Hohlbein, Wolfgang – Seelenfresser, Der

_Hexer vs. Hexe: Showdown in Innsmouth_

Auch dies ist wieder eine Geschichte um den Hexer: Robert Craven. Diesmal trifft er auf den sympathischen Shannon, mit dem er sich schnell anfreundet. Er ahnt nicht, dass Necron, der erbittertste Gegner seines Vaters Andara, ihn geschickt hat. Und Shannons Auftrag lautet natürlich: Töte den Hexer!

Das Hörbuch ist mit Rockmusik der Band |Andara Project| angereichert. Es handelt sich aber nicht um ein Hörspiel. Das würde verteilte Rollen und eine Theaterdramaturgie erfordern.

_Der Autor_

Wolfgang Hohlbein hat sich seit Anfang der achtziger Jahre einen wachsenden Leserkreis in Fantasy, Horror und Science-Fiction erobert und ist so zu einem der erfolgreichsten deutschen Autoren geworden. Zuweilen schreibt er zusammen mit seiner Frau Heike an einem Buch. Er lebt mit ihr und einem Heer von Katzen in seinem Haus in Neuss.

Die Hörbücher aus der HEXER-Reihe:

1) Als der Meister starb
2) Auf der Spur des Hexers
3) Das Haus am Ende der Zeit
4) Tage des Wahnsinns
5) Der Seelenfresser

_Der Sprecher etc._

Jürgen Hoppe, 1938 in Görlitz geboren, ist Rundfunk- und Fernsehjournalist sowie Sprecher, Autor, Moderator und Korrespondent verschiedener Sendeanstalten. Sein facettenreiches Talent stellte er bei der Interpretation unterschiedlichster Texte unter Beweis.

Der Text wurde von Albert Böhne bearbeitet, der auch als Regisseur, Tonmeister, Produzent, Komponist und Sänger fungierte.

Der Sprecher des Prologs ist Dirk Vogeley. Der Gesang stammt u. a. von Albert Böhne, Nicole Rau („Dark Fear“) und Steve Whalley („The Age of Damnation“). Die Band heißt |Andara Project|. Eine „Stimme“ stammt von Sabine Keller. Sie rezitiert „Touch my Heart“. Alle Angaben sind in der Jewel-Box auf den Einlegern zu finden.

Der Autor himself spricht Intro und Outro.

_Der Autor Howard Phillips Lovecraft und sein Cthulhu-Mythos_

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne sind nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit.

_PROLOG_

Eine ernste Stimme (Dirk Vogeley) klärt den Hörer darüber auf, was es mit den großen Alten auf sich hat und dass mit ihnen grundsätzlich nicht gut Kirschen essen ist. Vor Millionen von Jahren beherrschten sie die Erde, doch ihre Sklaven rebellierten. Die Großen Alten schlugen den Aufstand nieder, aber nur unter Opfern, denn sie weckten die Älteren Götter, die sie bekriegten. Die Älteren Götter verbannten die Großen Alten in die finstersten und ungemütlichsten Ecken des Universums, einer jedoch schlummert in der Tiefe der Ozeane, im vergessenen R’lyeh: Cthulhu!

Eine düstere Stimme prophezeit: „Doch das ist nicht tot, was ewig liegt, bis dass der Tod die Zeit besiegt.“

_Handlung_

Der „Hexer“ Robert Craven trifft in Arkham ein, der Stadt am Miskatonic River, in der die berühmt-berüchtigte Miskatonic Universität liegt. In ihr existiert eine Abschrift des verfluchten Buches „Necronomicon“, das vom verrückten Araber Al-Hazred geschrieben wurde. Es wundert nicht, dass hier alle möglichen übernatürlichen Vorkommnisse auftreten. Das Buch wird von vielen Magiergruppen begehrt.

Das Hotel, in dem Craven eincheckt, ist nicht ganz das, was es scheint. Als Craven seine magischen Schutzsteine auch im Badezimmer aufstellen will, fällt er in ein Loch! Nur ein Balken bewahrt ihn vor dem Absturz in die Tiefe. Dort lauert ein grässliches Wesen, das seine Tentakel nach ihm ausstreckt. Wenn ihn nicht der Fremde herausgezogen hätte, so hätten die Fangarme Craven sicherlich erwischt. Der Retter, der sich als Shannon vorstellt, schleudert einen der Schutzsteine in die Tiefe und das Monster weicht unter heftiger Gestankentwicklung zurück.

