Iwoleit, Michael K. – Psyhack

_SF-Thriller: dein Gedächtnis als Ware_

Dies ist die Geschichte des Biotech-Agenten Marek Yanner, der – wie er vergessen hat – schon mal bessere Tage gesehen hat. Damals hatte er noch eine Familie und lebte in einer Kolonie für alternativen Lebensstil in Irland. Er verriet deren Ideale, verließ seine Familie nach einem Bio-Angriff auf die Kolonie und ging ins Exil. Nun hat Marek Yanner einen Chefmanager getötet und befindet sich auf der Flucht. In London kommt er endlich darauf, was man mit ihm gemacht hat: Der Multi, für den er arbeitete, hat ihm einen Psyhack verpasst. Er ist gar nicht Marek Yanner, sondern ein ganz anderer.

Die Novellenfassung dieses SF-Thrillers wurde 2006 mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis ausgezeichnet.

_Der Autor_

Michael K. Iwoleit, geboren 1962 in Düsseldorf, erlangte einen Abschluss als biologisch-technischer Assistent, bevor er sein Studium Germanistik, Philosophie und Sozialwissenschaften in Düsseldorf begann. In seinen ersten SF-Erzählungen eiferte er in Aufbau und Stil seinen Vorbildern Philip K. Dick und J. G. Ballard nach, über die er später Essays veröffentlichte, u. a. im „Heyne SF Jahr“. Sein Romanerstling „Rubikon“, erschienen 1984 bei |Ullstein|, war ein Hommage an Stanislaw Lem. Später setzt er sich besonders mit dem Werk deutschsprachiger SF-Autoren auseinander. „Psyhack“ erschien 2007 im |Fabylon|-Verlag der Fantasyautorin Uschi Zietsch.

_Handlung_

Marek Yanner hat schon einige schmutzige Jobs hinter sich, aber der mit den Stammzellenbrüterinnen in Bolivien geht ihm jetzt echt an die Nieren. Junge Prostituierte werden von der Straße geholt, man verpasst ihnen hohe Dosen von Hormonen, befruchtet sie und lässt sie statt eines Fötus mehrere Kilo Stammzellen ausbrüten, natürlich unter Verabreichung weiterer Hormone. Viele gehen dabei drauf, manchmal sechs pro Tag, und diese entsorgt ein Mestize dann auf der Müllkippe. Es ist ein brutales Geschäft, und davon hat Yanner schon einige erledigt. Aber: Er kann sich gar nicht daran erinnern. Die Erinnerung wird stets gelöscht. Folglich ist auch sein Gewissen nicht belastet. Aber jetzt will er echt aussteigen.

Willkommen in der schönen neuen Welt Mitte des 21. Jahrhunderts. Die Wissenschaft hat es endlich geschafft, die Gedächtnisinhalt eines Menschen per Abtastung komplett auszulesen. Diese Scans sollten eigentlich Alzheimer-Patienten ihre Erinnerungen zurückgeben, aber natürlich hat die Halbwelt des Verbrechens ein paar sehr viel lukrativere Anwendungsmöglichkeiten gefunden. Mit den Scans lassen sich nicht nur Identitäten übertragen und verschleiern. Da man die riesigen Dateien auch bearbeiten kann, lassen sich auch Identitäten zusammensetzen, löschen und mit allem Möglichen erweitern, beispielsweise mit einem Virus-ähnlichen Konstrukt.

Nach jedem Job hat Marek solch eine Gedächtnislöschung über sich ergehen lassen. Und auch jetzt wieder braucht er dringend den Segen des Vergessens, nicht bloß wegen Bolivien, sondern er hat zudem das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wer er selbst ist. Aber sein Auftraggeber Gasper Johns in Berlin besteht darauf, dass Marek noch einen letzten Job erledigt: Chris Hohmann bei Neuran Inc. soll sterben. Aber Neuran ist nicht irgendeine Popelklitsche, sondern das wichtigste Pharmaunternehmen der Welt. Seine Niederlassung nimmt in Berlin anderthalb Straßenblocks ein, und das bei astronomischen Grundstückspreisen. Marek muss den Job annehmen, oder er kann sich gleich eintüten und zum Mond schicken lassen.

Phil ist ein Profi-Scan-Hacker mit einer Komplettausstattung. Als er diesmal die Identität eines Neuran-Bewerbers auf Marek überträgt, scheint etwas schiefzugehen. Marek hat zwar die neue Identität, aber sie sitzt irgendwie nicht richtig. Nach seiner Genesung von der Prozedur düst Marek zu Neuran in Berlin am Potsdamer Platz. Nach einem Abstecher zu ein paar trickreichen Scanhackern in Kreuzberg betritt er die Neuran-Zentrale, wird mit seiner neuen Identität durch sämtliche Kontrollen geschleust und schließlich, unter Geleitschutz durch einen muskelbepackten Leibwächter, bei Chris Hohmann, dem Obermacker dieser Niederlassung, vorgelassen.

Doch dann passiert etwas Unerwartetes: Eine völlig andere Verhaltensroutine läuft ab als die, welche Marek übertragen bekam. Er setzt den Leibwächter außer Gefecht und stürzt sich auf Hohmann, mit dem er unaussprechliche Dinge anstellt. Ausgestattet mit Hohmanns Finger und Auge gelingt es ihm, alle biometrischen Kontrollen zu überwinden und mit dessen Wagen zu entkommen. Der Schock holt Marek ein, als er schon auf der Autobahn ist. Garantiert sucht der Neuran-Werksschutz bereits nach ihm. Und der ist nicht zimperlich.

Da lief ein Programm in ihm ab, das gar nicht zum offiziellen Auftrag gehörte, den Gasper ihm gegeben hatte. Also was war das? Eines ist klar: Er muss es aus sich entfernen und endlich zu sich selbst zurückfinden, ganz egal, wer er in Wirklichkeit ist (das hat Gasper vielleicht ebenfalls löschen lassen). Es gelingt ihm in letzter Sekunde, einen Deal mit der Londoner Unterwelt einzufädeln und nach England zu entkommen.

In der Londoner Untergrundklinik des Dr. Vezina warten allerdings einige böse Überraschungen auf ihn. Sein wahrer Name könnte David Prescott sein, dann hätte er einen Sohn und eine Frau, Deli. Er hatte an der westirischen Küste ein linksliberales Projekt namens Falcon laufen, über das Neuran gar nicht glücklich war und zurückschlug. Deshalb der Ausraster bei Hohmann, oder?

|2. Teil|

Im Mittelteil des Buches rekonstruiert Dr. Vezinas Therapie die Vergangenheit seines Patienten. Nur dass dieser sich diesmal als David Prescott sieht – von der ersten Begegnung mit der Aktivistin Deli über die Einrichtung der Aktivistenparzelle Falcon an der irischen Westküste bis zur Katastrophe, der Davids Sohn Pascal zum Opfer fiel und zum Krüppel wurde. Neurans Anschlag mit Nanomechanismen war dafür verantwortlich. Und zuletzt verkaufte sich David an diesen Feind, um die Überlebenden zu retten. Kein Wunder, dass sie ihn zum Verräter stempelten und ausstießen. Er musste untertauchen und Neuran half ihm dabei.

|3. Teil|

Dr. Vezina ist ein Genie. Er stellt David Prescott wieder her, doch David will unbedingt Deli und Pascal wiederfinden. Und er will den Tod Gasper Johns. Was soll das denn alles? Kommt jetzt die große Aufräumaktion?, spielt David jetzt Rambo?, will Vezina wissen. Aber er ist viel zu klug, als dass er nicht höflich wäre. Deshalb verklickert ihm David, dass er sein Leben zurückhaben will, und das geht nur, wenn Gasper tot und Deli und Pascal frei sind.

Der Haken dabei – und es gibt immer einen Haken: Deli und Pascal leben in einem Hochsicherheitsgelände in Giverny, wo einst ein bekannter Franzose die Seerosen malte (Monet). Und bis jetzt ist jeder, der in die Klinik eindringen wollte, beim Versuch umgekommen. Na dann …

_Mein Eindruck_

Der Roman bildet die merkwürdig anmutende Kollision der alternativen Projekte der frühen achtziger Jahre mit dem 21. Jahrhundert. Hier die linksliberalen Sozialexperimente à la Christiania bei Kopenhagen, dort dort die Cyberpunk-mäßigen Psychoexeperimente von Megakonzernen wie Neuran. Letztere gehören eher in die paranoide Welt eines Philip K. Dick, in der Identitäten nicht nur unsicher sind, sondern so austauschbar wie jede andere Ware.

|Welten kollidieren|

Die Kollision dieser beiden Welten finden auch in David Prescotts Leben und Bewusstsein statt. Erst ist er der linksliberale Mitläufer beim „Falcon“-Projekt, dann muss er seine Ideale verraten und ein anderer werden. Er wird Marek Yanner, der skrupellose Agent Neurans und anderer Auftraggeber, der keine Erinnerung mehr hat. Hätte er eine, könnte ihm sein Gewissen nicht erlauben, weiterzuleben. Der Mord an Hohmann bildet die Apokalypse für David 2.0, und er muss sich rekonstruieren lassen: durch totale Erinnerung. Mal sehen, was er entdeckt.

Der Mittelteil des Romans enthüllt, was Yanner/Prescott früher war. Dabei legt der Autor zeitlich den Rückwärtsgang ein: Jede weitere Szene spielt zu einem früheren Zeitpunkt. Das ist ein wirksamer Kniff, um die spannende Frage zu beantworten: Wie konnte es zu Davids Verrat kommen und wer war dieser David eigentlich ursprünglich? Wie steht er zu Deli und wie wichtig sind sie und sein Pascal für David gewesen?

