Jeschke, Wolfgang (Hg.) – Science Fiction Jubiläumsband. Das Lesebuch

_Top-Auswahl aus 25 Jahren erstklassiger Phantastik_

Zum 25-jährigen Jubiläum der „Heyne Science-Fiction & Fantasy“-Reihe präsentiert Herausgeber Wolfgang Jeschke achthundert Seiten mit den besten Erzählungen des SF-Genres. Fantasy ist hier nicht vertreten. Jede Story wird von Jeschke mit einer Vorbemerkung eingeleitet, die die Entwicklung des Heyne-SF-Programms betrifft. Beispielsweise charakterisiert er den ersten Herausgeber und SF-Experten Günther Schelwokat, vermerkt den Eintritt der ersten Übersetzer und welche Romane zu Dauersellern wurden – nämlich die hier aufgeführten.

Die Auswahl präsentiert Romanauszüge und SF-Erzählungen, die Heyne zwischen 1960 und 1985 veröffentlichte und die für Einsteiger ins Genre, die qualitätsvolle Science-Fiction kennenlernen wollen, geeignet sind. Aber auch an eingefleischte SF-Kenner richtet sich das Buch, die gern einmal ein paar gute alte SF-Stories wiederlesen möchten. Oder an Leute, „die ein Geschenk suchen für jugendliche Leser, für die es höchste Zeit wäre, dass sie mit Science-Fiction Bekanntschaft machen“.

Der SF-Freund findet hier Erzählungen von bekannten Autoren wie Ray Bradbury, Fredric Brown, Arthur C. Clarke, C. J. Cherryh und Brian W. Aldiss. Weder Spannung noch Humor kommen hier zu kurz. Die Besonderheiten: Es gibt auch eine ganze Reihe von Romanauszüge, so etwa „Die Triffids“, „Der Mann von Drüben“, „Die seltsame Geschichte des Mr. C“ und „Donovans Gehirn“. Und zudem finden sich hier auch etliche deutschsprachige Autoren abgedruckt, darunter Jeschke selbst.

Sehr merkwürdig finde ich jedoch, dass hier keine einzige Story von John Brunner oder Philip K. Dick vertreten ist.

_Die Erzählungen _

_1) John Wyndham: „Die Triffids“ (1951, Romanauszug)_

Nach einem Kometenschauer über der Welt ist die Zivilisation zusammengebrochen, weil alle Menschen, die die Meteoriten sahen, erblindet sind. Anarchie und eine tödliche Seuche brechen aus. Die Blinden werden leichte Opfer der genmanipulierten Triffid-Pflanzen. Diese können mit einem Stachel am Ende eines peitschenförmigen Stiels einen Menschen ohne Weiteres töten. Und sie scheinen Intelligenz zu entwickeln. Bill Masen und seine Freundin Josella müssen sich durch ein apokalyptisches England ihren Weg in die Sicherheit suchen.

|Mein Eindruck|

Es scheint die Spezialität der Engländer zu sein, sich den Zusammenbruch der Zivilisation vorstellen zu wollen. Aber immerhin haben sie bereits dem Zusammenbruch ihres Weltreiches zusehen können und ein weitreichendes historisches Bewusstsein für die Endlichkeit aller Aufbaubemühungen hervorgebracht. Nicht zuletzt hat einer ihrer Autoren (Gibbon) den Niedergang und das Ende des römischen Imperiums beschrieben.

|Scheiternde Modelle|

Bill, Josella, ihre Pflegetochter Susan sowie ihre blinden Freunde sehen sich auf ihrer Farm eines Tages einem Sonderkommando aus der Enklave Brighton gegenüber. Der befehlshabende Offizier stellt Bill die künftige Herrschaft innerhalb eines Feudalsystems nach altem Muster in Aussicht. Und wenn er sich nicht fügt, wird er eben eingezogen. Der potenzielle Graf Masen nimmt das überaus großzügige Angebot zum Schein an und macht die Soldaten betrunken. Als diese selig ihren Rausch ausschlafen, machen sich seine Freunde mit ihm aus dem Staub – und überlassen die Soldaten dem Angriff der nahen Triffids.

Auch andere Modelle scheitern in der neuen Welt der Blinden und der Triffids. Mrs. Durrant hat sich dem neuen Moralkodex verweigert und versucht, den alten Werten treu zu bleiben. Als Bill und Jack Coker auf ihrem Gut nach Josella suchen, müssen sie feststellen, dass Mrs. Durrants Damen in keinster Weise auf die sich ausbreitende Plage der Triffids und den zunehmenden Mangel an Vorräten vorbereitet sind. Konservatismus klappt also auch nicht.

Doch wie sieht es mit dem „neuen Moralkodex“ aus, den der Oxforder Soziologieprofessor gefordert hat? Er forderte, dass auf einen sehenden Mann drei Frauen, egal ob sehend oder blind, kommen sollten, die seine Kinder austragen. Diese Kinder würden ja wieder sehen können. Doch die neue Gesellschaft, in die sich Josella, die diesem Modell aufgeschlossen gegenübersteht, und Bill auf der Isle of Wight eingliedern, ist wenig davon festzustellen. Bill und Josella leben weiterhin in Einehe. Möglich, dass es noch andere Gesellschaftsmodelle gibt, etwa Räuberbanden, doch es ist zu bezweifeln, dass sie von Bestand sein werden.

_2) Richard Matheson: „Die unglaubliche Geschichte des Mr. C“ (1956, Romanauszug)_

Scott Carey gerät bei einem Bootsausflug in eine Giftwolke, die bei ihm einen umgekehrten Wachstumsschub auslöst: Er beginnt zu schrumpfen! Obwohl die Umgebung seines Hauses noch die gleiche wie eh und je ist, verwandelt sie sich durch seine Schrumpfung allmählich in einen wilden Dschungel voller Gefahren. Die Hauskatze hat es ebenso auf ihn abgesehen wie eine Schwarze Witwe.

Der Romanauszug schildet den packenden Kampf Scotts mit der Spinne, der er eine Falle gestellt hat. Es kann nur einen Herrscher des Kellers geben!

|Mein Eindruck|

Schon 1957 verfilmte der geniale Regisseur Jack Arnold diesen Klassiker, der sowohl SF- als auch Horrorelemente aufweist, typisch für den Autor Richard Matheson, der auch „I Am Legend“ schrieb. „Die seltsame Geschichte des Mr. C“ zeigt, wie die Folgen von Umweltzerstörung und sorglosem Umgang mit Chemikalien drastische Folgen für die menschliche Bevölkerung zeitigen können.

Der Mensch, der sich selbst ausgetrickst hat, bekommt es dann nämlich mit einem viel mächtigen Gegner zu tun: mit Mutter Natur. Und diese kennt nur ein Gesetz: Fressen oder Gefressenwerden!

_3) Curt Siodmak: „Donovans Gehirn“ (1960, Romanauszug)_

Als der Banker Donovan in der Nähe von Dr. Patrick Corys medizinischem Forschungslabor abstürzt, ist sein Körper unrettbar zerstört. Doch der Gehirnspezialist kann das unverletzte Gehirn bergen und am Leben erhalten. Es beginnt im Labor weiterzuwachsen und neuartige Fähigkeiten zu entwickeln, bis es seiner Umwelt seinen Willen aufzwingt und sie bedroht …

|Mein Eindruck|

Der Roman ist nicht nur ein spannender Krimi mit einem dramatischen Finale, sondern auch die Metapher für die Fernsteuerung des modernen Menschen, die zu seiner Selbstentfremdung führt: Das Ich ist plötzlich ein Anderer geworden. Die Schwächen des Romans sind zwar für den aufmerksamen Leser unübersehbar, doch die Wucht der Erzählung an sich bleibt. In einer moderneren Übersetzung würde sich die Verwirrung, die die veralteten Ausdrücke erzeugen, in Grenzen halten.

_4) Isaac Asimov: „Der Mann von drüben“ (1961, Romanauszug)_

3000 Jahre in der Zukunft. Während die „Spacer“ genannten Weltraumsiedler auf ihren dünn besiedelten Welten leben, die ihre Vorfahren kolonisiert haben, vegetieren die Menschen der alten Erde, zu Millionen zusammengepfercht, in überkuppelten Metropolen: den Stahlhöhlen.

In der Spacer-Kolonie außerhalb New Yorks wird unter rätselhaften Umständen ein Spacer ermordet. Politische Repressalien drohen, und der Polizei-Commissioner Enderby betraut seinen besten Mann Elijah Baley mit der Aufklärung des Mordes. Doch zum ersten Mal in seinem Leben mit Baley mit einem Ermittler der Spacer zusammenarbeiten, ausgerechnet mit einem Roboter: R. Daneel Olivaw. Doch warum zum Kuckuck sieht Olivaw genauso aus wie ein Mensch? Wird er sich auch wie einer verhalten? Und was, wenn nicht?

|Mein Eindruck|

Die Story der Ermittlung ist spannend bis zur letzten Seite, da sie ziemlich unvorhersehbar gehandhabt wird. Die Entwicklung, die der Mensch Baley wie auch der Roboter R. Daneel durchmachen, ist fesselnd geschildert und wird zu einem befriedigenden Ende geführt: den „Beginn einer großartigen Freundschaft“ (aus „Casablanca“). Der Zweck der Ermittlung betrifft nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Gerechtigkeit, aber vor allem das Finden einer Alternativen zu den drei untauglichen Gesellschaftsmodellen City, Spacer und Traditionalismus, nämlich die Kolonisierung neuer Welten.