Shannon, der für einen Magier recht jung wirkt, holt Craven aus dieser Bruchbude heraus, um ihn in der Uni einzuquartieren. Doch dazu müssen sie erst einmal den Fluss überqueren. Craven gibt sich nicht zu erkennen und nennt sich Jeff Williams. Das erweist sich als klug, denn Shannon behauptet, ein Freund von Robert Craven zu sein und ihn zu erwarten. Weder das eine noch das andere trifft für Craven selbst zu.

Auf dem Fluss folgt ein erneuter Angriff auf Craven. Am Ufer erscheint ihm sein Vater, Roderick Andara. Als dieser den Magier Shannon umbringen will, fällt ihm Craven in den Arm. Auch wenn Shannon gekommen sei, um Craven zu töten und mächtiger sei als er. In der Uni gesteht ihm Shannon, dass er diesen Craven töten soll – für das, was er dem Ort Innsmouth angetan habe. Davon weiß Craven, der sich immer noch als Jeff Williams ausgibt, nichts. Hält Shannon Craven etwa für Roderick Andara?

Die Lösung des Rätsels und das Ende von Shannons Hass kann nur ein Besuch in Innsmouth erbringen. Doch dort lauern bereits zwei Erzfeinde Andaras: die Hexe Lissa, die Craven Freundin Priscilla in ihren Bann geschlagen hat, und ihre Kreatur, der Seelenfresser, ein unsichtbares Gespinst, das – na, was wohl? – Seelen raubt. Offensichtlich ist jetzt ein Showdown fällig …

_Mein Eindruck_

Dies ist nur das erste der beiden Abenteuer, die in dem vorliegenden Hörbuch versammelt sind. Wieder einmal jagen sich die unvermittelt – und allzu häufig auch unmotiviert – auftretenden Anschläge auf das kostbare Leben des magisch begabten Helden Robert Craven. Nichts ist, was es scheint, und die so genannte Realität ist nur Lug und Trug. Sogar von seinem besten Freund Howard (Ph. Lovecraft) tritt ein Doppelgänger auf, und von Priscilla – wir ahnen es schon – ist auch nichts Gutes zu erwarten. So bleibt es fesselnd bis zum überraschenden Schluss.

Dies hat jedoch mit echter Spannung herzlich wenig zu tun. Wie soll sich Spannung aufbauen, wenn der Held von einem Wechselfall in den anderen geworfen wird? Wir wissen ja, dass er wie ein Stehaufmännchen stets wieder auf die Beine kommen wird, damit die Abenteuerserie weitergehen kann.

Die Welt der Großen Alten, die Lovecraft so leidenschaftlich und mühevoll in seinen Erzählungen errichtet hat, dient lediglich als Folie für Cravens Abenteuer. Sogar der Ort Innsmouth, an dem sich eines von Lovecrafts gruseligsten Abenteuern abspielt [(„Der Schatten über Innsmouth“),]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=424 dient nur als Kulisse für den ersten Showdown. Dadurch gerät der Autor niemals in die Gefahrenzone des Plagiarismus, doch Lovecraft-Jünger werden nicht sonderlich entzückt sein, einen ihrer Lieblingsschauplätze so banal missbraucht zu sehen.

Na ja, dies ist nur eine Groschenheftserie, und auf diesem Niveau spielt sich die Handlung ab: Alle fünf Minuten ist ein „spannender“ Zwischenfall fällig, sonst würde der Hörer bzw. Leser ja die Leere unter den Figuren und Kulissen bemerken. Natürlich werden immer wieder Vorwände für die Überfälle angeführt – das „Necronomicon“ ist ein ebenso guter wie fiktiver Vorwand. Und damit alles schön geheimnisvoll und rätselhaft erscheint, bleiben am Schluss immer ein paar Phänomene unerklärt: Wieso taucht Andaras Geist ständig auf? Wie gelangte einer Attentäter durch die Kellerwand? Manchmal hat die Action auch etwas Komisches, so etwa dann, als der dem Attentäter folgende Craven hinter einer Tür nicht den Kellerraum, sondern die nächste Mauer vorfindet – und sich prompt eine dicke Beule einhandelt.

_Der Sprecher_

Der 68 Jahre alte Sprecher Jürgen Hoppe verfügt immer noch über eine durchaus kräftige Stimme, die er wirkungsvoll einzusetzen weiß. Zwar ist seine Modulationsfähigkeit nicht so ausgeprägt wie etwa bei Kerzel und Pigulla, doch die Kraft seines Ausdrucks trägt besonders bei dramatischen Stoffen zur Wirkung der Geschichte bei. Ein Horrorstoff wie „Der Seelenfresser“ mit seinen zahlreichen dramatischen Konfrontationen bietet sich hierfür geradezu an.

In eingeschränktem Maße kann er seine Stimme verstellen. Rowlf beispielsweise hat eine sehr tiefe Stimme, ganz im Gegensatz etwa zu der Hexe Lissa, die ihrem Klischee hundertprozentig entspricht, indem sie kreischt und krächzt. Den Vogel schießt der am Schluss auftretende Shoggothe auf, ein Protoplasmadämon, der Craven mit den hochgeistigen Worten „Du wirst sterben, Craven!“ anschnarrt. Hier klingt Hoppes Stimme, als wäre einer der höchst selten benutzten Klangfilter eingesetzt worden.

_Die Musik_

Das Hörbuch weist einen erstaunlich hohen Gehalt an Musik auf. Schon der Prolog weist Hintergrundmusik auf, dann folgt in der Pause ein längeres Stück professionell produzierten Mystic- oder Gothic Rocks. Später folgen auch Songs, gesungen von Steve Whalley und anderen (s.o.).

Über die Qualität von Songtexten auf Hörbüchern kann man sich streiten, so etwa über Kunzes Stück „Der weiße Rabe“ auf den Poe-Hörspielen |Lübbe|s. Bei Böhnes englischen Texten ist jedenfalls weitaus weniger zu verstehen, worum es geht. „Age of Damnation“ ist der lange Abspannsong (Outro), und der dürfte Gothic-Rock-Fans ansprechen. In der Mitte des Hörbuchs, zwischen erstem und zweitem Abenteuer, erklingt der Song „Dark Fear“, der mir Schauder über den Rücken jagte. Allerdings nicht wegen der Lyrics, sondern wegen des schauder- und stümperhaften Klangs und Gesangs. Ich würde der Sängerin empfehlen, noch viele Gesangsstunden zu nehmen. Leider ist auch der Sound der restlichen Musiker eher von einer Garagenband zu erwarten – ganz im Unterschied zu dem Stück „Age of Damnation“.

Ich empfand ansonsten die häufig in den dramatischen Szenen eingesetzte Hintergrundmusik nicht als aufdringlich oder gar störend, sondern vielmehr als passend. Allerdings fragt sich manchmal der Hörer, warum er die Musikstücke mitbezahlen soll, die doch einen nicht unbeträchtlichen Teil der Laufzeit ausmachen – geschätzt etwa 20 Minuten Pausenmusik und Abspann. Immerhin teilen die Songs den langen Text deutlich auf.

_Unterm Strich_

„Der Seelenfresser“ richtet sich – wie die gesamte HEXER-Reihe – von seiner begrenzten Originalität und seinem einfachen Stil her an ein junges Publikum, das wohl vor allem männlich sein dürfte. Frauen kommen kaum vor, und wenn, dann entweder als Engel, Dämon oder Hexe. Diese jugendfreie Version von Weiblichkeit ist sicherlich ebenso legal wie klischeebehaftet, aber das ist ja nichts Neues.

Auch deswegen fühlte ich mich in die dreißiger Jahre des 20. Jahrhundert zurückversetzt, als ich Cravens Abenteuern lauschte. Damals schrieb nicht nur Lovecraft seine besten Storys, sondern auch Schriftsteller wie Edgar Rice Burroughs, der Erfinder Tarzans, und Robert E. Howard, der Erfinder des Barbaren Conan – allesamt Jungenabenteuer, die für die Serienproduktion wie geschaffen waren. Und deshalb auch heute noch aufgelegt und verfilmt werden. Heute wie damals bieten sie Ablenkung durch gefahrlos genießbare Illusionen aus einer pubertären Märchenwelt.

Innrhalb der Hexer-Hörbuch-Serie ragt „Der Seelenfresser“ in keiner Weise heraus. Doch der Song „Dark Fear“ in der Mitte ist eindeutig ein qualitativer Tiefpunkt. Er wurde hörbar schlecht produziert. Der Sprecher Jürgen Hoppe macht im Zusammenspiel mit der Band |ANDARA Project| das Hörbuch beinahe zu einem Hörspiel, so spannend und eindrucksvoll weiß Hoppe die Szenen darzustellen. Wer also keinen hohen Ansprüche an Horrorliteratur stellt, wird mit diesem Hörbuch letzten Endes gut unterhalten werden. Es bietet eben Horror Marke Hohlbein, nicht zu wenig Erzählkunst, aber eben auch keineswegs zu viel.

|Originalausgabe: Der Seelenfresser, 1984
216 Minuten auf 3 CDs|
http://www.luebbe-audio.de

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