoßene Schwert – und das ist ein weiterer Hinweis auf die Vermischung aller Fakten um Excalibur: Es ist eben nicht das Schwert im Stein, das Artus herauszog und das ihn zum König machte, sondern etwas ganz anderes. Aber das kümmert den Autor natürlich nicht, denn ihm geht es nur um die Schauwirkung.

|Genrefigur|

Die Nähe von Ravens Figur zu Hohlbeins Lovecraft-Geschichten um den Hexer Robert Craven ist unverkennbar. Darauf weist auch die Namenswahl für den Serienhelden RAVEN hin. Dass er keinen Vornamen hat, muss uns nicht wundern, denn er teilt dieses Schicksal mit vielen Comicfiguren. (Dass es neben dem Heftroman auch bald mal einen Comic geben dürfte, ist wohl ebenso unausweichlich.) Dass er aber mit Verlobter, seiner früheren Sekretärin Janice, und einem Maserati als Einsatzfahrzeug ausgestattet ist, widerspricht dem Fantasy-Genre und rückt die Figur in die Nähe von James Bond, welcher ja bekanntlich die Marken Aston Martin und BMW bevorzugt.

_Der Sprecher_

David Nathan stellt wieder einmal seine Meisterschaft beim Vortragen unheimlicher Texte unter Beweis. Es ist nicht nur seine Flexibilität in Tonhöhe und Lautstärke: Er flüstert und krächzt, dass für Abwechslung gesorgt ist. Aber sein eigentlich effektvoller Kniff ist die winzige Verzögerungspause vor einem wichtigen Wort. Der Eindruck entsteht, als gebe es einen Zweifel an diesem Wort und als zöge dieser Zweifel ein gewisses Grauen nach sich oder leite sich daraus ab.

Es gibt zwar keine Geräusche, aber doch ein wenig Musik. Diese wird als Intro und Extro hörbar. Wie es sich gehört, stimmt sie den Hörer auf die unheimlich-angespannte Atmosphäre der Geschichte ein.

_Unterm Strich_

Diese Raven-Episode macht die Methode Hohlbeins mehr als deutlich: Ausbeutung aller verfügbaren Mythen, Legenden und Sagen ohne Rücksicht auf deren inneren Zusammenhang oder äußeren Kontext. Hauptsache, der Showeffekt wirkt aufs Publikum und verkauft sich gut. Man könnte es auch Postmoderne nennen, aber dann müsste die Story auf ihre Quellen verweisen und ihren Storycharakter offenlegen. Das geschieht aber in keiner Weise. Und so ergibt die Story lediglich Wildwest-Kasperletheater, zubereitet nach „Highlander“-Art. Wohl bekomm’s!

David Nathan macht die doch recht seltsam anmutende Geschichte zu einem packenden Erlebnis. Die Musik von Horst-Günter Hank und Dennis Kassel stimmt den Zuhörer schon mal auf Grusel und Action ein.

|70 Minuten auf 1 CD|
http://www.luebbe-audio.de

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