Trotz der mehrfachen Predigten, die Baley halten muss, ging mir das Buch nicht auf die Nerven. Baley merkt nämlich selbst am besten, wenn er eine Predigt hält und führt diese Haltung ironisch ad absurdum. Soviel Humor muss sein. Merkwürdig war lediglich der hysterische Auftritt von Baleys Frau Jessie, der im Gegensatz zu ihm sehr emotional gerät – und „rein zufällig“ genau zur rechten Zeit. Jessie ist keineswegs unnötige Dekoration, sondern spielt eine Schlüsselrolle in der Lösung des Falls und dem Überführen des Mörders.

Der gute Doktor hat sein spannendes Garn sprachlich und stilistisch so einfach formuliert, dass jeder Fünfzehnjährige die Story kapieren kann. Doch durch die zahlreichen logischen Argumentationen und die Beschreibung der gesellschaftlichen Hintergründe ist dieser Band etwas anspruchsvoller als der anschließende Krimi „Die nackte Sonne“. Der Biochemieprofessor Asimov ist noch nie als Sprachkünstler oder Schöpfer faszinierender Figuren bekannt gewesen, sondern vielmehr für die folgerichtige Darlegung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Einsichten.

_5) Nelson Bond: „Lancelot Biggs‘ Weltraumfahrten“ (1950, Romanauszug)_

Auf dem Raumschiff „Saturn“ herrscht Verzweiflung, als Lancelot Biggs an Bord kommt. Er ist ein schlaksiger, unbeholfener und recht tollpatschiger Anti-Held, der sich zu allem Übel auch noch in die Tochter des Kapitäns verliebt. Ein Kerl wie Biggs kann an Bord eigentlich nur hinderlich sein – in einer Zeit, da der Weltraum im Sonnensystem fast erschlossen ist und unter dem verbleibenden Rest ein erbitterter Konkurrenzkampf der Raumschiffsgesellschaften entbrennt.

Dennoch gelingt es Biggs meistens, die Besatzung der „Saturn“ aus allen Widrigkeiten und Gefahren heil herauszuführen. So zum Beispiel, als das Schiff aufgrund eines technischen Versagens durchs All rast, bis es sich der Lichtgeschwindigkeit nähert. An diesem Punkt wird jedoch laut Relativitätstheorie die Masse des Schiffes unendlich groß, und es könnte nie mehr in den Normalraum zurückkehren.

Indem er sich intensiv mit der „Theorie“ auseinandersetzt – was sein Prinzip ist -, kann unser Held das Schiff dadurch retten, dass er im Raumanzug aus der Schleuse springt. Damit nimmt er sein eigenes Gewicht weg von der unendlichen Masse, er und die „Saturn“ fallen in den Normalraum zurück.

Nachdem man ihn wieder aufgefischt hat, darf er die Kapitänstochter ohne Wider-und Einspruch zur Frau nehmen.

Der Romanauszug schildert den Ärger, als bei einer wichtigen Sportübertragung das Funkgerät ausfällt. Natürlich ist es Sache von Lancelot Biggs, das Ding schleunigst wieder zu reparieren.

|Mein Eindruck|

In „Lancelot Biggs“ zieht der Theaterdramaturg Nelson Bond (geboren 1908) schon sehr früh viele Klischees der Science-Fiction durch den Kakao. Die Leute an Bord könnten auch auf einem U-Boot arbeiten, so typisch und allzu menschlich werden sie geschildert. Aber auch ernsthaften Hintergründen wie Einsteins Theorie vermag der Autor humorvolle Seiten abzugewinnen. So gesehen, ist Bond ein nicht allzu ferner Vorläufer von Stanislaw Lem, der nur wenige Jahre nach 1950 zu schreiben anfing.

_6) Arthur C. Clarke: „Saturn im Morgenlicht“ (1961)_

Der Ich-Erzähler ist als Bordingenieur mit der „Endeavour“ zum Saturn geflogen. Auf dem größten Satrunmond, dem Titan, verloren drei Kameraden ihr Leben. Nun düst er mit einem Vortrag durch die Vereinigten Staaten. In Chicago setzt sich ein Mann mittleren Alters ungefragt an seinen Frühstückstisch und erzählt ihm eine Geschichte. Wie er als Junge ein eigenes Teleskop baute, um den wunderbaren Saturn beobachten zu können. Und wie sein versoffener Vater das Teleskop zertrümmerte. Der Mann dankt ihm für seinen Vortrag und geht wieder. Die Rechnung stellt sich als bereits bezahlt und der Mann als der Hotelmagnat Morris Perlman heraus.

In den nächsten fünf Jahren fliegt unser Ingenieur erneut zum Saturn, tankt auf Titan das Schiff auf und düst durch die Ringe, die von erlesener Schönheit sind. Danach hält er erneut Vorträge und wieder setzt sich der Hotelmagnat zu ihm, allerdings in einem exklusiven Restaurant. Diesmal stellt Perlman verdächtig beiläufig eine kleine Frage: „Wo würde man dort ein Hotel bauen?“ Der Ingenieur zweifelt erst einmal an der Möglichkeit, doch wie Perlman zeigt, ist es nur eine Frage der Zeit und der richtigen Technik. Also gut: auf dem Titan und nirgendwo sonst.

Als der Magnat im Sterben liegt, hat er eine Aufgabe für den Ingenieur …

|Mein Eindruck|

Eine typische Clarke-Geschichte: optimistisch bis zum Schluss. Die Zukunft ist nur eine Frage der Machbarkeit, und auch Perlman hat schon die Technik in petto, die den Flug zum Saturn zu einem Tagesausflug machen wird. Und wozu das alles: Der Mensch will immer den Reiz des Neuen und Schönen erleben, das war schon immer so. Welch bessere Möglichkeit also, die zu ermöglichen, als ein Hotel auf dem Titan?

Den Saturn besuchte Clarke erneut in seinem Roman „2001 – Odyssee im Weltraum“. Dieser Roman weicht in einigen verblüffenden Details von Stanley Kubricks Film ab. Bowman und seine Mitastronauten fliegen dort bekanntlich nicht zum Saturn, sondern zum Jupiter. Der einfache Grund: Das Modell der Saturnringe überzeugte den Maestro nicht!

_7) Shinichi Hoshi: „Hobby eines Barbesitzers“ (1963)_

Ein Barbesitzer hat ein besonderes Hobby: Er baut eine Roboterin, die genauso aussieht wie eine schöne junge Frau, die geziert lächelt. Nur mit dem Gehirn hat er Mühe. Sie kann aber immerhin ihren Namen sagen und dass sie jung ist. Aber die eh meist schon angeheiterten Gäste merken nicht, wie beschränkt ihre Intelligenz ist. Sie kommen begeistert in Scharen und füllen sie ab. Diesen Alkohol zapft der Barbesitzer wieder unbemerkt aus ihrem Bein ab und schenkt ihn wieder aus.

Doch einer der Verehrer der schönen Bonny ist ein junger Kerl, der sich in sie verliebt, Unmengen von Drinks kippt und sich haushoch verschuldet. Als sein Vater die genug davon hat, befiehlt er ihm, die Schulden zu begleichen und Schluss zu machen. Bei seinem letzten Drink mit der schönen Bonny will der junge Mann sie vergiften – gemeinsam mit sich selbst. Bei ihm klappt das Vorhaben prima, bei ihr natürlich nicht.

Doch nachdem der Barbesitzer den Alkohol aus ihrem Bein wieder ausgeschenkt hat, wieder es schnell sehr still in der Bar …

|Mein Eindruck|

Dies ist die erste japanische SF-Story, die in Deutschland veröffentlicht wurde (ein Nachdruck aus dem MFSF). Wie so oft bei Shinichi Hoshi nimmt die Handlung eine makabre Wendung, als sich die Tücken der Technik an ihren Erfindern rächen. So etwa auch bei „Hallo!“, in dem ein scheinbar bodenloses Loch als Müllkippe für alles benutzt wird – bis sich das andere Ende des Lochs dort zeigt, wo es niemand vermutet hat: im Himmel …

_8) Frederik Pohl: „Die Volkszähler“ („The Census Takers“, 1956)_

Jerry ist der Leiter des Volkszählungsbüros von New York. Obwohl er nur sechs Wochen im Jahr arbeiten muss, schaffen ihn diese sechs Wochen regelmäßig. Über die Jahre hinweg hat er es jedoch geschafft, eine leitende Position zu erreichen und kann so wenigstens die anderen herumscheuchen, damit die rackern. So auch Witeck, den er schon seit Anfang seiner Karriere kennt. Doch heute stimmt etwas nicht mit Witeck.

Armer Witeck – er muss überarbeitet sein, denn er erzählt Jerry etwas von einem Typen, der NICHT REGISTRIERT ist, hat man so was schon gehört? Vielleicht ein Einwanderer mit Diplomatenpass? Nix da. Aber es kommt noch besser. Der Typ sagt, er käme aus dem Inneren der Erde. Wo doch jeder Schwachkopf nachmessen kann, dass es dort unten verteufelt heiß ist. Also, was soll der Scheiß?

Jerry macht Witeck fertig. Dann macht er Carias rund, weil der an Witecks Story glaubt. Dann heißt es, der Typ aus der Erdmitte sei wieder verduftet und Witeck mit einem Revolver erschossen. Jerry vergattert Carias: Selbstmord, klarer Fall, klar? Natürlich sagt Carias OK. Aber Jerry hat nicht damit gerechnet, dass der Typ aus dem Erdinneren mit seiner Drohung Ernst machen würde, die Erdoberfläche zu reinigen und alles neu anfangen zu lassen. Jerrys Urlaub fällt ins Wasser – zu viel Vulkanasche. Na, prächtig.

|Mein Eindruck|

Der Leser muss sich in dieser satirischen Story seinen eigenen Reim darauf machen, was eigentlich los ist. Wir bekommen nur den Blickwinkel Jerrys geboten. Die Erde stöhnt also unter der Überbevölkerung, welche folglich dezimiert werden muss. Die „Auserwählten“ scheinen die Übers zu sein, insbesondere aber die „Springer“, die der Zählung entgehen wollen – oder auch nur die nachweisbare Absicht haben, dies zu tun.

