Hottinger, Mary (Hg.) – Mehr Gespenster

16 Kurzgeschichten aus drei angelsächsischen „Hochburgen“ der Phantastik zeichnen die Entwicklung der Gruselgeschichte anhand klassischer und weniger bekannter Beispiele nach. Diese Sammlung markiert historische Meilensteine des Genres und ist trotzdem zeitlos, da sie ihren Unterhaltungswert bewahren konnte und ein Muss für den Horrorfan geblieben ist, der auch die alten und älteren Meister zu schätzen weiß.

_George Mackay Brown (1921-1996): Die Vernehmung_ („The Interrogator“), S. 7-37 – Für den Tod der jungen Frau sind viele Menschen verantwortlich, deren Lügen und Ausflüchte ein Ermittler erst entwirren kann, als er die Verstorbene selbst verhört …

_Herbert George Wells (1866-1946): Das unerfahrene Gespenst_ („The Story of the Inexperienced Ghost“, 1902), S. 38-59 – Unkenntnis schützt vor Strafe nicht, wie ein wackerer Englishman drastisch erfahren muss, den ein tumbes Gespenst mehr lehrt, als er verkraften kann …

_Rudyard Kipling (1865-1936): Die gespenstische Rikscha_ („The Phantom Rickshaw“, 1888), S. 60-98 – Eine Frau kann an gebrochenem Herzen sterben, doch das muss sie nicht unbedingt davon abhalten, ihren treulosen Geliebten weiterhin ihrer Liebe zu versichern …

_William Fryer Harvey (1885-1937): Das Werkzeug_ („The Tool“, 1928), S. 99-121 – Ein urlaubender Pfarrer leidet unter seltsamen Gedächtnislücken, während er gleichzeitig einen Mord entdeckt …

_(Joseph) Sheridan Le Fanu (1814-1873): Der böse Captain Walshawe_ („Wicked Captain Walshawe of Wauling“, 1864), S. 122-140 – Er war zeit seines Lotterlebens ein Wüstling; im Tod muss er endlich für seine Übeltaten zahlen, aber noch jetzt piesackt er die Lebenden …

_Ambrose Bierce (1842-1914?): Der Fremde_ („The Stranger“, 1909), S. 141-148 – Auch im Wilden Westen kann es spuken, zumal ein Leben dort oft drastisch endet …

_Saki (d. i. Hector Hugh Munro, 1870-1916): Die offene Tür_ („The Open Window“, 1911), S. 149-155 – Im Sumpf sind der Onkel und seine Brüder versunken, erzählt das kleine Mädchen, aber die verwirrte Tante rechne fest damit, dass sie eines Abends wieder auftauchen und heimkehren …

_Andrew Lang (1844-1912): Glams Geist_ („The Ghost of Glam“), S. 156-172 – Auf einem isländischen Gehöft geht in mittelalterlichen Tagen ein mörderisches Gespenst um, das nur ein wahrer Held bezwingen kann …

_Forbes Bramble (geb. 1939): Ferien_ („Holiday“, 1976), S. 173-196 – An diesem idyllischen See solltest du dein Zelt nicht aufschlagen, denn er beherbergt Bewohner, die ungeduldig auf die Dunkelheit warten …

_James Allan Ford (geb. 1920): Eine Art Besitz_ („A Kind of Possession“, 1976), S. 197-217 – Alle Welt bedauert den im Krieg verrückt gewordenen Helden; nur ein kleiner Junge weiß, dass es nicht nur böse Erinnerungen sind, die ihn jagen …

_Angus Wolfe Murray: Der Fluch_ („The Curse of Mathair Nan Uisgeachan“, 1976), S. 218-251 – Eine grausame Bluttat brachte ihn vor Jahrhunderten über die Familie, und er ist heute noch so gültig wie einst …

_Iain Crichton Smith (1928-1998): Die Brüder_ („The Brothers“, 1976), S. 252-268 – Er glaubt seine „rückständigen“ schottischen Wurzeln abgeschnitten zu haben, aber die zornigen Geister seiner Heimat dulden diesen „Verrat“ nicht …

_Fred Urquhart (1930-1994): Stolze Dame im Käfig_ („Proud Lady in a Cage“, 1976), S. 269-292 – Der Fluch einer Hexe erfüllt sich in der Gegenwart und quält eine junge Frau, indem er ihren Geist in eine grässliche Vergangenheit verbannt …

