Hohlbein, Wolfgang – Raven – Schattenreiter

_Gruselige Ritterspiele_

Privatdetektiv Raven wird vom Millionär Paul Pendrose beauftragt, ihn für drei Tage zu beschützen. Der Mann ist halb wahnsinnig vor Angst. Er erzählt Raven etwas von einem Pakt, den er und sein Freund Jeffrey Candley vor zwei Jahren mit einem dämonischen Reiter abgeschlossen haben – einen Pakt um Geld und Macht. Der Preis ist das Leben zweier Menschen. Doch Pendrose und Candley wollen die Morde nicht begehen, die der Schattenreiter von ihnen fordert, und nun steht ihr eigenes Leben auf dem Spiel. Raven nimmt den Auftrag trotz seiner Skepsis an. Doch bevor es losgeht, wird Pendrose ermordet aufgefunden …

_Der Autor_

Wolfgang Hohlbein ist seit seinem Mega-Erfolg „Märchenmond“ einer der erfolgreichsten und produktivsten Autoren in Deutschland. Er lebt in Neuss bei Köln zusammen mit seiner Frau und einem ganzen Haus voller Tiere.

http://www.hohlbein.net/

_Der Sprecher_

David Nathan, geboren 1971 in Berlin, gilt laut Verlag als einer der besten Synchronsprecher Deutschlands. Er leiht seine Stimme Darstellern wie Johnny Depp, Christian Bale und Leonardo Di Caprio. Er hat beispielsweise das Hörbuch „The Green Mile“ von Stephen King ausgezeichnet gestaltet.

Regie führte Kerstin Kaiser, die Aufnahme leitete Klaus Trapp, die musikalischen Motive trugen Horst-Günter Hank und Dennis Kassel bei.

_Handlung_

Im Weihnachtstrubel der Londoner Innenstadt irrt Jeffrey Candley ziellos umher. Er ist verstört über das, was sein Cousin Paul Pendrose ihm soeben am Telefon mitgeteilt hat: Er ist hier! Seit ihrem gemeinsamen Erlebnis am Schatt el-Arab, dem Grenzfluss zwischen Irak und Iran, ist ihr Leben überschattet von einer finsteren Macht.

Damals konnte man als Westler noch ungehindert durch den Orient trampen, ohne gleich aufgehängt zu werden. Sie übernachteten in einer Höhle, als ein alter Mann auftauchte und etwas von Schätzen faselte, die er ihnen zeigen wolle. Sie folgten ihm in eine andere Höhle. Durch ein wahres Labyrinth ging es hinunter in einen unterirdischen Tempelbezirk. Doch welche Gottheit wurde hier verehrt?

Der Alte verschwand und ließ sie allein im Labyrinth umherirren. Doch jeder Weg führte zurück zum Tempel. Dort erschien ein Reiter mit Krummsäbel aus den Schatten. Er klagt sie an, sie hätten seinen Tempel entweiht. Sie hätten einen Preis zu entrichten. Zunächst wolle er ihnen zwei Jahre lang Macht und Reichtum verschaffen, doch nach Ablauf der Frist hätten sie ihm an jedem Vollmond Menschenopfer dazubringen. Junge, gesunde Menschen, die mit einem bestimmten, mit Runen versehenen Opferdolch zu töten seien. Täten sie das nicht, so wolle er sie selbst töten.

Jeffrey weiß, dass die ihnen gesetzte Frist fast abgelaufen ist. Nur noch drei Tage bleiben ihnen, bis ihre Stunde schlägt. Da materialisiert aus den Schatten des Abends ein Reiter heraus, der einen Krummsäbel schwingt und auf Jeffrey eindringt. Es gibt für ihn kein Entkommen, und als ihn der Säbel durchbohrt, fühlt er einen namenlosen Schmerz. Der Reiter kann Jeffreys Gedanken lesen und findet den Verrat, den er und Paul vorhaben. Seine telepathisch übermittelte Warnung vor diesem Verrat ist buchstäblich eindringlich. Er zieht den Säbel aus dem geschockten Jeffrey und verschwindet, um Paul zu besuchen. Der Säbel ist nicht ganz massiv, aber auch nicht ganz substanzlos.

Jeffrey hat seine Lektion gelernt und sucht sich ein Opfer. Er findet es in der jungen Carol, die er mit nach Hause nimmt, wo schon der Dolch auf sie wartet …

_Mein Eindruck_

Aus der Einleitung habt ihr Pauls Sicht der Ereignisse erfahren, und die Inhaltsangabe ergänzt diesen Teil der Geschichte um Jeffreys Sichtweise. Diese finde ich übrigens sehr viel interessanter, obwohl darin Raven, der Detektiv, vorerst nicht vorkommt. Hier spielt die Psychologie eine bedeutendere Rolle, und als Zugabe gibt es eine Lovestory.

Doch sobald sein Klient Paul Pendrose, der ihm die ganze Geschichte erzählt hat, getötet worden ist, kümmert sich Raven auch um dessen Schicksalsgenossen Jeffrey. Mit einer recht interessanten Begründung: Er wolle den Mord an Paul – und dessen drei Wachmännern – nicht ungesühnt lassen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt er noch nicht, dass Jeffrey Carol bei sich hat und sich überlegt, wann er sie opfern soll.

Dass Raven sich zwischen den Schattenreiter, der auf einem Polizeivideo als Säbel schwingender Schemen zu sehen ist, und sein Opfer Jeffrey stellt, entgeht dem Schattenreiter natürlich nicht. Dieser nimmt sich Raven entsprechend zur Brust – allerdings nur mit begrenztem Erfolg. Schließlich muss Raven noch bis zum Showdown überleben. Dieses Finale lässt an Spannung und Action nichts zu wünschen übrig. Natürlich geht es dabei indirekt auch um das Leben des Mädchens.

|Tricks und Kniffe|

Der Kenner wird sicher bemerkt haben, dass der Autor Hohlbein auch diesmal wieder seine Tricks aus dem Hut zaubert und alle Kniffe anwendet, die ihm eine so große Leserschaft eingebracht haben. Der Schattenreiter ist eine neue Erfindung, und etwas Vergleichbares habe ich noch nicht gelesen. Die Figur kommt eindeutig aus der Fantasy, denn dort spielen antiquierte Vehikel wie Pferde und Waffen wie Säbel eine Rolle. Die Telepathie der Geister ist ebenfalls sattsam bekannt. Schließlich ist es die Art der Bekämpfungsmöglichkeit, die den Reiter ins Reich von Horror und Fantasy verweist.

|Genrefiguren|

Die Nähe zu Hohlbeins Lovecraft-Geschichten um den Hexer Robert Craven ist unverkennbar. Darauf weist auch die Namenswahl für den neuen Serienhelden RAVEN hin. Dass er keinen Vornamen hat, muss uns nicht wundern, denn er teilt dieses Schicksal mit vielen Comicfiguren. (Dass es einen Comic geben dürfte, ist wohl ebenso unausweichlich.) Dass er aber mit Verlobter, seiner früheren Sekretärin Janice, und einem Maserati als Einsatzfahrzeug ausgestattet ist, widerspricht dem Fantasy-Genre und rückt die Figur in die Figur in die Nähe von James Bond, welcher ja bekanntlich die Marken Aston Martin und BMW bevorzugt.

|Ritterspiele|

Angesichts der Tatsache, dass es letzten Endes um das Leben eines Mädchens geht, kann man sich die Kontrahenten Raven und Schattenreiter auch als zwei gegensätzliche Ritter vorstellen. Jeffrey ist zu schwach, um eine gewichtige Rolle zu spielen. Für die Serie bedeutet dies wohl, dass noch eine ganze Reihe weiterer Ritterspiele zu erwarten sind.

_Der Sprecher_

David Nathan stellt wieder einmal seine Meisterschaft beim Vortragen unheimlicher Texte unter Beweis. Es ist nicht nur seine Flexibilität in Tonhöhe und Lautstärke: Er flüstert und krächzt, dass für Abwechslung gesorgt ist. Aber sein eigentlich effektvoller Kniff ist die winzige Verzögerungspause vor einem wichtigen Wort. Der Eindruck entsteht, als gebe es einen Zweifel an diesem Wort und als zöge dieser Zweifel ein gewisses Grauen nach sich oder leite sich daraus ab.

Es ist der Unglaube angesichts des Schreckens, der sich dem jeweiligen Betrachter bietet, der den Zuhörer in den Bann von Nathans Vortrag zieht. Es ist die hintergründig mitschwingende Frage: Kann das wirklich wahr sein? Und wenn es wahr ist, dann ist es grauenhaft! Es ist dieses Grauen, das die Figuren angesichts des Schattenreiters erfasst, das wir über Nathans Vermittlung mit ihnen spüren können. Tolle Leistung.

Es gibt zwar keine Geräusche, aber doch ein wenig Musik. Diese wird als Intro und Extro hörbar. Wie es sich gehört, stimmt sie den Hörer auf die unheimlich-angespannte Atmosphäre der Geschichte ein.

_Unterm Strich_

Zusammen mit Stephen Kings Hörbuch „Trucks“ und Camilleris „Von der Hand des Künstlers“ gefällt mir dieser Beitrag zu Lübbes Hörbuchreihe |Bastei Lübbe Stars| am besten. Die Story ist komplexer als der King-Beitrag, müsste aber gegenüber Camilleris verzwicktem Montalbano-Fall noch einiges aufholen.

Bei Hohlbeins Kombination aus Fantasyhorror und Agententhriller handelt es sich um die modernisierte Variante seiner Geschichten um den Hexer von Salem, die im Dunstkreis von H.P. Lovecrafts Universum spielen. Jetzt haben die Großen Alten als Götter abgedankt, doch in Gestalt ihrer Diener, den Schattenreitern, suchen sie wohl unvorsichtige Zeitgenossen immer noch heim. Der Schluss dieser Episode lässt das Erscheinen weiterer Säbelreiter erwarten.

David Nathan macht die unheimliche Geschichte zu einem besonders packenden Erlebnis. Die Musik von Horst-Günter Hank und Dennis Kassel stimmt den Zuhörer schon mal auf Grusel und Action ein. Sie sorgen auch für den guten Ton bei Stephen Kings „Trucks“, dort allerdings mit Hardrock-Musik. Bei „Schattenreiter“ reichen noch klassische Instrumente.

|70 Minuten auf 1 CD|

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