Aus den Antworten dieses Teils ergeben sich die Ziele des dritten und letzten Teils. Der Dreiakter geht in die Endrunde, als David wie ein Marek 2.0 in die Geheimklinik in Giverny eindringt. Statt jedoch sarkastisch über sich selbst zu lästern, ist David ehrlich besorgt um seine Frau und seinen Sohn. Doch werden sie ihn überhaupt noch kennen wollen, fragt er sich, oder werden sie ihn gleich wieder rauswerfen? Falls er es überhaupt bis zu ihnen durch die tödlichen Barrieren schafft.

|Conditio humana|

Das Schöne an Iwoleits Roman sind diese menschlichen Seiten, an denen der Leser erkennt, dass der Autor seine Figuren ernst nimmt und nicht bloß als Spielzeug für seine Hirnspiele einsetzt, wie es ihm in den Kram passt. So gelingt es ihm, in der Welt des Romans nicht nur futuristische Technik vorzustellen, die mir wirklich Furcht eingeflößt hat, sondern auch die menschlichen Lebensbedingungen, die condition humana, zu beschreiben. So ist auch Philip K. Dick vorgegangen, und das passt ins Bild, das Iwoleits Werke bisher vermittelt haben: einen kritischen Blick auf die nahe Zukunft, die wir noch erleben können.

|Grundkenntnisse|

Er geht dabei nicht betulich vor, sondern hat einen spannenden Science-Fiction-Thriller verfasst, den jeder, der ein paar Grundbegriffe in Hirnforschung, Chemie und Biologie kennt, verstehen kann. Das sprachliche Niveau, mit dem der Leser zu rechnen hat, soll folgender kurze Absatz von Seite 99 unten veranschaulichen:

|“Mit Scanning, Mnemotomien und -transplantaten wird es in ein paar Jahren möglich sein, beliebige Aspekte einer Persönlichkeit von einem Kopf in den anderen zu verpflanzen. Dann wird Neuran das erste Unternehmen sein, das Menschen nicht nur biologisch und genetisch, sondern auch psychisch und intellektuell designen kann. Dann wird endlich erreicht sein, was so lang erträumt wurde: Der Mensch ist voll und ganz eine Ware.“| (S. 99)

|Schwächen|

Leider ist dieser wichtige Roman, der beim Kurd-Laßwitz-Preis 2008 auf die vorderen Plätze kam, bei einem kleinen Verlag erschienen, der kein Geld hat, einen Korrektor an den Text zu setzen. Daher muss sich der Leser mit zahlreichen Textfehlern herumschlagen und abfinden.

Fehlende Wörter wie in „stell dir [vor]“ (S. 48) muss man selbst ergänzen, unorthodoxe Worttrennungen ertragen, eine kleine Schrifttype fast mit der Lupe lesen und dergleichen. So gelang es dem |Fabylon|-Verlag, den Roman, dem gut und gerne 300-350 Seiten zu gönnen wären, auf 224 Seiten zu pressen, um Papier zu sparen.

Mit dem Titelbild konnte ich mich ebenfalls nicht anfreunden. Der |Heyne|-Verlag hätte sicherlich ein technischer orientiertes Covermotiv gefunden, nach dem Muster der Romane von Cory Doctorow etwa.

_Unterm Strich_

Der SF- Thriller entwirft eine interessante zukünftige Welt, wird dabei aber nicht gerade ausschweifend. Es ist, als habe sich der Autor zwingen müssen, sich nur auf das Notwendigste zu konzentrieren. Man merkt dem dichten Text die Anspannung an. Keine Zeit für zwischenmenschliches Rumgeplänkel, nein, jede Szene muss einem Zweck dienen. Das macht die Lektüre zwar sehr spannend, aber auch ermüdend. Nach jedem Kapitel musste ich erst einmal eine Verschnaufpause einlegen, ganz besonders nach dem Mittelteil, obwohl der überhaupt nicht technisch ist. Dafür ist er vollgepackt mit zwischenmenschlichen Konflikten.

Solche Romane bezeichnen Leser und Kritiker gerne als „tour de force“, was ich für einen derart abgedroschenen Begriff halte, dass er den meisten Lesern heute nichts mehr sagt. Ich würde eher sagen, das „Psyhack“ einen Leser erfordert, der auf der Basis weitreichender Kenntnisse (siehe oben) bereit ist, sich mit dem Thema Gedächtnisübertragung auseinanderzusetzen. So schwierig ist das ja nun auch wieder nicht.

Und Leser, die die abgefahrenen Romane von Philip K. Dick mögen, werden fast enttäuscht sein, dass Iwoleits Helden stets auf dem Teppich bleiben und keinerlei Visionen bzw. Epiphanien erleben. Mir persönlich ist das sympathischer, denn nur so kommt Iwoleits zweite Botschaft über die conditio humana im Zeitalter der Identitätsübertragung glaubwürdig zum Tragen.

Schade, dass der Autor sein Buch nicht bei einem der major publisher hierzulande unterbringen konnte, sondern zu Fabylon gehen musste. Die Textform ist entsprechend fehlerhaft. |Fabylon| hat zwar einen Ruf in der Szene, aber eher als Fantasy-Programm denn als SF-Forum. Es wäre zu wünschen, dass |Heyne| oder |Bastei Lübbe| eine Lizenzausgabe veröffentlichen. Verdient hat der Roman ein größeres Publikum auf jeden Fall.

|ISBN-13: 978-3-927071-13-1|
http://www.fabylon-verlag.de

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