Der Erdgeist – oder wie auch immer man ihn nennen will – stellt eine unwillkommene Störung im bürokratischen Ablauf der Zählung dar – und wird folglich ignoriert. Die Folgen dieser Abweisung hat Jerry noch nicht realisiert. Er ist ja auch sonst wenig aufgeschlossen für Störungen des bürokratischen Ablaufs.

_9) H. G. Wells: „Gott der Dynamos“ (1894)_

Zu der Zeit, als Stromgeneratoren – die Dynamos – noch mit kohlebefeuerten Dampfmaschinen angetrieben wurden, werden noch Heizer gebraucht. Holroyd ist so ein Heizer und er hat einen Gehilfen namens Azuma-zi, den er allerdings Pooh-bah nennt, also sehr abfällig. Azuma-zi hasst ihn dafür. Holroyd macht den Fehler, seinem dunkelhäutigen Untergebenen einzureden, der größte ihrer drei Dynamos sei ein Gott.

Es dauert nicht lange, da beginnt Azuma-zi Anzeichen für Göttlichkeit an dem Dynamo festzustellen und ihn anzubeten. Doch jeder Gott benötigt als Zeichen der Ergebenheit seiner Anhänger Opfer. Was läge näher für Azuma-zi, ihm seinen Peiniger als Opfer darzubringen?

Doch mit Holroyds „Selbstmord“ ist der Fall noch längst nicht abgeschlossen. Denn der Gott ist offensichtlich hungrig nach weiteren Opfern …

|Mein Eindruck|

Wells, der Autor von „Die Zeitmaschine“, warnt also – schon frühzeitig in seinem Werk, aber reichlich spät in der Technikgeschichte – vor der Verehrung der technischen Errungenschaften als Religionsersatz. Tatsächlich war unter den Viktorianern ein unbändiger Stolz auf solche Errungenschaften zu verzeichnen, insbesondere auf den diversen Weltausstellungen, auf denen besonders die Franzosen mit den Briten wetteiferten. Das Geld dafür lieferten die ausgebeuteten Kolonien …

Ein Vertreter dieser Kolonien ist es denn auch, der so tumb und leichtgläubig sein soll, den großen Dynamo als göttliches Wesen zu verehren. Die Folgen dieser Religion sind Opfer- und Märtyrertod – eine gefährliche Sache also.

_10) Bertram Chandler: „Der Käfig“ (1957)_

Das Passagierschiff „Lode Star“ (Leitstern) muss nach einer Havarie auf einem unbekannten Planeten notlanden. Die Passagiere und Mannschaften bringen sich sofort in Sicherheit. Zu allem Überfluss explodiert nämlich auch noch der Atomreaktor des Schiffes. Wegen der Strahlung lässt sich nichts daraus bergen. Selbst Robinson Crusoe hatte es besser.

Das Klima ist feucht-tropisch, die Vegetation wie Pilze und Flechten zersetzt die Kleidung der Gestrandeten, bis alle nackt sind wie Adam und Eva. Zu essen gibt es genug, und Raubtiere scheinen nicht zu existieren. Der Arzt Boyle wird zum Ratspräsidenten gewählt, mit Hawkins als Nr. zwei. Weil man hier nicht nach ihnen suchen wird, kommt die Rede unweigerlich auf die Regelung der Nachkommenschaft. Man einigt sich darauf, dass, wenn zwei Männer eine der 15 Frauen heiraten wollen, sie darum kämpfen sollen.

Die sind gerade bei einem solchen Kampf, als sich unvermittelt ein metallenes Netz herabsenkt. Hawkins springt noch auf, und mit ihm werden vier weitere entführt. Der Helikopter, unter dem das Netz hängt, fliegt zu einem Raumschiff von Fremden. Wenig später sitzen drei Männer in dem einen Käfig und Mary Hart in dem anderen. Nr. 5 wurde wohl seziert.

Sie müssen sich einen Weg einfallen lassen, wie sie ihren Entführern demonstrieren können, dass sie es mit einer intelligenten Spezies zu tun haben. Durch Marys Zutun verfallen sie unwissentlich auf genau die richtige Methode: mit einer selbstgebauten Falle …

|Mein Eindruck|

„Nur rational denkende Lebewesen sperren andere Lebewesen in Käfige“, lautet das Ergebnis des Alien-Intelligenztests. Das ist sowohl die überzeugende als auch ernüchternde Erkenntnis über die Natur des Menschen. Affen tun so etwas nicht, Freiheitsberaubung ist ein menschliches Merkmal. Die Aliens sehen sich sogar in ihrer eigenen Intelligenz bestätigt.

Die Story ist durch mehrere Aspekte reizvoll. Robinson Crusoe habe ich schon erwähnt, ebenso die Nacktheit der gestrandeten, die sich auf Steinzeitniveau behaupten müssen. Aber es gibt pfiffige Seeleute – der Autor war ja selber einer – unter ihnen, so dass sich durchaus durchschlagen können. Hier läuft es nicht wie bei „Herr der Fliegen“ oder „LOST“, sondern alles geht recht zivilisiert und britisch zu, sogar das Kämpfen um die Frauen ist ein Sport. Dass die Story vor der Emanzipation der Frau entstand, merkt man daran, dass es die Frauen als ihre natürliche Aufgabe ansehen, für Nachkommen zu sorgen. Wer auch sonst?

_11) Ray Bradbury: „Das Kinderzimmer“ („The Veldt“, 1951)_

Auf schockierende Weise entledigen sich zwei kleine Kinder ihrer Eltern. Zunächst lernen sie von der virtuellen Realität ihres Kinderzimmers, dann können sie sie auch selbst programmieren. Eine Wand ihres Kinderzimmers zeigt das Veldt, das ist die afrikanische Savanne, mit Nashörnen und Giraffen, aber auch mit Löwen. Und wer sich hineinbegibt, kann darin umkommen …

|Mein Eindruck|

Eine der meistgedruckten Storys von Bradbury überhaupt. Sie zeigt, wie die Technik, die die Eltern ihren Kindern zwecks Ruhigstellung geben, schließlich gegen sie verwendet wird. Denn eines wollen die Kinder auf jeden Fall: Freiheit und Selbstbestimmung. Freiheit von den Eltern. Überträgt man die Idee auf den Fernseher als Babysitter, sollte man als Elternteil einigermaßen beunruhigt sein. Aber es ist auch eine Geschichte über den Unterschied zwischen Virtualität und Realität. Letztere pflegt stets zuzubeißen.

_12) Fredric Brown: „Die Giesenstecks“ (1961)_

Die Familie Walters besteht aus Mama Edith, Papa Sam und Tochter Aubrey. Sie sind glücklich und zufrieden, jedenfalls bis eines Abends Onkel Richard eine Schachtel Puppen mitbringt, die er der neunjährigen Aubrey schenkt. Er habe die Schachtel auf dem Gehweg gefunden, sagt, zur Verwunderung seiner Schwester Edith. Die aufgeweckte Aubrey nennt die vier Wachspuppen die Giesenstecks – Papa, Mama, Aubrey und Onkel Richard. Das findet Papa Sam etwas makaber.

Nach einer Weile merkt er, dass die Dinge, die Aubrey von den Giesenstecks berichtet, mit einer gewissen Verzögerung – mal eine Stunde, mal eine Woche – auch bei den Walters eintreffen: „Papa Giesensteck ist heute krank geworden und konnte nicht ins Büro“ oder „Mama Giesensteck kauft sich heute einen neuen Mantel“. Sam Walters bemerkt diese Dinge mit wachsender Besorgnis, aber sein Schwager Dick bleibt bei seinem Bericht, wo und wie er die Puppen gefunden habe.

Dick und Edith ahnen nichts, aber sie sind ja nicht blind, und sie machen Sorgen um Sam. Die Puppen müssen fort. Als vereinbaren sie mit Aubrey, dass sie ihre Puppen an bedürftige Kinder verschenkt und dafür Tanzstunden bekommt. Noch zehn Tage. Als Aubrey mit ihrer Freundin „das Begräbnis der Giesenstecks“ spielen will, hält Sam sie voller Panik davon ab.

Sie wollen ausgehen, um sich zu entspannen. Während Sam schon mal das Taxi besorgt, verschenkt Edith die Puppen kurzerhand einer alten Dame, die sich darüber sehr freut und sie in einen Korb steckt. „Darf ich sie für immer behalten?“ fragt sie. Als alle ins Taxi gestiegen sind und losfahren, herrscht ringsum Nebel. Und als Edith den Fahrer fragt, wohin sie fahren, handelt es sich zu ihrem Entsetzen um die alte Hexe, der sie die Puppen gab …

|Mein Eindruck|

Der Autor treibt sein böses Spiel mit der magischen Verbindung zwischen Puppen und Menschen, wie sie unter anderem schon im Voodoo-Glauben verankert ist. Aber statt Nadeln in Wachspuppen zu stecken und anderen Schmerzen zuzufügen, ist die Giesensteck-Variante viel schlimmer: Die Puppen bestimmen das Schicksal der Walters. Dabei ist natürlich am interessantesten, wie die kleine Aubrey soviel Hellseherei aufbringt, um dieses Schicksal vorauszusehen. Oder ist alles für sie nur ein Spiel?