_John McGahern (1934-2006): Hauch des Weins_ („The Wine Breath“, 1977), S. 293-308 – Ein alternder Priester wird von seltsamen Visionen verfolgt, die ihn auf sein baldiges Ende vorbereiten sollen …

_Brian Moore (1921-1999): Das zweite Gesicht_ („The Sight“, 1977), S. 309-337 – Ein stolzer Menschenfeind lernt Demut und Angst, als eine hellsichtige Frau ihm den Zeitpunkt seines Todes nennen könnte …

_Terence de Vere White (1912-1994): Einer aus der Familie_ („One of the Family“, 1977), S. 338-358 – Wer ist Mr. Richard, der sich selbst als Geist verfolgt, und was ist der Grund für diese Heimsuchung?

Nachweis, S. 359-361

Zum zweiten Mal (nach „Gespenster“) sammelt Mary Hottinger (1893-1978) klassische Gruselgeschichten. Dieses Mal erweitert sie den Kreis und bezieht außer englischen auch schottische und irische Autoren ein; darüber hinaus gibt es je eine Story aus Island und – seltsamerweise – aus den USA. Die Kollektion zerfällt dieses Mal in zwei deutlich erkennbare Teile. Die Seiten 1-155 spiegeln die englische Gespenstergeschichte chronologisch wider. Berühmte Autoren sind mit genreprägenden Storys aus der zweiten Hälfte des 19. und dem frühen 20. Jahrhundert vertreten.

Anschließend gibt es einen Sprung: Die schottischen und irischen Geschichten (ab S. 173) stammen sämtlich aus den Jahren 1976 und 1977. Damit können sie nicht als repräsentativ gelten – kein Wunder, sind sie doch sämtlich zwei Storysammlungen der genannten Jahre entnommen. Hier hat es sich Hottinger sehr einfach gemacht – oder einfach machen müssen? „Bloody Mary“, die vom |Diogenes|-Verlag gekrönte Fachfrau für die Auswahl hochrangiger Krimi- und Gruselgeschichten, war stolze 85 Jahre alt, als „Mehr Gespenster“ erschien. Noch 1978 ist sie gestorben, was die Frage aufwirft, wie groß ihr Anteil an diesem Band eigentlich ist. Hat sie wirklich als Herausgeberin gearbeitet – arbeiten können? Oder bediente man sich einfach ihres werbeträchtigen Namens und stellte zusammen, was gerade greifbar war?

Glücklicherweise griffen Hottinger oder der Verlag auf zwei Sammlungen zurück, die inzwischen selbst als Klassiker gelten. „Mehr Gespenster“ ist deshalb zwar kein Standardwerk wie „Gespenster“ von 1956, aber der Leser muss in Sachen Unterhaltungswert kaum Abstriche machen.

Die Klassiker Kipling, Wells, Harvey, Bierce, Le Fanu und Saki sind mit Beiträge vertreten, die nicht grundlos immer wieder in einschlägige Storysammlungen aufgenommen wurden und werden, belegen sie doch mit bestechender Eleganz, was „Gruseln“ bedeutet, wenn ein Schriftsteller sein Handwerk beherrscht. Das literarische Niveau ist hoch, die Wege zur Erzeugung einer unheimlichen Stimmung sind unterschiedlich doch generell wirkungsvoll. Die hier auftretenden Gespenster sind manchmal grausam aber nie brutal; obwohl sich die Zeiten geändert haben, bleibt ihr Auftreten effektvoll. Die genannten Meister machen außerdem deutlich, dass der Schrecken mit wohl dosiertem Humor nicht nur harmoniert, sondern diesen sogar verstärkt. H. G. Wells und Saki balancieren mit traumhafter Sicherheit auf diesem schmalen Grat, doch auch Sheridan Le Fanu beweist (auch dank sorgfältiger Übersetzung, die übrigens den gesamten Band kennzeichnet), dass eine anderthalb Jahrhunderte alte Story witzig sein kann.

Keine „richtige“ Gespenstergeschichte ist „Glams Geist“, die der „Saga of Grettir the Strong“ (= „Grettir’s Saga“) entnommen wurde, welche wahrscheinlich im frühen 14. Jh. auf Island entstand und die Abenteuer des (fiktiven?) Kriegers Grettir Ásmundarson beschreibt. Diese Saga wurde mehrfach übersetzt, da sie immer wieder viele Leser fand: Grettir ist ein Anti-Held – er sinkt zum Geächteten ab, wird von Glams Geist verflucht, verfällt einem depressiven Wahnsinn und endet tragisch. Sie interessiert darüber hinaus den Historiker, da der unbekannte Autor detailliert das Leben auf Island zwischen dem 9. und 11. Jh. beschreibt und „Grettir’s Saga“ somit als zeitgeschichtliche Quelle gilt.

