Janson, Christine – Just4Women: Erotikbox 2

_Zwischen Bondage Fever und Touch Mahal_

Im März 2003 begann die „erste erotische Hörspielserie für Frauen“ und mittlerweile sind es schon über ein halbes Dutzend Abenteuer in Amors Gefilden, in denen sich die vier Hauptfiguren Moni, Cora, Annica und Sylvia mit meist, aber nicht immer männlichen Partnern verlustieren dürfen. Die erste Erotikbox in pinkfarbenem Plastikherz kostete immerhin 24,90 Euro. Aber da waren auch Badekerzen mit Lavendeldurft drin. Nun vertreibt |Lübbe| die CDs des Kölner Herstellers „Sounds of Seduction“ exklusiv: für knapp 27 Euro pro Dreifach-CD.

Auf der ersten CD ist die Episode „Fesselnde Leidenschaft“ zu finden. Hier geht es um Bondage, handfesten Sex, aber auch um Eifersucht zwischen Freundinenn. Die zweite CD enthält das Abenteuer „Slow Motion“, das der ersten Episode sonderbarerweise zeitlich vorausgeht. Das Quartett erkundet in Indien die Liebeskunst, aber Moni gerät auf einer Strandparty in höchste Gefahr.

Die dritte Silberscheibe ist „eine Ratgeber-CD, die in Zusammenarbeit mit Christine Janson, der Autorin und bekannten Expertin in Fragen weiblicher Sexualität, zusammengestellt“ wurde. „Diese CD enthält praktische Tipps und Anregungen zu den Abenteuern unserer vier Freundinnen und ist ab jetzt Bestandteil jeder Box. Was sollte man bei einer Tantra-Massage unbedingt beachten?“ Danach wollen Mann und Frau das sicher gleich selbst ausprobieren.

_Die Autorin_

Das Drehbuch zur ersten Folge „Frauenabend“ schrieb laut Pressemitteilung noch die Sprecherin und TV-Schauspielerin Dana Geissler. Doch danach hat Christine Janson diese Rolle übernommen. Sie tritt hier auch als Ratgeberin auf. Auf der Webseite http://www.just4women.de/ kann man mehr über sie, die Figuren und den eigenen Persönlichkeits-Typ erfahren. Bilder gibt’s dort ebenfalls für den Download.

_Der Sprecher/Die Inszenierung_

Wie gesagt ist Dana Geissler die bekannteste Sprecherin. Sie trat in „Tatort“, „Die Sitte“, „Die Wache“ und „Hausmeister Krause“ auf.

Sie spricht MONI (32), eine freiberufliche Werbekauffrau, seit zehn Jahren mit Michi (38) verheiratet und Mutter zweier Kinder, Max und Lisa. Moni hat bislang nicht experimentiert und ist ängstlich.

CORA wird gesprochen von Eva-Maria Hardt. Sie ist die Powerfrau, wie sie im Buch steht. Sie übernimmt gerne das Kommando, kann sich aber auch hingeben.

ANNICA wird gesprochen von Anne Fink. Sie ist die „Cosmopolitin“ (= COSMOPOLITAN-Frau?) der Gruppe. Annica verfolgt eine Karriere als Sängerin.

SYLVIA wird gesprochen von Birgit-Karla Krause. Sie ist die Romantikerin, die schon mal gerne nach Indien abdüst und gerne Tantra-Sex hätte.

Neben ihnen gibt es natürlich noch eine Reihe von anderen Rollen und Sprechern. Sie werden am Ende einer Episode erwähnt.

Der Titelsong „Girlfriends“ wird von Soleil Niklasson gesungen. Für den guten Ton sorgten Peter Harrsch und Rainer Zuber. Regie und Musik oblagen wie immer Ingo Gregus. Wie gesagt, schreibt Christine Janson stets das Drehbuch. Für die Idee zeichnet Ralf Pispers verantwortlich, und wenn man sich die Anzahl der Episoden von „Just4Women“ anschaut, scheint es eine ziemlich erfolgreiche Idee gewesen zu sein.

_Handlung von „Fesselnde Leidenschaft“_

Endlich ist es wieder Sommer. Annica lädt ihre Freundinnen ein, die Bühnenshow ihres Berliner Exfreundes Leroy zu erleben. Von dem farbigen Tänzer und Conferencier sind besonders Moni und Sylvia begeistert. Da fordert Leroy eine Frau im Publikum auf, auf die Bühne zu kommen. Als sich keine traut, fällt ihm das zitronengelbe Bikini-Top von Sylvia ins Auge, und also ruft er sie. Dem Drängen ihrer Freundinnen hat die schüchterne Sylvia nichts entgegenzusetzen. Mit Bangen und Zagen steigt sie auf die Bühne. Denn Leroy ist ein Bondage-Künstler.

Er beruhigt sie, als er ihr die Augen verbindet. Er streicht mit einem Seil über ihre Haut, und sie wird zwischen Furcht und Lust hin und her gerissen. Und dann fesselt er auch noch ihre Hände! Nun ist sie ihm wehrlos ausgeliefert. Sie soll sich dem Rhythmus der Musik überlassen. Sylvia genießt das Spiel und da sie Leroy vertraut, lässt sie sich emotional ganz fallen. Da streichelt auch auch noch eine Peitsche über ihre Haut, und sie juchzt auf. In der folgenden Nacht plagen Sylvia wilde Träume. Sie hat sich in Leroy verliebt.

Doch schon beim gemeinsamen Frühstück wird ihr klar, dass auch Annica und Cora ihre Zähne in Leroys muskulöses Fleisch schlagen wollen. Und ehe sie es sich versieht, haben sie schon mit ihm geschlafen. Der nachfolgende Streit stellt ihre Freundschaft zu Cora und Annica auf eine harte Bewährungsprobe.

Unterdessen hat auch Monis Göttergatte Michi nicht die Hände in den Schoß gelegt, sondern fleißig Knoten geübt. Um mal wieder ihrer dahindümpelnden Ehe etwas mehr Pfiff zu verleihen, nimmt er sie auf einen Ausflug ins Grüne mit. Ihre Augen sind bereits auf der Fahrt verbunden, dann ist es nicht mehr weiter zu einer Waldlichtung, die Michi für recht abgelegen hält (was sich als Irrtum erweist). Hier stellt er seine ganz persönlichen Fesselungskünste unter Beweis …

_Mein Eindruck_

Dies ist ohne Zweifel eine der unterhaltsamsten Episoden der Erotikbox-Episoden überhaupt. Während der Sex mit Leroy ganz schön handfest und geil ist, ist diesen Szenen das zunehmende Elend in Sylvias schmachtender Seele gegenübergestellt. Auf diese Weise erscheint der Sex nicht so banal, sondern wird indirekt kommentiert.

Wer nun meint, hier würden Männer zu Paschas stilisiert, der irrt. Jede Art von Sex findet in der Just4Women-Reihe stets einvernehmlich, mit Kondom und relativ nüchtern statt, also nie besoffen oder high. Diese drei Prinzipien werden im Ratgeberteil noch einmal haarklein erläutert. Die Prinzipien sind – besonders in der S&M-Szene – international anerkannt.

Auch Michis lustvoller Sex mit seinem Eheweib ist keineswegs banale Triebabfuhr, sondern wird erstens Sylvias Streit mit ihren Freundinnen gegenübergestellt und mündet zweitens in eine regelrechte Komödie, als die beiden von einem „älteren Herrn“ erspäht werden, der seinen Dackel Gassi führt. Die Polizei ist alsbald zur Stelle und verhört die beiden Landfriedensbrecher und Erreger öffentlicher Erregung. Natürlich ist dies Klamauk, aber auch eine versteckte Warnung, sich den mutigeren Varianten des Sexus möglichst in den eigenen vier Wänden hinzugeben. Oder in einem eigens dafür eingerichteten Workshop, wie er im Ratgeber vorgestellt wird.

_Handlung von „Slow Motion“_

Annica durchbricht eine biologische Schallmauer: Sie wird 30. Schlimmer sind eigentlich nur Geburt und Entjungferung, also muss das Ereignis gebührend gefeiert werden. Sie lädt ihre Freundinnen zum Essen beim Inder ein, aber in Bombay! Alle freuen sich aufs Land von Yoga und Meditation. Aber vor der Abreise stellt Moni fest, dass sie – wieder mal – nichts zum Anziehen hat, und nur Cora denkt daran, Kondome einzupacken.

Vor Ort stellt sich Sylvia als geborene Reiseführerin heraus, denn sie kann nicht nur mit den Taxifahrern feilschen wie ein Fischweib, sondern führt sie auch an die besten Sehenswürdigkeiten. Von solchen Touri-Strapazen seilt sich Cora sofort ab und lässt sich eine Ganzkörper-Massage angedeihen. Da sie nicht auf den Kopf gefallen ist, weiß sie auch, wie man einen Massageboy besticht, damit er auch die erogenen Zonen mit seinem sanften Touch beglückt, sozusagen der Touch Mahal.

In Goa, der Hippiehochburg an der Südwestküste, kommen sich die Mädels wie im Märchen vor. Wellen und Vogelgezwitscher schmeicheln ihren Ohren, Blumendüfte kitzeln ihre Nasen. Der Hotelbesitzer Mr Santosh hat die Hotelfachschule in Zürich besucht und kann sehr gut deutsch. Er kredenzt einen Hummer zur Feier des Tages, und sinnlichste Gaumenfreuden versüßen ihnen den Abend.

Die traditionelle Tantraschule kommt nur bei Sylvia gut an: Annica wird schwindlig und Cora schlecht. Die Alternative sieht wesentlich besser aus, und Annica testet diesen Mr „Shiva Lingam“, der eigentlich aus Köln stammt, aus. Das Ergebnis ist schon viel mehr nach ihrem Geschmack …

Moni hat sich bei der Massage in Mr Santosh verknallt. Als sie auf einer Rave Party von Cannabis-Keksen kostet, erlebt sie die Fantasie ihres Lebens. Doch während sie sich im Geist mit ihrem Indian Lover vereint, steigt die Flut gefährlich nahe an ihrem Leib empor. Der echte Mr Santosh und ihre Freundinnen vermissen sie bereits. Wo kann sie nur abgeblieben sein?

_Mein Eindruck_

Ich bin nicht in der Position, über ein Land zu urteilen, das ich noch nie besucht habe, und ob es die geschilderten Verhältnisse vor Ort gibt oder wenigstens geben könnte, wage ich nicht zu bewerten. Aber ich war anno 1993 auf Ko Samui, und dort waren Strandpartys nicht gerade ein tägliches Ereignis, und dass sich ein Hotelbesitzer zur Massage herabgelassen hätte, wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Es ist einfach nicht Sache der Männer, Massage auszuüben, sondern die der Frauen. Zumindest in Thailand.

Ob es einen Shiva Lingam (lingam = Phallus) aus Köln geben könnte, erscheint mir wahrscheinlicher, denn es gibt einen regen Kulturaustausch. Viele Deutsche waren beim Guru in Poona und Rishikesh (wie einst die Beatles). Sie könnten, wie viele Ausländer in Thailand, auch in Indien ihre Dienste anbieten. Leider sind viele anderen Details geradewegs aus dem Katalog der romantischen Klischees. Der alte Tantralehrer gehört sicherlich nicht dazu.

Eine enttäuschende Episode, die zum Großteil mehr als PR-Gag taugt denn als antörnende Sexpedition.

_Der Ratgeberteil_

Unsere Sexpertin vor Ort ist Sara, gesprochen von Nicole Engeln. Sara hat für uns eine Reihe von Leuten vors Mikro geholt, die in Sachen Bondage und Tantra interessante Angebote machen. (Die Webadressen aller Interviewpartner sind in der Box hinter der CD #3 abgedruckt.)

Zudem liefert Sara praktische und sehr beachtenswerte Tipps zu einer Reise nach Indien: Reisezeit und -ort sowie Verhaltensweise als Tourist. Bekannt ist die Warnung, wie man Montezumas Rache vermeidet: kein Salat, kein Leitungswasser, kein Speiseeis – dafür aber viel scharfe Gewürze essen, um die winzigen Plagegeister fernzuhalten.