Wenn man es genau betrachtet, verhält sich Aubrey wie eine Göttin, die mit dem Schicksal der Menschen, ihren Schöpfungen spielt. Aber vielleicht ist auch sie nur eine Schachfigur der Giesenstecks? Denn wehe, wenn sich die Schöpferin der Puppen einmischt. Dann ist es sowohl um das Spiel als auch um die Menschlein geschehen. Man kann die Story in einem kafkaesken Kontext als Spekulation über die Vor- und Fremdbestimmtheit des Menschen in einem spielenden Universum betrachten.

_13) Robert Sheckley: „Die Produktionsmaschine“ („The Laxian Key“, 1954)_

Richard Gregor ist Arnolds Partner beim Interplanetarischen Schädlingsbekämpfungsdienst ISD. Arnold ist der Chemiker, er der Wirtschaftsexperte. Als Arnold eines Tages eine riesige Maschine ins Büro bringen lässt, wundert sich Gregor zu Recht. Ein Schnäppchen, dem Arnold nicht widerstehen konnte. Das Ungetüm braucht angeblich keine Energiequelle und produziert – na, irgendwas halt. Nach der Lektüre der Bedienungsanleitung und dem Einschalten kommt allerdings nur graues Pulver heraus. Es handelt sich um Tangreese, die Hauptnahrung der Bewohner von Meldge, die das Ungetüm erbauten.

Schon bald stellt sich heraus, dass es auf der Erde an Abnehmern mangelt: Es gibt hier nur 50 Meldger, und die zahlen nur 5 Cent pro Tone. Auch als Baustoff ist es nicht gerade lukrativ: 15 Cent pro Tonne. Nach eigenem Transport! Inzwischen ist das pasuenlos produzierte graue Pulver auf Tischhöhe angewachsen. Wie schaltet man das Ding bloß aus? Mit einem Laxianischen Schlüssel, findet Arnold heraus. Und was soll das sein?

Nachdem Polizei und Stromwerke saftige Strafen in Aussicht gestellt haben, bleibt nur noch die Flucht nach vorn – nach Meldge. Doch auch dort will man zur Verwunderung der beiden Unternehmer rein gar nichts von der Tangreese-Produktionsmaschine wissen. Aber wieso?! Na, weil der ganze Planet bereits daraus besteht!

|Mein Eindruck|

So manches Schnäppchen hat sich schon mal als Geldverschlinger herausgestellt, und die Meldge-Maschine ist keine Ausnahme. Der Knackpunkt: Nutze nie eine Maschine, die du nicht abschalten kannst. Und selbst die Meldger müssen einen Fehler gemacht haben: Auch sie wissen nicht, was zum Geier ein Laxianischer Schlüssel ist. Sheckleys Satire äußerte in den seligen fünfziger Jahren Kritik an der Euphorie unbegrenzter Produktionsfähigkeit. Ganz besonders dann, wenn die Ressourcen einer Welt endlich sind.

_14) Walter Ernsting (Clark Darlton) & Robert Artner: „Am Ende der Furcht“ (1966)_

John McQueen arbeitet als Telepath bei der Polizei. Er muss einen rätselhaften Mord aufklären: keine Tatwaffe, kein Motiv. Dennoch ist Ben Adams unbestreitbar tot. Die Spur der Bekanntschaften führt zu Judy Farland, einer Club-Sängerin. Im Treppenhaus trifft ihn ein telepathischer Angriff wie ein Hammer, und McQueen kann sich gerade noch am Geländer festhalten. Er hat seine liebe Not, mit dem Telepathen zu sprechen, aber es stellt sich heraus, dass es sich um Judy Farlands zwölfjährige Tochter handelt. Sie brachte tatsächlich Ben Adams um. Aber sie hatte einen guten Grund dafür …

|Mein Eindruck|

Dies ist die erste Story von deutschen Autoren in diesem Auswahlband. Sie liest sich wie ein „Jerry Cotton“-Krimi, allerdings mit einem Telepathen als Ermittler und mit dem Thema Kindermissbrauch als Thema. So altbacken die Form, so tabubrechend das Thema.

_15) Clifford D. Simak: „Das Ding von den Sternen“ (1959)_

Der alte Mose lebt und rackert als Witwer auf seiner einsam gelegenen Farm. Eines Tages findet er im Wald ein merkwürdig wimmerndes Lebewesen, das er in sein Haus bringt, um es warmzuhalten. Das fremde Wesen ist recht klein, kopflos und überhaupt nicht abstoßend. Und weil er so einsam ist, hat Mose jetzt etwas, um das er sich kümmern kann. Doch Doc Benson kann dem Wesen nicht helfen, und so stirbt es am nächsten Tag.

Mose findet auf die harte Tour heraus, dass er ihm kein menschliches Begräbnis geben kann. Also vergräbt er es mitsamt der kleinen harten Kugel darin in einer Ecke seines Gartens. Er wimmelt den Sheriff, den Reporter und die Typen von der Uni und der UFO-Gesellschaft ab – niemand ginge das etwas an, wo es ja nicht mal menschlich war. Na also.

Aber aus der Ecke im Garten wächst eine große Pflanze heran, der ein gehfähiges Wesen entschlüpft. Jetzt hat er wieder jemanden, mit dem er reden kann. Als er dem Ding den Gitterkäfig zeigt, den er aus dem Wald geborgen hat, dauert es nur eine Woche, bis er die Stäbe gerade gebogen und das Vehikel startbereit gemacht hat. Aber etwas Wesentliches scheint zu fehlen: Silber. Aber was tut man nicht alles für einen Freund, und so schmilzt Mose sogar seine versteckten Silberdollars ein – seine Altersversorgung. Zum Abschied bekommt er eine andere Kugel, die ihn fortan glücklich macht. Und vielleicht wächst ja etwas daraus.

|Mein Eindruck|

Dass eine Alieninvasion auch auf die sehr sanfte Tour ablaufen kann, zeigt diese typische Simak-Story. Wie schon in „City“ und „Waystation“ verläuft der Erstkontakt ganz friedlich, aber auch ein wenig melancholisch. Und die Sache geht immer recht gut aus. Allerdings scheint diese idyllische Welt inzwischen vollständig versunken zu sein, ebenso wie die Geriatrie-Science-Fiction von Simak.

_16) Gary Wright: „Auf der Stuka-Bahn“ (1967)_

Bobfahren ist auch nicht mehr, was es mal war. Die Schlitten sind jetzt vollverkleidet, verfügen über Bremsklappen und einen Schleudersitz. Denn auf der Stuka-Bahn, durch die gleich 16 solcher Superschlitten runterbrettern, entwickeln sie eine Geschwindigkeit von satten 130 Stundenkilometern. Klar, dass bei solchem Tempo im Gedränge schon mal der eine oder andere aus der Kurve fliegen kann. In der Regel bleiben sogar zwei der Fahrer regelmäßig auf der Strecke, manche findet man erst im Sommer nach dem Abtauen des Schnees …

Unser Ich-Erzähler erinnert sich an seine Stürze und die Tode der „Sippe“, zu der sich die Bobfahrer zählen. Auch heute ergeht es den Fahrern nicht anders. Wo wird er diesmal landen – im Ziel, im Krankenhaus oder in einem Sarg? Der Startschuss fällt, die Schlitten sausen los …

|Mein Eindruck|

Die Erzählung ist wider Erwarten keine Sportreportage, sondern ein innerer Monolog. Wir erleben das Geschehen stets aus dem Blickwinkel des Erlebenden. Kursiv sind lediglich die Erinnerungen gesetzt; sie gelten in der Regel den Opfern des Sports. Auf diese Weise bleibt der Bewusstseinsstrom durchaus lesbar, aber doch nicht eindimensional. (Ein echter Bewusstseinsstrom ist am Anfang von James Joyces „Ulysses“ zu lesen.) Die Story liest sich fesselnd und spannend, ohne die menschliche und emotionale Dimension zu unterdrücken.

_17) R. A. Lafferty: „Die Zweifachen“ (1967)_

Clem Clendenning ist ein erfolgreicher Vertreter, der in vielen Bundesstaaten erfolgreich tätig ist. Doch in Rock Island bei New York City ereilt ihn ein seltsames Geschick: Er teilt sich in zwei Clem Clendennings auf. Zunächst ahnt er nichts davon, fühlt sie aber merkwürdig leicht. Folglich futtert er wie ein Scheunendrescher. Dann macht er seinen üblichen Kontrollanruf bei der Hotelrezeption, um zu checken, ob man dort seinen Namen korrekt geschrieben hat. Diesmal wird er weiterverbunden – an Clem Nummer zwei. Die Flüche, dieser ausstößt, kommt Clem sehr bekannt vor. Da wird ihm einiges klar. Er reist sofort ab und hebt alles Geld, das er besitzt, von seinen Konten und Wertpapierdepots ab: eine erkleckliche Summe.

Er hat keine Lust, zu seiner Frau Veronica zurückzugehen, sondern besucht einen Psychiater, der nichts nutzt, und einen Freund, der ihm rät, aber letztendlich taucht Veronica doch noch auf. Der Abend mit ihr ist wunderbar wie damals beim ersten Mal. Doch gerade, als sie ihn küssen will, funkt Clem Nr. 2 dazwischen …

Sie brauchen eine Lösung für ihr Problem, insistiert Veronica, stets die Pragmatische. Doch eine Wiedervereinigung der beiden Clems würde vier Wochen Fasten voraussetzen – eine Tortur. Wie wäre es stattdessen mit einer Verdoppelung Veronicas? Sie müsste nur hundert Pfund zulegen und sich dann teilen. Gesagt, getan, doch die Wirkung ist nicht die erwartete.

|Mein Eindruck|

So simpel ist die Schnurrpfeiferei des Herrn Lafferty jedoch nicht. Tatsächlich ist die Erzählung eine unterschwellige Meditation darüber, dass es viele Dinge in Paaren gibt, so etwa Kamele und Dromedare, wie im Originaltitel. Und beim Evangelisten Matthäus kommen ebenfalls viele Dinge, wie etwa Blinde oder Diebe, zweimal vor. Weil dies schon vor langer Zeit erkannt wurde, gibt es einen geheimen Klub der Zweifachen. Er trifft sich selbstredend nur in wenigen Nachtklubs, Bars und Restaurants. Dort stößt Clem auf einige interessante Typen, die ihm (und uns) die Sache erklären.