Die (inoffizielle) zweite Hälfte von „Mehr Gespenster“ enthält Geschichten von Autoren, deren Namen dem Phantastik-Fachmann zumindest hierzulande wenig sagen. Recherchiert man ein wenig, findet man Bramble, Ford, Murray & Co unter den lokalen Schriftstellergrößen Schottlands und Irlands. Sie haben sich literarischen Ruhm mit historischen Epen, Dramen oder Gedichten verdient, mit denen sie ihrer Heimat ein Denkmal setzten. Die hier aufgenommenen Geschichten greifen einerseits auf das klassische „Motiv“ des Spukens zurück: Gespenster sind die Seelen von Menschen, die ihr Leben nicht „ordnungsgemäß“ zu Ende bringen konnten, weil sie einen tödlichen Unfall erlitten haben oder ermordet wurden. Möglicherweise haben sie sich eines schlimmen Verbrechens schuldig gemacht, das ihnen im Jenseits keine Ruhe lässt. In jedem Fall kehren sie als Geister zurück, suchen nach Hilfe oder Rache.

Doch die Zeiten ändern sich: Zwischen dem Gespenst von Heute und seinem Opfer muss es keine direkte Bindung mehr geben. Die Natur des Spuks hat sich gewandelt bzw. erweitert. So wurzeln die jüngeren Geschichten dieser Sammlung in der bewegten, oft grausamen Historie der Schotten und Iren, die ein ständiges Ringen mit der unwirtlichen Natur, das oft genug einem Kampf auf Leben und Tod gleichkam, gleichzeitig bodenständig, egoistisch und hart werden ließ. Immer wieder thematisieren die Autoren den Konflikt der von Naturgeistern beseelten heimgesuchten, archaischen Wildnis, in die unwissende Besucher aus der „modernen“ Außenwelt eindringen. Sie scheren sich nicht um die ungeschriebenen Regeln, die jeder Einheimische kennt und zu achten gelernt hat. Die Folgen sind schrecklich, denn diese Geister kennen keine Gnade. Unkenntnis ist für sie nicht Entschuldigung, sondern Grund für Strafe und Chance zur Befriedigung eigener, düsterer Bedürfnisse. Hier gibt es keine erkennbare Gerechtigkeit mehr, der Fluch trifft nicht mehr jene, die ihn „verdienen“, sondern Pechvögel, die sich zur falschen Zeit am falschen Ort aufhalten.

Immer wieder spielt darüber hinaus der ewige Konflikt zwischen den „angelsächsischen“ Engländern, den „gälischen“ Schotten und den „keltischen“ Iren eine wichtige Rolle. Ihre gemeinsame Geschichte wird durch brutale Kriege, Unterdrückung und grausame Not markiert. Die Geister dieser Vergangenheit ruhen verständlicherweise nicht, die übel geendeten Ahnen schreien nach Rache und verhalten sich entsprechend. Dabei kann ihr Zorn auch die eigenen Nachfahren treffen, die ihre Herkunft verleugnet haben. Die Konsequenzen solchen „Verrats“ hat Iain Crichton Smith in seiner Erzählung „Die Brüder“ eindringlich literarisch verarbeitet.

So darf und muss abschließend noch einmal festgestellt werden, dass „Mehr Gespenster“ als Sammlung „anders“ als „Gespenster“ ist. Das verbindende Zauberwort lautet „Qualität“ – und die prägt eindeutig beide Bücher. Der zweite Band der „Gespenster“-Trilogie wird deshalb seine Leser/innen ebenso unterhalten und begeistern wie sein Vorgänger.

Die „Gespenster“-Trilogie des |Diogenes|-Verlags:

(1956) „Gespenster: Die besten Gespenstergeschichten aus England“ (hg. von Mary Hottinger)
(1978) „Mehr Gespenster: Gespenstergeschichten aus England, Schottland und Irland“ (hg. von Mary Hottinger)
(1981) „Noch mehr Gespenster: Die besten Gespenstergeschichten aus aller Welt“ (hg. von Dolly Dolittle)

http://www.diogenes.de

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar