Hohlbein, Wolfgang – Raven – Die Rache der Schattenreiter

_Horror-Fantasy: Nr. 13 spielt Schicksal_

Der Privatdetektiv Raven und seine Freundin Janice Land verbringen auf der südenglischen Isle of Wight ihren ersten gemeinsamen Urlaub. Nach einer heftigen Auseinandersetzung auf der Rückfahrt von einem Volksfest sehen sie plötzlich einen Trupp Berittener vorbeipreschen: Schattenreiter! (Die kennt Raven schon aus seinem ersten Abenteuer.) Raven will Janice vor ihnen in London verstecken, doch an der Fähre werden sie von Polizei angehalten. Es hat zwei Morde gegeben – und Raven und Jance sind die Top-Verdächtigen … (abgewandelte Verlagsinfo)

_Der Autor_

Wolfgang Hohlbein, geboren 1953 in Weimar, hat sich seit Anfang der achtziger Jahre einen wachsenden Leserkreis in Fantasy, Horror und Science-Fiction erobert und ist so zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren geworden (Auflage: 35 Millionen Bücher laut |Focus| 40/2006). Zuweilen schreibt er zusammen mit seiner Frau Heike an einem Buch. Er lebt mit ihr und einem Heer von Katzen in seinem Haus in Neuss.

_Der Sprecher & das Team_

David Nathan, geboren 1971 in Berlin, gilt laut Verlag als einer der besten Synchronsprecher Deutschlands. Er leiht seine Stimme Darstellern wie Johnny Depp, Christian Bale und Leonardo DiCaprio. Er hat beispielsweise das Hörbuch [„The Green Mile“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1857 von Stephen King ausgezeichnet gestaltet. Nathan liest eine von Katia Semprich bearbeitete Fassung.

Regie führte Kerstin Kaiser, die Aufnahme leitete Fabian Frischkorn, die musikalischen Motive trugen Horst-Günter Hank und Dennis Kassel bei.

_Handlung_

|PROLOG: Rekrutierung|

Irakische Soldaten lagern mit ihren Panzern am Rande des Mündungsgebietes von Euphrat und Tigris (dem Schatt el-Arab), als ihr Kommandant Charbadan eines Nachts Zeuge eines geisterhaften Phänomens wird. Aus einer Felswand, die von einer Explosion weggesprengt wird, erscheinen die schwarzen Schatten gigantischer Reiter. Sind dies Geister der Toten aus der nahen Burgruine? Insgesamt zwölf von ihnen formieren sich in einer Linie, bis ihr Anführer eine blitzende Waffe zieht: einen Säbel. Mit bloßen Kugeln ist den Schattenreitern jedoch nichts anzuhaben, wie sich im Laufe des Gefechts erweist.

Charbadan befiehlt den Rückzug, doch seine Männer sind zu langsam und werden alle niedergemacht, bis er selbst als Einziger überlebt. Der Anführer der Reiter, die ihn umzingeln, lobt Charbadans Mut und bietet ihm an, sich ihnen anzuschließen. Sie hätten einen Auftrag zu erfüllen und eine Rache zu vollziehen, denn einer von ihnen sei getötet worden. Erst wenn sie wieder dreizehn seien, seien sie wieder vollständig. Als sich der Kommandant weigert, töten sie seinen Körper, ohne mit der Wimper zu zucken. Seine Seele jedoch schließt sich ihnen an: der 13. Reiter.

|Haupthandlung: Charbadans Bewährungsprobe|

Privatdetektiv Raven macht mit seiner Freundin und Geschäftspartnerin Janice Land einen wohlverdienten Urlaub auf der südenglischen Isle of Wight. Doch am Vorabend ihrer Abreise haben sie wegen einer Nichtigkeit Streit, woraufhin Janice in den nahen Wald davonstürmt. Als er sie wiederfindet, muss er feststellen, dass sich ein cleverer Dieb den Mietwagen gekrallt hat. Doch was Raven erst am nächsten Morgen erfährt: Der Dieb – er heißt mal Jeremy, mal Andrew Tebbitt – ist nicht weit gekommen, denn ein Schattenreiter hat ihn angehalten und ihm den Garaus gemacht.