Dass keine der Figuren wahnsinnig wird, liegt an ihrem Yankee-Pragmatismus – für jedes Problem muss es eine Lösung geben, und sei sie noch so hirnrissig. Was uns Lesern Schmunzeln und grinsen entlockt, ist jedoch für die Figuren Clem 1, Clem 2 und Veronica eine wahrhaft todernste Sache.

_18) Frederik Pohl: „Die Marsianer kommen!“ (1969)_

Es ist der Tag nach der Landung der Marsianer. Mr Mandala, der Hotelbesitzer, besieht sich die in seiner Lobby wartenden Fernseh- und Zeitungsreporter, Fotografen und Kameraleute. Sie alle warten darauf, dass die TV-Nachrichten über die Marsianer endlich etwas erhellender auf aufregender werden. Schließlich sind die Marsianer ja gerade in der Untersuchung durch diverse Mediziner und Linguisten. Cape Canaveral ist nicht fern.

Die Marsianer wurden von einer Sonde zurückgebracht. Es sind nur zwei und sehen aus wie kleine Hunde mit Seehundflossen. Die Laute, die sie ausstoßen, sollen angeblich eine Sprache sein. Die zynischen Medienleute tauschen jede Menge abfällige Witze aus. Die beiden schwarzen Hausdiener von Mr Mandala wissen genau, wie den Marsianern zumute ist.

|Mein Eindruck|

Die Marsianer treten nicht auf, die Invasion findet nicht statt, und überhaupt zielt diese Story darauf, jede Erwartung zu enttäuschen. Es geht nur um einen Punkt: Wie die weißen Durchschnittsamerikaner mit Andersartigen umgehen, etwa mit Iren, Schwarzen, „Rothäuten“ – oder eben Typen von den Sternen. Wir erfahren also mehr über das Amerika des Jahres 1969 als über den Mars und seine möglichen Bewohner.

_19) David R. Bunch: „Nur eine Feuerpause“ („Incident in Moderan“,1969)_

Auf der Welt Moderan führen große Festungen Krieg gegeneinander. Die Festungen werden aber nicht von Menschen, sondern von Robotern aus Metall kommandiert. Der Beschuss dient nicht etwa der Vernichtung des Gegners, sondern dem Erfüllen von Hassquoten. Je mehr Hasseinheiten erfüllt werden, desto besser.

Weil gerade zwei gegnerische Festungen defekt sind, herrscht eine höchst langweilige Feuerpause in Festung 10. Auf dem Festungswall Nr. 11 erblickt der Ich-Erzähler, ein Kommandant, ein seltsames Wesen, das sich über den plastikbedeckten Boden auf ihn zubewegt. Es ist ein Mann, einer von der fleischig-wabbeligen Sorte. Er bedankt sich dafür, dass die Festungen das Feuer so lange eingestellt haben, dass er und seine Frau ihren Sohn begraben konnten. „Danke für die Rücksichtnahme!“

Als ihm der Kommandant mitteilt, dass er von diesem Begräbnis nichts wüsste und von einer Feuerpause aus diesem Grund keine Rede sein könne, bricht der Mann weinend zusammen. Das nervt den Roboter, und als man ihm signalisiert, dass der feindliche Beschuss gleich wieder losgehen werde, warnt er den Menschen. Der aber rührt sich nicht. Bis ihn die erste Zump-Bombe in Fetzen sprengt. Warum bloß hat er sich nicht gerührt, fragt sich der Kommandant, als er die ersten Feuerknöpfe betätigt, um den Beschuss zu erwidern.

|Mein Eindruck|

Eine ziemlich kurze, aber höchst ätzende Kritik des Vietnamkrieges. Es geht um Wahrheit. Der Kommandant in Moderan ist eins mit seiner Wahrheit vom ewigen Krieg. Kein Wunder, dass diese Story in Harlan Ellisons berühmte Anthologie „Dangerous Visions“ aufgenommen wurde.

_20) Norman Spinrad: „Die letzte Grenze“ („Carcinoma Angels“,1969)_

Harold Wintergreen ist von Kindesbeinen an erfolgreich, besonders weil er die anderen übervorteilen und auszutricksen vermag – ein echter Selfmademan. Nach den ersten 100 Mio. Dollar wendet er sich der Wohltätigkeit zu und tut Gutes. So rottet er beispielsweise die Syphilis aus. (Damals war Aids nur ein Gerücht.) Doch mit 40 teilt ihm der Arzt mit: unheilbarer Krebs im Endstadium, nur noch ein Jahr zu leben.

Harold Wintergreen wäre nicht Harold Wintergreen, wenn er sich davon unterkriegen lassen würde. Er baut eine Zitadelle und lernt alles über den Krebs. Nichts hilft! Bleibt nur noch die spontane Remission. Sein mega teurer Computer sagt ihm jedoch: Es gibt keine äußeren Einflüsse, die eine Spontanheilung fördern würden. Was tun?

Was, wenn es INNERE Einflüsse für Spontanheilung gäbe?

Mit Hilfe von diversen Drogen begibt sich Harold Wintergreen in einen einzigartigen Zustand. Die totale sensorische Deprivation beraubt ihn aller Sinneseindrücke, die psychedelischen Drogen lassen sein Bewusstsein halluzinieren, bis sich etwas Besonderes ereignet: Er kann seinen geist als Analogon in seinen Körper schicken. Dort stößt sein Bewusstsein schon bald auf die Krebszellen, die in allen möglichen Analogien auftreten – erst als Motorradrocker, die sich Karzinom Angels nennen, dann als schwarze Drachen, Weltkrieg-1-Kampfflieger und schließlich sogar als fieses Krebsviech. In unterschiedlicher Gestalt stellt er sich ihnen entgegen ….

Nach seinem Sieg über die Karzinome passiert ihm jedoch etwas Unvorhergesehenes…

|Mein Eindruck|

Mit großem Vergnügen lese ich diese flott und geradlinig erzählte Story immer wieder gerne, kann mich sogar noch erinnern, wie ich sie vor über zehn Jahren erstmals las. Sie ist so einprägsam, weil sie so schlicht ist, aber mit Einfallsreichtum, Unerschrockenheit und einem ironischen Schlenker als Pointe zu verblüffen weiß.

_21) Stanley G. Weinbaum: „Die Lotos-Esser“ (1935)_

Das frisch verheiratete Forscherpaar Ham und Patricia Hammond landet auf der Nachtseite der Venus, um hier die Lebensformen zu erkunden. Sie hatten angenommen, höheres Leben nur in der Dämmerungszone zwischen Tag- und Nachtseite vorzufinden. Doch als sie vordringen, werden sie mit Steinen beworfen! Die von Pat gefürchteten Triopten gehen auf sie los. Doch es gibt ein probates Mittel zur Abwehr: Helmlampen einschalten! Die Kreaturen scheuen das Licht.

Nach weiteren Tagen der Erkundung stoßen sie auf ein Eisband, das von Pflanzen bewachsen ist, die wie große Knollen aussehen – und die ihre Sprache sprechen. Nach einem Crash-Kurs in Englisch können sie mit „Oskar“ reden. Die Pflanzen verfügen über ein gemeinsames Kommunikationssystem – jetzt sind alle Oskar. Sie stehen geistig auf einer hohen Stufe und vermehren sich durch Sporen sowie Teilung. Doch warum wehren sie sich nicht gegen die Triopten, die sie fressen?

Schon bald wird dieser Aspekt der „Oskars“ zu einer Frage des Überlebens für Pat und Ham …

|Mein Eindruck|

Schon aus Homers „Odyssee“ und James Joyces „Ulysses“ sind die Lotosesser, die Lotophagen, bekannt: träge Geschöpfe, die in den Tag hineinleben. Ihr wichtigstes Merkmal unterscheidet sie selbst von Tieren: Während Tiere einen Willen haben zu überleben, ist für die pflanzenartigen Lotosesser alles nur Notwendigkeit und Schicksal. Deshalb wehren sie sich auch nicht gegen Räuber und Tod. Genau wie die Oskars, die Pat genau versteht.

Leider zu spät: Die Sporen, die die Oskars ständig von sich geben, schläfern den Willen auch von Menschen ein. Wenn sie nicht schleunigst von hier wegkommen, werden sie von den Dämonen des Dunkels zum Frühstück verspeist. Und genau der Gedanke ans Essen ist die rettende Eingebung für Ham, der Pat in Sicherheit bringt.

_22) Arkadi & Boris Strugatzki: „Das Ei“ (1968)_

Der Ex-Kosmonaut Aschmarin bekommt den Auftrag, den Mechano-Embryo, das Ei, im Feld zu testen. Der Chef hat dazu die kleine Kurilen-Insel Sushu auserkoren, die die Russen Ende des 2. Weltkriegs den Japanern abnahmen. Mit seinen zwei Helfern platziert Aschmarin das Ei auf der Kuppe eines Hügels etwa sieben km vom Meer entfernt. Einer der Helfer informiert die russischen Archäologen, die dort die ehemaligen Bunkeranlagen der Japaner ausbuddeln.