Zu guter Letzt können Zuhörer und Zuhörerin mal selbst in Sachen Tantra versuchen. Dabei sollte man die genannten Ratschläge möglichst genau befolgen, sonst wird aus dem Traumsex ein Sexalbtraum. Nach dem Motto „Ladies first“ darf ER zuerst SIE verwöhnen, danach SIE IHN. Vielleicht schaffen es beide, hinter das Geheimnis des „Big Draw“ zu kommen, von dem geübte Tantriker schwärmen.

_Mein Eindruck_

Die Ratgeber-CD bietet also Interviews und eine Menge Tipps, die gar nicht zu verachten sind. Insbesondere die Empfehlungen für die Teilnahme an Tantra- und Bondage-Kursen sind beachtenswert. Selbst wenn sie hin und wieder banal erscheinen sollten – man kommt heute durch die Reizüberflutung so selten zum Denken, dass man auf diese Regeln nicht so schnell von alleine gekommen wäre.

_Die Inszenierung_

Der Sound kann sich durchaus hören lassen. Harrsch und Zuber (s. o.) haben gute Arbeit geleistet. Die Toneffekte, die sie einsetzen, machen sich besonders in der Episode „Fesselnde Leidenschaft“ positiv bemerkbar. Ob nun das unvermeidliche Handy klingelt oder ein entsprechendes Ambiente wie Michis Waldlichtung gegeben ist, stets sind die nötigen Sounds vorhanden, allerdings in wohldosierter Menge. Auf diese Weise ist der Dialog immer verständlich.

Die Pausenmusik beim Szenenwechsel ist in den beiden Episoden unterschiedlich realisiert. In „Fesselnde Leidenschaft“ spielt ein guter Pianist kurze Motive, in „Slow Motion“ erklingen alle Arten von indischen Instrumenten. Der indische Gesang klingt für unsere Ohren recht eigenartig und drängt sich manchmal in den Vordergrund.

An Anfang und Ende jeder Episode taucht der Themensong „Girlfriends“ auf, wahrscheinlich nur deshalb, weil darin die Zeile „Just for women“ vorkommt, die der Serie ihren Titel gegeben hat. Die Sängerin ist eine Könnerin ihres Fachs, aber so häufig wollte ich sie nun wirklich nicht hören. Immerhin: Der Song stimmt auf die Episode ein und am Schluss der zweiten CD wird er sogar in seiner vollen Länge von rund drei Minuten ausgespielt. Irgendwie musste die CD ja gefüllt werden.

_Unterm Strich_

Ich habe beim Vergleich mit der ersten Erotikbox eine begrüßenswerte Qualitätssteigerung festgestellt. Während die Episode „Slow Motion“ noch dem alten Klischeemusterkatalog entspricht, wartet Episode 1 „Fesselnde Leidenschaft“ mit einer intelligenten Kontrastierung von Sex mit Psychoproblem oder Sex und Komödie auf. Die Dramaturgie ist hier wesentlich ausgefeilter und davon profitieren sowohl der Zuhörer als auch der Inhalt.

Die Themenfelder Bondage und Tantra sind immer noch etwas ausgefallen, aber weibliche Zuhörer wollen sicher nichts Neues über Hausfrauensex erfahren, oder? Das sind sie schließlich selbst, ob allein oder mit einem Partner. Sie suchen das Abenteuer, und das lässt sich am ehesten in exotischer Umgebung finden, sei es in Indien oder bei einer Bondageshow. (Ich habe noch keine einzige Anzeige für so eine Show gesehen und frage mich, wie Annica an so etwas rankommt.)

Do it yourself-Tantra ist schon ziemlich anspruchsvoll, habe ich den Eindruck, und bevor Hörer oder Hörerin so etwas ausprobieren, sollten sie entweder genau die Tipps befolgen oder noch besser gleich einen Kurs besuchen. Alle anderen Infos, besonders die zu Indien, klingen vernünftig, aber das kann nur die Spitze des Eisbergs sein. Allein anhand dieser Tipps würde ich sicher keine Reise antreten wollen.

|200 Minuten auf 3 CDs|
http://www.luebbe-audio.de
http://www.just4women.de/

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