Am nächsten Morgen werden Raven und Janice kurz vor dem Besteigen der Fähre, die sie zum Festland bringen soll, von Inspektor Belders Polizeitruppe gestoppt. Er ist sehr höflich und möchte sie lediglich zu ihrem Mietwagen befragen. Raven hat nicht vor, ihm von der Horde Schattenreiter zu erzählen, vor denen er und Janice letzte Nacht in Deckung gehen mussten. Er weiß, dass Belders ihn für bekloppt halten müsste.

Der Inspektor erzählt, dass es am Vortag zwei Morde auf der Insel gegeben: ein Autofahrer namens „Andrew Tebbitt“ wurde aufgespießt in Ravens Mietwagen gefunden, und ein Yachtbesitzer wurde vor der Küste von Säbeln praktisch zerfetzt. Die Frau dieses Frank Callamis habe einen schweren Schock erlitten und fasele nur etwas von „Reitern“ – auf offener See, ist es zu fassen? Raven bleibt jedoch völlig ernst und empfiehlt Belders, in London bei Scotland Yard mit Inspektor Cart zu sprechen.

Janice Land durfte frühzeitig das Polizeirevier verlassen und ist in ihre Pension zurückgekehrt. Hier erhält sie jedoch ungebetenen Besuch. Zuerst hört sie ein Wiehern, das die Stille beendet, dann ein Lachen, und jemand bezeichnet sie als „Närrin!“ Das gefällt ihr nun keineswegs, doch bevor sie protestieren kann, materialisieren sieben Schattenreiter in ihrem Wohnzimmer. Der Anführer schickt einen Reiter vor, den er als Charbadan bezeichnet. Dieser tritt vor und hebt den Säbel, um zum tödlichen Schlag auszuholen …

Nach dem Gespräch mit Cart glaubt Belders an die Existenz der Schattenreiter, von denen Raven einen getötet hat. Die aktuellen Schattenreiter sind hier, um sich dafür an ihm zu rächen. Und wahrscheinlich auch an Janice! Belders und Raven lassen sich sofort von einem Polizisten zur Pension fahren, doch weit vor ihrem Ziel blockieren sechs schwarze Reiter die Straße. Und nach ihren gezückten Säbeln zu urteilen, haben sie nicht vor, den Weg zu Janices Rettung freizugeben …

_Mein Eindruck_

Hohlbein hat die Hauptfiguren, die Schattenreiter, mit einer gewissen Verwundbarkeit ausgestattet, so dass es durchaus möglich ist, sie zu bekämpfen – für den, der schnell genug ist, ihren Waffen entgegenzutreten. Dennoch kommt Privatdetektiv Raven zu spät, um seine Janice vor den Klauen der Horrorgestalten zu retten. Sie wird in die nächste Dimension entführt, und es gelingt ihm, ihr zu folgen, bevor sich das Tor zu dieser Dimension schließt. Wie in jeder Serie, muss auch hier eine Fortsetzung folgen, so dass sich niemand über das offene Ende zu wundern braucht.

|Genrefiguren|

Die Nähe zu Hohlbeins Lovecraft-Geschichten um den Hexer Robert Craven ist unverkennbar. Darauf weist auch die Namenswahl für den neuen Serienhelden RAVEN hin. Dass er keinen Vornamen hat, muss uns nicht wundern, denn er teilt dieses Schicksal mit vielen Comicfiguren. (Dass es einen Comic geben dürfte, ist wohl ebenso unausweichlich.) Dass er aber mit einer Verlobten, seiner Sekretärin Janice, und einem Maserati als Einsatzfahrzeug ausgestattet ist, widerspricht dem Fantasy-Genre und rückt die Figur in die Nähe von James Bond, welcher ja bekanntlich die Marken Aston Martin und BMW bevorzugt.

|Chabardan, der 13. Reiter|

Die interessanteste Figur in dieser Episode ist für mich der neue Rekrut der Schattenreiter, der Iraker Chabardan. Er ist der 13. Reiter, und die 13 ist insofern bedeutsam, als sie an die zwölf Apostel erinnert, aber noch einen draufsetzt. Außerdem bedeutet die 13 im christlichen Westen stets Unheil, was den Schattenreitern sicher nicht unrecht ist. (Wer will, kann auch an Michael Crichtons Roman „Der 13. Krieger“ denken. Doch der hieß im Original anders, nämlich „Eaters of the Dead“.) Jedenfalls ist die 13 eine sehr wichtige Zahl.