Nachts um zwei Uhr beginnt sich das Ei bemerkbar zu machen. Der selbsttätig arbeitende Organismus verwertet Lava und Tuffstein des nahen Vulkans Aiden, um seinerseits Unterkünfte, Anlagen und Maschinen herzustellen – eine tolle Leistung der glorreichen Sowjetunion, denkt Aschmarin, der den erstaunlichen Vorgang von Hochleistungskameras filmen lässt.

Das zerreißt eine Explosion nach der anderen das entstehende Werk. Unter dem Hügel befindet sich das Munitionsdepot der Japaner. Aschmarin wird vom Rande der Kuppel, die das Ei gebaut hat, erschlagen.

|Mein Eindruck|

Klassischer Fall von „Dumm gelaufen“. Hätte die Russkis mal ein wenig Lokalrecherche betrieben, wie es jedem Journalisten zukommt, dann wäre ihnen das nicht passiert. Die Eroberung der Sterne durch die Mechano-Embryonen muss vielleicht verschoben werden.

Andererseits illustriert die Story die Frage: Werden fremde Welten von Menschen wie Aschmarin erkundet oder von Robotersonden wie dem Mechano-Embryo? Die Antwort dürfte keinem gefallen: Menschen sind anfällig für jede Art von Gefahr – und Roboter sind einfach so dumm wie die Menschen, die sie programmiert haben.

_23) Robert A. Heinlein: „Das 4-D-Haus“ („And He Built a Crooked House“, 1941)_

Quintus Teal ist ein einfallsreicher Architekt in Los Angeles. Für die Bewohner Laurel Canyons muss es allerdings schon etwas Besonderes sein und so bietet er Homer Bailey ein vierdimensionales Haus an. Der verdutzte Bailey will aufgeklärt werden. Also, ein vierdimensionales Haus ist wie ein Würfel, an den man andere Würfel anbaut – ein Tesserakt entsteht. Teal demonstriert dies an einem Modell, das ganz OK aussieht. Nach einer halben Flasche Gin hat er Bailey überredet, einen entsprechenden Scheck auszustellen.

Binnen Tagen statt Wochen ist das Haus fertig. Er holt die beiden Baileys persönlich ab, bevor es sich Homer anders überlegen kann, der gewöhnlich auf seine zögerliche Frau hört. Der Eingang des neuen Hauses sieht normal aus, aber wo ist der Rest, das erste und zweite Stockwerk? „Diebe!“ ruft Teal und hastet die ausfahrbare Treppe hinauf. Er landet wie erwartet im ersten Stock. Alles wunderbar, und sogar Mrs Bailey ist von der Küche entzückt. Aber als sie über dem zweiten Stock auf die Beobachtungsplattform steigen, landen sie im Erdgeschoss …

Doch dann versuchen sie, wieder hinauszukommen – und gelangen wieder in den ersten Stock. Gibt es überhaupt ein Entkommen? Mrs Bailey fällt inzwischen von einer Ohnmacht in die nächste, während Quintus Teal mit einem gezielten Schritt um eine bestimmte Ecke im … Rosenbeet landet. Nach seiner Rückkehr jedoch müssen er und Bailey feststellen, dass sich die Aussicht verändert hat: Eines der Fenster zeigt die Aussicht aus dem Empire State Building. Und das ist noch nicht alles …

|Mein Eindruck|

In handlungsmäßiger Hinsicht ist auch diese Kurzgeschichte nicht gerade ein Highlight in Heinleins Werk. Er nimmt die Idee des Tesserakts und führt sie bis zur letzten Konsequenz, selbst wenn die Logik etwas völlig anderes behaupten würde. Warum sollte beispielsweise die vierte Dimension in ein anderes Universum oder gar ins Nichts führen?

Andererseits ist es eine sehr lustige Geschichte, die voll witziger Szenen, komischer Momente und erstaunlicher Wendungen ist, so dass man sie gerne weiterliest.

_24) Alfred Bester: „Die Mörder Mohammeds“ (1958)_

Henry Hassel, Professor am Psychotic Center der Unknown University irgendwo im Mittelwesten, ist eifersüchtig: Er hat seine Frau Greta in den Armen eines Fremden entdeckt. Doch statt sie beide über den Haufen zu schießen, fällt ihm als verrücktes Genie etwas viel Besseres ein: eine Reise in die Zeit, um Gretas Vorfahrinnen zu töten. Die Zeitmaschine ist rasch erfunden und Großvater sowie Großmutter getötet. Der Effekt? Gleich null. Greta und der Fremde liegen sich weiterhin in den Armen.

Nach einem Anruf bei der Künstlichen Intelligenz Sam ändert Henry seine Methode: Er setzt auf Masseneffekte. Daher erschießt er als nächsten George Washingtomn im Jahr 1775. Die Wirkung? Absolut null. Ebenso auch bei Napoleon, Mohammed, Caesar und Christoph Kolumbus. Woran kann es nur liegen, fragt er sich frustriert.

Ein Anruf bei der Bibliotheks-KI bringt ihn auf die Spur eines weiteren Zeitreise-Genies: Israel Lennox, Astrophysiker, der 1975 verschwand. Zudem erfährt er, dass auch der Liebhaber seiner Frau ein Zeitspezialist ist, William Murphy. Könnte er ihn ausgetrickst haben? Lennox belehrt Henry eines Besseren: Henry Problem liegt nicht an seiner Methode, sondern an der Natur der Zeit: Sie ist stets individuell. Eine Veränderung betrifft stets nur den Zeitreisenden selbst, nicht aber die anderen Zielpersonen. Und weil jeder „Mord“ den Zeitreisenden weiter von seinen Mitmenschen entfernt, ist Henry Hassel jetzt ebenso wie Israel Lennox ein Geist …

|Mein Eindruck|

Die Story ist zwar völlig verrückt, aber eminent lesbar, wie so häufig bei Alfred Bester. Neu ist hier das Konzept, dass Zeit völlig individuell sein soll. Jedem Menschen ist wie einer Spaghettinudel im Kochtop seine eigene Zeit zugewiesen (von wem, fragt man sich). Das macht die Einwirkung auf andere Zeit-Besitzer, quasi also auf andere Nudeln im Topf, unmöglich. Noch irrsinniger ist die Vorstellung, dass all die Versuche, auf andere einzuwirken, zum Verschwinden des „Mörders“ führen könnten. Aufgrund welcher Gesetzmäßigkeit? Hat es etwas mit Entropie zu tun? Der Autor erklärt mal wieder nichts, obwohl er mit Formeln um sich wirft, was den Spaß nur halb so groß werden lässt.

_25) Peter Tate: „Als der Wind starb“ (1970)_

Die Familie Parkwood in der Acacia Avenue erlebt ein merkwürdiges Wetterphänomen. Als einzigem Grundstück weit und breit bläst darauf heute kein Wind. Ringsum herrscht Windstärke 9. Obwohl Charlie, der Mann von Beth und Vater von Amanda und Peter, beim Wetteramt arbeitet, ist er doch kein Wetterfrosch. Er programmiert bloß die Computermodelle. Aber sein Vater Hiram, ein Fliegerveteran des Ersten Weltkriegs, gibt ihm dennoch die Schuld, dass der Wind gestorben ist.

Es kommt zu bedauerlichen Vorfällen, die dem Amt zur Untersuchung von Wetterunregelmäßigkeiten gemeldet werden. Nachdem sich der alte Hiram in seinem Fliegerwahn zu Tode gestürzt hat, kreuzen die Männer vom AUWU bei den Parkwoods auf und klagen Charlie des Mordes an. Beth ist erst sprachlos, dann wütend. Man könne ja wohl den Wind nicht einfach so abschalten, oder?

Zum Glück weht der Wind bald wieder über dem Parkwood-Haus, und ein kräftiges Gewitter beginnt. Noch nie waren Beth und Charlie so froh über Blitz und Donner …

|Mein Eindruck|

Der Autor war ein früher Ökologe und warnte aufgrund der Prognosen des Club of Rome vor Umweltzerstörung. Seine Parabel auf das Ausbleiben des Windes warnt vor dem Ausbleiben anderer Naturphänomene wie etwa dem Vogelzug, dem Zug der Fischschwärme und anderen regelmäßigen Ereignissen.

Was würde es für die Menschen bedeuten, wenn sie durch Menschenhand einfach verschwänden? Die durchschnittliche Familie Parkwood steht für alle Normalbürger, die nicht an den Hebeln der Macht sitzen, sondern diese Folgen zu ertragen hätten.

Bemerkenswert ist die Existenz einer fiktiven Geheimbehörde, die alles erfährt, und der Denunzianten, die ihr alle „Exzentrizitäten“ zutragen. Big Brother lässt grüßen. Doch die AUWU-Agenten machen sich zum Narren. Wer könnte schon den Wind kontrollieren? Eben.

_26) Thomas Disch: „Weihnachten in Casablanca“ (1968)_

Fred und Betty Richmonds sind Amerikaner im Seniorenalter und verbringen gerade ihren Weihnachtsurlaub im marokkanischen Casablanca, als der dritte Weltkrieg ausbricht. Erst allmählich wird ihnen bewusst, dass ihre heimat den Atombomben zum Opfer gefallen ist. Weg sind die Kinder und die Enkel, weg die ehemalige Firma, weg aber auch sämtliche Banken.