Aber Chabardan, der Neuling in ihrem Kreis, hat auch das Schicksal von Judas Iskariot zu teilen: Er verrät seinen Anführer und verändert dadurch die Regeln des Spiels. Der Grund für seinen Verrat ist durchaus verständlich: Schon als Soldat hatte er zu viele Leben auf dem Gewissen, und als Schattenreiter tötete er noch mehr, z. B. den Seefahrer Frank Callamis. Als er auch noch eine Frau killen soll, hat er vollends die Nase voll. Ich wünschte, alle Soldaten hätten so viel Gewissen wie er.

|Schwächen|

Janice verhält sich nicht wie eine erwachsene Frau, sondern wie ein Kind. Und sie gibt das auch noch selbst zu, als sie sich wieder mit Raven versöhnt. Dass sie nicht ganz die wehrlose Jungfrau in Not ist, beweist sie, als sie gegen die Schattenreiter ein Messer zückt. Das nützt ihr aber leider nichts. Schließlich muss Raven jemanden haben, den er retten kann …

Das größte Rätsel der Episode besteht jedoch in dem unerklärlichen Namenswechsel des Autodiebes. Erst wird eindeutig als „Jeremy Tebbitt“ eingeführt. Doch Inspektor Belders scheint falsche Daten zu haben. Er redet nur von einem gewissen „Andrew Tebbitt“. Für diesen Namenswechsel gibt es nirgends eine Erklärung, so als ob er nicht wahrgenommen würde. Ich gehe daher davon aus, dass sowohl dem Autor, dem ersten Lektor, der Redakteurin Katia Semprich und dem Sprecher David Nathan ein Fehler unterlaufen ist – eine ganze Menge Leute.

|Der Sprecher|

David Nathan stellt wieder einmal seine Meisterschaft beim Vortragen unheimlicher Texte unter Beweis. Es ist nicht nur seine Flexibilität in Tonhöhe und Lautstärke: Er flüstert und krächzt, dass für Abwechslung gesorgt ist. Aber sein eigentlich effektvoller Kniff ist die winzige Verzögerungspause vor einem wichtigen Wort. Der Eindruck entsteht, als gebe es einen Zweifel an diesem Wort und als zöge dieser Zweifel ein gewisses Grauen nach sich oder leite sich daraus ab.

Es ist der Unglaube angesichts des Schreckens, der sich dem jeweiligen Betrachter bietet, der den Zuhörer in den Bann von Nathans Vortrag zieht. Es ist die hintergründig mitschwingende Frage: Kann das wirklich wahr sein? Und wenn es wahr ist, dann ist es grauenhaft! Es ist dieses Grauen, das die Figuren angesichts der Schattenreiter erfasst, das wir über Nathans Vermittlung mit ihnen spüren können.

Es gibt zwar keine Geräusche, aber doch ein wenig Musik. Diese wird als Intro und Extro hörbar. Wie es sich gehört, stimmt sie den Hörer auf die unheimlich-angespannte Atmosphäre der Geschichte ein.

_Unterm Strich_

Bei Hohlbeins Kombination aus Fantasyhorror und Agententhriller handelt es sich um die modernisierte Variante seiner Geschichten um den Hexer von Salem, die im Dunstkreis von H. P. Lovecrafts Universum spielen. Jetzt haben die Großen Alten als Götter abgedankt, doch in Gestalt ihrer Diener, den Schattenreitern, suchen sie wohl unvorsichtige Zeitgenossen immer noch heim.

Der Schluss der ersten RAVEN-Episode ließ das Erscheinen weiterer Säbelreiter erwarten, und hier, in Episode 3, treten sie endlich auf. Unter ihnen ist der Neuling Chabardan der interessanteste: Nummer 13 spielt Schicksal. Und deshalb kann die Serie weitergehen.

David Nathan macht die unheimliche Geschichte zu einem besonders packenden Erlebnis. Die Musik von Horst-Günter Hank und Dennis Kassel stimmt den Zuhörer schon mal auf Grusel und Action ein. Bei „Schattenreiter“ setzen sie moderne elektronische Instrumente ein.

Wie es zu dem seltsamen Namenswechsel des Autodiebes kommen konnte, ist mir ein Rätsel. Aber dass so etwas vorkommt und nicht erklärt wird, lässt nicht gerade auf sorgfältige Arbeit seitens des Verlages schließen – weder anno 2003, als der Roman erschien, noch jetzt, drei bis vier Jahre später.

|70 Minuten auf 1 CD|
http://www.luebbe-audio.de

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