Letzteres macht sich bald äußerst negativ bemerkbar: Freds Schecks sind nichts mehr wert. Er muss Rasierapparat, Wecker und Armbanduhr für einen Appel und ’n Ei verscherbeln, das Hotel storniert den vereinbarten Preis und sperrt die Toilette ab, als die Richmonds dabei nicht mitmachen. Wenig später ist Betty verschwunden, doch Fred kann sie mangels Sprachkenntnissen in Französisch (Polizei) und Arabisch (der Rest der Bevölkerung) nicht finden. Das US-Konsulat wird vom gestürmt, und es dauert nicht lange, bis Fred vollständig ausgeraubt ist. Er weiß es noch nicht, dass von jetzt an er jetzt der Bettler und Dieb sein wird, denn er eben noch verprügelt hat …

|Mein Eindruck|

So schnell kann’s gehen: Nach dem Atomkrieg ist aus der strahlenden Weltmacht USA der Bettler und Prügelknabe der Welt geworden. Was uns heute gar nicht mehr so abwegig vorkommt, wurde aber bereits 1968 vorausgesehen, als die Amis den Vietnamesen zeigen wollten, wer in Asien das Sagen hat. Der Autor zeigt die Entwicklung der Richmonds ganz unaufgeregt, quasi als Reportage, ohne je die Gedanken der Hauptfiguren außer Acht zu lassen. kein Wunder, dass Disch einer meiner Lieblingsautoren (und der von Jeschke) wurde.

_27) William Voltz: „Der Preis“ (1973)_

Bei der Erkundung eines neuen Planeten, der über eine giftige Methan-Wasserstoff-Atmosphäre verfügt, fällt der italienische Kosmonaut Laretto in eine Art Gletscherspalte, die unter Ammoniakschnee verborgen war. Cap(tain) Dureau und seine Leute, die dieses Ereignis in der Landekuppel verfolgt haben, fällt eine Methode ein, Laretto dort herauszuholen. Dessen Warnung, dass hier etwas Lebendiges ist, wird als absurde Sinnestäuschung abgetan.

Ein schwerer Fehler, denn kaum befindet sich Laretto wieder in der Kuppel, wird er krank. Dr. Malvin stellt sonderbare Veränderungen an ihm fest. Seine Lungen wuchern, und seine Beine verändern sich rasch. Das Entsetzen packt einen nach dem anderen. Cap Dureau findet nichts in der Spalte. Als Laretto unmenschliche Dimensionen angenommen hat, steht Dureau vor der Wahl, ihn entweder zu liquidieren oder nach draußen zu schicken. Doch statt vor der Schleuse zu ersticken, hüpft Laretto quicklebendig von dannen!

Schon bald wird das Raumschiff kommen, um sie turnusmäßig abzuholen. Da bereits alle infiziert sind und man den Schiffskapitän nicht warnen kann, würde der Krankheitserreger die Schiffsbesatzung und dann die Erde infizieren. Was tun? Als alle infiziert und verwandet sind, verlassen sie sukzessive die Kuppel. Der letzte sprengt sie. Noch nie hat sich Dureau so frei gefühlt wie in seiner neuen Form …

|Mein Eindruck|

Was zunächst wie das klassische „Alien“-Szenario aussieht, bei dem à zehn kleine Negerlein alle (außer dem auserkorenen Helden) draufgehen, wendet sich unversehens in eine utopische Hoffnungsvision. Die Botschaft ist klar: Der titelgebende Preis für die Eroberung der Sterne ist die Preisgabe der Menschlichkeit. Simpel, aber erschütternd.

Der deutsche, jung verstorbene Autor nimmt zwei sehr unplausible Prämissen in kauf: Laretto wird nicht, wie vorgeschrieben, in Quarantäne gesteckt und isoliert, folglich werden alle angesteckt. Zweitens soll es angeblich keine Funkverbindung mit dem erwarteten Erdraumschiff geben. Wieso das? Die Atmosphäre dieser Welt lässt Funkverkehr zu, wie die Verständigung mit Laretto belegt. Dieser völlig willkürliche Kniff ermöglicht bzw. erzwingt aber das Verlassen und Sprengen der schützenden Kuppel.

_28) J. G. Ballard: „Der ertrunkene Riese“ (1964)_

Eines Tages wird auf dem Watt vor der Küste ein ertrunkener Riese entdeckt. Die Fischer, die sich ihm wagemutig nähern, erscheinen vor seiner stillen Masse wie Zwerge. Sobald er berührt ist und seinen Zauber verloren hat, eignen ihn sich die Küstenbewohner an. Sie besteigen ihn, hüpfen auf ihm herum, bemächtigen sich seines nackten Fleisches, stellen seinen Penis als „Walfischpenis“ im Zirkus aus, benutzen seine Rippen als Gartentorverzierung. Auch die Wissenschaft will ihr „Pfund Fleisch“ von dem kostenlosen Exemplar.

|Mein Eindruck|

Unser Chronist verfolgt all dies mit unbeteiligten Augen, als würde dies alle Tage passieren. Er berichtet alles minutiös und leicht verständlich, insbesondere die Reaktion der Menschen auf das Wunder. Was er jedoch mit keiner Silbe erwähnt, sind die Fragen nach der Herkunft eines solchen Fabelwesens. Alle Überlegungen sind rein materialistisch. Falls der Riese die Wirklichkeit erweitert hat, so wird dies nicht erörtert, als habe jemand Angst davor. Diese Art des Scheuklappendenkens kann einem wirklich Angst machen.

_29) Theodore Sturgeon: „Ockhams Skalpell“ (1971)_

Eines Nachts bekommt Joe Trilling Besuch von seinem Bruder Karl, den er schon lang nicht mehr gesehen hat. Die Wiedersehensfreude ist also groß. Karl hat ein kniffliges Anliegen: Ihr Vater, der reichste Mann der Welt, liegt im Sterben, denn er leidet an Unterernährung und einer Blutkrankheit. Karl weiß das, weil er sein Leibarzt ist. Ein möglicher Nachfolger existiert bereits: Cleveland Wheeler ist die Nummer zwei im Konzern. Doch wie schafft man es, dass sich Wheeler für belange einsetzt, die nicht nur den Gewinn maximieren, sondern auch die Umwelt wieder gesunden lassen?

Nach der Feuerbestattung des Alten in dessen Privatkrematorium führt Karl den recht gefasst wirkenden Wheeler in einen geheimen Raum hinterm dem Privatkrematorium und öffnet den Deckel des lediglich angesengten Sarges. Darin liegt der Alte. Doch dann tut Karl etwas Unerwartetes: Er entkleidet den Toten und schneidet den leib mittels Skalpell auf. Darunter kommen nichtmenschliche Organe und Knochen zum Vorschein. Schließlich bittet er Wheeler, die Kopfhaut zur Seite zu schieben und das wahre Gesicht des Alten zu enthüllen …

|Mein Eindruck|

Unter dem Eindruck der Vorhersagen des „Club of Rome“ von 1968 hinsichtlich Überbevölkerung, Vergiftung und Umweltzerstörung schrieben viele SF-AutorInnen über die Ursachen und Folgen dieser Entwicklung. Sturgeon stand seit den vierziger Jahren in der ersten Riege der US-Autoren. Außerdem hat er nicht nur tolle Einfälle, sondern einen unverwechselbaren Stil. So auch hier.

Die Sache mit dem Alien erfährt mehrere Wendungen, die nicht nur Cleve Wheeler verblüffen, sondern auch die beiden Brüder – und uns sowieso. Eine Top-Story.

_30) Harlan Ellison: „Scherben“ („Shattered Like a Glass Goblin“, 1968)_

Rudy ist vom Militär entlassen worden und muss nicht nach Vietnam. Nach monatelanger Suche findet er seine Freundin Kristina in einer Drogenkommune namens „The Hill“ irgendwo in Los Angeles. Sie will aber nichts von ihm wissen, weil sie viel zu high ist, um zu kapieren, was er will. Auch der Kommunenchef Jonah will Rudy nicht helfen. Aber Rudy macht sich nützlich: Er wimmelt Polizisten ab, geht einkaufen, putzt. Die anderen Junkies drängen Kristina, Rudy bei Laune zu halten und mit ihm Liebe zu machen.

Kris bringt ihn auf die Drogen. Erst Methedrin, dann härtere Sachen. Schließlich kann er das Licht nicht mehr ausstehen, geht nur in Unterhose umher. Schließlich fällt ihm auf, dass er keinen der anderen finden kann. Sie haben sich jedoch in Wesen verwandelt, die ihm alles andere als wohlgesonnen sind. Es gibt einen stärkeren Drang als Liebe oder Sucht: Hunger …

|Mein Eindruck|

Die Story ist eine Parabel auf die Drogenszene Ende der sechziger Jahre. Was zunächst ganz normal, also rational wirkt, kippt nach der Drogeneinnahme in einen Albtraum wie von Horrorzeichner Gahan Wilson um: Die Junkies, die Rudy auf seinem Trip findet, sind stark verwandelt, in Albtraumwesen wie etwa einen Werwolf. Rudy selbst ist ein transparenter Kobold aus Glas. Mit ihm hat der Werwolf, der einst Kris war, überhaupt kein Mitleid. Die Junkies zerstören also einander, und die Kommunen führen nicht zur Freiheit, sondern zur Implosion und Selbstzerstörung.

_31) Josef Nesvadba: „Die zweite Insel des Dr. Moreau“ (1960)_

Eine Medizinerin soll eine mysteriöse Serie von Personalabgängen aufklären, die in Wissenschaftskreisen aufgetreten ist. Als sie Iwan, dem dritten Wissenschaftler, nach Südamerika folgt, merkt sie, dass er über der abgelegenen Nobles-Insel abgesprungen sein muss. Doch dort befindet sich lediglich eine aufgegebene Militärbasis, oder?

Unsere Heldin gerät mit ihrer Maschine in einen Sturm und stürzt über der Insel ab. In den uralten Anlagen stößt sie nicht nur auf die drei verschwundenen Wissenschaftler, sondern auf einen Chirurgen, den sie hier als Letzten erwartet hätte: In Wien lehrte er über Amputationen. Hier nimmt er sie an den Besuchern vor. Der Grund: Die Wissenschaftler wollen der Natur des sich ausdehnenden Universums auf den Grund gehen und benötigen deshalb eine Rakete. In die können aber nur sehr kleine Menschen hinein – daher die maximalen Amputationen.

Wird es ihr gelingen, Iwan & Co. von seinem irren Plan abzubringen, indem sie ihre weiblichen Reize einsetzt?

|Mein Eindruck|

Heute erscheint die Story aus dem Jahr 1960 nicht nur abwegig, sondern obendrein reichlich sexistisch. Die Frau, die passenderweise Gymnastik-Fan ist, bietet sich Iwan an, um ihn zu verführen und an die Erde zu binden. Tough luck: Es funktioniert nicht. Davon abgesehen hätte der tschechische Autor schon 1960, nach Sputnik und Gagarin, dass nicht Menschen sondern Maschinen den Weltraum erkunden werden. Alles andere ist einfach zu teuer und zu riskant. Eine ärgerlicher Beitrag, dessen Berechtigung zur Auswahl man infragestellen muss.

_32) James Tiptree jr.: „Beam uns nachhaus“ (1969)_

Lange Zeit wissen die Menschen in Hobies Umgebung nicht, was es mit dem Jungen auf sich hat. Er ist zwar gut in Mathe, Anthropologie und Statistik, aber irgendwie scheint er doch nicht ganz bei der Sache zu sein. Da er Raketen gesammelt und eine Fernglaslinse poliert hat, überrascht es seine Eltern zwar, als er sich zur Luftwaffe meldet, doch sie können es sich wenigstens erklären: Er will Astronaut werden!

Leider wird das Raumfahrtprogramm der Vereinigten Staaten just zu dieser Zeit auf Eis gelegt, denn die Gelder werden für ein paar außenpolitische Krisen benötigt, die sich gerade ergeben. Als entscheidend erweist sich der Krieg gegen die Rebellen in Venezuela. Als die Luftwaffe auch Hobie dort stationiert, darf er wenigstens Fernaufklärung fliegen und muss sich nicht am Kampf beteiligen. So halten sich seine Kopfschmerzen in Grenzen, die er immer bekommt, sobald er zu nahe an die hässliche Wirklichkeit herankommt.

Doch auch ihn erwischt die GG, die Guairas-Grippe, die durch bakteriologische Kampfstoffe ausgelöst wurde. Als die Soldaten einen der Rebellen gefangennehmen und dieser bei der Landung von Hobies Helikopter bei einem Fluchtversuch erschossen wird, erleidet Hobie einen Nervenzusammenbruch. Gegenüber dem behandelnden Arzt im Lazarett rückt er endlich mit der Sprache heraus. Er habe immer gedacht, er sei von Kirk, Spock und McCoy auf diesen Scheißplaneten abkommandiert worden, um zu kundschaften, aber nie um zu kämpfen. Doch dann hat sich herausgestellt, dass es das Raumschiff Enterprise gar nicht gibt.

Halb im Delirium des Grippefiebers entführt Hobie einen der Bomber und fliegt damit zu den Sternen. „Beam uns nachhaus, Scotty!“ Doch dann verliert das Bewusstsein, gerade als ihm der Treibstoff ausgeht. Er erwacht an Bord eines Raumschiffes, aber es ist nicht die „Enterprise“ …

|Mein Eindruck|

Streckenweise liest sich die Story wie ein Bericht über die Gräuel des Vietnamkrieges, der ja damals – im Jahr 1969 erschien die Erzählung gedruckt – in Südostasien tobte. Dabei fängt die Autorin ganz harmlos an, so als ob sie eine gewöhnliche Heldenbiografie erzählen wolle. Lange fragen wir uns, zusammen mit den anderen Leuten in Hobies Umgebung, was mit ihm wohl nicht stimmen mag. Dabei ist es lediglich nur ein Gefühl, hier auf der Erde nur als Beobachter stationiert zu sein.

Doch die Distanziertheit, die das TV-Programm und seine Erfindungen liefern, löst sich nach und nach auf. Erste Schockmomente werden durch die Zeugenschaft bei einem Mord – das ausländische Hausmädchen von Hobies Familie wird durch Selbstschutzgruppen niedergestochen – ausgelöst. Den Gipfel der „Schocktherapie“ namens Wirklichkeit erreicht Hobies Leben dann im Krieg.

Der Schluss ist sowohl ironisch als auch versöhnlich. Denn der Weltraum erweist sich tatsächlich als bewohnt. Nur eben nicht von Kirk, Spock & Co, sondern von Aliens mit gespaltenen Nasen. Und sie gehen weitaus barmherziger mit Menschen um als deren eigene Leidensgenossen.

Dies ist die erste Geschichte Tiptrees, die sich mit der aktuellsten Geschichte ihres Landes befasst. Es ist typisch, dass die Kritik am Vietnamkrieg nicht die Regierung direkt in ihrer Politik aufs Korn nimmt, sondern sich des Leidens eines Soldaten bedient, um die Vorgesetzten der Unmenschlichkeit anzuklagen. Dadurch wird aus einem potentiellen Politikessay eine bewegende menschliche Tragödie. Doch die Ironie ist bei Tiptree nie fern, und so fehlt sie auch diesmal nicht, als die Science-Fiction-Klischees zunächst entlarvt und dann schließlich bestätigt werden.

_33) Daniel Walther: „Knallt mir alles ab!“ (1968)_

Die Truppen der Erde knallen auf Hekate, einem Planeten des Beteigeuze, die Einheimischen ab: fettige Fässer auf X-Beinen, die stinken. Da fällt es den Soldaten nicht schwer, alle abzuknallen, wie der Colonel es befiehlt. Die Neue Evolutionistische Partei, die auf der Erde herrscht, hat die Aliens zu einer Art „lebensunwertem Leben“ erklärt, und der Colonel ist scharf drauf, es möglichst bald bis zum General zu bringen.

Sergeant W., der Ich-Erzähler, ist unentschieden, ob er den Colonel mehr hasst als die Einheimischen. Sein Freund Gregor jedenfalls ist ein Pazifist. W’s Einstellung ändert sich, als er ein paar Ruinen allein mit vier Leuten halten soll und dieser Posten von den Fässern bedrängt wird. Die Aliens sind nicht mal bewaffnet. Nur der Ekel vor ihren hellen Augen lässt W. den Schießbefehl geben. Der Colonel ist stolz auf seinen „Jungen“.

Dass die Truppe auf dem Heimflug ein Raumschiff mit „x-beinigen Fässern“ abschießt, gibt niemandem Anlass zum Gedanken, es könnte noch sehr viel mehr x-beinige Fässer da draußen geben – ganz abgesehen davon, dass die Fässer offensichtlich intelligent sein müssen. Zu dumm, dass sich Gregor die Kugel gibt, während sich W. zwischen Huren vergnügt.

|Mein Eindruck|

Die knallharte Militärstory ist ein Kommentar auf den pseudokolonialistischen Krieg der Amerikaner in Vietnam und Kambodscha. Die Anderen werden abgeknallt, weil sie gemäß der evolutionistischen Doktrin minderwertig sind – es könnte genauso gut eine antikommunistische Doktrin sein.

Das Wertvolle an der Story ist jedoch die genaue Beobachtung der Psyche des Chronisten W., der schließlich nicht aus Ideologie, sondern aus Ekel – möglicherweise Selbstekel – den Schießbefehl erteilt. Er hat etwas in den Augen der Aliens entdeckt, das ihn sich seines Tuns schämen lässt – und diese Scham muss unterdrückt werden. Denn sonst wäre der gesamte Vernichtungsfeldzug nicht Heldentum, sondern ein Verbrechen. Und diesen Gedanken lässt W. nicht zu. Sein Freund Gregor hat das alles jedoch offenbar durchschaut und tötet sich. Der Grat zwischen Held und Verbrecher ist also ein äußerst schmaler – genau wie in Vietnam.

_34) Fritz Leiber: Versäum nicht den Zeppelin! (1975)_

Der Erzähler berichtet, was er bei einer Art Zeit-Rutsch erlebt hat, der ihn in den März 1937 versetzte. Allerdings geriet er dabei nicht ins New York seines Geschichtsverlauf, sondern in eine Art Parallelwelt, in der die geschichte einen Anderen Verlauf genommen hat. Zeppeline sind das bedeutendste Transportmittel für Leichtfrachten und Luxuspassagiere, und Deutschland – ohne Nazis – baut die besten und meisten. Einer davon, die „Ostwald“, macht gerade am Landemast des Empire State Buildings fest – ein Anblick, der unseren Chronisten mit Stolz erfüllt, ist er doch Verkaufsberater für die deutsche Luftfahrtgesellschaft der „Ostwald“.

Im Lift zur Spitze des Wolkenkratzers bemerkt der Deutschamerikaner einen semitisch aussehenden, dürren Menschen, duldet ihn aber großzügig. Im Turmrestaurant trifft unser Chronist seinen Sohn, der ihn liebevoll „Dolf“ anredet. Der Sohn ist Historiker und studiert an einer New Yorker Universität. Beim Essen erzählt er schier Unvorstellbares: Hätte Marie Sklodowska nicht Thomas Edison geheiratet, sondern Pierre Curie (um Marie Curie zu werden), hätte ihr Sohn Thomas nie die revolutionäre Leichtgewicht-Batterie erfunden, die die Luftschiffe, Fahrzeuge und sogar Schiffe antreibt. Die Welt wäre ein grauenhafter Ort voll Verbrennungsmotoren und ihren krebserregenden Abgasen geworden.

Aber es kommt noch schl

Schreibe einen Kommentar